Deutscher Gewerkschaftsbund

20.04.2020

New Work in der Corona-Zeit

Wurde zuletzt das selbstbestimmte Arbeiten in Teams gehypt, ist es jetzt während der Covid-19-Pandemie das Homeoffice. Doch die Strukturen im Hintergrund ändern sich nicht. Den einen gehört das Unternehmen, die anderen arbeiten für sie - und wenn es nicht läuft, stehen sie schlecht da. Das lässt für die Zeit nach der Corona-Krise nichts Gutes ahnen.

 

Von Peter Kern

Junge Frauen und Männer sitzen in einem Großraumbüro auf Sesseln in der Mitte. Im Hintergrund ist eine große Fensterfront, vor der ein Tischfußball und Schreibtische zu erkennen sind.

Die schöne neue Bürowelt wirkt, als sei sie aus einem Schöner-Arbeiten-Katalog zusammengestellt. DGB/dotshock/123rf.com

Wenn sich das Ende der vom Virus verursachten Kontaktsperre zwischen den Unternehmen und ihren Angestellten abzeichnet, wird die Frage im gesellschaftlichen Raum stehen: Wie weiter mit dem Homeoffice? Seine Befürworter werden auf den gelungenen Ausgang des Großexperiments verweisen. Das Arbeiten von Zuhause habe funktioniert, all seine Vorteile hätten sich erwiesen.

Das Team muss effizient sein und bekommt dafür einen Tischkicker

Zu den Befürwortern zählen logischerweise die Begünstigten, die mit ihnen sich verbrüdernde, fürs Neue aufgeschlossene Fraktion der Personaler, die Gewerkschaften mit ihrer alten Parole "Vereinbarkeit von Arbeit und Leben" und neuerdings gar das Feuilleton. Denn seit die großen Erzählungen verabschiedet sind, die vom Konflikt zwischen Oben und Unten handelten, muss man hier Vorlieb nehmen mit den kleinen Erzählungen. Man bedient sich in Corona-Zeiten gerade beim Ressort Beruf & Chance, und spinnt die Erzählung von New Work ein wenig weiter.

Das Label New Work ist längst in der Welt, findige Unternehmensberater haben das Copyright, und der Plot klingt für abhängig Beschäftigte ziemlich genial: Wir arbeiten in kleinen, selbstbestimmten Teams, sind bloß unserem Interesse an einem spannenden Projekt und unseren Stakeholdern verantwortlich. Das Büro ähnelt einer Wohngemeinschaft, das eigene Homeoffice ist quasi das Backoffice. Unser jeweiliges Projekt sehen wir als eine sportliche Herausforderung, die Abschnitte seiner Bewältigung heißen Sprints. Chefs gibt es keine mehr, dafür einen Scrum Master, der für die Effizienz unseres Teams und die Außenkontakte sorgt. In unserer Diversitykultur darf der Master auch gerne weiblich sein. Bürobesprechungen sind abgeschafft; selbst Meeting klingt nach vorgestern. Wir kommen zu einer Session zusammen oder sitzen zu zweit auf den roten Sofas in unserem loftartigen Büro. Unsere agile Welt managed unser Product Owner.

Der Product Owner hat den Job, zwischen uns, dem Team, und dem Auftraggeber so zu vermitteln, dass allgemeine Zufriedenheit herrscht. Natürlich sind nicht wir der Product Owner – das wäre ja altes Denken, ein sozialistisches Kollektiv und eine große Erzählung. Die rechtzeitige Übergabe des abgeschlossenen Projekts an den Auftraggeber macht alle zufrieden. Das ist der Zweck – der Purpose – unserer Firma, von dem unsere Geschäftsführer immer sprechen. Wir, ihre Angestellten, bekommen zu unserem vielen Geld nebenbei ständig noch etwas zugesteckt, damit die Sache mit dem Purpose funktioniert: ein kleines Match am Tischkicker in der Ecke, das Fitnesscenter im Basement unseres Bürokomplexes.

Teeküche in Edelstahl mit Espresso-Maschine, Kaffeemaschine, Kochplatten und einen Kühlschrank.

In der Teeküche stehen kostenlos Espresso, Kaffee, Müsli etc. bereit für die fleißigen Mitarbeiter. DGB/Archiv

Um New Work wird mächtig viel Wind gemacht. Der Vergleich mit einer Werbekampagne drängt sich auf. Es wird aber um keine Konsumenten, sondern um Produzenten geworben. Die begehrten Hochqualifizierten, vor allem die dringend benötigten Software-Entwickler, sind die Zielgruppe der Kampagne. Man verspricht ihnen den Himmel auf Erden: "Ein nigelnagelneues Büro, gratis Kaffee, Müsli, Früchte, Frühstück und Getränke, Unterstützung beim Pendeln, spektakuläre Feste, freie Wahl der Software, flexible Arbeitszeiten mit der Möglichkeit zum Homeoffice" – so eine Stellenanzeige. Die IT-Branche mit ihrer kurzzyklischen Produktentwicklung war der Trendsetter, die klassischen Industrien mit ihrem Software-Defizit ziehen jetzt nach.  Empowerment ist das Schlagwort der Stunde, was nach Autonomie und Selbstermächtigung klingt.

Durch Covid-19 wird die digitale Transformation der Industrien noch schwieriger

Die kleine Erzählung bietet im Unterschied zur großen ein Happy End. New Work ist ein Sehnsuchtsort, ein Utopia für Bürobewohner.  Man könnte die Short Story eine Replik auf den magischen Realismus nennen.  In dessen Romanen flieht das eingeborene Volk in seine Phantasiewelt, um der Unterdrückung durch die weißen Kolonialherren etwas entgegenzusetzen. Da der Workspace Büro aber keine Eingeborenen und keine unterdrückenden Herren mehr kennt, lässt sich beim magischen Realismus das Hauptwort streichen. Die deutsche Erzählung ist nur noch magisch-phantastisch.

