Deutscher Gewerkschaftsbund

18.03.2019
Equal Pay Day

Fehler im System

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Ist in Deutschland auch 2019 eher Wunschdenken als Realität. Der Gender Pay Gap ist real – und hat nicht mit persönlichen Lebensentscheidungen von Frauen zu tun, sondern mit einer nachhaltigen Benachteiligung. Das muss sich ändern.

 

Von Julia Korbik

Eine Frau am Schreibtisch blickt skeptisch auf ihren Kollegen gegenüber.

Ob der Kollege gegenüber nicht mehr verdient für den gleichen Job? Im Zweifelsfall ja - und das nicht nur am Equal Pay Day. DGB/Simone M. Neumann

"Equal Pay Day", sagte letztens ein Bekannter zu mir, "ist das sowas wie der Frauentag? Wo man Frauen feiert?" Ich schüttelte nur den Kopf. Natürlich existiert der Internationale Frauentag nicht, um Frauen zu feiern, ihnen Rosen und Pralinen in die Hand zu drücken. Er existiert, weil in Sachen Gleichberechtigung noch so viel zu tun bleibt. Gleiches gilt für den Equal Pay Day: Der heißt offiziell "Internationaler Aktionstag für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern" und findet dieses Jahr am 18. März statt. Es ist der Tag im Jahr, bis zu dem Frauen in Deutschland unentgeltlich arbeiten, wenn man ihr Einkommen an dem von Männern misst.

Der Lohnunterschied wird gern klein gerechnet und geredet

Dass Frauen fast 77 Tage, also zweieinhalb Monate im Jahr, quasi umsonst arbeiten, liegt an der geschlechtsspezifischen Lohnlücke, dem Gender Pay Gap (GPG). In Deutschland beträgt dieser 21 Prozent. In Geld umgerechnet bedeutet das: Während Männer pro Stunde durchschnittlich 21 Euro verdienen, sind es bei Frauen nur 16,59 Euro. Im Vergleich mit anderen EU-Ländern schneidet Deutschland nicht besonders gut ab: EU-weit liegt der GPG bei durchschnittlich 16,2 Prozent – Deutschland landet also im unteren Mittelfeld. Zum Vergleich: In Italien beträgt der GPG nur 5,3 Prozent, in Frankreich 15,2 Prozent, in den Niederlanden 15,6 Prozent. Den höchsten GPG hat Estland mit 25,3 Prozent.

In Deutschland ist die Lohnungleichheit eine jedes Jahr aufs Neue statistisch erfasste Tatsache – an der dann so lange herumgerechnet und interpretiert wird, bis das bestehende Problem angeblich keines mehr zu sein scheint. Denn schließlich gibt es den unbereinigten und den bereinigten GPG. Ersterer sind jene 21 Prozent, bei denen nicht nur die Angaben von Vollzeitbeschäftigten eingerechnet werden, sondern auch die von in Teilzeit und geringfügig Beschäftigten, Auszubildenden und Praktikant*innen. Der bereinigte GPG hingegen rechnet nur Angaben von Menschen mit ein, die über vergleichbare Eigenschaften verfügen. Dadurch bleibt zwischen den Bruttolöhnen von Männern und Frauen eine Differenz von "nur" rund 7 Prozent (manche Quellen sprechen von 6 Prozent).

Grafik zur schlechteren Bezahlung von Frauen

Der Gender Pay Gap lässt sich relativ genau aufschlüsseln DGB/Atlas der Arbeit/Grafik: Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Oft höre ich: 7 Prozent, das ist doch gar nicht viel! Und darüber regst du dich auf? Genau, darüber rege ich mich auf. Denn auch, wenn es nur um 7 Prozent geht – diese 7 Prozent zählen. Im Grunde sind diese 7 Prozent noch empörender als die 21 Prozent, schließlich geht es hier um Menschen mit ähnlicher Qualifikation und Arbeitszeit. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Von wegen. Die 7 Prozent stehen für eine andauernde, systematische Benachteiligung von Frauen, sie stehen für mangelnden Respekt und konkrete finanzielle Auswirkungen Konsequenzen.

