Deutscher Gewerkschaftsbund

22.05.2011

Das trojanische Pferd

Wie Arbeitgeber-Verbände und Konzerne die Schulen mit marktradikalen Inhalten und Schleichwerbung infiltrieren

DDR

suze / photocase.com

Der internationale Bankencrash, die Euro-Krise, die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und die eigenen Ersparnisse – all diese Entwicklungen entzaubern nachhaltig die Forderungen nach einer deregulierten Marktwirtschaft. Die Glaubenssätze der neoliberalen Dogmatiker haben ihre Überzeugungskraft endgültig verloren.

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Berliner Rede im Jahr 2009 das Versagen der Managereliten auf den Punkt gebracht: „Was vielen abhanden gekommen ist, das ist die Haltung: So etwas tut man nicht. Bis heute warten wir auf eine angemessene Selbstkritik der Verantwortlichen. Von einer angemessenen Selbstbeteiligung für den angerichteten Schaden ganz zu schweigen.“ Und er fügte hinzu: „Wichtig ist die Erkenntnis: Der Markt braucht Regeln und Moral.“

Es ist nicht allzu lange her, da wurden all jene, die vor einer deregulierten Marktwirtschaft gewarnt haben, als ewig Gestrige abgetan. Eingriffe des Staates wurden schnell als Sozialismus denunziert. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch: Ohne den Staat geht es nicht. Ohne das beherzte Eingreifen des Staates – gemeinsam mit einer klugen Politik von Gewerkschaften und Betriebsräten – wäre Deutschland nicht vergleichsweise glimpflich durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise gekommen.

Wer allerdings glaubt, mit der großen Krise sei auch das neoliberale Wirtschaftsbild verschwunden, der täuscht sich. Zwar vertreten wirtschaftsliberale Ökonomen ihre alten „Weisheiten“ nicht mehr ganz so lärmend wie früher. Doch in den Klassenzimmern feiert die alte marktradikale Ideologie fröhliche Urständ. Ganz so, als habe es die Krise nie gegeben.

Neoliberalismus durchs Klassenzimmer

„Mehr Wirtschaft in die Schule!“, lautet der Schlachtruf eines Netzwerks aus Arbeitgeber-Verbänden, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bis hin zu vielen Unternehmen. Mit der Forderung nach einem eigenständigen Schulfach Wirtschaft und in weiten Teilen nicht seriösen Unterrichtsmaterialen infiltriert die Arbeitgeber-Lobby unsere Schulen. Die Ursachen der Krise werden fast vollends verschwiegen. „Wem gehört die ökonomische Bildung?“, fragen die Bielefelder Wissenschaftler Lucca Möller und Reinhold Hedtke in einer frisch veröffentlichten Studie. Sie kommen zu dem Schluss, dass zurzeit „ein Schulfach Wirtschaft zum Fach der Wirtschaft und der Wirtschaftsverbände wird und wirtschaftsliberal-konservatives Denken in die Schulen bringen soll.“

Der Einfluss der Wirtschaft auf die Schulen hat zugenommen, sei es durch Kampagnen, Sponsoring oder Patenschaften. Dieser Trend wird verstärkt durch die Überflutung des Bildungsmarktes mit ungefilterten wirtschaftsnahen Unterrichtsmaterialien. Kritik an ihrem Engagement wird dabei von den Wirtschafts-Verbänden klar zurückgewiesen: „Im Streit um die richtigen Konzepte darf man nicht die Motive der anderen Seite in Zweifel ziehen“, sagt Anke Papke, Direktorin des Bundesverbandes deutscher Banken.

Darf man nicht? Die wenigsten Materialien werden von den Lehrerinnen und Lehrern ausdrücklich bestellt. Es gibt keinerlei Qualitätskontrolle und keinerlei klare Richtlinien für die Materialien bzw. deren Nutzung. Diese Materialien verstoßen gegen das in der politischen Bildung verankerte Indoktrinationsverbot. Die angebotenen Themen werden auch nicht kontrovers aufbereitet. Beide Grundsätze sind jedoch Grundpfeiler des „Beutelsbacher Konsens“, in dem grundlegende Standards für die politische Bildung verankert wurden.

Beispiele der Indoktrination

Was die Wirtschafts-Verbände und Unternehmen wirklich bewegt, lässt sich anhand einiger ausgewählter Beispiele zeigen.

Wirtschaftsordnung: Die Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ hat eine Unterrichtseinheit zum Thema „Wirtschaftsordnung“ veröffentlicht. Hier wird pure marktradikale Ideologie gelehrt - und das mit unverhohlenen Attacken auf den Sozialstaat: „Der heutige Sozialstaat dient häufig genug nicht den wirklich Bedürftigen, sondern jenen, die sich im politischen Geschäft besonders schlagkräftig Gehör verschaffen. Und er dient jenen, die sich als Einrichtungen der sozialen Selbstverwaltung, als „Sozialpartner“ oder als Umverteilungsbürokraten längst unersetzlich gemacht haben.“ (S. 76).

