Deutscher Gewerkschaftsbund

01.05.2021

Der unbeugsame Wille der Arbeitenden

Am 1. Mai 1950 hielt der erste DGB-Vorsitzende Hans Böckler seine letzte Rede zu diesem Feiertag. Er schlug dabei den großen Bogen von der Mitbestimmungsfrage, über Kapitalismuskritik und die Unterstützung durch die katholische Kirche bis zu den Brüdern und Schwestern im Osten. Wir dokumentieren die Ansprache mit einleitenden Worten des Historikers Karl Lauschke.

 

Von Hans Böckler

Schwarzweißbild von einem Maiumzug, im Vordergrund Trommler, dahinter Fahnenträger. Transparente fordern die Einheit Deutschlands und einen gerechten Frieden.

Der Mai-Umzug des DGB in Hamburg 1950 zeigt die historischen Forderungen, die weit über gewerkschaftliche Themen hinausgingen. So standen auch die deutsche Einheit und Frieden auf der Agenda. DGB/Archiv

Kurze Einführung von Karl Lauschke:

Mit dem gesellschaftlichen Neubeginn nach 1945 sollte die Wirtschaft nicht länger den Interessen der wirtschaftlich Mächtigen unterworfen sein, sondern dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Die politische Demokratie sollte durch die Wirtschaftsdemokratie ergänzt werden. Deshalb wurde von den Gewerkschaften die Mitbestimmung gefordert – und nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland drängten sie auf ein entsprechendes Gesetz. Der DGB mit Hans Böckler an der Spitze wusste um die Widerstände, die das unbedingt zu verhindern suchten. Die Entschließung des Bochumer Katholikentages vom 31. August bis 2. September 1949, nach der der Mensch im Mittelpunkt jeder wirtschaftlichen Tätigkeit zu stehen habe, wurde insofern als moralische Untermauerung der gewerkschaftlichen Forderung verstanden, gerade gegenüber einer christdemokratisch geführten Bundesregierung. Auf die eigene Kraft vertrauend, scheute sich der DGB allerdings nicht, notfalls auch für ein Mitbestimmungsgesetz zu kämpfen.

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Die Rede Hans Böcklers zum 1. Mai 1950

Der 1. Mai ist uns ein heiliger Tag. Ich grüße Sie, wie ich auch grüße in aller Herzlichkeit alle die Männer, die Frauen, die Jugendlichen, die sich eingefunden haben, um zusammen mit Gleichgesinnten den Tag der Arbeit mit uns zugleich festlich und würdig zu begehen. Seit 60 Jahren feiern die Werktätigen in der Welt diesen Tag,  und er ist ihnen stets auch ein Tag des Gedenkens und der Besinnlichkeit, ein Tag, der ihre Hoffnungen nährte, der ihnen den Mut stählte, der ihnen immer und immer wieder neue Begeisterung schenkte. Die Idee des 1. Mai enthält ja doch alles, was der arbeitende Mensch sich wünscht, was er heute noch begehrt und was er sich morgen, wo es ihm verweigert werden sollte, erkämpfen wird.

Mai-Plakat von 1950. Auf rotem Grund steht in schwarzer und gelber Schrift: Ruf der Gewerkschaften an alle Arbeiter, Angestellten und Beamten erhebt eure Stimme am Weltfeiertag der Arbeit für Völkerfrieden, Vollbeschäftigung, Schutz der Arbeitskrat, sozialen Wohnungsbau durch uneingeschränktes Mitbestimmungsrecht der schaffenden Menschen und Neuordnung der Wirtschaft.

DGB

Waren es doch glückliche Stunden in der langen Geschichte der Menschheit, die es dahin brachten, daß am 20. Juli 1889 in Paris sich eine Reihe edler, dem menschlichen Fortschritt ergebener Menschen zusammengefunden und sich entschlossen, die Arbeiter der Welt aufzurufen zum Kampf um höchste menschliche Bilder. Am 1. Mai jeden Jahres sollte […] gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an die öffentlichen Gewalten die Forderung gerichtet werden, den Arbeitstag auf 8 Stunden festzusetzen. Daneben sollte in der Arbeitsruhe an diesem Marientage dem Verlangen nach einem besseren Schutz der menschlichen Arbeitskraft, insbesondere der der Kinder, Jugendlichen und Frauen Ausdruck gegeben und der Kampf um diese sozialen Forderungen eingeleitet werden. In großen Kundgebungen […] sollten die Gewissen und die Gedanken der in der Politik und Wirtschaft Verantwortlichen wachgerufen und das Interesse der arbeitenden Menschen selbst an diesen eigenen Belangen gewahrt werden.

