Deutscher Gewerkschaftsbund

23.01.2019

Bildungsinseln für Gutverdiener

Immer mehr Kinder von Eltern aus der Mittelschicht gehen auf Privatschulen, vor allem im Osten Deutschlands. Das führt zu sozialen Spannungen. Die Landesregierungen dürfen daher nicht einfach jede Gründung gestatten, sondern sollten sorgfältig prüfen, ob private Schulen wirklich gebraucht werden.

 

Von Thomas Gesterkamp

Schüler sitzen vor Computern.

Private Schulen sind der Regel besser ausgestattet als staatliche Schulen. Das kostet eben auch ein bisschen... DGB/Ian Allenden/123rf.com

Im Spätsommer 2017 sah sich Manuela Schwesig mit einer Welle der Empörung konfrontiert. Anfang September, mitten im Bundestagswahlkampf, machten Medienberichte öffentlich bekannt, dass die sozialdemokratische Ministerpräsidentin ihren ältesten Sohn auf eine Privatschule schickt. Für ihre Entschuldigung, diese Schule sei nun mal an nächsten gelegen, erntete sie vor allem im Netz spöttische Kommentare: Es gebe auch eine integrierte Gesamtschule in vergleichbarer Entfernung. Die politischen Gegner, Linke wie auch Christdemokraten, monierten das offensichtlich "mangelnde Vertrauen" Schwesigs in das staatliche Schulsystem. Die Regierungschefin gebe mit ihrer Entscheidung ein "schlechtes Vorbild" ab.

Schwerin, der Wohnort der SPD-Politikerin, gehört zu den Orten mit der höchsten Privatschuldichte hierzulande. Auch in den Nachbarstädten Rostock und Greifswald befindet sich rund ein Drittel der Schulen nicht in staatlicher Trägerschaft. Der Grund: Im von Schwesig regierten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind die Kontrollen auffällig lasch. Anträge auf neue Privatschulen seien dort ohne genaue Prüfung durchgewunken worden, berichtet der Bildungsexperte Marcel Helbig, der die Genehmigungspraxis der Länder für das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) verglichen hat. Ein Verstoß gegen verfassungsrechtliche Vorgaben: Denn Artikel 7 des Grundgesetzes schreibt vor, dass private Schulen nur genehmigt werden dürfen, "wenn eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird".

Die soziale Segregation zwischen den Schulen wird immer größer

Genau diesen Tatbestand aber bestätigt jetzt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ihr zufolge hat der Anteil der Akademikerkinder an den Privatschulen seit Mitte der 1990er Jahre drastisch zugenommen. "Die soziale Segregation zwischen den privaten und öffentlichen Schulen wird immer größer", heißt es in der aktuellen Untersuchung. Im bundesweiten Durchschnitt kommen danach zwölf Prozent der Jungen und Mädchen an staatlichen Schulen aus Elternhäusern mit Hochschulabschluss. In Privatschulen liegt der Anteil erheblich höher, im Westen bei 21, im Osten gar bei 35 Prozent.

Privatschule Schloß Salem Vorderansicht

So schön kann eine (teure) Privatschule ausschauen; und für die Karriere förderlich ist ihr Besuch meist auch: Schloß Salem. DGB/F. Bucher/Wikimedia Commons/CC BY-SA 2.0 DE

"Wir haben es mit einer Absetzbewegung der Mittelschicht von den unteren Schichten zu tun", glaubt Forscher Helbig, der auch Inhaber der Sonderprofessur Bildung und soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt ist. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Gesamtzahl der allgemeinbildenden und beruflichen Privatschulen in Deutschland nahezu verdoppelt. Sie stieg von 3.232 im Schuljahr 1992/1993 auf 5.839 im letzten statistisch erfassten Schuljahr 2017/2018. Im Osten war die Entwicklung besonders brisant. In den neuen Bundesländern wuchs der Anteil der Privatschüler seit der Wende von null auf inzwischen über zehn Prozent, in der alten Bundesrepublik blieb der Sprung von sechs auf neun Prozent im gleichen Zeitraum vergleichsweise moderat.

