Deutscher Gewerkschaftsbund

05.04.2022

#IchBinHanna: Prekäre Arbeit in der Wissenschaft

Im Juni 2021 ging #IchBinHanna auf Twitter viral. Hunderte Wissenschaftler*innen meldeten sich zu Wort und twitterten ihren Unmut über das deutsche Wissenschaftssystem, das flächendeckend befristete Beschäftigung vorsieht. In einem neuen Sammelband fassen die Initiator*innen der Debatte das Problem zusammen.

Ausgebrannte Wissenschaftlerin vor Bücherregal

Befristete Arbeitsverträge treiben viele Nachwuchswissenschaftler*innen aus den Universitäten. pexels / Ron Lach

Was war passiert? Stein des Anstoßes war ein inzwischen gelöschtes, aber natürlich im Netz weiterhin auffindbares Erklärvideo des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). In dem Video wird anhand der fiktiven Doktorandin Hanna die Befristungspraxis in der Wissenschaft durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) nicht nur erklärt, sondern sogar als vorteilhaft propagiert.

Wissenschaftler*innen ohne Professur vorwiegend befristet beschäftigt

Das WissZeitVG ist ein Sonderbefristungsrecht speziell für die Wissenschaft. Wissenschaftler*innen können aufgrund dieses Gesetzes jeweils maximal sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion zu Qualifizierungszwecken befristet angestellt werden. Eigentlich ist es Konsens, dass der Normalfall das unbefristete Arbeitsverhältnis zu sein hat. Davon ist man in der Wissenschaft weit entfernt: Von den Wissenschaftler*innen ohne Professur und unter 45 Jahren sind 92% befristet beschäftigt. Wer sich 12 Jahre lang von einem knapp bemessenen Zeitvertrag zum nächsten gehangelt hat, erhält am Ende dieser Zeit in der Regel keine unbefristete Anstellung. Das teuer ausgebildete, höchstqualifizierte wissenschaftliche Personals muss sich im mittleren Lebensalter meist beruflich neu orientieren – Expertise geht dem Wissenschaftssystem dabei systematisch verloren.

Dass dieser ineffiziente Einsatz von Steuermitteln, Motivation und Kompetenzen nicht nur billigend in Kauf genommen wird, sondern sogar bewusst beabsichtigt ist, hat das Hanna-Video sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Der ständige Austausch von Personal wird darin als notwendige Bedingung für Innovation bezeichnet. Ohne personelle Fluktuation komme es schließlich zu einer "Verstopfung" des Systems. Befristet angestellte Wissenschaftler*innen fühlten sich angesichts dieser zynischen Wortwahl verhöhnt und als Verschleißmaterial behandelt. Nicht zuletzt angesichts ihres großen Engagements für die Wissenschaft, das sich auch in unbezahlter Mehrarbeit niederschlägt: Wissenschaftler*innen leisten pro Woche zwischen 10 und 13 unbezahlte Überstunde.

#IchBinHanna: Hashtag zeigt reales Gesicht massiver Befristung

Unter dem Hashtag #IchBinHanna haben diese Wissenschaftler*innen der ausgeuferten Befristungspraxis ein reales Gesicht gegeben. Sie haben gezeigt, wie sehr die gewollte berufliche Unsicherheit, der sie ausgesetzt sind, Innovation verhindert und Chancengerechtigkeit unterläuft. Das aktuelle System provoziert Machtmissbrauch und wissenschaftliches Fehlverhalten, statt durch faire Bedingungen gute Wissenschaft zu ermöglichen. In einigen Disziplinen sind schon jetzt erhebliche Probleme bei der Personalgewinnung zu beklagen. Teams leiden unter der Fluktuation, die die immer neue Einarbeitung von Teammitgliedern erforderlich macht. Nachhaltige Forschung wird effektiv verhindert.

Buchcover #IchBinHanna - Prekäre Wissenschaft in Deutschland

Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon: #IchBinHanna - Prekäre Wissenschaft in Deutschland. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. 144 Seiten, 13.00 Euro Suhrkamp

Eine der Ursachen für diese Situation ist die Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln, die im Schnitt etwa die Hälfte der Mittel ausmachen. Projektförmige Forschungsfinanzierung erschwert es, Wissenschaftler*innen dauerhaft anzustellen, und sie bedingt hohe Befristungsquoten. Die prekäre Arbeitssituation führt dazu, dass Wissenschaftler*innen zur Sicherung ihrer mittelfristigen Finanzierung gezwungenermaßen mehr Zeit auf Bewerbungen und das Schreiben von Anträgen verwendet als auf die Forschung selbst – von Lehre und Wissenschaftskommunikation ganz zu schweigen. Sie spielen für Professurbewerbungen kaum eine Rolle, "lohnen" sich karrierestrategisch folglich nicht. Die Erfolgsquoten der gestellten Anträge sind verschwindend gering, sie liegen teils bei unter 10 % – Arbeit für den Papierkorb in großem Stil. Wer seine Erfolgschancen erhöhen will, setzt auf aktuelle Trends und sicheres Gelingen. Risikobehaftete Forschung kann und will sich kaum noch jemand leisten.

