Deutscher Gewerkschaftsbund

12.08.2013

Was glaubst Du denn?

Muslime in Deutschland

Alltag und Lebensgefühl junger Muslime und Muslimas sind das Thema einer Ausstellung, die in den kommenden beiden Jahren durch die Bundesrepublik tourt und in zahlreichen weiterführenden Schulen gezeigt wird.

Die Lebenswirklichkeit junger Muslime und Muslimas in Deutschland, ihre Wünsche, Hoffnungen und auch ihre Probleme stehen im Fokus einer Ausstellung, die nach einer ersten Station in der Otto-Hahn-Schule in Berlin-Neukölln in den kommenden beiden Jahren an zahlreichen weiterführenden Schulen im gesamten Bundesgebiet präsentiert wird. Sie richtet sich gleichermaßen an Muslime und Nichtmuslime und soll vornehmlich Schülern und Schülerinnen der Sekundarstufe I konkrete Einblicke in das Leben des muslimischen Teils ihrer KlassenkameradInnen ermöglichen. An ihren Sehgewohnheiten orientiert sich die Schau, die durch zahlreiche Videoporträts, Comics, Animationsfilme und interaktive Stationen gekennzeichnet ist und die die BesucherInnen so immer wieder zum mitmachen und mitdenken einlädt. Realisiert wurde „Was glaubst Du denn?!“ unter der Projektleitung von Petra Grüne von der Bundeszentrale für politische Bildung im Auftrag des Bundesinnenministeriums, das damit einer Anregung der Deutschen Islamkonferenz folgte.

Mittlerweile sind rund 3,8 bis 4,8 Millionen Menschen - also rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik – muslimischen Glaubens. Ein halbes Jahrhundert nach den Anwerbeabkommen mit der Türkei, Marokko und Tunesien widmet sich erstmals ein staatliches Ausstellungsprojekt den muslimischen Jugendlichen, die heute in Deutschland leben.

Konzept und Ziele der Schau

Erklärtes Ziel der Ausstellung ist es generell, die Gesprächsfähigkeit zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen zu verbessern, Stereotype und eingeschliffene Zuschreibungen aufzubrechen und Reflexionen über kollektive und individuelle Identitäten und Zuweisungen auszulösen. Im Hintergrund steht die Frage, wie ein wünschenswertes soziales Miteinander verschiedener Gruppen aussehen könnte und was gerade Jugendliche bei aller vordergründigen Verschiedenheit miteinander verbindet.

Dabei wird deutlich, dass Religiosität auch bei jungen Muslimen nur einen Aspekt ihrer individuellen Lebensgestaltung darstellt. Die Ausstellung verschweigt dabei nicht, dass Glauben und Religion bei vielen muslimischen Jugendlichen oft einen größeren Stellenwert einnimmt als bei den meisten ihrer nichtmuslimischen AltersgenossInnen. So erfährt man, dass sich 50 Prozent als „eher gläubig“ und weitere 36 Prozent als „stark gläubig“ bezeichnen.

Der Glaube muslimischer Jugendlicher prägt in ganz unterschiedlicher Stärke deren alltägliches und gesellschaftliches Leben. Überraschen mag vielleicht einige Nichtmuslime, dass das Kopftuch als Zeichen der Religiösität nur von der Hälfte aller Frauen getragen wird, die sich als stark gläubig bezeichnen.

Individualität im Mittelpunkt

Die Porträts von dreißig Personen (nicht ausschließlich) islamischen Glaubens bilden den Einstieg in die Ausstellung. Den lebensnahen Fotografien (von Seren Başoğul) sind auf der Rückseite Informationen zum biografischen Hintergrund der Betreffenden beigegeben. Sie konterkarieren einheitliche Vorstellungen über „die“ Muslime in Deutschland, indem sie die Porträtierten in ihrer Individualität darstellen. Nicht seltenes Schubladendenken in Bezug auf  „typisch muslimisch“ angesehene Äußerlichkeiten, wie etwa Kleidung und das in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Kopftuch, wird durch die Darstellung oft ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe auf den Prüfstand gestellt.

Im Zentrum des ersten Ausstellungsabschnitts stehen dann sieben junge Muslime und Muslimas aus verschiedenen Orten Deutschlands. Sie stellen sich in einer Reihe aufeinander bezogener Filmclips selbst vor  und sprechen über die unterschiedlichsten Themen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen und ihnenwichtig sind. Hierbei geht es um die Rolle ihrer Familien und ihre Herkunft, natürlich auch um Liebe und Freundschaften, aber auch um ihre Hobbys und die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Zu Wort kommen Sunniten und Alawiten, Jungen aus Akademikerfamilien und Mädchen, die in einfachen Verhältnissen aufwachsen, sowie Flüchtlinge und deutsche Staatsbürger. Um die passenden Jugendlichen zu finden, ist Petra Lutz, die Kuratorin der Ausstellung, zwei Jahre lang durch die Republik gereist. Dass dabei auch die Gleichgültigkeit und die manchmal absurd anmutenden Hürden, welche die deutschen Behörden insbesondere jugendlichen MigrantInnen häufig in den Weg legen, nicht ausgespart werden, zeugt sicherlich weniger von einer selbstkritischen Anwandlung des Bundesinnenministeriums, als von dem Realitätssinn und der couragierten Hartnäckigkeit des Ausstellungsteams.. 

