Deutscher Gewerkschaftsbund

06.01.2021

"Rechtsextreme Einstellungen sind tief verwurzelt"

Rechtsextreme Einstellungen sind die größte Gefahr für die liberale und plurale Demokratie. Zu diesem Schluss kommen Elmar Brähler und Oliver Decker auch in ihrer neuen Leipziger Studie zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. An ihren durchaus erschreckenden Ergebnissen gibt es aber auch Kritik.

 

Interview mit Elmar Brähler und Oliver Decker

Ein Schild mit der Aufschrift "Dresdener Christen begrüßen Pegida" wird hochgehalten. Von dem Arm ist nur der Teil bis zum Ellbogen zu sehen.

Die rechsextremen Vorstellungen finden sich nicht nur bei Wählern der AfD. Viele Nichtwähler*innen teilen sie, oft auch Wähler*innen von CDU und SPD. DGB/strassenstriche.net/Flickr

Herr Brähler und Herr Decker, Sie legen Ihre auch bei Gewerkschaften sehr geschätzte Studie zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland seit 2002 vor. Was sind Ihre wichtigsten Befunde, die sich über die Zeitreihe durchgehalten haben? Wichtig aus der Perspektive politischer Organisationen, die davon leben, dass die demokratischen Verhältnisse stabil bleiben.

Rechtsextreme Einstellungen in Form alter NS-Ideologie gibt es in ausgeprägter Form bei einer nennenswerten Anzahl von Personen, durchgehend von 2002 bis heute. Während hier die Zahl erfreulicher Weise fast durchgehend unter 10 Prozent liegt, sind Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit in einem sehr höheren Ausmaß anzutreffen, teilweise bei bis zu 40 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der ausländerfeindlich Eingestellten war 2012 am höchsten, lange bevor die Zahl der Geflüchteten bei uns angestiegen ist. Auch chauvinistische Einstellungen lagen fast immer über 20 Prozent der Bevölkerung.

Was heißt das für die Demokratie?

Die Demokratie wird an sich von der überwältigenden Mehrheit positiv gesehen, doch die Zustimmung zur Demokratie, wie sie in der Verfassung niedergelegt wird, ist längst nicht so hoch. Am niedrigsten ist die Zustimmung zur Demokratie, wie sie gelebt wird. Diese wird vor allem in den neuen Bundesländern kritisch gesehen. Autoritäre Denkweisen sind beim großen Teil der Bevölkerung  durchgehend vorhanden. Antidemokratische Einstellungen und rechtsextreme Einstellungen werden weniger von Frauen geteilt und sehr viel weniger von Personen mit einem höheren Bildungsabschluss.

In den neuen Bundesländern haben  wir durchgängig ein höheres Ausmaß von rechtsextremen Einstellungen gefunden, wozu sicherlich auch die Tatsache beigetragen hat, dass sehr viele Gebildete und vor allem auch Frauen die neuen Ländern verlassen haben, vor und nach der Wende. Die neuen Länder haben allein nach der Wende über ein Viertel ihrer Einwohner verloren, hauptsächlich durch Wegzug in die alten Bundesländer.

Warum ist weiterhin eigentlich von einer Mitte-Studie die Rede? Ihre erhobenen Daten zeigen doch in ziemlich erschreckender Weise, wie sehr das, was als gemäßigte Mitte gilt, für rechtsextreme Einstellung anfällig ist.

Wir sprechen seit einiger Zeit nicht mehr von einer Mitte-Studie. Wir hatten 2006 das erste Mal den Begriff Mitte-Studie verwendet unter dem Titel "Vom Rand zur Mitte", weil wir darauf aufmerksam machen wollten, dass rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen nicht nur unter den Nichtwählern sehr verbreitet waren und unter den Wählern rechter Parteien, sondern auch unter den Wähler der anderen Parteien, vor allem von CDU/CSU und SPD.