Schlechte Arbeitsbedigngungen führen zu mangelnder Diversität an den Hochschulen

Überhaupt ist Wissenschaft unter solchen Bedingungen ein Feld für Privilegierte. Wer sich lange Phasen der Unsicherheit nicht leisten kann, steigt vorher aus – oder gar nicht erst ein. Gesundheitliche Einschränkungen oder Care-Verpflichtungen sind hinderlich bei der maximalen Selbstausbeutung im Namen der Wissenschaft. Ungewollte Kinderlosigkeit unter Wissenschaftlerinnen ist ein verbreitetes Phänomen. Die dringend erforderliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird durch prekäre Arbeitsverhältnisse grundsätzlich verhindert. Gerade hier müssen die Hochschulen nachsteuern, um attraktive Arbeitgeber zu werden – Workshops zu Zeitmanagement, Resilienz o.ä. stellen nur eine unzureichende Symptombekämpfung dar, es braucht ein Ansetzen an deren Ursachen durch die Schaffung von verlässlichen Perspektiven. Mangelnde Diversität schadet schließlich auch der Wissenschaft selbst.

Was hat #IchBinHanna bewirkt? Betroffene haben erkannt, dass sie sich kein individuelles Versagen vorwerfen lassen müssen, sondern dass das gegenwärtige Wissenschaftssystem Systemfehler hat, die zu der unbefriedigenden Situation führen. Durch die starke Berichterstattung auch in klassischen Medien hat die Initiative schnell die Twitter-Blase verlassen und sich auch bei einer GEW-Tagung offline vernetzt. Das damalige Ministerium unter Anja Karliczek (CDU) sah sich mehrfach gezwungen zu reagieren. Zwei Wochen nach dem ersten Tweet war das Thema bereits Gegenstand einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Das Problem der prekären Arbeit und dessen Folgen nicht nur für die Wissenschaftler*innen, sondern auch für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes wurden so auf die politische Agenda gesetzt. Die Kernforderungen von #IchBinHanna fanden Eingang in den Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien.

Forderung: Gute Verträge während der Promotion, dauerhafte Beschäftigungsperspektiven danach

Immerhin bekennt sich die neue Regierung aus SPD, Grünen und FDP zu verlässlichen Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft. Allerdings wollen sie die schon durch die Vorgängerregierung verschleppte Evaluation des WissZeitVG erst abwarten. Die Forderungen im Koalitionsvertrag sind offen und bieten so eine gute Grundlage für Verhandlungen und Diskussionen. Das ist zwar vielversprechend, nötig wäre allerdings eine groß angelegte Reform des gesamten Systems. Da sich die Zuständigkeiten für verschiedene Aspekte des Wissenschaftssystems auf Bund und Länder verteilen, auch die einzelnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein Wörtchen mitzureden haben und diverse Interessenkonflikte vorliegen, ist das eine große Herausforderung.

Um sie zu bewältigen, müssen Lösungen gefunden werden, die Vertragslaufzeiten für den gesamten Zeitraum der Promotion und dauerhafte Beschäftigungsperspektiven nach der Promotion als Regelfall sicherstellen. Nur so kann die Wissenschaft wieder ein attraktiver und konkurrenzfähiger Arbeitsplatz werden. Es lohnt sich für alle Beteiligten – #IchBinHanna, Gewerkschaften, Politik, Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen – gemeinsam für ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Wissenschaftssystem zu streiten.


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Kurzprofil

Amrei Bahr
Amrei Bahr ist Juniorprofessorin für Philosophie der Technik und Information an der Universität Stuttgart und forscht zur Kopierethik und der Ethik der Abfallentsorgung.
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Kristin Eichhorn
Kristin Eichhorn vertritt eine Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart.
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Sebastian Kubon
Sebastian Kubon ist promovierter Mediävist und beschäftigt sich vorwiegend mit Public History. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg.
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