Deutscher Gewerkschaftsbund

16.06.2020

Normal ist das alles nicht

Die Covid-19-Pandemie führt zu einigen paradoxen Veränderungen, konstatiert der Politologe Ivan Krastev. Der Nationalstaat erlebt eine Renaissance, ohne fremdenfeindlich zu sein. Der Protektionismus dagegen verliert an Bedeutung, weil er in der Krise nur schadet. Die EU könnte von alledem sehr profitieren.

 

Interview mit Ivan Krastev

Eine Frau mit Mundmaske. Das Bild ist farblich verfremdet mit starken Gelb- und Rottönen.

In der neuen Phase der Covid-19-Pandemie beginnt die Rückkehr zum alltäglichen Leben der Zeit zuvor. Doch Abstand, Masken und Hygiene bleiben wichtig, um eine zweite Coronawelle zu verhindern. DGB/dah

In Ihrem neuen Buch "Ist heute schon morgen?" schreiben Sie über die neue Normalität. Welche Gestalt hat diese neue Normalität?

Ivan Krastev: Das ist die erste absolut globale Krise. Der 11. September 2001 war ein Trauma, dass vor allem New York City und Washington, D.C. betroffen hat. Die Finanzkrise war in Europa vor allem eine Krise der Eurozone, Länder wie Polen waren gar nicht betroffen. In der Corona-Krise stecken wir nun alle gemeinsam. Interessant ist allerdings, worauf die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrem brillanten Buch über die Spanische Grippe "1918 - die Welt in Fieber" hingewiesen hat: Wir werden uns an diese Pandemie in ein paar Jahrzehnten nicht mehr erinnern. Denn in einer Epidemie ändert sich zwar alles, aber es passiert nichts. Woran sollen wir uns auch erinnern? Dass wir daheim geblieben sind? Dabei haben die großen Epidemien den Lauf der Geschichte mehr verändert als Kriege und Revolutionen. Selbst die Architektur von Städten und die Stadtplanung wurden sehr stark von Epidemien geformt. Wir leben heute in einer Welt, in der Kriege und Revolutionen viel weniger wahrscheinlich sind als eine Pandemie. Das ist ein absoluter Bruch mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

 

Wie weit wird die Kultur des Social Distancing unseren Alltag verändern?

Menschen werden im Umgang mit anderen Menschen vorsichtiger werden. Wir beobachten jetzt schon eine Eskalation des Wandels. Allerdings waren viele Entwicklungen, die sich jetzt rapide rasch beschleunigen, schon davor in Gange. Gewohnheiten werden verfestigt, neue Gewohnheiten entstehen. Die Menschen haben eine neue Vorstellung davon entwickelt, was möglich ist und was nicht. Das hat die Vorstellungskraft der Menschen radikal verändert. Manche Klimaschutzaktivisten träumten seit langer Zeit davon, dass weniger Flugzeuge in den Himmel steigen. Und jetzt? Fast alle Flugzeuge sind am Boden. Aber auch der Traum von radikalen Nationalisten ist wahr geworden: Die Grenzen waren monatelang zu. Viele Dinge, die man noch vor kurzem für völlig unmöglich gehalten hat, sind plötzlich möglich geworden. Das ist die neue Normalität. Normalerweise wird die Normalität durch unsere schwache Vorstellungskraft und mangelnde Fantasie geformt. Weil wir uns bestimmte Dinge nicht vorstellen können, passieren sie auch nicht. Und das ist völlig normal.

 

Ist es auch denkbar, dass den Menschen während der Zeit des Shutdowns oder Lockdowns bewusst geworden ist, was sie in ihrem Leben besonders vermissen?

Absolut. Denn was ist das Wesen der Normalität: Dass man Dinge tut, die man schon vergisst, während man sie noch macht. Normalität ist, sich den Strom des Lebens hinuntertreiben zu lassen. Und plötzlich haben viele Menschen ein Erlebnis, das dem eines Gefangenen ähnelt und das der russisch-amerikanische Dichter und Nobelpreisträger Joseph Brodsky mit folgenden Worten so treffend beschrieben hat: "Mangel an Raum, kompensiert durch einen Überfluss an Zeit."