Der Kapitalismus hinterlässt Spuren des Elends

Der Kapitalismus hatte ja seinen Siegeszug durch die Welt begonnen, und er hinterließ in jedem von ihnen und seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Methoden berührten Ländern […] die gleichen Spuren materiellen Elends und geistige Vergewaltigung. Weder Männer noch Frauen, noch Kinder, und seien sie im zartesten Alter, sie vermochten auch […] soweit sie durch ihre Armut, durch Nichtbesitz zur Verrichtung von Lohnarbeit gezwungen waren, sie vermochten sich nicht der Drohung zu entziehen, von dem Joch des Kapitalismus zwischen die Zähne genommen und zermalmt zu werden. Eine endlos lange Zeit jeden Tages war zu arbeiten bei schlechter Entlohnung, endlos lange Arbeitszeit. Sie bildete für alle Schaffenden der damaligen Zeit die Regel. Dazu ein völlig unbefriedigender Gesundheits- und Gefahrenschutz in fast allen Betrieben und obendrein eine Mißachtung der Würde des arbeitenden Menschen, ganz allgemein und in einer kaum noch zu überbietenden Form […]

Es war hohe Zeit, das politische, weitblickende Männer und Frauen sich zusammentaten, um zu beraten, wie den tausendfachen Schädigungen, ja der Vernichtung des Lebens so vieler arbeitenden Menschen endlich Einhalt geboten werden könnte.  Und so wurde [in] jener würdigen Konferenz im Jahre 1889 durch die Persönlichkeiten ihrer Zeit und eines jeden Landes ein Beginnen eingeleitet, das in seinem Grundgedanken unverändert, auch heute noch den Inhalt unserer Maifeiern in aller Welt bietet. […] Der 8-Stundentag ist dank der gewerkschaftlichen und politischen Arbeit der organisierten Arbeitnehmer für Millionen und  Abermillionen Beschäftigte nicht nur erreicht, sondern hier bereits überschritten worden. Die Kinderarbeit in der Industrie, sie ist vielfach verboten oder mindestens eingeschränkt. Die Arbeitszeit der Arbeiter, Jugendlichen und Frauen ist vielfach gesetzlich geregelt, der Arbeits- und Gesundheitsschutz wenigstens in den Hauptindustrieländern einigermaßen ausgebaut worden. An diesen Errungenschaften eines jahrzehntelangen opferreichen gewerkschaftlichen Bemühens sollte jeder junge Arbeiter in unserer Zeit denken, etwa wenn er am frühen Abend oder am späten Nachmittag bereits zum Sportplatz geht. Er sollte daran denken, der ältere Arbeitnehmer, wenn er gleichfalls am späten Nachmittag oder frühen Abend seinen Schrebergarten nutzt […]

Der aufgeklärte Arbeitnehmer von heute … hält es mit dem, was er selbst als Recht und Billigkeit erkennt und fühlt. Es ist nun endlich in das Bewußtsein gedrungen, daß aller Wohlstand der Völker durch gar nichts anderes hervorgebracht wird, also durch die Arbeit, die der Arbeitende mit seines-gleichen, jahraus, jahrein, in den unterschiedlichsten Formen verrichtet. Und der Arbeitnehmer von heute, er erkennt die Richtigkeit seiner Auffassung und findet sie bestätigt durch den Sinn und durch den Wortlaut von Beschlüssen einer so großen kirchlichen Gemeinschaft, wie sie beispielsweise der Katholikentag in Bochum darstellte.

Hans Böckler mit Honoratioren der Stadt Köln 1951.

Dem ersten DGB-Vorsitzenden Hans Böckler (Mitte) schwebte unter Sozialpartnerschaft noch mehr vor, als sich dann vor allem nach 1945 realisieren ließ - etwa die paritätische Mitbestimmung der Arbeitnehmer in allen Betrieben mit mehr als 300 Belegschaftsmitgliedern und die überbetriebliche Mitbestimmung in Wirtschaftskammern, Landeswirtschaftsräten und einem Bundeswirtschaftsrat. DGB/Archiv

