Deutscher Gewerkschaftsbund

28.11.2012

Auf dem Abstellplatz

Filmplakat

Dualfilm Verleih

Die Filmkunst stellt Fred („Star Trek“-Star Colm Meaney) am Rande der Stadt ab, und das ganz wörtlich: Weil er keinen Wohnsitz hat, muss er im Auto schlafen. Das steht irgendwo zwischen Industriebrache und - wir kommen zum zweiten Teil des Filmtitels - dem Strand der irischen See.

„Parked - Gestrandet“ heißt nur allzu sinnbildlich Darragh Byrnes Spielfilm, dessen Held sich zwischen allen Parklücken wiederfindet. Weil Fred keine korrekte Adresse vorweisen kann, bekommt er keine Sozialhilfe. Und weil er die nicht hat, keine Wohnung. Das ist die gelebte Tautologie des westlichen Abstiegs: Weil Fred keinen Wohnsitz hat, hat er keinen Wohnsitz.

Am Rand ausgesetzt, abgestellt - so fühlt sich Byrnes Antiheld Fred. Wenigstens ist der Parkplatz gebührenfrei. Fred ist ein schon etwas älteres Semester. Er steht am Ende des Berufslebens. Lange hat er sich im Ausland mit Jobs durchgeschlagen. Jetzt ist er ökonomisch am Ende und kehrt in seine Heimatstadt zurück, in der weniges so wie früher, aber vieles ganz anders ist. Im Haus des Vaters wohnt irgendwer, die Stadt wirkt unbekannt. Es ist alles nicht mehr seins.

Zu zweit jenseits der Parklücken

Eines Tages kommt Besuch. Der junge Cathal (Colin Morgan) zieht „nebenan“ ein - er stellt seine Karre neben Freds. Man kommt sich näher. Doch zunächst werden die beiden zentralen Figuren mit wenig Hintergrund exponiert. Cathal kennt nichts außer seiner Drogensucht, von Fred erfahren wir nur so viel, dass er mal als Uhrmacher gearbeitet hat, einem Gewerbe, dem es nicht mehr gut geht.

Der Regisseur Darragh Byrne drehte bisher vor allem Dokumentarfilme. So gleicht das Sujet in „Parked“ einer Bestandsaufnahme der ungeschönten Versuchsanordnung: Wie werden die beiden Freaks miteinander und dem Rest der Welt zurechtkommen? Hier haben sich zwei getroffen, die es nicht wollten. Fred, der abgerutschte Handwerker, hat wenig Interesse an jungen Drogenfreaks wie Cathal. Eben deshalb sind Parallelen zu einer Vater-Sohn-Beziehung durchaus augenfällig. Jeder mit seinen eigenen Schwierigkeiten: peripher wie prekär:

Der Film möchte aus diesem Umstand seine Spannung ziehen. Bald gibt der eine dem anderen Hilfestellung in dem, was der andere nicht kann. Cathal macht Schwimmunterricht in der Badeanstalt, die man zum Waschen nutzt. Fahrtraining gibt’s auch noch. Armut ist heutzutage generationenübergreifend.

Der Parkplatz – das Symbol der Austerität

Die filmische Absicht ist: Die beiden Männer sollen soziale Verhältnisse widerspiegeln. Folgerichtig müsste nun Fred kriminell werden und Cathal bürgerliche Karriere machen. Aber mit Filmlogik kommt man hier, wie an manchen Stellen des Films, nicht weiter. Es ist eher eine Ahnung von "Europa als Armenhaus". Denn so geht es derzeit schon ganz normalen spanischen Arbeitnehmern.

Für die zwei Typen geht es nicht vor, eher zurück. Godot liegt im Industriegelände. So vergehen die Tage in gefühlter Nutzlosigkeit. Zuweilen repariert Fred eine Uhr, er scheint auf gutem Weg, er verliebt sich sogar. Bei Cathal blockieren die Drogen jeden Besserungsversuch. Und wenn es doch mal gut läuft, kommt der Dealer und verlangt - durchaus eindrucksvoll - nach dem gestundeten Geld.

Cathal, der junge Drogensüchtige, Fred, der abgeschobene Alte: Der Regisseur Byrne findet eine zugespitzte Bildsprache für die Gegenwart Irlands, dem einstmaligen „Keltischen Tiger“, der heute nicht mal eine Miezekatze ist. Das Land ist schon zu Beginn der Finanzkrise ordentlich gerupft worden. Die Banken mit Schulden, die das Mehrfache des Bruttoinlandsprodukts übersteigen, die Menschen mit Hypotheken, die sie nicht mehr abzahlen können. Rezession, Arbeitslosigkeit, schlechte Ratings. Auch Irland versucht sich in Austeritätspolitik. Einsparen, wo nichts ist, das ist die Devise der Stunde. Das drückt auf die Stimmung, die ökonomische wie auch die im Alltag.

Armut ohne Anschrift

Byrne fragt: Was bedeutet diese Politik konkret für die, bei denen sie ankommt? Fred und Cathal verbringen oft mal einen Nachmittag bei der Sozialbehörde. Aber immer wieder wird die Unterstützung mit dem Verweis auf den fehlenden Wohnsitz abgelehnt. Letztlich liefert man sich, wie auf allen Sozialämtern Europas, bürokratische Scharmützel mit dem Sachbearbeiter, dessen Arbeitsplatz hier gesichert ist wie ein Bankschalter. Er könne keine Bescheide zustellen ohne Anschrift. „Doch“, sagt Fred. Schreiben Sie doch: „Parkplatz am Strand, rechtes Auto.“ Gleich hinterm Flaschencontainer.

Ein weiterer Grundzug der Armut in „Parked“ ist die fehlende Initiative bei den desillusionierten Protagonisten. Entgegen der landläufigen Meinung, Not mache erfinderisch, sind die beiden Derangierten kaum zu phantasievollen Aktionen in der Lage. Fred ist vom Leben abgekämpft, bei Cathal sorgt nur die Drogensucht für Bewegung. Bei Ken Loach hätten die zwei mindestens eine Whisky-Destillerie ausgeraubt! Aber sie sind nicht die Vollproleten, wie sie Loach etwa in seinem Alkohol-Film „The Angels’ Share“ zeigt. Sie sind eher der Fall-out der Mittelschicht. Und so sind auch die beiden Autos die typischen Mittelklasse-Kleinfamilienkutschen, wie sie überall in Europa gefahren werden.

Das Materielle soll bei Fred vom Amt kommen, bei Cathal vom Vater und der - das ist der Auslöser für Cathals Sucht - hat seinen Sohn rausgeschmissen. Der Grund für die Misere war: „Weil deine Mutter uns verlassen hat.“ Cathal: „Sie ist an Krebs gestorben.“ Das ist einer der wenigen „Gags“ dieses Films.

Man ahnt: Für die beiden wird es keine glückliche Wendung geben. Die prekarisierten Gestalten, Randfiguren in der Mitte der Gesellschaft, finden in Byrnes Sozialdrama keinen freundlichen Ausgang. Der angedeutete Gemeinschaftsgeist der Iren, der das Schicksal der Armut für Momente aushebelt - im Schwimmbad oder bei Chorstunden - konnte zwar die Menschlichkeit wieder in den Mittelpunkt rücken, aber angesichts der bedrückenden Lage findet er wenig Hebelwirkung. Nicht nur die Banken und der Staat, auch die Gesellschaft ist irgendwie pleite gegangen.

 

„Parked - Gestrandet“. FIN/IR 2011. Regie: Darragh Byrne. Darsteller: Colm Meaney, Colin Morgan u.a.

Kinostart: 29. November 2012


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten