Deutscher Gewerkschaftsbund

04.10.2016

Johannes Sassenbach: Persönlichkeit der internationalen Gewerkschaftsbewegung

Johannes Sassenbach (1866 – 1940) war einer der einflussreichsten Gewerkschafter Anfang des 20. Jahrhunderts. Hans-Otto Hemmer erinnert zum 150. Geburtstag an die vielfältigen Verdienste Sassenbachs. Unter anderem gilt er als prägende Persönlichkeit der internationalen Gewerkschaftsarbeit und als „Erfinder“ des Sozialattachés an den deutschen Botschaften.

Johannes Sassenbach gehörte zu den „liebenswürdigsten und großzügigsten Persönlichkeiten, die die deutsche Gewerkschaftsbewegung überhaupt hervorgebracht hat“ – so das Urteil von Zeitgenossen. Wenn man sich ein bisschen näher mit Leben und Werk Sassenbachs beschäftigt, wird schnell klar, wie vielseitig, wie produktiv, wie einfallsreich, wie neugierig, wie wissbegierig, wie konstruktiv und praxisorientiert dieser Mann war. Er gehört zu jenem Dutzend GewerkschafterInnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die die Gewerkschaftsbewegung am meisten vorangebracht und die Gesellschaft insgesamt geprägt haben.

Sattler, Redakteur, Verleger, Stadtrat und Gewerkschafter

Sassenbach selbst, der sich gern einer knappen und prägnanten Ausdrucksweise bediente, hat sein Leben und Werk so zusammengefasst:

„Geboren 1866 im Bergischen Land
zwischen Köln und Elberfeld.
Nacheinander und nebeneinander:
Sattlerlehrling, Sattlergeselle, Handwerksbursche,
Geschäftsführer einer Produktivgenossenschaft der
Militärsattler, Vorsitzender des Verbandes der Sattler,
Redakteur der „Sattler-Zeitung“,
Internationaler Sekretär der Sattler,
Vorsitzender des Sozialdemokratischen Wahlvereins
für den 5.Berliner Reichstagswahlkreis,
Reichstagskandidat für Kyritz an der Knatter,
Vorsitzender des ersten sozialistischen Akademikerkongresses,
Herausgeber des „Sozialistischen Akademikers“ und
der Monatshefte „Neuland“,
Schriftsteller, Verlagsbuchhändler,
Geschäftsführer des Berliner Gewerkschaftshauses,
Mitglied des Vorstands der Freien Volksbühne,
Mitglied der Generalkommission Deutschlands,
Leiter der gewerkschaftlichen Unterrichtskurse,
Stadtverordneter und später Stadtrat von Berlin,
Vorsitzender der Volkshochschule Groß-Berlin,
Sozialattache bei der Deutschen Botschaft in Rom,
Sekretär und später Generalsekretär des
Internationalen Gewerkschaftsbundes,
jetzt Privatmann.“


Festveranstaltung 150 Jahre Johannes Sassenbach

Am 12. Oktober 2016 lädt die Johannes-Sassenbach-Gesellschaft zu einer Festveranstaltung ein, um an den 150. Geburtstag von Johannes Sassenbach zu erinnern.
Mehr Infos zu Zeit und Ort gibt es unter hier...


Gewerkschafter und Verleger

Ein derart reiches und bewegtes Leben lässt sich nicht mit wenigen Zeilen hinreichend würdigen, deshalb seien hier nur einige Kapitel etwas genauer beleuchtet. Der Büchernarr Sassenbach, der seine inzwischen berühmte, umfangreiche Privatbibliothek 1931 an den ADGB verkaufte, war bis zum Ersten Weltkrieg auch Verleger. In seinem Verlag erschienen nicht nur seine eigenen, erfolgreichen Broschüren zur Freimaurerei und zur Inquisition, sondern auch die Zeitschrift „Neuland“ mit Beiträgen zu vielen Bereichen der Wissenschaft wie zu aktuellen Themen. Dort erschienen allerdings auch Gedichte, Dramen und Novellen, und zwar vornehmlich jener Schule um den Dichter Arno Holz. In Sassenbachs Verlag nehmen deren Publikationen einen großen Anteil ein. Dieses „Regiment Sassenbach“, wie die damalige Presse den Dichterkreis nannte, war ein Vorbote der literarischen Moderne; und der Verleger Sassenbach „verschloss sich nicht dem Ansinnen, mit seinem Unternehmen auch auf dem Gebiete der Literatur zu dienen.“ (Gerhard Schulz)

