Deutscher Gewerkschaftsbund

10.05.2019

Das hätte Chinas Weg sein können

Chinas Präsident Xi Jinping gedenkt zwar der historisch bedeutsamen Proteste vom Mai 1919, doch er verschweigt deren Kern: die Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie. Derzeit scheint eine Liberalisierung des Landes unwahrscheinlich. Ist ein anderes China noch möglich?

 

Von Ian Buruma

Ein Mann steht vor Panzern auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.

Das Bild des friedlichen Protestes in China 1989: ein Mann stellt sich den Panzern des Regimes entgegen. Im Land selbst wird das Ereignis öffentlich totgeschwiegen. DGB/Archiv/dah Screenshot

In diesem Monat vor 100 Jahren begann eine der wichtigsten kulturellen und politischen Episoden in der modernen chinesischen Geschichte: die Bewegung vom 4. Mai. Am 4. Mai 1919 begannen chinesische Studenten und Intellektuelle in Peking bei Protesten das Ende des "Feudalismus" und mehr politische Freiheit zu fordern. Ein Jahrhundert später wird dieser Tag offiziell von einer kommunistischen Diktatur gefeiert, die keine Proteste gestattet – schon gar nicht solche, die von Studenten angeführt werden. Der 4. Mai inspirierte eine weitere Revolte: die vom Platz des himmlischen Friedens vom April bis Juni 1989, die in Chinas Öffentlichkeit noch nicht einmal erwähnt werden darf.

China fordert Mut von der Jugend - und verhaftet zeitgleich studentische Dissidenten

Doch der 4. Mai ist zu bedeutsam, um ihn zu ignorieren oder zu unterdrücken; daher musste der chinesische Staatspräsident Xi Jinping den Anlass – etwas zaghaft – feierlich begehen, indem er die "chinesische Jugend der neuen Ära" aufforderte, "in ihren Anstrengungen Mut zu zeigen" und "dem Geist des 4. Mai" gerecht zu werden. Zeitgleich wurden studentische Dissidenten an der Universität Peking verhaftet, weil sie subversive Ideen äußerten, die bei den offiziellen Feierlichkeiten hätten stören können.

Was genau ist der Geist des 4. Mai? Vordergründiger Anlass der Proteste war die Übergabe der deutschen Territorien in Ostchina an die Japaner, so wie sie im Vertrag von Versailles vorgeschrieben und von der chinesischen Regierung akzeptiert worden war. Dies wurde als Schlag gegen den chinesischen Patriotismus und als typisches Zeichen nationaler Schwäche und Korruption angesehen. Doch ging es bei der Bewegung um sehr viel mehr. Wie die europäische Aufklärung, die indirekt als eine seiner Inspirationen diente, repräsentierte der 4. Mai viele unterschiedliche Dinge: freie Liebe, künstlerisches Experimentieren, Feminismus, Sozialismus, Bildungsreformen etc. Die beiden Symbole des 4. Mai waren, so wie 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens die Freiheitsstatue, "Mr. Science" und "Mr. Democracy".

Chinesische Suffrageten protestieren 1919 gegen das feudale Regime.

Die Bewegung des 4. Mai 1919 war der Beginn politischer Massenbewegungen in China. Es war das erste Mal in der chinesischen Geschichte, dass Menschen aus verschiedenen Klassen zusammen ihren Wünschen Ausdruck verliehen. Hier sind es vor allem Suffragetten DGB/Archiv/dah

Die Initiatoren des 4. Mai waren überwiegend Studierende und Lehrende der Universität Peking. Der Präsident der Universität, Cai Yuanpei, sprach sich für geistige Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz aus. Der Dekan, Chen Duxiu, war ein marxistischer Revolutionär, der später die Kommunistische Partei Chinas führte, bevor er von Mao Zedong beiseite gedrängt wurde. Hu Shih, der angesehenste Philosoph der Universität, war ein Befürworter einer Sprachreform, der ideologischen Extremismus verabscheute. Sein Vorbild war der amerikanische Philosoph und Bildungsreformer John Dewey.

