Deutscher Gewerkschaftsbund

16.06.2014

Auf dem Weg in den Abgrund: Die internationale Arbeiterbewegung und der Erste Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 ermordeten serbische Attentäter den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau in Sarajewo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Ein sich ins Pathologische steigernder Nationalismus verband sich nun mit einem unseligen Imperialismus der bis an die Zähne bewaffneten Mächte Europas. Dieser Kombination sah sich das klassische diplomatische Krisenmanagement der Zeit nicht gewachsen. Gerade die kaiserliche Regierung des Deutschen Reiches zeigte nun eine von der militärischen Führung des Landes lang genährte verhängnisvolle Bereitschaft, wirtschaftliche und soziale Interessenkonflikte durch einen beherzten militärischen „Griff nach der Weltmacht“ mit einem Schlag zu „lösen“. Dadurch wurden die meisten europäischen Völker binnen Wochen in den Abgrund eines totalen, mit zunehmender Dauer erstmals global entgrenzten Krieges gerissen.

Mit dem Überfall auf das neutrale Belgien und den bald bekannt gewordenen Gräueltaten der deutschen Besatzer an der belgischen Zivilbevölkerung verspielte das Reich binnen kürzester Zeit auch in den Augen der Öffentlichkeit der (zunächst) neutralen Staaten jeglichen Kredit. Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und seine Verbündeten sahen sich seit dem August 1914 der Entente aus Frankreich, England und Russland gegenüber, auf deren Seite sich im Mai 1915 auch das Königreich Italien und im April 1917 schließlich die USA schlugen.[1]

Die Sozialistische Internationale und der Krieg

Für die internationale Politik der sozialistischen Arbeiterbewegung bedeutete die Aufnahme der Kampfhandlungen eine vernichtende Niederlage, hatten die in der (Zweiten) Sozialistischen Internationale seit 1889 zusammen geschlossenen Parteien und Gewerkschaften das Bemühen um die internationale Völkerverständigung doch zu der handlungsleitenden Zentralaufgabe ihrer Politik erhoben. Der Kampf für den Frieden sollte sich in den folgenden Jahrzehnten in flammenden Resolutionen und Manifesten der Sozialistenkongresse gegen die nationale Aufrüstung der imperialen Mächte niederschlagen.

Schon auf dem Pariser Arbeiterkongress von 1889 wurde die Erhaltung des Friedens „als die erste und unerlässliche Bedingung jeder Arbeiteremanzipation“ bezeichnet. Der Kampf gegen Militarismus und Krieg blieb auch auf den folgenden Sozialistenkongressen neben den sozialpolitischen Forderungen das zentrale Thema schlechthin. Insbesondere der „Friedenskongress“, den die Sozialistische Internationale 1912 angesichts kriegerischer Konflikte auf dem Balkan außerplanmäßig nach Basel einberufen hatte, stand ganz im Zeichen des Kampfes gegen den Krieg und fand ein weltweites mediales und politisches Echo. Und auch das Internationale Sozialistische Büro, das seit der Wahl eines hauptamtlichen Generalsekretärs im Jahr 1901 die Arbeit der Sozialistischen Internationale vom Brüsseler Volkshaus aus koordinierte – seit 1905 mit dem bestens vernetzten und hochaktiven Camille Huysmans als Generalsekretär –, widmete der Friedensfrage einen Großteil seiner Aufmerksamkeit. In Brüssel trafen sich dabei mehr oder minder regelmäßig jeweils zwei Delegierte der angeschlossenen Nationen, um die Kongresse vorzubereiten und über wichtige Fragen zu beraten. Ein kontinuierlicher institutionalisierter Austausch zwischen den sozialistischen Bewegungen innerhalb Europas war so bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewährleistet.[2]

Kurz vor Kriegsbeginn tagte am 29. und 30. Mai 1914 in Basel eine überparteiliche Versammlung französischer und deutscher Parlamentsabgeordneter, nachdem im Vorjahr in Bern auf Initiative einiger prominenter deutscher Sozialdemokraten ein ständiges deutsch-französisches interparlamentarisches Komitee zur Förderung der deutsch-französischen Freundschaft aus der Taufe gehoben worden war.[3]

Burgfrieden und Union sacrée

Es ist es auch rückblickend nicht leicht zu verstehen, wie widerspruchslos sich die ihrem Anspruch nach stets internationalistische und, wenn nicht pazifistische, doch zumindest antimilitaristische Arbeiterbewegung der Vorkriegszeit in die Kriegspolitik ihrer Länder hat einbinden lassen. Welche Gründe lassen sich hierfür anführen?