 

Was hat sich auf politischer Ebene verändert?

Manche betrachten Nationalismus jetzt aus anderer Perspektive. Der erste Instinkt zu Beginn der Pandemie war, alle Grenzen dichtzumachen. Der Nationalismus, den wir in den letzten Wochen erlebt haben, ist aber ein völlig anderer als jener, der während der Flüchtlingskrise sein Gesicht gezeigt hat. Der ethnische Nationalismus, den wir während der Flüchtlingskrise erlebt haben, rückte die Herkunft eines Menschen ins Zentrum. Da ging es um ein "Wir gegen die". Diesmal ist das anders: Nun ging es um den Wohnort. Wenn man plötzlich die Grenzen dichtmacht, dann sind all die Menschen, die an einem bestimmten Ort Zusammenleben - unbeschadet ihrer Nationalität - Teil der Gemeinschaft. Das ist ein viel inklusiverer Typ von Nationalismus.

Ähnliches lässt ja auch mit Blick auf den Protektionismus sagen, oder?

Ja, eine weitere Lehre war, dass Protektionismus auf der Ebene eines europäischen Nationalstaats einfach nicht sinnvoll ist. Man braucht hierzulande Arbeitskräfte aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien oder Polen, die auf den Feldern helfen oder die sich als Pflegekräfte um die Senioren kümmern. Viele Menschen mussten plötzlich erkennen, dass es so etwas wie eine nationale Volkswirtschaft nicht gibt. Sie lernten in dieser Krise, dass moderne Volkswirtschaften von Importen und Exporten abhängig sind, dass entwickelte Volkswirtschaften Arbeitskräfte aus dem Ausland brauchen, um zu funktionieren. Sie mussten erkennen, dass ein nicht unbedeutender Teil der Wirtschaft von Touristen, Geschäftsreisenden, Besucherinnen und Besuchern oder Studentinnen und Studenten aus dem Ausland lebt. Gleichzeitig wurden die Menschen, die in ihren Wohnungen eingeschlossen waren, so kosmopolitisch wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie haben sich brennend dafür interessiert, was in der Welt vor sich geht und es mit ihrer Lage verglichen. Wenn man durch die Satellitenkanäle zappte, dann sah man auf jedem Kanal praktisch dasselbe – vor wechselnder Kulisse. Aber das Thema blieb das gleiche: Corona.

Schwarzweiß-Bild von Polizisten aus dem Jahr 1918, die alle Mundschutz tragen und in Formation eine Straße entlang laufen.

Die Spanische Grippe kostete zwischen 1918 und 1920 bis zu 50 Millionen Menschen das Leben. Die Polizei, hier in Seattle, versuchte sich auch damals schon mit Gesichtsmasken zu schützen. DGB/Wikimedia Commons/Gemeinfrei

Klimaschützer bemühen den Vergleich zwischen der Corona- und Klimakrise. Die Klimakrise sei wie die Corona-Krise - je länger man zuwarte, desto schlimmer würden die Folgen. Nur, dass die Klimakrise im Vergleich zur Corona-Krise in Zeitlupe abläuft.

In der Klimafrage steckt obendrein ein Generationskonflikt: Junge Leute werfen der älteren Generation vor, dass sie einen Planeten hinterlässt, der in naher Zukunft in manchen Regionen unbewohnbar sein wird. In der Coronakrise ist das anders: Plötzlich schweben die älteren Menschen in größter Gefahr. In beiden Fällen haben wir es mit einer asymmetrischen Generationenkonflikt-Dynamik zu tun. Was wir in der Coronakrise beobachten konnten: Junge Menschen fürchteten nicht primär um ihr eigenes Leben, sondern um das ihrer Eltern und Großeltern. Da wurde wieder eine belastbare Brücke zwischen den Generationen gebaut.

