Deutscher Gewerkschaftsbund

06.03.2020

Gute Besserung durch Gleichberechtigung

Frauen leisten den Großteil der Arbeit im Gesundheitswesen. Doch sie besetzen kaum führende Positionen. Das macht die aufreibende Arbeit dort unattraktiv und trägt dazu bei, dass weltweit Pflegekräfte, Ärztinnen und Hebammen fehlen. Nur wenn Frauen mehr Einfluss gewinnen, wird die Gesundheitsversorgung sich verbessern.

 

Von Toyin Saraki

Ein Arzt in Schutzkleidung mit Gesichtsmaske hält eine Spritze an den Arm eines Mannes.

Im Gesundheitswesen kümmern sich auch in den Zeiten von Covid-19 vor allem Frauen um die Patienten. DGB/Andrea De Martin/123rf.com

Uns bleiben noch zehn Jahre Zeit, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen zu erreichen. Und wir sind nicht annähernd da, wo wir sein müssten. Ein entscheidender Grund dafür: Frauen bleiben von Entscheidungsprozessen weitgehend ausgeschlossen. Das führt zu einer Politik, die Frauen nicht die Unterstützung bietet, die sie für ihr Vorankommen – oder sogar für ihr Überleben – benötigen. Nirgendwo ist diese Dynamik offensichtlicher als im Gesundheitssektor.

Frauen haben im Gesundheitswesen selten leitende Positionen

Frauen machen etwa 70 Prozent der weltweiten Arbeitskräfte im Gesundheitswesen aus und üben den Großteil der schwierigsten, gefährlichsten und arbeitsintensivsten Tätigkeiten in diesem Bereich aus. Trotzdem haben sie lediglich 25 Prozent der leitenden Funktionen im Gesundheitssektor inne und sind in der Politikgestaltung nur selten angemessen vertreten. Stattdessen wird häufig von ihnen erwartet, dass sie passive Akteurinnen bleiben und im Stillen Wege finden, ihre Arbeit unter schwierigen – wenn nicht gar unmöglichen – Bedingungen zu erledigen.

Die Realität weiblicher Gesundheitsfachkräfte wurde in einem unlängst an die medizinische Fachzeitschrift The Lancet gerichteten Brief zweier chinesischer Krankenschwestern widergespiegelt, in dem sie die Bedingungen schildern, mit denen sie und ihre Kolleginnen an vorderster Front im Kampf gegen das neue Corona-Virus Covid-19 an seinem Ursprung in Wuhan, China, konfrontiert sind. Es mag ein Extremfall sein – und der Brief wurde inzwischen wegen der Behauptung zurückgezogen, es handle sich nicht um eine Darstellung aus erster Hand. Doch die beschriebenen Herausforderungen, von der Knappheit der Schutzausrüstung bis hin zu chronischer Überlastung und Erschöpfung, sind den Beschäftigten im Gesundheitswesen überall nur allzu vertraut.

Weltkarte mit Zahlen der Corona-Fälle.

Diese Karte der Weltgesundheitsorganisation dokumentiert den aktuellen Stand der Covid-19-Pandemie. DGB/WHO

Solche Bedingungen machen unentbehrliche Arbeitsplätze im Gesundheitssektor unattraktiv und tragen weltweit zu einem schwerwiegenden Arbeitskräftemangel bei. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bis zum Jahr 2030 weltweit neun Millionen zusätzliche Pflegefachkräfte und Hebammen benötigt werden, damit alle Länder das Nachhaltigkeitsziel 3 erreichen können: "ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern".

Es ist eine Frage von Leben und Tod, genügend Arbeitskräfte im Gesundheitssektor zu finden. So entscheidet oft die Anwesenheit einer Hebamme über eine sichere Geburt oder den Tod von Neugeborenen oder ihrer Mütter. Der fehlende Zugang zu Geburtshilfe – insbesondere für gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie etwa arme Landbewohnerinnen – ist ein Hauptgrund dafür, dass zwei Drittel aller Todesfälle bei Müttern in Afrika südlich der Sahara auftreten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass eine angemessene Hebammenbetreuung (einschließlich Familienplanung) 83 Prozent aller Todesfälle bei Müttern, Neugeborenen und Totgeburten verhindern könnte.

