Deutscher Gewerkschaftsbund

07.07.2022
Atlas der digitalen Arbeit 2022

Pflege: Analoger Alltag

Altenheime und Krankenhäuser brauchen eine bessere digitale Ausstattung. Auch für die privaten Wohnungen von Pflegebedürftigen werden nützliche Sensoren und Apparate entwickelt. Aber nicht alle wollen sie.

Krankenschwester trägt Daten mit Kugelschreiber in Akte ein

Digitale Technik in Pflegeheimen und Krankenhäsuern könnte viele Prozesse im Arbeitsalltag einfacher und im besten Fall besser machen. DGB/Simone M. Neumann

Die Coronapandemie hat die Pflege in den Fokus gerückt. Regelmäßig wird über das immense Pensum des Personals in Heimen und Krankenhäusern berichtet: Zeitdruck, Schichtarbeit, hohe Arbeitsintensität und emotional herausfordernde Situationen gehören zum Alltag. Viele Beschäftigte denken darüber nach, dem Beruf den Rücken zu kehren. Dass sich etwas ändern muss, ist in Politik und Gesellschaft angekommen. Pflegekräfte müssen besser bezahlt und durch mehr Personal entlastet werden. Die digitale Technik könnte zudem viele Prozesse im Alltag einfacher und, so die Hoffnung, gleichzeitig besser machen.

Der digitale Wandel im deutschen Gesundheitswesen hat gerade erst begonnen. Es gibt eine ganze Reihe von staatlichen Förderprogrammen, Gesetzen und Digitalisierungsprojekten. Corona hat viele von ihnen angestoßen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise fördert die Landesregierung ein intelligentes Früherkennungssystem, um rechtzeitig Engpässe bei medizinischer Schutzausrüstung zu erkennen. Zu Beginn der Coronakrise standen nicht genug Masken, Handschuhe und Kittel bereit, um das Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtung vor einer Infektion zu schützen.

Digitales kann nicht nur schützen, sondern vor allem auch entlasten, etwa bei den umfassenden Dokumentationspflichten, die enorme Ressourcen bindet. Viele Vorhaben zielen darauf ab, diesen Verwaltungsaufwand zu reduzieren – allen voran die elektronische Patientenakte (ePA), für Versicherte seit 2021 bei ihrer Krankenkasse anzufordern. Dort können alle medizinischen Daten gespeichert werden – Blutwerte, Schwangerschaften, MRT-Aufnahmen und vieles mehr. Das spart wertvolle Zeit vor einer Behandlung. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen will komplexe Sachverhalte lösen, doch nicht immer gelingt das – so ist 2022 die Einführung des E-Rezeptes auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Internetzugang nach Alter und Bildung, 2017, sowie Perspektiven ortsunabhängiger Behandlung in der Pflege, Umfrage 2018,

Je höher die Bildung von Senior*innen ist, desto eher werden Smartphones Funktionen der digitalen Pflege übernehmen. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Wie weit der Weg zur Digitalisierung ganzer Einrichtungen ist und welche Erfolge möglich sind, zeigt das Beispiel des Alfried-Krupp-Krankenhauses in Essen. Rund zwei Jahre waren nötig, um in einem Pilotprojekt vier Stationen zu digitalisieren – die Kardiologie, die Traumatologie, die Urologie und die Innere Station. Sie erhielten jeweils vier Visitenwagen, damit Ärztinnen und Ärzte direkt am Krankenbett Diagnosen und Medikationen eintragen können. Außerdem bekamen die Stationen Notfallrechner, jeweils einen feststehenden Onlinearbeitsplatz für die Dienstübergabe, sicheres WLAN und einen Ort, um die Medikamente zu stellen. Nach kurzer Eingewöhnungszeit zeigte sich bald, wie nützlich das ist. Die Dokumentation ist stationsübergreifend einheitlich und rechtssicher. Die Patientenakten sind immer verfügbar, Pflegedienst und das ärztliche Personal können parallel daran arbeiten. Nicht zuletzt sind alle Eintragungen lesbar. Alle Standards für eine Pflegedokumentation sind hinterlegt. Die Kommunikation ist dadurch einfacher, und das Pflegepersonal kann leichter zwischen den Stationen wechseln.

In hochspezialisierten Krankenhäusern, auf Intensivstationen oder im Rettungsdienst ist die Entwicklung schon weiter fortgeschritten als in Pflege- und Altenheimen oder in der ambulanten Pflege. Auf die Fläche betrachtet arbeiten Krankenhäuser und Pflegeheime noch analog. Wer heute die Station eines Kreiskrankenhauses betritt oder Angehörige in einer stationären Pflegeeinrichtung besucht, wird feststellen, dass dort kaum digitale Systeme im Einsatz sind, die über die Verwaltung der Belegungsdaten hinausgehen. Nicht selten verfügt eine ganze Pflegeeinrichtung lediglich über zwei stationäre Computer. Ähnlich sieht es beim Einsatz von Pflegerobotern aus. In der alltäglichen Arbeit kommen sie ohnehin eher selten zum Einsatz.

Umfrage zu Intelligenten Betten, Elektronischen Akten und pflegenden Robotern

Breit ist die Zustimmung für eine digitale Modernisierung der Pflege. Um nicht zur weiteren Belastung der Fachkräfte zu werden, sind sie an der Einführung zu beteiligen. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Wie groß das Potenzial im Pflegebereich ist, hat auch der aktuelle Altersbericht des Bundesfamilienministeriums mit dem Schwerpunkt „Ältere Menschen und Digitalisierung“ gezeigt. So können etwa Sensorsysteme die Arbeit im Nachtdienst auf Psychiatriestationen oder in Pflegeeinrichtungen mit demenziell Erkrankten verbessern. Virtual-Reality-Brillen helfen bei der Biografiearbeit mit älteren Menschen und haben einen therapeutischen Effekt. Systeme zur sensorgestützten Sturzprophylaxe oder intelligente Matratzen unterstützen bei der täglichen Pflege. Digitale Assistenztechnologien wecken große Erwartungen, wenn es darum geht, die Pflegequalität und die Arbeitsbedingungen professionell Pflegender zu verbessern.

Fest steht auch: Pflege bleibt im Wesentlichen Arbeit mit und am Menschen. Dadurch ist sie nur begrenzt standardisierbar. Ein kranker oder pflegebedürftiger Mensch hat höchst individuelle Bedürfnisse. Das macht die Einführung digitaler Technologien in der Pflege zu einem äußerst komplexen Prozess, an dem auch Betriebsräte und Gewerkschaften konstruktiv mitarbeiten werden.


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