Frauen arbeiten oft nicht freiwillig in Teilzeit

Das sehen viele allerdings anders. Sie verweisen darauf, dass Frauen ja nicht nur öfter in Teilzeit arbeiten würden als Männer und in schlechter bezahlten Berufsfeldern, zum Beispiel im Sozialwesen, tätig seien. Außerdem würden Frauen beim Gehalt ungeschickter verhandeln und so weniger Lohn erhalten, als sie eigentlich bekommen könnten. Das ist ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil sieht so aus: Ja, Frauen arbeiten öfter in Teilzeit. Und warum? Weil es eben Frauen sind, die Kinder bekommen, die sich um den Haushalt sowie pflegebedürftige Angehörige kümmern: Frauen in Deutschland leisten 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer.

Wer jetzt glaubt, Frauen hätten ja generell mehr Zeit für solche Tätigkeiten, gerade weil sie öfter in Teilzeit arbeiten, der liegt falsch. Studien legen stattdessen den Schluss nah, dass Frauen aufgrund ihrer unbezahlten Arbeit (zum Beispiel im Haushalt) ihre bezahlte Arbeit reduzieren – insbesondere dann, wenn sie Kinder unter sechs Jahren haben. Unter Müttern ist Vollzeitarbeit sogar die Ausnahme, unter Vätern hingegen Standard. Viele Frauen, die kinderbedingt eine berufliche Auszeit genommen haben, bekommen gar nicht die Chance, auf eine Vollzeitstelle oder auf ihre vorherige oder eine gleichwertige Position zurückzukehren – weggegangen, Platz vergangen. Hinzu kommt: Wegen der meist längeren Elternzeit und der Arbeit in Teilzeit haben Frauen schlechtere Chancen auf Beförderung.

Demonstration des DGB für gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit für Frauen

Die sozialdemokratischen Minister Franziska Giffey (am Mikro) und Hubertus Heil (Mitte) sind immerhin dabei, wenn der DGB für die gleiche Bezahlung von Frauen demonstriert. Hier mit DGB-Chef Reiner Hoffmann (links) am Equal Pay Day 2018. Uwe Voelkner/Fotoagentur FOX

Zum Thema Gehaltsverhandlungen lässt sich sagen: Klar könnten Frauen besser vorbereitet in Gehaltsverhandlungen gehen, härter verhandeln, das Beste für sich rausholen. Viele haben nie gelernt, etwas zu fordern und Coaching-Programme, die hier Hilfestellung leisten, sind begrüßenswert. Aber (ein großes Aber): Nicht alle Frauen können über ihre Karriere frei entscheiden und immer selbstbewusst ihre Forderungen durchsetzen. Viele sind einfach froh, einen Job zu haben. Punkt. Wie übrigens auch viele Männer, von denen ja ebenfalls nicht jeder automatisch ein knallhartes Verhandlungs-Wunder ist.

All das zeigt, dass der GPG mitnichten das Ergebnis individueller Lebensentscheidungen von Frauen ist. Dass Frauen beispielsweise häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer, ist Teil des systemischen Problems geschlechtsbedingter Einkommensunterschiede: Solange Männer mehr verdienen als Frauen und Frauen gleichzeitig als für die Care-Arbeit Zuständigen angesehen werden, ergibt es für viele Frauen Sinn, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, Zuverdienerin zu sein.

Vor allem Frauen leiden unter Altersarmut

Die 7 Prozent GPG sind somit ganz und gar nicht gering – vor allem, weil sie langfristig einen bedeutenden Unterschied machen können. Vor allem bei der Rente: Wenn man von jetzt bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter mit 67 rechnet und einfach mal (kulturpessimistisch) davon ausgeht, dass immer eine gewisse Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bestehen wird, dann sind das viele tausende, zehntausende Euro, die Frauen im Alter weniger bekommen als Männer. Das ist auch deshalb dramatisch, weil Frauen sowieso häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer. Während Männer durchschnittlich 1.171 Euro bekommen, sind es bei Frauen nur 685 Euro – also knapp 40 Prozent weniger. Zwei Drittel aller Bezieher von Niedrigrenten sind Frauen.

Letztlich geht es bei den 7 Prozent GPG nicht nur um die reine Zahl. Es geht auch um die systematische Benachteiligung von Frauen im Berufsleben, die sich dahinter verbirgt. Und daran erinnert der Equal Pay Day. Er ist, genau wie der Internationale Frauentag, kein Anlass zum Feiern oder zum Blumenverschenken. Er ist ein Kampftag. Und zwar so lange, wie Frauen 21 oder 7 Prozent weniger verdienen als Männer. So lange eben noch nicht gilt: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.


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Kurzprofil

Julia Korbik
geboren 1988, lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin.
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