Eine bessere Versorgung würde die Müttersterblichkeitsrate halbieren

Die Säuglings- und Müttersterblichkeit ist keineswegs auf die Entwicklungsländer beschränkt. In den Vereinigten Staaten ist die Müttersterblichkeitsrate in den letzten Jahrzehnten sogar gestiegen, von 7,2 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten im Jahr 1987 auf 16,9 Todesfälle pro 100.000 Lebendgeburten im Jahr 2016. Mehr als die Hälfte dieser Todesfälle hätte verhindert werden können, wenn die Mütter die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen pränatalen und postpartalen Versorgung besser verstanden und leichteren Zugang dazu gehabt hätten.

Dieser beunruhigende Trend hat eine eindeutige rassistische Dimension. In den USA ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwarze Frau an Komplikationen in der Schwangerschaft stirbt, 3-4 Mal höher als bei einer weißen Frau. Im Vereinigten Königreich ist sie fünf Mal höher. Diese Diskrepanz mag sich zwar zum Teil durch gesundheitliche Komplikationen bei schwarzen Frauen erklären lassen, aber rassistische Vorurteile spielen ebenfalls eine Rolle. Schwarze Frauen berichten oft, dass sie das Gefühl haben, von Angehörigen medizinischer Berufe nicht ernst genommen zu werden.

Eine schwarze schwangere Frau sitzt in einer Praxis auf einem Stuhl, ihr gegenüber eine Krankschwester in blauer Kleidung mit einem Hefter in der Hand. Sie spricht mit der Patientin.

In den USA und Großbritannien ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwarze Frau an Komplikationen in der Schwangerschaft stirbt, bis zu fünf Mal höher als bei einer weißen Frau. SGB/Cathy Yeulet/123rf.com

Dieser beunruhigende Trend hat eine eindeutige rassistische Dimension. In den USA ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwarze Frau an Komplikationen in der Schwangerschaft stirbt, 3-4 Mal höher als bei einer weißen Frau. Im Vereinigten Königreich ist sie fünf Mal höher. Diese Diskrepanz mag sich zwar zum Teil durch gesundheitliche Komplikationen bei schwarzen Frauen erklären lassen, aber rassistische Vorurteile spielen ebenfalls eine Rolle. Schwarze Frauen berichten oft, dass sie das Gefühl haben, von Angehörigen medizinischer Berufe nicht ernst genommen zu werden.

2020 ist das Jahr Pflegekräfte und Hebammen. Doch was folgt daraus?

Es zieht weitere gesundheitliche Konsequenzen nach sich, wenn Frauen nicht gehört werden. Kinder, die von gesunden Müttern geboren werden, bleiben mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Leben lang gesünder. Da eine Frau am ehesten während der Schwangerschaft mit dem Gesundheitswesen in Kontakt kommt, kann die Unterstützung einer Hebamme oder Pflegekraft dazu führen, dass die gesamte Familie einer Frau Zugang zum Gesundheitssystem findet.

In der Absicht, ihren entscheidenden Beitrag im Gesundheitssektor anzuerkennen, hat die Weltgesundheitsorganisation 2020 zum Jahr der Pflegekräfte und Hebammen erklärt. Doch über die Würdigung der harten Arbeit von Pflegekräften und Hebammen hinaus müssen wir versuchen, strukturelle Ungleichheiten zu korrigieren, die Frauen von Führungspositionen in diesen Berufen ausschließen. Das war in dieser Woche ein zentrales Ziel der Konferenz "Women in Dev" – eine von Frauen geführte, auf Frauen ausgerichtete Initiative, die unser aller Unterstützung verdient.

Von Arbeitskräftemangel bis zu rassistischen Vorurteilen – die Hürden für die Verwirklichung des Nachhaltigkeitszieles 3 sind ebenso verschieden wie hoch. Die Erfolgschancen sind allerdings wesentlich besser, wenn wir auf diejenigen hören, die die Situation vor Ort verstehen, und uns unter Berücksichtigung der unterschiedlichen sozioökonomischen Bedingungen auf allen Ebenen für eine bessere Integration einsetzen. Voraussetzung hierfür ist ein grundlegendes Umdenken, verbunden mit der Erkenntnis sowohl verschiedener Öffentlichkeiten als auch politischer Entscheidungsträger, dass Frauen – als Pflegekräfte, Hebammen und Mütter – in Bezug auf die Gesundheit oft als Gatekeeper fungieren: Sie sind der Schlüssel, mit dem die restliche Bevölkerung erreicht wird. Ein Jahrzehnt der raschen Fortschritte auf dem Weg zur Verwirklichung des Nachhaltigkeitszieles 3 ist möglich. Doch Frauen müssen das Heft in der Hand halten.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Toyin Saraki
ist die Gründerin und Präsidentin der Wellbeing Foundation Africa (WBFA).
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