Deutscher Gewerkschaftsbund

29.01.2020

Superfrommes Amerika

Die Beweise für eine Amtsenthebung von Donald Trump reichen längst. Doch wir leben in einer Zeit, in der ein sündhafter Präsident von Gläubigen umgeben ist, die überzeugt sind, dass Gott ihn ins Weiße Haus gesandt hat. Wenn politische Konflikte zu Glaubenskonflikten werden, hat die Vernunft verloren verloren – und die Demokratie bald auch.

 

Von Ian Buruma

Mikrophone und Kameras sind auf Donald Trump gerichtet, der im Oval Office des Weißen Hauses an seinem Schreibtisch sitzt.

US-Präsident Donald Trump droht hier öffentlichen Schulen mit dem Entzug von Bundesgeldern, falls sie Gebete in Schulen verhindern. Der Supreme Court hat das Schulgebet 1962 verboten, weil es gegen den ersten Verfassungszusatz verstößt. Schüler dürfen sich aber auf dem Schulgelände privat treffen, um zu beten. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Charles Carroll aus Carrollton (Maryland) war der einzige Katholik, der 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnete. Obwohl er einer der Gründerväter war, war es Carroll als Katholiken nicht gestattet, ein öffentliches Amt auszuüben. Dies änderte sich erst 1789, als die Verfassung dem Kongress untersagte, eine Religion gegenüber anderen Religionen zu bevorzugen, und zudem die Religionszugehörigkeit als Ausschlusskriterium für Bewerber um öffentliche Ämter abschaffte.

Nicht alle waren über diese Trennung von Kirche und Staat glücklich. Thomas Jefferson, Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung, wurde von einigen als gefährlicher Ungläubiger angegriffen. Viele religiöse Eiferer glaubten, dass, falls er zum Präsidenten gewählt würde, die Religion in Amerika sterben würde. So kam es nicht, obwohl Jefferson 1801 zum dritten US-Präsidenten gewählt wurde. Bis zum heutigen Tag jedoch würden viele die Religion gern wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen und politischen Lebens stellen. Dies ist vermutlich, was US-Justizminister William Barr, ein erzkonservativer Katholik, meinte, als er "Säkularisten" eines "Anschlags auf Religion und traditionelle Werte" beschuldigte.

Katholiken galten als reaktionäre Sklaven ihrer Kirche und obendrein faul

Auch die Vorurteile gegenüber Katholiken als Feinde der Freiheit und potenzielle Verräter (aufgrund ihrer geistigen Verbundenheit mit Rom) schwanden nur langsam. 1821 fragte John Adams (1797-1801 zweiter US-Präsident), ob es "überhaupt möglich [sei], dass eine freie Regierung mit einer katholischen Religion existiert". Angloamerikanische Freiheit und Demokratie waren traditionell mit einem robusten protestantischen Individualismus verknüpft; Katholiken galten als reaktionäre Sklaven einer kirchlichen Hierarchie. Individualistische Protestanten galten als frei denkend, fleißig und bestrebt, (materiell wie spirituell) das Beste aus sich zu machen, während Katholiken als rückständig und nicht selten faul angesehen wurden.

Durch den berühmten deutschen Soziologen Max Weber, einen Protestanten, wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Vorstellung gefördert, dass Katholiken nicht zum Kapitalismus fähig seien. John F. Kennedy, der bisher einzige katholische US-Präsident, musste im Wahlkampf ausdrücklich erklären, dass seine Treue der Verfassung und nicht dem Vatikan gelte. Und auch bei der englischen Feindseligkeit gegenüber der europäischen Einigung, die manchmal als polnisches Komplott zur Wiederherstellung des Heiligen Römischen Reiches angesehen wurde, spielten antikatholische Vorurteile eine Rolle.

Zeitschriftenseite, auf der links Barack Obama abgebildet ist, darüber sein Text beim National Prayer Breakfast, rechts Trump mit seinem Text, der nichts mit Religion zu tun hat.

Warum Trump von den Evangelikalen vergöttert wird, hat einer von ihnen so beschrieben: Trump "mag zwar mit seinen ganzen Affären, seiner sexistischen Sprache und seiner Schmierigkeit, kein Vorzeigechrist sein – aber das ist jetzt der Bonhoeffer-Moment, weil der Mann uns alles verspricht, was wir haben wollen – und er wird es auch einlösen." Dieses Paradox thematisierte 2017 "The American Conservative" im Vergleich zu Obama. DGB/Archiv

Die schrillen Ansichten des derzeitigen US-Justizministers sind nicht das einzige Anzeichen dafür, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Nur ein Richter am US Supreme Court ist Protestant (Neil Gorsuch) – und selbst er wurde katholisch erzogen. Drei Richter sind Juden. Die fünf anderen sind Katholiken. Einige mit Verbindungen zu Opus Dei, einer geheimniskrämerischen Organisation, deren Aufstieg im faschistischen Spanien der 1930er-Jahre begann.

Für die Evangelikalen muss Trump nicht über jeden Tadel erhaben sein

Die andere historische Veränderung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzte, ist der politische Schulterschluss der evangelikalen Christen mit den konservativen Katholiken. Lange Zeit waren die amerikanischen Protestanten mit einer Verfassung zufrieden, die ihr religiöses Leben vor staatlichen Eingriffen abschirmte. Man konnte den spirituell neutralen Regierungen den öffentlichen Raum überlassen, solange sie die Gläubigen in Ruhe ließen. Dies änderte sich im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre, die viele weiße Christen insbesondere in den südlichen Staaten in Alarmstimmung versetzte. Heute gehören die Evangelikalen ebenso wie die katholischen Konservativen zu Präsident Donald Trumps leidenschaftlichsten Anhängern. Auch sie glauben, dass Liberale und Säkularisten Familie und christliche Werte attackieren.