Viele Wähler, auch der politischen Parteien der Mitte, sind für rechtsextreme und antidemokratische Einstellung anfällig. Die Mehrzahl der rechtsextrem Eingestellten hatte keine extremen Parteien gewählt. Dies hat sich in den letzten Jahren mit dem Erstarken der AfD gewandelt. Viele Rechtsextreme haben dort eine neue Heimat gefunden. Das ist aber sicherlich nicht mehr als ein Drittel. Die Übrigen gehen nicht zur Wahl oder wählen weiterhin die anderen Parteien. Meist wird die Mitte mit etwas Gutem assoziiert, das sich abhebt von extremistischen Rändern, die verurteilenswert sind. Wir wollen mit unserem neuen Begriff Autoritarismus-Studie darauf aufmerksam machen, dass autoritäre Einstellungen sehr stark mit rechtsextremen und antidemokratischen Einstellungen verbunden sind.

Blick in den Plenarsaal des Deutschen Bundestages.

Auch im Bundestag sind autoritäre und rechtsextreme Einstellungen präsent - vor allem seit dem Einzug der AfD ins Parlament. In der Bildmitte, erste Reihe, sitzt der ehemalige CDU-Politiker und heutige AfD-Fraktionschef Alexander Gauland.
DGB/Archiv

Warum leuchtet Ihre Erhebung nur den Rechtsextremismus aus? Warum nicht auch den Linksradikalismus und sein mehr als problematisches Verhältnis zum staatlichen Gewaltmonopol?

 Wir verwenden den Begriff Rechtsextremismus eigentlich nicht gerne und beschreiben rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen. Rechtsextreme Einstellungen sind die größte Gefahr für die liberale und plurale Demokratie. Die Gewalttaten in Deutschland werden eher von Rechtsextremen begangen als von Linksextremen. Die fast reflexhafte Aufforderung an Forscher, die sich mit Rechtsextremen befassen, sich auch mit Linksextremen zu befassen, kommt von Anhängern einer Extremismustheorie, die davon ausgeht, dass es eine gute Mitte und böse Ränder gibt. Rechtsextreme Einstellungen sind tief in unserer Bevölkerung verwurzelt. Sie sind tief in vielen unserer Familien verwurzelt, und haben unser Land in großes Unglück geführt. Dies ist immer noch ein Problem für uns, und sollte nicht durch den Verweis, dass es auch antidemokratische Linksradikale gibt, relativiert werden.

Warum kommt der antisemitische Islamismus nicht als Gegenstand in den Blick Ihrer Studie?

Wir können die sehr wichtige Frage des antisemitischen Islamismus nicht in unsere Studie in den Blick nehmen, weil nur ein ganz kleiner Anteil unserer Stichprobe von 2.500 Personen islamischen Glaubens ist, von denen wiederum sicherlich nur ein kleiner Prozentsatz islamistisch eingestellt ist. Dies vermag eine bevölkerungsrepräsentative Befragung nicht zu leisten, da sie nicht repräsentativ ist für kleine Unterstichproben. Hierzu muss ein anderer Untersuchungsansatz gewählt werden, der gezielt diesen Personenkreis einschließt.

Kritik an Ihrer Studie hat sich an den Fragen zum Antisemitismus entzündet. Eine teils/teils-Antwort (z.B. bei dem Satz "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.") würden Sie als Indiz für das antisemitische Ressentiment nehmen. Daher kämen Ihre erschreckend hohen Werte. Was sagen Sie dazu?

Die antisemitischen Einstellungen, die explizit geäußert werden, sind relativ gering in unseren Befragungen. Wir haben nach der Befragung 2006 mit einem Teil der Befragten anschließende Gruppendiskussionen durchgeführt. Hier haben wir vor allem die Erfahrung gemacht, dass Personen, die sich antisemitisch geäußert haben in den Fragebögen, sich auch in den Fokusgruppen antisemitisch äußerten. Aber vor allem waren sehr viele Personen, die sich nicht explizit antisemitisch im Fragebogen geäußert hatten, antisemitisch eingestellt, wie wir in den Interviews erfahren konnten. Dies lässt darauf schließen, dass im Sinne der sozialen Erwünschtheit antisemitische Einstellungen nur sehr vorsichtig im Fragebogen bejaht werden. Dies war unser Motiv, die Personen, die antisemitische Einstellung nicht explizit abgelehnt haben, als latent antisemitisch zu betrachten.