Die staatlichen Kontrollen sind im Osten besonders unzureichend

Der stärker ausgeprägte Trend in Ostdeutschland lässt sich nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern beobachten. Er gilt ebenso etwa für Brandenburg: Auch in der Landeshauptstadt Potsdam liegt der Privatschulanteil deutlich über den Werten an anderen Orten. In westlichen Bundesländern wie Schleswig-Holstein, so ergab die WZB-Untersuchung, sind die staatlichen Kontrollen deutlich schärfer. Der Boom der Privatschulen, sagt Helbig, sei ein Symptom für die Spaltung zwischen Arm und Reich, und befördere diese noch. "In Rostock zum Beispiel befinden sich alle privaten Grundschulen im reicheren Süden, im Norden mit seinen Plattenbauten steht keine einzige."

In der früheren DDR gab es überhaupt keine privat betriebenen Schulen, sie wurden dort erst nach 1990 gegründet. In Mecklenburg-Vorpommern entstanden die meisten von ihnen als Folge einer Schulstrukturreform vor gut einem Jahrzehnt. Alle Kinder sollten länger gemeinsam lernen, bevor sie auf weiterführende Schulen wechseln, so lautete die eigentlich gute Idee. Doch die Folge waren immer mehr Schulen in privater Trägerschaft, die nicht nur Grundschulbildung vermittelten, sondern ihr Angebot erweiterten, teilweise sogar die gymnasiale Oberstufe integrierten. "Es wurde ein Parallelsystem geschaffen und die Reform systematisch unterlaufen", so Bildungsexperte Helbig: "Das Schulministerium hätte das nie zulassen dürfen" Die kritisierte Überwachungsbehörde in Schwerin widerspricht der Behauptung, die Anträge in der Vergangenheit unzureichend geprüft zu haben.

Manuela Schwesig

Die Kinder von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gehen auf eine Privatschule. Sie malt derweil gern mal mit Licht. DGB/Tincon/Flickr/CC BY-ND 2.0/

Auch nichtstaatliche Bildungseinrichtungen werden weitgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert, doch zusätzlich fallen meist Gebühren an. 1.000 Euro Schulgeld pro Jahr und Kind werden mindestens fällig, vielerorts müssen Eltern auch erheblich mehr überweisen. Privatschulen werden auf diese Weise zu einer exklusiven Angelegenheit, zu Bildungsinseln der Gutverdienenden. Nach der aktuellen Studie kommt an öffentlichen Schulen jedes fünfte Kind aus einer Familie, das beim Einkommen zu den obersten 20 Prozent der Bevölkerung gehört. An den privaten Schulen dagegen hat inzwischen jedes dritte Kind wohlhabende Eltern, im Osten sogar jedes zweite.

Die Leiterin der Abteilung Bildung und Familie am DIW Katharina Spieß betont, dass man noch vor zwei Jahrzehnten kaum Unterschiede beim Privatschulbesuch zwischen Viel- und Geringverdienern feststellen konnte. Die Forscherin schlägt in der aktuellen Situation vor, das Schulgeld noch stärker an die Höhe des Einkommens zu binden; in einigen Bundesländern wird das bereits praktiziert. Der Berliner Senat plant nicht nur eine Begrenzung der Gebühren, sondern auch eine höhere Förderung jener Privatschulen, die besonders viele Kinder aus einkommensschwachen Familien aufnehmen.

Es gibt eine Flucht aus dem öffentlichen System

"Das wäre ein Mechanismus, der funktionieren könnte", hofft der Erfurter Bildungsforscher Helbig. Er warnt aber davor, den Einfluss des Schulgelds zu überschätzen. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel seien Gebühren gänzlich untersagt, "trotzdem sehen wir an den Grundschulen in Mainz oder Koblenz eine ähnlich starke Spaltung wie in Berlin". Privatschulen würden eben auch unabhängig vom Schulgeld "zur Flucht aus dem öffentlichen System genutzt".

Für wichtiger hält Helbig, gerade angesichts der alarmierenden Entwicklung in Ostdeutschland, das Durchsetzen der Vorschriften des Grundgesetzes. Die Landesregierungen sollten nicht jede Gründung einfach gestatten, sondern sorgfältig prüfen, "ob es diese private Schule wirklich braucht" und sich dabei "durchaus auch einmal auf einen Rechtsstreit einlassen". Es besteht also erheblicher Handlungsbedarf - nicht nur für Regierungschefin Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch für ihre Kollegen aus anderen östlichen Bundesländern, die sich bald einer Landtagswahl stellen müssen.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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