Deutscher Gewerkschaftsbund

24.09.2021

Eine besonders dumme Beziehung

Solange die EU keine gemeinsame Außenpolitik und keine nennenswerten eigenen Streitkräfte hat, ist das Gerede über strategische Autonomie eben nur Gerede. Deutschlands historische Schuld und die britische Fixierung auf ihre besonderen Beziehungen zu den USA verhindern eine eigenständige Politik Europas.

 

Von Ian Buruma

Charles de Gaulle in Miltiäruniform steht mit ausgebreiteten Armen, leicht nach oben gebeugt, da. Hinter ihm im Dunkeln sind einige Menschen zu erkennen.

Nicht nur Emmanuel Macron fühlte sich in letzter Zeit von den USA düpiert. Schon Charles de Gaulle litt unter der Missachtung der Amerikaner und der Briten am Ende des Zweiten Weltkrieges. DGB/Archiv

Zwei Tage vor der Landung in der Normandie im Juni 1944 forderte Charles de Gaulle das Recht, Frankreich nach der Befreiung durch die Alliierten zu regieren. Franklin D. Roosevelt verabscheute de Gaulle und hat keinerlei Absicht, diesen Wunsch zu erfüllen. Winston Churchill, der de Gaulles Größenwahnsinn eigentlich bewunderte, stellte sich auf Roosevelts Seite. Er sagte dem Franzosen, wenn er sich zwischen de Gaulle und Roosevelt entscheiden müsse, fiele seine Wahl immer auf Roosevelt.

Großbritannien galt als Trojanisches Pferd für eine amerikanische Herrschaft über Europa

Churchills Entscheidung war mehr als nachvollziehbar. Europa war von Nazi-Deutschland besetzt. Der Beitrag der Freien Französischen Streitkräfte war eher symbolisch und Großbritannien war eine der drei großen alliierten Mächte. Später forderte die britische Entscheidung, sich auf Gedeih und Verderb an die USA zu binden (mit einer oder zwei Ausnahmen während der Sueskrise und im Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren) einen hohen Preis.

Noch im Siegestaumel nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte Großbritannien in den 1950er-Jahren jedes Angebot zur Mitgestaltung europäischer Institutionen ab. Und als Premierminister Harold Macmillan Anfang der 1960er erkannte, dass sein Land nur innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine ernstzunehmende Macht bleiben konnte, wurde er von de Gaulle blockiert. Der General legte 1969 und nochmals 1967 ein Veto gegen die britische Mitgliedschaft in der EWG ein.

De Gaulle hatte Churchills Worte von 1944 nicht vergessen. Er betrachtete Großbritannien als Trojanisches Pferd für eine amerikanische Herrschaft über Europa. Er selbst hielt Frankreich für die natürliche Führungsmacht in Europa. Und da weder Deutschland noch die anderen Europäer Verlangen nach einer deutschen Führungsrolle hatten, wurde dieses Arrangement allgemein akzeptiert.

Ein Mann, Joe Biden, sitzt an seinem Schreibtisch im Oval Office und telefoniert.

Frankreich hätte zumindest gern vor der Bekanntgabe des US-Atom-U-Boot-Deals mit Australien erfahren, dass sie raus aus dem Geschäft sind. Doch US-Präsident Joe Biden rief Frankreichs Präsident Macron erst hinterher an. DGB/Weißes Haus/Adam Schultz/Gemeinfrei

Auch nachdem Großbritannien der EWG 1973 schließlich doch noch beigetreten war, hielten die britischen Premierminister, mit Ausnahme von Edward Heath in den 1970ern, an der vor allem von den Briten so genannten „Special Relationship“ mit den USA fest. Diese bestand vor allem aus geteilten atomaren Geheimnissen und Geheimdienstinformationen und militärischer Zusammenarbeit. Die Briten hofften, dank dieser besonderen Beziehung auch lange nach dem Verlust ihres Empires ein respektierter Global Player bleiben zu können.

Die USA den historischen Riss zwischen ihren europäischen Verbündeten vertieft

Heute hat sich Großbritannien erneut auf die Seite der USA gestellt, dieses Mal in einem neuen Verteidigungsbündnis mit Australien gegen China. Es trägt den unschönen Namen Aukus. Ein langfristiger Vertrag mit Frankreich über die Lieferung dieselgetriebener U-Boote an Australien wurde zugunsten anglo-amerikanischer Atom-U-Boote gebrochen. Frankreich ist verständlicherweise wütend. Die drei Aukus-Länder hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, Frankreich vor dem Deal zu informieren. Frankreich hat zwischenzeitlich seine Botschafter aus Canberra und Washington zurückgezogen, jedoch nicht aus London; es fand Großbritannien nicht wichtig genug.

