Deutscher Gewerkschaftsbund

01.06.2022

Antirassismus im Betrieb

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit

Bildungsarbeit gegen Rassismus trifft oft auf große Herausforderungen: sie ist häufig reaktiv und manchmal rein symbolisch. Ansätze aus dem Organizing mitzudenken, kann das verändern.

Händehalten Sticker der gewerkschaftlichen "Respekt Initiative" gegen Rassismus hoch.

Die „Respekt! Initiative – Kein Platz für Rassismus“ versteht Bildung als Mittel ihrer antirassistischen Arbeit. Ansätze aus dem Organizing in die Bildungsarbeit zu integrieren, bedeutet stärker auf den stetigen Ausbau von rassismuskritischen Strukturen zu setzen. IG Metall

Die Integrationsforscherin Naika Foroutan stellte Anfang Mai die Ergebnisse ihrer Studie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor vor. Einige davon überraschen: 90 Prozent der Bevölkerung würden sehen, dass Rassismus ein Problem sei. Die Aussage "Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft" hätte bei Befragten eine breite Zustimmung gefunden.

Daraus lässt sich lesen, dass die bundesdeutsche Wahrnehmung von Rassismus auch dessen institutionelle und strukturelle Formen beinhaltet. Auf diesem umfassenden Verständnis von Rassismus baut die Bildungsarbeit von Betroffenen von Rassismus und ihren solidarischen Bündnispartner*innen schon seit Langem auf. Auch die gewerkschaftliche Bildungsarbeit beeinflusst das.

Attentat von Hanau: Konsequenzen für antirassistische Bildungsarbeit

Das lässt sich am Beispiel des rassistischen Attentats in Hanau erklären, bei dem neun junge Menschen ihr Leben verloren. Der Anschlag und die mangelhafte Aufklärung seitens der Behörden im Nachgang der Tat haben für antirassistische Bildungsarbeit im gewerkschaftlichen Kontext Konsequenzen. Im Podcast der IG Metall Bildungsarbeit sprachen Betriebsrat und Aktivist Stephan Klenzmann und der Ressortleiter Migration und Teilhabe der IG Metall, Fessum Ghirmazion darüber. Die Gewerkschafter kommen zum ernüchternden Ergebnis, dass die wiederholt von Familien der Ermordeten aufgestellte Forderung nach Aufklärung und politischen Konsequenzen unerfüllt blieben.

Im Podcast-Gespräch weisen sie darauf hin, dass struktureller Rassismus und unzulänglicher Aufarbeitungswille bei den ermittelnden Behörden ein zentrales Problem der mangelhaften Aufklärung des Attentats darstellt. Laut der Integrationsbeauftragen der Bundesregierung Reem Alabali-Radovan (SPD) wurden Hanauer Opferfamilien beispielsweise „unangemessenen Gesprächen“ seitens der Sicherheitsbehörden ausgesetzt. Politische Konsequenzen einzuklagen gestaltet sich als schwierig, wenn Fehlverhalten bei den Ermittlungen auf individuelle Vergehen von beteiligten Institutionen und Behörden, Pannen oder Missverständnisse zurückgeführt wird.

Als Lehre aus Hanau ist es für antirassistische Bildungsarbeit wichtig, genau diesen Aspekt mitzudenken. Die grundsätzliche Annahme, dass struktureller Rassismus die Aufklärung von rassistisch motivierten Straftaten beeinflusst, eröffnet einen Diskussionsraum, der diese Struktur offenlegen kann. Ein Ende von Kriminalisierung der eigentlichen Opfer, sowie die Ausweisung von Orten, an denen sich Migrant*innen aufhalten als grundsätzlich gefährliche Ort bis hin zur umfassenden Aufklärung über kriminellen Strukturen in den Ermittlungsbehörden wären mögliche Konsequenzen.

Bildungspolitik als „Verringerung von Chancengleichheit“

Politische Bildung ist ein wirkmächtiges Werkzeug, um Rassismus zu begegnen. Die bei der IG Metall beheimatete „Respekt! Initiative – Kein Platz für Rassismus“ versteht Bildung als Mittel ihrer antirassistischen Arbeit und rassismuskritische Ansätze sind nicht neu in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Beim grundsätzlichen Umgang mit Rassismus muss allerdings auch die Frage erlaubt sein, was Bildung leisten kann – und was nicht? Der Soziologe Aladin El-Mafaalani vertritt die These, dass Bildung allein völlig überfordert wird, wenn sie als zentrale Antwort auf gesellschaftliche Probleme herhalten soll: “Mit Bildung löst man kein einziges der großen gesellschaftlichen Probleme, etwa die vielen offenen Fragen der Digitalisierung, den fortschreitenden Klimawandel oder den Umgang mit globaler Migration“, so El Mafaalani. Vielmehr ist er der Meinung, dass die Anforderungen an Bildung oft widersprüchlich seien und es in der Bildungspolitik bestenfalls um die “Verringerung von Chancenungleichheit“ gehe.

Diese kontroverse These lässt sich erweitern um die Frage der politischen Wirksamkeit von Bildungsarbeit. Bildungsträger messen den Erfolg ihrer eigenen Arbeit meist, indem sie Zahlen von Teilnehmenden oder durchgeführten Seminaren auflisten werden. Ob Teilnehmende von Bildungsveranstaltungen die behandelten Themen aber wirklich durchdrungen haben und das Erlernte in ihre Praxis überführen, bleibt dabei oft unberücksichtigt.

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit um Organizing-Methoden erweitern

Die Effektivität gewerkschaftlicher Bildungsarbeit muss anhand ihrer Umsetzung in den Betrieben bemessen werden. Die bereits in verschiedenen Gewerkschaften diskutierten Erschließungs- und Organizing-Methoden können hier sinnvoll sein. Organizing geht von einer Situation aus, in der Gewerkschaften und betriebliche Akteure nicht stark genug sind, um Arbeitgebern auf Augenhöhe zu begegnen. Aus dieser Einsicht folgt der Aufbau betrieblicher Kampagnen, um über einen längeren Zeitraum wirkmächtig zu werden.

Nach dem Organizing-Ansatz sind Beschäftigte die zentralen Akteur*innen ihrer eigenen Bedürfnisse. Die verschiedenen Organizing-Methoden zielen darauf ab, die aktiven Menschen im Betrieb unmittelbar zu stärken. Der Erfolg dieses Befähigungsansatzes wird nicht „nur“ in Mitgliederaufnahmen gemessen. Qualitative Momente wie das Umsetzen von betrieblichen Themen und die Erstellung und Umsetzung von beteiligungswirksamen Aktionen gehören ebenfalls dazu. Die Gewerkschaft, also die Kolleginnen und Kollegen im Betrieb, erhält somit ein eindeutiges Gesicht.

Die IG Metall Bildungsarbeit erprobt gerade, wie Bildung und Erschließung stärker zusammen gedacht werden können. Die Fragen: Wie können wir unsere Bildungsarbeit noch besser aufstellen um den aktuellen Herausforderung zu begegnen und welche Rolle können hierbei die Erschließungserfahrungen der IG Metall einnehmen, stehen dabei im Mittelpunkt.

Weiterhin lässt sich mit Blick auf Organizing-Methoden fragen, ob sich eine Bildungslandschaft „mappen“ lässt. Wissen wir also, welche Betriebe und Gremien wir mit unseren Bildungsangeboten durchdrungen haben und wo wir noch blinde Flecken haben? Welche Rolle spielt Kommunikation und Beteiligung in unseren Seminarangeboten? Und welche Inhalte setzen Jugendvertretungen, Vertrauensleute und Betriebsrät*innen nach Seminaren kollektiv und in ihrem Sinn wirklich erfolgreich um?

Stetiger Ausbau von rassismuskritischen Strukturen

Diese Fragen lassen sich gewinnbringend auch für antirassistische Bildungsarbeit übersetzen. Können wir den Kampf gegen Rassismus – der oft ein Kampf für mehr Bildung ist – stärker kämpfen, wenn wir Ansätze aus dem Organizing mitdenken? Organizing auch in der antirassistischen Bildungsarbeit mitzudenken, bedeutet nicht allein auf Aufklärung, Austausch und Vernetzung zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen zu setzen. Vielmehr bedeutet es, strategische Ziele und die unmittelbare Kompetenzstärkung der von Rassismus betroffenen Menschen und ihrer Mitstreiter*innen in den Mittelpunkt zu stellen. Somit ließe sich antirassistische Bildungsarbeit stärker auf den stetigen Ausbau von rassismuskritischen Strukturen verstehen und proaktiver planen. Ein rein reaktives Verhalten auf Übergriffe und Ausgrenzungen wäre für die Auseinandersetzung nicht mehr zentral.

Rassismus wird im Alltag sowie in Organisationen und Strukturen erkannt und bekämpft. Dass dies einen Einfluss auf die Gesellschaft hat, zeigt die eingangs zitierte Studie von Naika Foroutan. Diese Entwicklung wird aber nicht linear verlaufen und rassistische Übergriffe letztlich beenden. Gerade deshalb könnte die sinnvolle Verzahnung von Organizing-Methoden und antirassistischer Bildungsarbeit im Gewerkschaftskontext ein guter Ansatz sein, um alle an dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung Beteiligten – auch im Betrieb – nachhaltig zu stärken.


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Kurzprofil

Jonas Berhe
Jonas Berhe ist Bereichsleiter Gewerkschaftliche Bildungsarbeit beim IG Metall Vorstand. Er war viele Jahre im Vorstand der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) und ist Gründungsmitglied beim Netzwerk United4Eritrea.
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