In einem Unterrichtsmaterial der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wird kritisiert, dass das Grundgesetz die Freiheits- und Eigentumsrechte zu Gunsten des Gemeinwohls einschränkt: „In Artikel 14 Absatz 2 heißt es: ‚Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.’ Zugegeben, dieses Gebot ist ohne Zweifel gut gemeint, doch von einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung zeugt es nun wirklich nicht.“ (S. 21). Stattdessen setzt man auf die „kapitalistische Gemeinschaftswohlmaschine“ frei nach Adam Smith. „Man kippt oben Eigeninteresse hinein – und schwups, kommt unten Gemeinwohl heraus.“ (S. 21)

Mitbestimmung: Zur Mitbestimmung bedient das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln in Zusammenarbeit mit der BDA-Bundesarbeitsgemeinschaft „Schule/Wirtschaft“ nur allzu schlichte Vorurteile: „Unbestritten ist auch, dass ideologisch eingestellte Betriebsräte („Was für das Unternehmen gut ist, muss für die Arbeitnehmer schlecht sein“) angesichts der vielfältigen Vorschriften und der komplizierten Rechtsprechung durchaus in der Lage sind, Betriebsabläufe empfindlich zu stören“. (S. 9)

Schulfach: Weltanschauung mit Werbepause

Hier wird abgestandene Ideologie gelehrt, die vor allem die Leistungen der Betriebsräte und Gewerkschaften zum Vorteil von Unternehmen und Beschäftigten in der Krise komplett verschweigt. Die Wirtschafts-Verbände nutzten ihre Angebote als trojanisches Pferd, um ein eindimensionales Wirtschaftsverständnis im Unterricht zu verankern. Oder, wie es Reinhold Hedtke in seinem Aufsatz „Wirtschaft in die Schule?!“ schrieb: „Diese Kampagne macht ökonomische Bildung zur weltanschaulichen Bildung. Damit steht sie in scharfem Gegensatz zu den wissenschaftlich seriösen Konzepten der Wirtschaftsdidaktik. Die Kampagne soll den hegemonialen politischen Diskurs, der in Politik und Medien vom ökonomistisch-liberalistischen Denken geprägt ist, in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler tragen. Die Bezeichnung ökonomische Bildung für diese Kampagne ist irreführend.“

All diese Beispiele zeigen, nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften hat sich ein wirtschaftsliberaler Mainstream herausgebildet, der nahezu blind ist für die Risiken von deregulierten Märkten. Auch Wirtschaftsdidaktiker haben vielfach eine besondere Nähe zu Unternehmen und Arbeitgeber-Verbänden, können sie doch mit lukrativen Aufträgen rechnen.

Mehr noch: Die Unternehmen haben die Schule auch als profitablen Werbemarkt erkannt. Mit professionell gemachten Unterrichtseinheiten bringen sie ihr Produkt direkt an das Kind: Es gibt die Scrabble-Schulmeisterschaften. Kinder sollen das ABC mit „Russisch Brot“ von Bahlsen lernen. Hier hat sich eine ganze Branche gebildet, die unter dem Titel Bildungskommunikation die Produkte in den Schulen platziert.

Dabei stehen selbst eigentlich renommierte Stiftungen für die Schleichwerbung Pate. Nach Recherchen von „Report Mainz“ bietet zum Beispiel die „Stiftung Lesen“ über ihren „Lehrerclub“ mit 50 000 Mitgliedern zahlreiche firmenfinanzierte Unterrichtsmaterialien zur Leseförderung an.

Diese Arbeitsblätter und Broschüren enthalten teilweise schlichte Schleichwerbung im Sinne der Sponsoren der Stiftung, heißt es in dem Bericht. So wird in einer von der Mainzer Volksbank (MVB) finanzierten Unterrichtsmappe zum Thema „Geld in der Grundschule“ das spezielle Bonussystem des „Kid-Kontos“ der Bank angepriesen. Die Grundschüler erfahren, dass sie fürs Sparen bei dieser Bank nicht nur Zinsen, sondern auch „Fische“ erhalten, die sie gegen „Geschenke tauschen“ können. Zudem müssen die Grundschüler auf Arbeitsblättern für den Unterricht unter anderem die Frage beantworten: „Wie heißt die lustige Kinderzeitschrift von der Volksbank?“. Gemeint ist das Kindermagazin „Primax“ der Volksbanken, das als Tipp ganz oben auf der Leseliste der Stiftung Lesen steht.