Auch die Studenten teilten sich auf in radikale Aktivisten, die gewalttätige Säuberungen verlangten, und in gemäßigtere Gruppierungen. Einige der Radikalen brannten das Haus des Politikers nieder, der Kredite aus Japan ausgehandelt hatte, und prügelten einen Botschafter halb tot. Letztlich entwickelte sich China nicht in eine freiheitliche Richtung. Während der gesamten 1920er- und 1930er-Jahre köchelte ein Bürgerkrieg zwischen Chiang Kai-sheks Nationalisten und den Kommunisten. Nach einer brutalen japanischen Besetzung brach der Krieg dann ernsthaft aus, und 1949 siegten die Kommunisten.

Die Vorstellung von Fortschritt in Freiheit ist tot

Was Xi Jinping als den Geist des 4. Mai bezeichnet, ist der von Chen Duxiu vertretene Linksextremismus, der in die kommunistische Diktatur mündete. Die Vorstellung, dass sich Demokratie nicht ohne die Wissenschaft entwickeln könne und dass die Wissenschaft nur in Freiheit Fortschritte machen könne, wurde durch die Orthodoxie des wissenschaftlichen Sozialismus verzerrt.

Unterdrückt wird bei den offiziellen Feiern des 4. Mai jene liberalere, tolerantere und offenere Denkweise, die zunächst vielleicht sogar die stärkere Strömung innerhalb der Revolte war. Die bedeutendste literarische Figur des 4. Mai war Lu Xun. Er war ein brillanter Essayist und Autor von Kurzgeschichten, dessen freier Geist mit Sicherheit von Maos Regime zermalmt worden wäre, wäre Lu nicht bereits mehr als ein Jahrzehnt vor der Revolution verstorben. Wie der 4. Mai selbst jedoch wurde auch er von der Partei – als heroischer Ahne – vereinnahmt.

Xi Jinping bei einer Pressekonferenz.

Chinas Präsident erinnert an den Aufstand von 1919, will aber auf keinen Fall Proteste in der aktuellen Zeit, die seine Macht gefährden könnten. DGB/Mykhaylo Palinchak/123rf.com

Brüche ähnlich jenen, die die Bewegung vom 4. Mai spalteten, waren auch 1989 sichtbar, obwohl die studentischen Demonstranten jenes Jahres Gewalt vermieden. Einige wollten lediglich mit der Regierung über gesellschaftliche und politische Reformen verhandeln. Andere wollten eine demokratische Revolution und waren nicht bereit, sich mit weniger zufriedenzugeben.

Die Lage spitzte sich zu, als sich die Parteiführung weigerte, den Forderungen der Studenten nachzugeben, und vor schweren Konsequenzen warnte, falls diese ihre Besetzung des Platzes des himmlischen Friedens und anderer öffentlicher Räume überall in China nicht beenden würden. Einige der Demonstranten hielten es daraufhin für das Beste, an ihre Universitäten zurückzukehren und den Kampf in aller Stille fortzusetzen; andere wollten lieber sterben als nachgeben. Die kompromisslose Strömung setzte sich durch, und so kam es dann zum Massaker des 4. Juni.

Viele Chinesen wollen keine Demokratie, weil sie Chaos und Gewalt befürchten

Chinas tragische politische Geschichte in der Moderne hat einige inner- wie außerhalb des Landes zu der Überzeugung geführt, dass die Chinesen noch nicht reif für die freiheitliche Demokratie oder gar nicht dafür geeignet seien. Viele gebildete Chinesen äußern, dass Demokratie zwangsläufig zu Chaos und Gewalt führen würde. Aus diesem Grund unterstützen Millionen von Chinesen die Einparteiendiktatur, ohne ein Wort der offiziellen kommunistischen Ideologie zu glauben. Alles sei besser als jenes Chaos, das in den vergangenen 100 Jahren derart katastrophale Folgen verursacht habe.

Doch sollte man die liberaleren Strömungen des 4. Mai und auch des Jahres 1989 nie vergessen. Die Schriften von Lu Xun und die Appelle an die Vernunft von Cai Yuanpei oder, in jüngerer Zeit, von Nobelpreisträgers Liu Xiaobo leben fort als Beweis, dass andere Möglichkeiten in China existieren. Es gibt Wege, um den Kreislauf gewaltsamer Rebellion gefolgt von brutaler Unterdrückung zu durchbrechen. Das ist der Geist des 4. Mai, dessen man gedenken und den man zu Eigen machen sollte.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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