Für beide Gruppen ist dabei belanglos, dass Trump nicht als religiös bekannt ist und dass sein Leben alles andere als ein Musterbeispiel christlicher Moral ist. Leute wie der ehemalige Energieminister Rick Perry glauben, dass Trump "der von Gott Auserwählte" ist. Außenminister Mike Pompeo hat vor nicht allzu langer Zeit nahegelegt, dass Trump von Gott "erhöht" worden sei, um Israel zu retten. "Als Christ", so äußerte er, "halte ich das eindeutig für möglich." Dies als Scheinheiligkeit zu bezeichnen geht am Kern der Sache vorbei. Eine Verehrung dieser Art erfordert nicht, dass ein Führer moralisch über jeden Tadel erhaben ist. Auch ein Sünder kann ein Instrument Gottes sein.

Da sie nicht der Voreingenommenheit beschuldigt werden möchten, zögern die Menschen bisweilen, den religiösen Hintergrund von Personen des öffentlichen Lebens in Amerika anzusprechen. Doch ist es wichtig, sich die Geschichte bestimmter Glaubensrichtungen bewusst zu machen, um eine außergewöhnliche Zeit zu verstehen, in der ein sündhafter Präsident von Gläubigen umgeben ist, die überzeugt sind, dass Gott ihn ins Weiße Haus gebracht hat, um Israel zu retten und ein gottloses Amerika zu erlösen.

Ölgemälde von Thomas Jefferson

Thomas Jefferson formulierte zu weiten Teilen die Unabhängigkeitserklärung und amtierte als dritter Präsident der USA. Er trat vehement für eine Trennung von Staat und Kirche und für religiöse Freiheit ein. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Nun sind offensichtlich nicht alle Katholiken reaktionär. Papst Franziskus ist es nicht. Das ist auch der Grund, warum Katholiken wie Trumps ehemaliger Chefberater Steve Bannon den Papst zutiefst ablehnen. Die in den 1960er- und 1970er-Jahren in Südamerika populäre Befreiungstheologie war eine Bewegung der radikalen Linken. Und ebenso katholisch wie Barr ist die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, eine der wichtigsten politischen Widersacherinnen Trumps.

Doch gibt es einen in Europa wurzelnden Strang des Katholizismus, der sich nie mit der Französischen Revolution versöhnt hat. Denn die hat die weltliche Macht der Kirche gebrochen und das Gottesgnadentum der Könige abgeschafft, auf dem die absolute Monarchie beruhte. Einer der eloquentesten und einflussreichsten reaktionären Denker, Joseph de Maistre, war der Ansicht, dass die Gesellschaft ohne die heilige Autorität von Monarchie und Kirche in einem unmoralischen Chaos versinken würde.

Das aufklärungsfeindliche Denken hat die Französische und die Amerikanische Revolution locker überlebt

Diese Linie des aufklärungsfeindlichen Denkens ist nie völlig verblasst. In Frankreich befeuerte sie rechtsgerichtete nationalistische Bewegungen wie die antiliberale, antisemitische und antilaizistische Action Française. Doch waren die katholischen Konservativen nicht die einzigen Christen, die das säkularistische Erbe der Französischen Revolution ablehnten. Bis sie in einer christdemokratischen Partei gemeinsam mit anderen Glaubensgemeinschaften aufging, führte die wichtigste kalvinistische Partei in den Niederlanden den Namen "Anti-Revolutionäre Partei".

Der Versuch zeitgenössischer katholischer Konservativer und Evangelikaler, ihre religiösen Ansichten in die Politik hineinzutragen, läuft offensichtlich den Ideen der Französischen Revolution zuwider, die die Freiheit von der Religion hochzuhalten suchte. Gleiches gilt für die Revolution in den USA, die die Religionsfreiheit etablierte.

Konservative Katholiken und Evangelikale nehmen die sorgsam errichteten Barrieren zwischen Kirche und Staat ins Visier. Dies ist gefährlich, und zwar nicht nur, weil es Intoleranz fördert, sondern auch, weil es – im Geiste de Maistres – die Vorstellung in Frage stellt, dass die politische Debatte auf menschlicher Vernunft beruhen sollte. Wenn politische Konflikte erst einmal zu Glaubenskonflikten werden, macht das Kompromisse unmöglich. Ein Gläubiger kann über ein heiliges Prinzip nicht verhandeln. Für jene, die Trump als Instrument Gottes ansehen, ist es egal, wie rational die Anschuldigungen seiner Gegner über Trumps Fehlverhalten sind. Sie müssen ihn verteidigen. Dies als unvernünftig zu bezeichnen, bedeutet, ihre Verteidigung misszuverstehen. Man kann nicht mit Gott streiten.

Es ist möglich, dass Trumps ehrfürchtige Basis nicht ausreichen wird, um ihm nach 2020 eine zweite Amtszeit im Weißen Haus zu verschaffen. Doch ist ein derart inbrünstiger Glaube schwer mit rationalen Plänen zur Lösung dieses oder jenes Problems zu bekämpfen. Deshalb ist es so verunsichernd, wenn Leute an der Spitze der US-Regierung über Politik mit Begriffen sprechen, die mit Fug und Recht in die Kirche gehören. Sie stellen die Gründungsprinzipien der amerikanischen Republik in Frage – und das womöglich am Ende erfolgreich.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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