Mit den Bochumer Beschlüssen sind Recht und Anspruch all derer, die der Allgemeinheit gegenüber ihre Pflicht durch ihre Arbeitsleistung erfüllen, auch für den begründet, der selber kein Arbeitnehmer, sich die Fähigkeit klaren Denkens und menschlichen Tuns bewahrt hat. […] Die Arbeitnehmerschaft unserer Tage, sie wird ihren Anspruch auf Gleichberechtigung und Mitbestimmung in der Wirtschaft unseres Landes und Volkes nicht nur auf die wohlüberlegten und gut begründeten Urteile autoritärer Stellen stützen. Sie vertraut vielmehr zu allererst der eigenen Kraft, die, wenn es nicht anders sein kann, gewiß zu erzwingen vermag, was Unverstand und böser Wille der Arbeitnehmerschaft vorenthalten mögen. […]

Ein zweites 1933, das wird es nie geben

Wir kennen sie, diese Kräfte und haben sie noch gut in Erinnerung, die offenen und versteckten Feinde der Arbeitersache, kennen sie noch aus der Vergangenheit als Kräfte der Unmoral und als Kräfte des Verbrechens. […] Deshalb scheint es mir auch angebracht, an diesem unserem Tage an das zu erinnern, was ich bereits auf dem Bundeskongreß unserer deutschen Gewerkschaften in München glaubte anführen zu sollen. Dort sagte ich bereits für alle hörbar, die es angeht, in einem freilich, so meine Worte, sind die Gewerkschaften zum äußersten Entschluß bereit, in der Verteidigung der demokratischen Einrichtungen, auf denen unser Wohl beruht, gegen die Autokratie und gegen jede Totalität. Ein zweites 1933, […] das sagte ich dort in vollem Bewußtsein, das wird es nie geben […] Die ewig Gestrigen und Vorgestrigen, sie werden sich vergeblich stemmen gegen den Geist, der heute die schaffenden Menschen beseelt und der der Geist des 1. Mai in der Vergangenheit war, es in der Gegenwart ist und es auch bleiben wird in aller Zukunft. […]

Nur so geartet, stets vom Feuer der Maibegeisterung durchglüht, wollen wir zusammen mit allen anderen Schaffenden in der Welt an die weitere und vollständige Lösung des sozialen Programmes gehen, das uns durch den Pariser Kongreß des Jahres 1889 als heiliges Vermächtnis und als heilige Verpflichtung überkommen ist. Es braucht uns niemand darüber zu belehren, was und wieviel über die Forderungen der Mitbestimmung hinaus von uns und anderen noch zu vollbringen ist, um uns selbst und die Welt vor einer Wiederkehr des Entsetzens zu schützen, das damals bereits in so kurzer Frist über uns und die Welt hereingebrochen ist. […]

Zusammen mit den anderen Völkern wollen wir den Gedanken internationaler Solidarität der arbeitenden Menschen pflegen, und freudig schließen wir uns deshalb den herzlichen Grüßen an, die in der Maiproklamation des Internationalen Gewerkschaftsbundes 50 Millionen freier Gewerkschafter aus 53 Ländern, den Werktätigen in den Ländern anbieten, in denen sie noch unterdrückt sind, in demselben Umfang, in derselben scheußlichen Art, in der wird unserem Lande es ehedem gewesen sind. Einen Gruß ganz besonders herzlich widmen wir dabei unseren Schwestern und Brüdern in den Ostgebieten unseres Landes, und insbesondere unseren Berliner Freunden gilt am heutigen Tage unsere tiefe Sympathie. Umfangen vom Bolschewismus und vergewaltigt von bolschewistischen Kräften sind sie Tag für Tag der Gegenstand unsere Bewunderung in ihrem hartnäckigen Kampf um die Freiheit, um das Recht und die Gerechtigkeit. […] Zusammen mit unseren östlichen und Berliner Freunden hoffen wir zuversichtlich, eines Tages wieder ein einiges Land zu werden, in dem der Friede herrscht und in dem die Eintracht waltet. […]

Männer, Frauen, ihr Jugendlichen, unbeschreiblich groß, heilig und herrlich sind die Ziele, die der internationalen Arbeiterschaft gesetzt sind. Ziele, für die wir arbeiten und ringen werden, bis zu dem Tage, an dem der Sieg und mit ihm eine bessere Zukunft für die Schaffenden unser ist. Und darum zusammengefaßt: "Brüder zu sonne, zur Freiheit, Brüder zum Licht empor, hell aus dem dunklen Vergangenen, leuchtet die Zukunft hervor."

 


Der Text wurde gegenüber der Originalabschrift leicht korrigiert und gekürzt.

 
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Kurzprofil

Hans Böckler
war der erste Vorsitzende des DGB. Ihm gelang es in einem Spitzengespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie durchzusetzen.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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