Wem die Büroverhältnisse als so demokratisch und antihierarchisch erscheinen, dass sich jede Kritik von selbst verbietet, der verwechselt die New Work-Erzählung mit der Sache selbst. Er verkennt dabei, dass der hier herrschende Druck nicht gewichen ist, sondern sich zum Sachzwang gewandelt hat. Ein Vorgesetzter ohne Krawatte ist immer noch ein Vorgesetzter. Das im Geschäftsjahr erfolglos gebliebene Team steht in der nächsten Budgetrunde ohne Geld da und muss dann sehen, wo es bleibt. Die Budgets sind knapp, und die Umsatzeinbrüche durch Covid-19 haben die Kassen nochmal schrumpfen lassen. Die Transformation der die deutsche Ökonomie dominierenden Branchen – Automobil, Maschinen, Chemie – findet gegenwärtig unter Worst-Case-Bedingungen statt. Zur Transformation kommt jetzt noch die Rezession.

Die Welt der Büros, durch den Algorithmus und sein Rationalisierungspotential ordentlich durchgeschüttelt, ist weniger denn je der Rückzugsort, als den ihn mancher Blaumann aus der Werkshalle sieht. Einen sicheren Job hat, wer noch neulich auf der Uni seine technische Intelligenz qualifizierte und die nötigen Tools für die Künstliche Intelligenz (KI) bereitstellen kann. Wer in der fürs autonome Fahren notwendigen IT und Sensorik forscht und entwickelt, und die Sache zum Laufen bringt, hat gute Karten. Ebenso wer das Internet of Things (IoT) in den produktiven und administrativen Prozessen zu installieren und zu überwachen weiß.

Weltkarte mit den Fallzahlen von Corona-Infizierten, dargestellt mit roten Kreisen.

Noch ist die Corona-Krise bei weitem nicht vorbei, auch wenn die Zahlen, zumal für Deutschland, ein wenig hoffen lassen. DGB/Johns Hopkins University

Das Gros der Angestellten steht gegenwärtig in der Gefahr, infolge von KI und IoT mit einem ganz schlechten Blatt auf der Hand um seine Zukunft zu spielen. Auch die außertariflichen Angestellten, sofern sie über die nachgefragten Skills nicht verfügen, können sich keineswegs auf der sicheren Seite wähnen. Glaube niemand, ein Unternehmen, das sie loswerden will, würde sie nicht los. Man bietet ihnen, die vielleicht im schönen Bamberg Eigenheim und Arbeitsplatz haben, den Umzug nach Posemuckel an. Lehnen sie ab, hat das Personalbüro das Seine getan, und kann ihnen kündigen.

Die Corona-Krise wird wieder alte, hierarchische Strukturen hervorbringen

Die außertariflichen Angestellten, die sich gerne zu den Bevorteilten zählen, müssen sich zudem beim Kurzarbeitergeld als die Benachteiligten sehen. Schon das Wort mag in ihren Ohren nach sozialem Abstieg klingen. Was mancher Tarifvertrag regelt, die Aufstockung der staatlichen Stütze von 60 auf 80 Prozent des letzten Gehalts, gilt für sie nicht. Ob die Geschäftsführer den höheren Angestellten dennoch die Zuzahlung gönnen, um sie von der Gewerkschaft zuverlässig fernzuhalten? Unter geregelten Umständen gehört dies zur Methodik des (Ver-)Teile und Herrsche. Wem die Geschäftsleitung großzügig etwas gönnt, der sieht sich nicht veranlasst, es sich im Gewerkschaftsverbund zu erstreiten. Nun sind die Umstände aber nicht mehr geregelt. Das oberste Management verordnet sich und der zweiten Führungsebene pressewirksam Gehaltseinbußen und kann solche dann wohl auch von den nachgeordneten Rängen verlangen.

Der Verlauf der sich überlappenden Krisen, der gesundheitlichen und der ökonomischen, wird den Ausschlag geben, wie es mit dem Homeoffice und New Work weitergeht. Wird die Ökonomie nach ihrem Absturz lange am Boden liegen und die Ansteckungsgefahr weiterbestehen, wird das Arbeiten von Zuhause fortgesetzt. Die Bürojobs werden rasch knapp werden, und wer einen hat, wird alles tun, um ihn zu behalten. Sein innerer Chef sorgt für die nötige Disziplin. Flaut die Pandemie ab, und folgt wider Erwarten eine rasche wirtschaftliche Erholung, wird das Personalbüro das Experiment Homeoffice wohl wieder abblasen. Zum inneren disziplinierenden Chef muss dann wieder der äußere hinzutreten.  Zu groß die Gefahr, dass der oder die im Homeoffice Vereinzelte vergisst, wozu so ein Office da ist und berufsfremden Gedanken nachsinnt. Dann schlägt wieder die Stunde der klassischen Chefs, und New Work klingt wie eine Erzählung aus längst vergangener Zeit.

Altes Denken, neues Denken, Old Work, New Work – so sieht die Sache von draußen aus. Wer glaubt, Personalpolitik kenne Fortschritt, der offenbart ein grandioses Missverständnis. Personalpolitik in den Unternehmen dreht sich im Kreis: Der eiserne Besen regiert in der Krise, die magische Phantasie von New Work nur in der Phase der Hochkonjunktur.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

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