Wissen über den Islam in Deutschland

Die Schau dient aber auch der Wissensvermittlung über den Islam. Mit Hilfe von Animationsfilmen und verschiedenen interaktiven Installationen werden zentrale Fragen zur Geschichte des Islam und seiner Auffächerung in verschiedene konfessionelle Strömungen behandelt. Nicht zuletzt wird der vielfältige Kulturtransfer zwischen dem arabischen und europäischen Raum ausgeleuchtet. Das Themenspektrum reicht von der Frage, was eigentlich Religion ist, bis zur  Auseinandersetzung mit Muslimfeindlichkeit und religiösem Extremismus in der Gegenwart. Eine interaktive Geschichtswand, die im Internet stetig erweitert wird, ermöglicht es den Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung, Fragen und Statements zum Gesehenen abzugeben.

Vorstellungen

Der dritte und letzte Ausstellungsabschnitt  rückt die Vorstellungen, die wir uns ständig voneinander machen - nicht nur als Nichtmuslime von Muslimen und umgekehrt, sondern auch als Nichtmuslime von Nichtmuslimen, Muslime von Muslimen, kurz: alle von allen, in den Vordergrund. Fünf Comics der Zeichnerin tuffix (Soufeina Hamed) illustrieren gekonnt und humorvoll zahlreiche Situationen, in denen solche Vorstellungen das Handeln der Menschen prägen und vor gefasste Meinungen nicht selten zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen.

SchülerInnen führen durch die Ausstellung

An den Orten, an denen die Ausstellung gastiert, werden Schülerinnen und Schüler ab 16 Jahren zu „Peer Guides“ ausgebildet, die zweistündige Begleitungen für Schulklassen in der Ausstellung übernehmen. Dieses Konzept der „Peer Education“ will sich den Umstand zunutze machen, dass Jugendliche Wissensinhalte häufig eher von Gleichaltrigen annehmen als von Erwachsenen. Für diese Aufgabe werden die Peer Guides in einem zweiteiligen Seminar vorbereitet. Drei Begleitkonzepte für verschiedene Lernniveaus sollen es den Peers ermöglichen, auf Schülergruppen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichem Vorwissen angemessen einzugehen.

Interaktivität und Beteiligung

Das Konzept der ‚Peer Education‘ ermöglicht eine zeitgemäße und ansprechende Präsentation des Themas ebenso wie das Begleitmaterial, das LehrerInnen zur Besuchsvorbereitung und Themenvertiefung im Unterricht zur Verfügung steht.

Die Ausstellung bietet allen BesucherInnen ausreichend Gelegenheit, sich in den Dialog zum Thema einzubringen, wie z.B. durch die bereits erwähnte Geschichtswand oder durch die Videokabine, in der jeder ein eigenes Videoporträt, ähnlich der vor Ort gezeigten, erstellen kann. Die so hinterlassenen ‚Spuren‘ können auf der Internetseite der Ausstellung verfolgt werden. Eine Facebookseite unterstützt den weiteren Austausch von Meinungen und Kommentaren.

Ausstellungsziel: Toleranz, Akzeptanz und Verstehen

„Die Ausstellung ist ein Zeichen der religiösen Vielfalt unseres Landes“, sagte der  bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, beim Besuch der Ausstellung in Berlin. „Sie räumt mit Vorurteilen auf, und zwar beiderseits. Darüber etwa, dass jeder Muslim ein Islamist ist oder dass sich alle katholischen Priester an kleinen Kindern vergreifen.“[1]

Dieses Kompliment haben sich die MacherInnen der Ausstellung, die im Übrigen keineswegs nur für Schüler und Schülerinnen, sondern auch für junge wie ältere Erwachsene spannende Einsichten parat hält, redlich verdient.

 

Mitarbeit: Judith Labs

 

Laufzeit und nächste Station:

Die Ausstellung soll zunächst für zwei Jahre touren und bundesweit an Schulen unterschiedlicher Schulformen gezeigt werden. Interessierte können sich unter www.wasglaubstdudenn.de um die Ausstellung bewerben. Die Seite bietet zahlreiche Informationen zum Thema und eignet sich bestens zur ersten Orientierung.

Bisher gastierte die Schau in Berlin-Neuköln und in Bonn-Tannenbusch. Die nächste Station ist Anfang September in  Köln:

http://www.wasglaubstdudenn.de/ausstellung/142492/ausstellung-in-koeln

Die weiteren Ausstellungsstationen können dem Tourenkalender entnommen werden:

http://www.wasglaubstdudenn.de/ausstellung/142230/tourenkalender

Unterrichtsmaterialien:

Zu den einzelnen Themen der Ausstellung gibt es Arbeitsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer mit besonderen Tipps für die Nachbereitung im Unterricht. Diese können hier heruntergeladen werden:

http://www.wasglaubstdudenn.de/lehrer/142291/begleitmaterial-downloaden



[1]   Quelle: Freia Peters, Warum junge Muslime nicht alle gleich sind, in: Berliner Morgenpost vom 3.6.2013: http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article116783447/Warum-junge-Muslime-nicht-alle-gleich-sind.html


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Dr. Rainer Fattmann
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