Zunächst einmal rächte sich in den Wochen nach dem Attentat, dass sich die zentralen Akteure der internationalen Arbeiterbewegung im Vorfeld der Krise nicht auf ein wirklich verbindliches und koordiniertes Vorgehen hatten verständigen können. Zwar hatte der 1907 in Stuttgart abgehaltene Internationale Sozialistenkongress die angeschlossenen Organisationen proklamiert, im Falle drohender Kriegsgefahr seien:

„die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Büros, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich nach Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern.“[4]

Nicht durchsetzen konnte sich allerdings die besonders von Jean Jaurès, dem wohl prominentesten Führer der französischen Sozialisten[5], vertretene, viel weiter gehende Auffassung, dass sich die internationale Arbeiterbewegung verbindlich verpflichten müsse, bei drohender Kriegsgefahr zum Mittel des Generalstreiks zu greifen. Nicht zuletzt die deutschen Sozialisten hielten die Generalstreikidee für ganz unerhört und setzten auf eine später oft kritisierte Politik des „revolutionären Attentismus“. Im Ergebnis „[verfügten] weder die Internationale als politische Organisation noch ihre Mitgliedsparteien [...] jenseits der Kongressdeklarationen über eine Strategie zur Beeinflussung der internationalen Politik.[6]

Hinzu kamen zweifellos nicht zu unterschätzende situative Gründe, die in den verschiedenen Ländern variierten, die aber doch einige Gemeinsamkeiten aufwiesen. Wie den meisten Zeitgenossen blieben auch den führenden Funktionären der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften die Ausmaße der drohenden Katastrophe offenbar völlig verborgen.[7] Der Krieg kam so – wie es der Zentralrat der Internationalen Transportarbeiter-Föderation plastisch ausdrückte – „wie ein Dieb in der Nacht“.[8] Als in der letzten Woche des Julis 1914 das Internationale Sozialistische Büro in Brüssel zusammen trat, war den meisten Repräsentanten der sozialistischen Parteien zwar bewusst, dass die internationale Lage sehr angespannt war, dass ihre Regierungen den Krieg aber tatsächlich riskieren würden, glaubten sie nicht. Konkrete Maßnahmen wurden nicht vereinbart, lediglich die in ganz Europa mittlerweile angelaufenen Manifestationen für den Frieden, die in den europäischen Zentren der Arbeiterbewegung Hunderttausende auf die Beine brachten, sollten beibehalten werden.

Was für die Parteien zutraf, galt für die Gewerkschaften umso mehr: Als sich Carl Legien, der Vorsitzende der „Generalkommission der freien Gewerkschaften“ und sein französischer Amtskollege Léon Jouhaux von der „Confédération générale du travail“ (CGT) am Rande eines Kongresses der belgischen Gewerkschaften im Zeichen höchster Kriegsgefahr am 26. und 27. Juli ebenfalls in Brüssel begegneten, konnten sie sich auf kein gemeinsames Vorgehen ihrer Organisationen verständigen. Es gelang Jouhaux nicht einmal, Legien – der zugleich als Vorsitzender der gewerkschaftlichen Internationale amtierte – zu einer Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen zu bewegen.[9] Hinzu kam, dass sich auch die Führungspersönlichkeiten der sozialistischen Arbeiterbewegung von einer patriotischen Welle konfrontiert sahen, die, wenn auch nicht sofort, so doch in der zugespitzten Endphase der Julikrise, auch weite Teile der (städtischen) Arbeiterschaft erfasste und die ihre internationalistisch und pazifistisch gesinnten Teile wenigstens vorübergehend überrumpelte und paralysierte.[10]

Auch die Hauptverantwortlichen sowohl der französischen als auch der deutschen sozialistischen Parteien und Gewerkschaften sahen ihre Länder fast ausnahmslos als Opfer eines Angriffskriegs des preußisch-wilhelminischen Militarismus einerseits oder des russischen Zarismus andererseits. Dies war eine subjektiv wohl tatsächlich empfundene Wahrnehmung, die durch eine skrupellos geschickte Kriegspropaganda der nationalen Regierungen und den vaterländischen Einheitsappellen einer zensierten Presse mit allen Mitteln befördert wurde und die selbst eingeschworenen Anhängern der Völkerverständigung zu dem Ergebnis kommen ließ, sich der Landesverteidigung nicht entziehen zu dürfen. Auch die Furcht vor Repressionen dürfte eine in ihrem Ausmaß nur schwer abzuschätzende Rolle gespielt haben.[11]