Markiert die Corona-Krise einen Wendepunkt hin zu einem neuen Kalten Krieg?

Als ich zuletzt in den USA war, hatte ich das Gefühl, dass die Stimmung in den Korridoren der Macht so war, wie sie im Jahr 1947 gewesen sein musste. Ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die USA und Sowjetunion zumindest auf dem Papier noch verbündete alliierte Mächte. Die Stimmung begann damals aber bereits zu kippen. Heute erlebt die Welt eine Pandemie, die mit Geopolitik nichts zu tun hat, die aber den Konfrontationskurs zwischen China und den USA massiv verschärft. In Europa wiederum hat einerseits die anti-chinesische Stimmung zugenommen, andererseits sind die Europäer schockiert über den Zustand Amerikas. Ein Land, das fast 17 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen ausgibt, bekommt die Pandemie nicht in den Griff. Die Menschen in der EU müssen nun erkennen: Europa steht allein da. Die Deglobalisierungstendenz macht die Notwendigkeit einer Vertiefung der EU dringlicher.

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen dem alten Kalten Krieg und dem Kalten Krieg, den die USA und China führen?

China ist nicht erpicht darauf, dass irgendwer in Europa die chinesische Form des Kommunismus übernimmt. China geht es darum, dass die EU in Zukunft chinesische Technologiestandards akzeptiert. China geht es mehr darum, Handelspartner zu gewinnen, nicht Alliierte. Für Europa stellen sich Fragen wie: Wer ist bereit, Geld in Ericsson und Nokia zu stecken und die Standards für das Handynetz der nächsten Generation weiterzuentwickeln? Grundsätzlicher noch muss Europa die Frage des Wettbewerbs überdenken. Es geht längst nicht nur um Wettbewerb in Europa, sondern um globale Konkurrenz. Und da stellt sich die Frage, ob Europa dann nicht die Schaffung von europäischen Champions zulassen und vielleicht sogar fördern müsste, die im globalen Wettbewerb bestehen können. Da geht es um europäische Souveränität. Die EU-Staaten müssen erkennen, dass es auf dem nationalstaatlichen Level keine technologische Souveränität gibt. Das ist eine neue Agenda. Konkurrenz, Protektionismus, Souveränität: Politikerinnen und Politiker sprechen in der neuen Normalität zwar immer noch dieselbe Sprache, aber die Wörter haben eine neue Bedeutung bekommen.

Was bedeutet die Covid-Krise für die Europäische Union?

Die Europäische Union kann als liberaler Akteur in einer zunehmend illiberalen Welt nur existieren, wenn sie sich von einer Missionsstation, die die Welt nach ihrem Ebenbild formen will, zu einem Kloster wandelt, das den Schutz der Einzigartigkeit ihres politischen Projekts in den Mittelpunkt stellt. Das Kloster muss ökonomisch und auch militärisch in der Lage sein, die eigene Autonomie und den europäischen Way of Life zu verteidigen. Seine bloße Existenz ist für andere ein Beispiel einer möglichen Transformation. In jedem Kloster schlummert ja eine Missionsstation.

Ivan Krastev diskutiert in einem Video-Chat mit Jordi Vacqer die Zukunft Europas nach der Covid-19-Pandemie.

Hat sich die EU in der Pandemie als krisenfest erwiesen?

Wir leben in Europa in einem Laborversuch. Die Europäische Union ist ein politisches Experiment. Man weiß nicht, wie diese postsouveräne, postnationale Struktur eigentlich funktionieren soll. Aber die europäischen Gesellschaften sind weit weniger stark polarisiert wie die US-Gesellschaft. In Europa verlaufen die Konfliktlinien bei jeder Krise woanders. Einmal - bei der Finanzkrise - hieß es Norden gegen Süden, bei der Flüchtlingskrise hieß es Ost versus West. Die europäischen Gesellschaften sind auch viel flexibler. In den ersten Wochen der Krise haben die europäischen Politiker den Nationalstaat an die erste Stelle gestellt. Kanzlerin Angela Merkel, Bundeskanzler Sebastian Kurz, der spanische Premier Pedro Sánchez oder Präsident Emmanuel Macron. Jetzt - nach der unmittelbaren Notfallphase - zeigt sich aber der Wille zu europäischer Solidarität und Zusammenarbeit.

