Deutscher Gewerkschaftsbund

27.10.2022

Long Covid und CFS: Der „Bikini-Blick“ der Medizin

Weibliche Beschäftigte tragen in Erziehungs- und Pflegeberufen ein höheres Risiko an Corona und damit auch an Long Covid zu erkranken. Die Ursachen dafür sind kaum erforscht, das liegt auch am “Bikini-Blick” von Medizin und Wissenschaft.

Frauen und Long Covid CFS

DGB / pexels / Darina Belonogova

Ein Report der Allgemeinen Ortskrankenkasse hat die Fehlzeiten seiner gut 14 Millionen Mitglieder im Zeitraum von März bis Juli 2022 untersucht. Der AOK-Bericht differenziert die Krankmeldungen nach Berufsgruppen - und kommt zu klaren Ergebnissen: Beschäftigte in der Kinderbetreuung waren mit 28.315 Erkrankten je 100.000 Versicherten am häufigsten betroffen, an zweiter Stelle folgen medizinische Fachangestellte mit 25.849 Gemeldeten. Im Baugewerbe (5809) und erst recht in der Landwirtschaft (3599) liegen die Werte dagegen deutlich niedriger.

CFS: Weltweit 17 Millionen Menschen erkrankt

Besonders stark gewachsen ist zuletzt die Zahl der Atemwegserkrankungen. Rund vier von fünf Fehlzeiten-Anzeigen waren dabei auf den Nachweis einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zurückzuführen. Diese Quote gilt für alle Beschäftigten unabhängig von ihrem beruflichen Umfeld. Die AOK-Studie belässt es bei der Präsentation ihrer statistischen Daten, sie interpretiert die Ergebnisse nicht. Doch der geschlechtsspezifische Befund ist offensichtlich: Die ganz überwiegend weiblichen Mitarbeiterinnen in Erziehung und Pflege hatten während der Pandemie im Vergleich zu Beschäftigten in klassischen Männerberufen ein mehr als dreimal so hohes Infektionsrisiko. Und auch bei den Spätfolgen der Pandemie zeigt sich ein klares Gefälle. Frauen leiden überdurchschnittlich an Long-Covid, Post-Covid und der verwandten Erschöpfungserkrankung CFS, der Abkürzung für “Chronisches Fatigue-Syndrom”. Von dieser postviralen Krankheit sind in Deutschland nach Schätzungen bis zu 250.000 und weltweit mindestens 17 Millionen Menschen betroffen.

CFS und Long Covid als Risiko für Frauen

CFS wirkt sich als grundlegende Schwäche auf das körperliche, geistige und psychische Wohlbefinden aus. Typische Anzeichen sind unter anderem eine starke Belastungsintoleranz im Alltag, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie Schlafstörungen. Die Mehrheit ihrer Patientinnen sei weiblich, bestätigt Carmen Scheibenbogen, die an der Berliner Charité schon vor der Corona-Krise ein bundesweit wegweisendes Zentrum zur Behandlung von CFS aufgebaut hat. Es handele sich um eine Autoimmunerkrankung, für die Frauen nach einer Infektion offenbar anfälliger seien. Es gebe Anzeichen dafür, dass das Immunsystem dann überaktiv reagiere, dass Autoantikörper eine Rolle spielten und das autonome Nervensystem gestört sei. Die diffuse Vielfalt der Symptome mache es aber oft schwierig, eindeutige Diagnosen zu stellen.

Long Covid und CFS: Forschung steht am Anfang

Die vorsichtige Sprache der Wissenschaftlerin im Konjunktiv ist kein Zufall. Denn die Datenlage ist äußerst dünn, die Forschung zum CFS steht noch ganz am Anfang. Das Erschöpfungssyndrom hat die Weltgesundheitsorganisation WHO schon 1969 als neurologische Krankheit anerkannt, Forschung dazu aber gab es seither kaum. Das belegt, welch geringe Bedeutung die Kategorie Gender in der Medizin lange Zeit hatte. Bei der Gesundheitsprävention kannten die Krankenkassen nur an einem Punkt einen geschlechtsorientierten Zugang. Die Vorsorge gegen Brustkrebs und die gründliche Untersuchung des weiblichen Unterleibs galten stets als besonders wichtig und förderungswürdig. Die von kritischen Wissenschaftlerinnen wie der US-amerikanischen Herzspezialistin Nanette Wenger ironisch „Bikini-Blick“ genannte Konzentration auf Brüste und Gebärmutter fand ihre Legitimation darin, dass diese Organe als entscheidend für die biologische Reproduktion der Gesellschaft angesehen werden. In der diagnostischen Praxis wie in der Ausbildung des Nachwuchses aber erklärte man den männlichen Körper zur Norm.

Krankheiten von Frauen werden kaum ernstgenommen

Im Umfeld der Debatten um den Abtreibungsparagrafen 218 entstand in Westdeutschland ab den 1970er Jahren eine Frauengesundheitsbewegung. Die dort aktiven Feministinnen skandalisierten zu Recht, dass Testreihen zu Medikamenten häufig nur mit männlichen Probanden durchgeführt wurden. Die damals noch ganz überwiegend männliche Ärzteschaft ignorierte spezifisch weibliche Symptomatiken. So unterscheiden sich die Anzeichen von Herz- und Kreislauferkrankungen nach Geschlecht: Männer spüren wie im Lehrbuch Engegefühle und Stechen in der Brust, Frauen klagen eher über Kiefer- und Nackenschmerzen, Schlafstörungen oder Übelkeit. Ein möglicher Infarkt wird daher bei ihnen oft zu spät erkannt.

Engagierte Initiativen von Frauen haben einst dafür gesorgt, dass sich der geschlechtersensible Blick auf die Medizin langsam schärfte. Es entstanden Selbsthilfezentren und eine spezifische Gesundheitsberichterstattung aus weiblicher Perspektive, die bald auch von öffentlichen Institutionen gefördert wurde. Doch noch immer werden vor allem unerklärbare Krankheiten und psychische Störungen, über die überwiegend Frauen klagen, nicht ernst genommen oder gar ignoriert. Das zeigt sich nun erneut in der Debatte um die Langzeitfolgen von Corona-Infektionen. Denn auch hier sind nach Schätzungen drei Viertel der Betroffenen weiblich.

Zehn Millionen Euro für Kampf gegen CFS

Im Gegensatz zu anderen Diagnosen wie etwa “Multiple Sklerose” gibt es beim CFS bisher kaum Therapiekonzepte und erst recht keine zugelassenen Medikamente. Das weitgehend unerforschte Thema hat es bis in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung geschafft. Zehn Millionen Euro hat die Ampel dafür in den kommenden Jahren eingeplant.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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