Mit am gewichtigsten dürfte aber gewesen sein, dass besonders die Generalkommission der freien Gewerkschaften in Deutschland mit der Politik des Burgfriedens die Hoffnung verband, dass ihre patriotische Zuverlässigkeit honoriert werden würde, wenn nach wenigen Monaten der damals erwartete „Siegfrieden“ eintritt. Dann wäre der Zeitpunkt gekommen, um endlich die Einleitung überfälliger politischer und sozialer Reformen einzuleiten und das Drei-Klassen-Wahlrecht in Preußen und die noch bestehenden Einschränkungen der Koalitionsfreiheit abzuschaffen, aber auch ganz allgemein die Anerkennung der Gewerkschaften durch die Unternehmer und den Staat durchzusetzen, um die Teilhabe der Arbeiterschaft am wirtschaftlichen Aufschwung abzusichern, der von den meisten Gewerkschaftsführern nach einem siegreichen Kriegsende mit mehr oder minder weitreichenden Annexionen erwartet wurde.[12]

Und schließlich wird man um die Erkenntnis nicht herum kommen, dass der Hang zur Überhöhung der eigenen Nation und die Berauschung an ihrer militärischen Machtentfaltung vor 1914 auch an der sozialistischen Arbeiterbewegung nicht vorbei gegangen waren. Dass ein derartig offensiver Nationalismus vieler deutscher Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre auch ihre Haltung gegenüber dem Krieg prägte, gab nach dem Ende des Völkergemetzels kein geringerer als Karl Kautsky in seiner noch heute lesenswerten Schrift über die Ursachen des Weltkriegs unumwunden zu Protokoll.[13]

Fazit

Wie man auch immer das Gewicht der verschiedenen und offenkundig ineinander greifenden Faktoren veranschlagen mag: Im Ergebnis ließen sich in fast allen beteiligten Staaten auch die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften in die Kriegspolitik einbinden. Nur vereinzelt regte sich Widerspruch einiger couragierter Außenseiter. Im Reich präjudizierte die Bereitschaft der sozialistischen Gewerkschaftsorganisationen, sich in den Dienst der Kriegswirtschaft zu stellen, offenkundig die Entscheidung der SPD-Reichstagsfraktion zur Bewilligung der von der kaiserlichen Regierung geforderten Kriegskredite.[14] Auch auf Seiten der Alliierten ließen sich sowohl die britische wie auch die französische Arbeiterbewegung letztlich weitgehend geräuschlos in die Kriegskoalitionen ihrer Länder integrieren. Allerdings setzte in England immerhin die in der Independent Labor Party um Keir Hardie zusammen geschlossene Minderheit der Linkssozialisten und einige ihrer intellektuellen Sympathisanten (wie Bertrand Russell oder die pazifistische Frauenrechtlerin Sylvia Pankhurst) trotz aller öffentlicher Anfeindungen ihre Agitation gegen den Krieg unverdrossen fort.[15]

In Frankreich setzten selbst die zuvor stets staatsskeptischen, anarchosyndikalistischen „Cégétisten“ (die Anhänger der CGT) mehrheitlich darauf, dass sich nunmehr der Staat angesichts der Beteiligung der Arbeiterschaft an der Landesverteidigung zu sozialreformerischen Zugeständnissen und sogar zu einer planmäßigen Umgestaltung der Wirtschaft und der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien bereit zeigen würde. Auch sie stellten sich in den Dienst der Landesverteidigung.[16] In der CGT gab es aber auch eine signifikante Minderheit um Alphonse Merrheim und Pierre Monatte, die von Kriegsbeginn an gegen die Einbindung in die „union sacrée“ war. Sie protestierten öffentlich gegen den Krieg.[17] Und auch im Lager der deutschen Gewerkschaften gewannen mit zunehmender Kriegsdauer die zunächst nur sehr wenigen Kritiker der Burgfriedenspolitik an Zulauf[18] – und auch die Mehrheitssozialdemokratie setzte sich im Reichstag immerhin für einen Frieden ohne Annexionen ein.