Auf dem Finanzsektor wird jetzt ein Grad an Integration angestrebt, der nichts weniger als eine Revolution darstellt. Politische Beobachter gehen ja stets davon aus, dass pro-europäische Politiker die Integration der Europäischen Union vorantreiben. Es gibt aber auch eine Gegenposition: Der britische Historiker Alan Milward schrieb 1992 in seinem Buch "The European Rescue of the Nation State", dass der Grundstein der Europäischen Union im Jahr 1950 von Nationalisten wie Konrad Adenauer oder Charles de Gaulle gelegt wurde. Nach Ansicht von Milward war Europa aus Sicht von Adenauer, de Gaulle & Co nicht dazu da, den Nationalstaat zu schwächen, sondern Europa sollte den Nationalstaat retten. Heute ist es ähnlich. Das politische Führungspersonal der europäischen Nationalstaaten musste erkennen, dass in einer Welt, in der der Protektionismus global zunimmt, die Nationalstaaten keine relevante Rolle spielen können.

Führt die tiefe Wirtschaftskrise, die vor uns liegt, zu einer Renaissance der Solidarität?

Die privilegierten Menschen haben in dieser Krise erkannt, dass sie ihr komfortables Leben deshalb leben können, weil eine Vielzahl von schlecht bezahlten Menschen die Strukturen am Laufen hält, die dieses Leben erst ermöglichen. Ob Covid-19 dazu führt, dass die Menschen in den USA und anderswo nun mehr Solidarität entwickeln, oder ob die privilegierten Schichten sich noch mehr hinter ihren Privilegien verbarrikadieren – das ist noch nicht entschieden. Das Vertrauen in den Staat ist jedenfalls in vielen europäischen Ländern wieder gewachsen. Ein guter Staat ist der, der genug Masken eingebunkert hat, genug Medikamente, genug Beatmungsmaschinen.

Kehren wir am Schluss des Gesprächs nochmals zur neuen Normalität zurück, die so gar nicht normal ist.

Es gab ja schon vor Covid-19 keine Normalität. Ich beziehe mich in meinem Buch "Ist heute schon morgen?" auch auf den Roman "Die Stadt der Blinden" des portugiesischen Literaten und Essayisten José Saramago. In diesem Buch erblinden immer mehr Menschen durch eine mysteriöse Krankheit. Aus Angst vor einer Ausbreitung der Blindheits-Epidemie lässt die Regierung alle Blinden und alle, die Kontakt zu Erblindeten hatten, zusammentreiben und in ein ehemaliges Irrenhaus am Stadtrand verfrachten. Auf den letzten Seiten des Romans klingt die Epidemie schließlich plötzlich so schnell ab, wie sie gekommen war. Die Menschen fragen sich, warum sie blind wurden. "Ich glaube nicht, dass wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind – Blinde, die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen." So lautet einer der Schlüsselsätze in Samaragos wunderbarer Parabel über Epidemien. Denn in jeder Epidemie fühlen wir uns blind, weil wir die Pandemie nicht haben kommen sehen. Wir sind desorientiert, weil nichts mehr so ist, wie es einmal war. Saramago glaubt nicht, dass Epidemien die Gesellschaft verwandeln. Doch sie helfen uns, die Wahrheit über unsere Gesellschaften zu sehen. Darum ist es wichtig, dass wir verstehen, was wir miterlebten, während wir in unserem Zuhause festsitzen. Denn die neue Normalität gab es schon vorher, wir erkennen sie aber erst jetzt.

 


Das Interview führte Thomas Seifert für die Wiener Zeitung, wo es am 12. Juni in einer längeren Fassung zuerst erschien.


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Kurzprofil

Ivan Krastev
Ivan Krastev ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Gerade erschien sein Buch "Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert".
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