Australien hat vermutlich gute Gründe, bei der Verteidigung gegen China lieber auf amerikanische U-Boote zu setzen. Und vermutlich ist es durchaus sinnvoll, dass die USA im Indopazifik nicht nur die Nähe zu Australien, sondern auch zu Japan und Indien suchen. Was die Briten eigentlich in der Region wollen, außer vielleicht ihr Selbstbild als Global Britain nach dem Brexit aufzupolieren, ist allerdings nicht ganz klar. Frankreich hat 1,5 Millionen Bürger, 8.000 Soldaten und Überseegebiete im Indischen und Pazifischen Ozean und damit mehr zu verlieren als Großbritannien.

Aukus beschränkt sich jedoch nicht nur auf U-Boot-Verträge, mögen diese auch noch so lukrativ sein. US-Präsident Joe Biden will Chinas zunehmender Macht in Ostasien eine Demonstration militärischer Stärke entgegenstellen. Er hat die amerikanischen Verbündeten oft gebeten, ihn bei diesem Vorhaben zu unterstützen, obwohl Japan und Europa weder ihre Handelsinteressen in China beschädigen noch sich in einen potenziellen Krieg hineinziehen lassen wollen. Indem sie Frankreich, mit Duldung Großbritanniens, düpieren, haben die USA den historischen Riss zwischen ihren europäischen Verbündeten weiter vertieft. Es scheint, de Gaulle hatte 1944 mit seinen Zweifeln an les Anglo-Saxons doch recht.

Zwei Männer stehen nebeneinander und lächeln. Der Ältere hat dem Jüngeren die Hand auf die Schulter gelegt.

Britische Premiers wie Tony Blair oder Boris Johnson - hier kürzlich mit Joe Biden - haben immer viel wert auf die "besonderen Beziehungen" mit den USA gelegt. In der Regel unterstützen die Briten, was immer die USA machen, auch zu Trumps Zeiten. So haben sie das Gefühl, noch etwas darzustellen in der Welt: Global Britain. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Man kann das Ganze aber natürlich auch anders sehen. In der instinktiven Liebe der Briten zu ihrer besonderen Beziehung zu den USA spielt Weltkriegsnostalgie eine wichtige Rolle. Genau wie der frühere Premierminister Tony Blair vor der Invasion des Irak im Jahr 2003 glaubt so mancher britische Politiker, das Vereinigte Königreich sei das einzige europäische Land mit einer ernstzunehmenden Armee und dem politischen Willen, sie auch einzusetzen. Wie Blair vor ihm sieht sich Premierminister Boris Johnson anscheinend selbst gern als neuer Churchill.

Das Schicksal des indopazifischen Raums liegt in den Händen Chinas und der USA

Leider (oder zum Glück) ist Großbritanniens militärische Macht nur noch ein Bruchteil dessen, was Churchill 1944 aufbieten konnte. Weltkriegsnostalgie hat die Briten bereits in mehrere dumme amerikanische Kriege hineingezogen, aus denen sich die anderen europäischen Länder klugerweise herausgehalten haben. Die Frage lautet, ob es sich auch dann lohnt, Bidens Säbelrasseln zu unterstützen und damit Chinas Wut zu wecken, wenn keine direkten britischen Interessen betroffen sind. Ist die Alternative, also ein Rückzug und Aufnahme der normalen Geschäftsbeziehungen zu China feige Appeasement-Politik? Oder gibt es vielleicht noch andere Optionen?

Weil sie Neville Chamberlains Fehler im Jahr 1938 auf keinen Fall wiederholen wollten, haben sich die USA und Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder in unnötige Kriege verstricken lassen. Deshalb fordern französische Staats- und Regierungschefs schon seit langem eine größere "strategische Autonomie" Europas. Europa soll selbst an militärischer Stärke zulegen und seine Abhängigkeit von den USA verringern. Der Hoher Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell hat angekündigt, auch Europa werde seinen Teil dazu beitragen, Chinas Macht zu beschränken. Der Block werde ein Handelsabkommen mit Taiwan anstreben, jedoch weiter mit China im Geschäft bleiben. Selbst die proeuropäische, eher linke Zeitung Le Monde nannte das "rückgratlos".

Solange die EU keine gemeinsame Außenpolitik und keine nennenswerten eigenen Streitkräfte hat, ist das Gerede über strategische Autonomie eben nur Gerede. Nur mit voller Kooperation Großbritanniens und einer weit stärkeren militärischen Beteiligung Deutschlands hat Europa vielleicht eines Tages die Chance auf Autonomie. Dem stehen jedoch sowohl Deutschlands historische Schuld als auch die britische Fixierung auf ihre besonderen Beziehungen zu den USA im Wege.

Deshalb liegt das Schicksal des indopazifischen Raums und vermutlich auch vieler anderer Regionen weiterhin in den Händen des immer aggressiver auftretenden autoritären Regimes in Peking und des jeweiligen Bewohners des Weißen Hauses. Auf jeden Fall werden dabei weder Großbritannien noch Australien, und schon gar nicht Frankreich und die EU, viel zu sagen haben.


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Kürzlich erschien von ihm das Buch "The Churchill Complex: The Curse of Being Special, From Winston and FDR to Trump and Brexit".
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