Nichtsdestotrotz waren schon die Aufnahme der Kampfhandlungen und die widerstandslose Einbindung der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften ein fataler Offenbarungseid für die internationale Politik der sozialistischen Arbeiterbewegung. Allein die kleinen sozialistischen Parteien in Russland und Serbien lehnten die Kriegspolitik ihrer Regierungen entschlossen ab. Daneben signalisierten nur noch die die italienische Confederazione Generale del Lavoro und die tief gespaltene sozialistische Partei des Landes ihre Ablehnung. Anders als die meisten ihrer europäischen Schwesterorganisationen hielt sie unter dem Motto „weder mitmachen, noch sabotieren“ an ihrem pazifistischen Kurs fest.[19]

Dass die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften trotz aller noch in den letzten Vorkriegstagen auf zahlreichen Großdemonstrationen beschworenen Friedenssehnsucht der Arbeiterschaft das industrielle Massenmorden weder verhindern noch vorzeitig beenden konnten, sollte sich als eine der Hauptgründe für die bald folgende Spaltung der Arbeiterbewegung in einen kommunistischen und einen sozialreformerisch-sozialistischen Flügel erweisen.[20] Der Mythos der „Internationalen“ als Schutzmacht der Arbeiter und als Inbegriff der Einheit der sozialistischen Bewegung hatte sich im Blutbad dieses Krieges aufgelöst.



[1] Die Literatur über die Ursachen und Auswirkungen des Ersten Weltkriegs ist mittlerweile selbst für Spezialisten nahezu unübersehbar. In den letzten Jahrzehnten dominierte Fritz Fischers Diagnose, der zu Folge die wilhelminische imperiale Kriegspolitik die entscheidende Voraussetzung für den Ausbruch des Krieges gewesen sei (vgl. Fischer, Griff nach der Weltmacht, Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914-1918, Düsseldorf 1961). Jüngst hat Christopher Clark in seinem historiographischem Bestseller die missglückten, „von zahllosen Fehlwahrnehmungen bestimmten multilateralen Interaktionen von fünf autonomen, gleichwertigen Akteuren (oder sechs mit Italien)“ im Vorfeld des Krieges und damit das missglückte Krisenmanagement aller beteiligten Staaten als maßgeblich für den Kriegsausbruch bewertet (Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013, Zitat: S. 13). Auch Herfried Münkler ist in seinem Weltkriegs-Buch von der Fischer'schen Perspektive abgerückt (Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918, Reinbek 2013). Zu den Schwachstellen dieser Neuinterpretationen vgl. (in Bezug auf Clark) beispielsweise die aus meiner Sicht fundierte Kritik von Volker Ullrich, Zündschnur und Pulverfass, in: „Die Zeit“ v. 17.09.2013; http://www.zeit.de/2013/38/sachbuch-christopher-clark-die-schlafwandler-europa-ersterweltkrieg

[2] Zur Geschichte der Zweiten Internationale vgl. James Joll, The Second International 1889-1914, London 1974; eine kommentierte Dokumentensammlung stammt von Gerhard A. Ritter (Hg.), Die Zweite Internationale 1918-1919. Protokolle, Memoranden und Korrespondenzen, 2. Bde., Bonn/Berlin 1980. Zum Internationalen Sozialistischen Büro vgl. Willy Buschak, Das Londoner Büro. Europäische Sozialisten in der Zwischenkriegszeit, hrsg. v. Internationaal Instituut voor Sociale Geschidenis, Amsterdam 1985.

[3] Vgl. Philipp Scheidemann, Memoiren eines Sozialdemokraten, Bd. 1, Dresden 1928, S. 227–231.

[4] Protokoll des Internationalen Sozialistenkongresses zu Stuttgart, Berlin 1907, S. 66 (Kongressentschließung über „Militarismus und internationale Konflikte).

[5] Jaurès war einer der Führer der der von ihm, Jules Guesde und Édouard Vaillant wesentlich geprägten Vereinigung sozialistischer Gruppen in der „Section française de l’Internationale ouvrière“ (S.F.I.O). Er setzte sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einer nicht endenden Kette von Schriften, Manifestationen und Reden leidenschaftlich für den Erhalt des Friedens und gegen den drohenden Krieg ein. Am 30. Juli 1914 fiel er einem Mordanschlag zum Opfer. Damit wurde der vielleicht führende internationalistische Friedensaktivist fatalerweise auf dem Höhepunkt der Julikrise ausgeschaltet.

[6] Bernd Rother, Die Sozialistische Internationale, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012-11-29. URL: http://www.ieg-ego.eu/rotherb-2012-de hier: Abschnitt 24, [2013-12-03].