Le(e)hrreich: das Gut-und-Böse-Fach

Doch die Arbeitgeber-Lobby will auch Einfluss auf die Lehrpläne nehmen. Ziel ist ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. Obwohl die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung als zuständige Fachgesellschaft bereits Bildungsstandards für die ökonomische Bildung an Schulen entwickelt hatte, ließ der Gemeinschaftsausschuss der deutschen gewerblichen Wirtschaft eigene Bildungsstandards erarbeiten.

Tarifvertrags-, Arbeitskampf-, Mitbestimmungsrecht und Betriebsverfassung werden in den Musteraufgaben ausschließlich als Problem benannt (S. 128). Integrationsfächer wie Sozialkunde, Sozialwissenschaften oder Politik/Wirtschaft sowie die Einbettung von politischen, sozialen und ökologischen Zusammenhängen in die ökonomische Bildung werden kritisiert. Problematische Entwicklungen werden nahezu komplett ausgespart: Warum sollen die Schülerinnen und Schüler in der ökonomischen Bildung nichts über die Zunahme prekärer Beschäftigung, die auch im internationalen Vergleich starke Abhängigkeit von sozialer Herkunft und beruflichem Erfolg, die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung oder die Besetzung fast aller Leitungspositionen durch Männer erfahren?

Das Gutachten präsentiert zudem das Bild einer klinisch reinen Wirtschaft: Kriminell sind hier lediglich die Arbeitnehmer (Krankfeiern), die Verbraucher (Zigarettenschmuggel) und die Versicherten (Versicherungsbetrug S. 49, 66). Unternehmer bleiben hingegen unbefleckt. Die Schülerinnen und Schüler lernen nichts über Korruption, die systematische Abwälzung von Risiken auf Staat und Steuerzahler oder illegale Beschäftigung. Auch Fragen der Wirtschaftsethik kommen nicht vor. So verwundert auch nicht, dass die globale Wirtschafts- und Finanzkrise in dem Konzept der Wirtschaft nicht reflektiert wird.

Wirtschaftswissenschaft ist Gesellschaftswissenschaft und nicht Gewinner-Esoterik

Der DGB hat ein anderes Verständnis von ökonomischer Bildung. Sie muss die unterschiedlichen wirtschaftlichen Theorien in ihren Aussagen, Interessenbezügen und Reichweiten zur Geltung kommen lassen. Sie muss Schülerinnen und Schüler befähigen, in einer von Interessensgegensätzen geleiteten Gesellschaft eigene Standpunkte zu finden und zu vertreten. Für den DGB gilt, dass in der Schule die kritische Urteilsbildung der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt steht. Unterrichtsmaterialien dürfen nicht zur Selbstdarstellung und Interessenspolitik missbraucht werden. Am Ende einer Unterrichtseinheit müssen mehrere Lösungen für ein soziales, politisches oder ökonomisches Problem stehen. Ökonomische Bildung, die auf reines Vermitteln technischen Wissens beschränkt ist, trägt nicht zu der Entwicklung der kritisch-reflexiven Handlungskompetenz bei, die in der Didaktik der politischen Bildung zu Recht gefordert wird.

Wir setzen deshalb auf eine sozioökonomische Bildung die praxisorientiert, interdisziplinär und fächerübergreifend ist. Sie bindet politische und gesellschaftliche Zusammenhänge von Arbeit und Wirtschaft ebenso ein wie soziale, ethische, rechtliche und ökologische Aspekte. Eine zeitgemäße sozioökonomische Bildung klärt Schülerinnen und Schüler über ihre individuellen und kollektiven Handlungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten auf. Diese Bildungsziele sollten leitende Kriterien für die Auswahl von Unterrichtsinhalten und Unterrichtsmethoden sein.

In der „Initiative Schule – Arbeitswelt“ (www.schule.dgb.de) setzen sich die Gewerkschaften für ein umfassendes Verständnis der ökonomischen Bildung ein. Wir klären in Lehrerfortbildungen über die Einseitigkeit wirtschaftsnaher Unterrichtsmaterialien auf.

Doch letztlich darf Schule nicht zum Kampfplatz der Lobbyisten werden. Hier muss die staatliche Verantwortung für eine lobbyfreie, umfassende und ausgewogene sozioökonomische Bildung greifen. Die Kultusministerkonferenz sollte deshalb eine Clearingstelle einrichten, die die Unterrichtsmaterialien des grauen Marktes kontrolliert und Schulen und Lehrkräften klar sagt, welche Materialien nicht für den Unterricht geeignet sind.


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Kurzprofil

Ingrid Sehrbrock
Geboren am 1. Juni 1948 in Offenbach
seit 1999 Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des DGB
Von 2006 bis 2013 stellvertretende DGB-Vorsitzende
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