Initiator des Berliner Gewerkschaftshauses und SPD-Stadtrat

Sassenbachs hauptsächliches Betätigungsfeld war und blieb allerdings die Gewerkschaftsbewegung. So plante und baute er zusammen mit dem Physik-Privatdozenten Leo Arons (der an der Berliner Universität als Sozialdemokrat vom Berufsverbot bedroht war) das erste Berliner Gewerkschaftshaus, dessen „Verwalter“ er wurde. Die vielfältigen Ausstellungen und Veranstaltungen dort waren ebenso besucht und berühmt wie jener „Salon“, den Sassenbach im Gewerkschaftshaus an Freitagabenden – bei Bier und Zigarren – abhielt und an dem Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen gern teilnahmen. Sassenbach war eben auch ein Vermittler, ein ausgeglichener und ausgleichender Charakter, der mit Künstlern und Wissenschaftlern ebenso umzugehen wusste wie mit Arbeitern und Gewerkschaftern. Diese Fähigkeiten kamen ihm auch in seiner Funktion als (erster sozialdemokratischer) Stadtrat in Berlin (1915-1920) zugute.


Berliner Gewerkschaftshaus

Die "Rote Burg" - das von Sassenbach mitinitiierte Berliner Gewerkschaftshaus in Berlin Mitte. DGB


Internationale Gewerkschaftsarbeit nach dem I. Weltkrieg

Der Autodidakt Sassenbach, der lediglich eine zweiklassige Zwergschule besucht hatte, bildete sich mit größtem Fleiß und unermüdlicher Energie im Selbststudium weiter und erlernte mehrere (sechs bis sieben) Fremdsprachen, so dass ihm sogar die Bezeichnung „Sprachgenie“ zugedacht wurde. Diese Fähigkeiten prädestinierten ihn zum Lehrer an der, von ihm mitgegründeten, Gewerkschaftsschule in Berlin, aber auch für internationale gewerkschaftliche Aufgaben. Es war Sassenbach, der beim Internationalen Gewerkschaftskongress 1919 in Amsterdam mit einer Art „Schuldbekenntnis“ der deutschen Gewerkschaften die Gewerkschaftliche Internationale rettete.

„Erfinder“ des Sozialattachés

Sassenbach gilt zudem als „Erfinder“ des Sozialattachés an den deutschen Botschaften, der Auskunft über Arbeitsverhältnisse und soziale Verfassung des Heimatlandes geben sollte. Er selbst war 1920 Sozialattaché an der deutschen Botschaft in Rom. Von 1922 bis 1928 war Sassenbach Sekretär, dann bis 1930 Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) in Amsterdam. Er hat diese Jahre als eine Zeit der ruhigen Entwicklung und der Konsolidierung der Finanzen beschrieben. Bei seinem Abschied 1930 dankten ihm die Delegierten des IGB-Kongresses mit stehenden Ovationen.

Verfolgter im Nazi-Regime

Seit 1931 lebte der Junggeselle Sassenbach in Frankfurt am Main. Er blieb ein leidenschaftlicher Leser und verfasste 1935/36 seine „Erinnerungen“, die die Johannes-Sassenbach-Gesellschaft 1999 als Faksimile veröffentlicht hat. 1934 wurde er zweimal verhaftet – wegen angeblicher „staatsfeindlicher Handlungen“ und wegen des „Verdachts der Vorbereitung zum Hochverrat“. Beide Male wurde er bald wieder freigelassen – das zweite Mal nach zweiwöchiger Untersuchungshaft. Am 19.November 1940 starb Sassenbach nach einem Schlaganfall.

Prägende Figur der internationalen Gewerkschaftsbewegung

Sassenbach ist heutzutage ein völlig Unbekannter, gerade auch bei GewerkschafterInnen. Als die Johannes-Sassenbach-Gesellschaft seiner vor 10 Jahren gedachte, habe ich nach dem Grund für dieses Vergessen gefragt: „Mögen die Gewerkschaften ihre erfolgreichsten Vorkämpfer nicht, weil die keine Helden waren, sondern zum Kompromiss neigende Praktiker des Alltags?“ Die Frage ist bis heute unbeantwortet. Dennoch gilt für Johann Sassenbach das, was Hanns-Albrecht Schwarz 2006 in einem Lebensbild formuliert hat: „Sassenbach verkörpert nicht nur ein wichtiges Stück deutscher, sondern vor allem auch internationaler Gewerkschaftsgeschichte, die er als Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes wesentlich mitprägte, und nicht zu vergessen, ein interessantes Stück Berliner Stadtgeschichte.“


Mehr Infos gibt es auf der Internetseite der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft...


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Kurzprofil

Hans-Otto Hemmer
Hans-Otto Hemmer ist Vorsitzender Johannes-Sassenbach-Gesellschaft. Bis 2004 war er Chefredakteur der "Gewerkschaftlichen Monatshefte".
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