[7] Vgl. Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung, München 1999, S. 38.

[8] Weekly Report of The ITF, No. 127 vom 1. Oktober 1914, zitiert nach Hartmut Simon, Die Internationale Transportarbeiter-Föderation. Möglichkeiten und Grenzen internationaler Gewerkschaftsarbeit vor dem Ersten Weltkrieg, Essen 1994, S. 264.

[9] Vgl. Bernard Georges/ Denise Tintant, Léon Jouhaux. Bd. 1, Des origines à 1921, Paris 1962, S. 128f. Kontrafaktisch gedacht wäre eine Generalstreikaktion gegen den Krieg wohl am ehesten von den französische Sozialisten und der streikerprobten CGT zu erwarten gewesen. Dies hätte vielleicht auch die Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion beeinflusst. Die Ermordung Jaurès beraubte der französischen Linken jedoch fatalerweise im entscheidenden Moment die wohl einzige Führungspersönlichkeit, die über die moralische Autorität verfügt hätte, um eine solche Aktion auszulösen.

[10] Die mit dem Begriff des „Augusterlebnisses“ zum Mythos geronnene vermeintlich klassenübergreifende Kriegsbegeisterung weiter Bevölkerungskreise ist von der neueren Geschichtswissenschaft mit guten Gründen demontiert worden (vgl. neben anderen besonders Jeffrey Verhey: Der Geist von 1914 und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburger Edition 2000); dennoch ist wohl mit Thomas Raithel resümierend festzustellen, dass zumindest in Bezug auf die städtische Bevölkerung in Deutschland und Frankreich unmittelbar vor Kriegsbeginn „ein vorübergehender Zustand spontaner nationaler Einheit“ zu konstatieren war, auch wenn dieser „schon bald erste Risse bekam und nur durch den anwachsenden Apparat der Zensur nach außen hin aufrecht erhalten werden konnte, während gleichzeitig der Mythos von der Einheit der Nation bzw. des Volkes sein Eigenleben begann.“ Vgl. Thomas Raithel, „Augusterlebnisse“ 1914 in Deutschland und Frankreich, in: Nils Freytag/Dominik Petzold (Hg.), Das „lange“ 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven, München 2007, S. 245-260, Zitat: S. 252.

[11] Die deutschen und österreichischen Sozialisten hatten ihre vordringliche Sorge um den Erhalt ihrer Organisationen auf den internationalen Sozialistenkongressen wiederholt zu Protokoll gegeben. Aber auch den französischen Sozialisten war sehr wohl bewusst, dass ihrer Führer im Fall einer aktiven Opposition gegen die Kriegsvorbereitungen ihrer Regierungen sofort verhaftet worden wären. Die hierzu vorbereitete Liste, das sogenannte „Carnet B“, war allgemein bekannt und umfasste auch die gesamte Führungsriege der CGT; vgl. hierzu beispielsweise Pierre Karila-Cohen/Blaise Wilfert, Leçon sue le syndicalisme en France, Paris 1998, S. S. 125f.

[12] Vgl. Schneider, Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn 2000, S. 122.

[13] Karl Kautsky, Wie der Weltkrieg entstand. Dargestellt nach Akten des Auswärtigen Amtes, Berlin 1919 (hier S. 177 ff).

[14] Vgl. Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert. Bd. 1: Die Gewerkschaften in Weltkrieg und Revolution 1914-1919. Bearb. von Klaus Schönhoven, S. 12 (Einleitung).

[15] Hugh Armstrong Clegg, A History of British Trade Unions Since 1889, Vol. 2, 1911-1933, Oxford 1985; zur Labour Party: Martin Pugh, Speak for Britain, A History of The Labour Party, London 2010.

[16] Vgl. beispielsweise Karila-Cohen/Wilfert, Leçon, S. 128f.

[17] Vgl. ebd., S. 138ff.

[18] Vgl. Quellen, Bd. 1, S. 50 (Einleitung).

[19] Vgl. Hans Woller, Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 66.

[20] Zum Gesamtkomplex nach wie vor maßgeblich: Georges Haupt, Socialism and the Great War. The Collapse of The Second International, Oxford 1972; Madelaine Rebérioux, Der Sozialismus und der Erste Weltkrieg (1914-1918), in: Jacques Droz (Hg.), Sozialismus, Zweite Internationale und Erster Weltkrieg (Geschichte des Sozialismus: von 1875 bis 1918), Frankfurt am Main u.a. 1976, S. 45-121.


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