Blick zwischen berittener Polizei zu Pferd auf junge glatzköpfige Männer, die ein Sweatshirt tragen mit der Aufschrift: Ruhm und Ehre, darunter ein Soldat mit Stahlhelm abgebildet.

Bei Demonstrationen treten Rechtsextremisten gern offensiv auf und machen aus ihrer Einstellung keinen Hehl. DGB/JFDA

Wäre es nicht sinnvoll, für die Folgestudien dem Zusammenhang zwischen der beruflichen Situation der Befragten und ihrer Anfälligkeit für die simplen Lösungsvorschläge der neuen Rechten nachzugehen? Warum nehmen Sie die von der Transformation der deutschen Industriegesellschaft ausgehenden Brüche und Verunsicherungen nicht mehr in den Blick?

In Ihrer Frage wird etwas sehr Wichtiges angesprochen. Hier haben wir in Kapitel 4 unseres Buches "Beteiligung, Solidarität und Anerkennung in der Arbeitswelt" Stellung bezogen. Das Gefühl, am Arbeitsplatz ernst genommen zu werden und gefragt zu sein, stärkt auch demokratische Einstellungen. Mitbestimmungsmöglichkeiten, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Wertschätzung und gerechte Bezahlung sind sicherlich sehr wichtige Punkte, die wir noch stärker in den Fokus nehmen müssen. Wir haben ja bislang Arbeitslosigkeit und häufige Arbeitslosigkeit, Armut, Angst vor Arbeitsplatzverlust etc. erhoben.

Die wuchtigste Transformation hat ja in den neuen Bundesländern stattgefunden, nach 1990. Hier haben wir versucht, mit spezifischeren Untersuchungen, wie der Sächsischen Längsschnittstudie, mehr Aufschluss über die Verwerfung zu erhalten. Im Rahmen von bundesweiten Repräsentativstudien sind die von Ihnen angesprochenen Fragestellungen nur begrenzt zu untersuchen. Hier wären zur Vertiefung spezifische Milieustudien notwendig.

Welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer nächsten Befragung behandeln?

Wir möchten neuere Bedrohungen des demokratischen Miteinanders wie Homophobie, Anti-Genderismus, Verschwörungsmentalität, Wissenschaftsleugnung, Esoterik und Aberglaube in den Mittelpunkt unserer Untersuchungen stellen. Das wollen wir mit dem Blick darauf machen, welche Brückenfunktion diese Erscheinungsbilder zu rechtsextremen Einstellungen haben. Auch der wiederkehrende Antisemitismus als verbindendes Element dieser Phänomene soll genauer analysiert werden.

 


Das Gespräch führte Peter Kern schriftlich mit den beiden Autoren der Studie.


 

Buchumschlag von "Autoritäre Dynamiken"

Psychosozialverlag

Die Leipziger Studien zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland werden seit 2002 alle zwei Jahre von einer Arbeitsgruppe um Oliver Decker und Elmar Brähler der Universität Leipzig durchgeführt. Die aktuelle Leipziger Autoritarismus-Studie basiert auf einer repräsentativen Erhebung mit 2.503 Befragten. Zunächst als "Mitte"-Studien der Universität Leipzig bekannt geworden, liegt seit 2018 der Schwerpunkt auf der Untersuchung autoritärer Dynamiken. Antisemitismus, Ethnozentrismus und Antifeminismus sind zudem im Fokus. Die Studie wurde von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung unterstützt.

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Oliver Decker, Elmar Bräher (Hg.): Autoritäre Dynamiken, 385 Seiten, Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, 24,90 Euro


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Kurzprofil

Elmar Brähler
war bis 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.
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Oliver Decker
ist Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung sowie des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts an der Universität Leipzig.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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