Deutscher Gewerkschaftsbund

14.05.2019

Trickreiche Rentenprognosen

Die dramatisierenden Berechnungen des bekannten Rentenexperten Axel Börsch-Supan sind teilweise deutlich übertrieben. Dementsprechend nutzen seine daraus abgeleiteten Vorschläge den Arbeitgebern und belasten Rentner wie Beschäftigte.

 

Interview mit Gerd Bosbach

Ein glücklich blickendes Rentnerpaar.

So zufrieden können Rentner sein, wenn sie über ausreichend Geld verfügen. DGB/Wavebreak Media/123rf.com

Sie erheben schwere Vorwürfe gegen den "Rentenpapst" Axel Börsch-Supan. Worum geht es?

Ich habe seine Thesen und Berechnungen unter die Lupe genommen und die Rechentricks aufgedeckt, mit denen er die aktuellen Debatten beispielsweise über die Grundrente oder das Rentenniveau beeinflusst. Im Ergebnis muss ich feststellen, dass seine Schlussfolgerungen keine Grundlage haben.

Was heißt das konkret?

Börsch-Supan vertritt die Position, dass die sogenannte doppelte Haltelinie aus dem bis 2025 gültigen Rentenkonzept in der Zeit danach nicht haltbar sei. Diese Haltelinien sorgen dafür, dass das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken und die Rentenbeiträge nicht über 22 Prozent des monatlichen Bruttoeinkommens steigen. Die Berechnungen von Börsch-Supan gegen diese Haltelinien sind deutlich dramatisierend dargestellt und beinhalten zumindest in einem Fall eine bewusst falsche Annahme. In seiner Stellungnahme rechnet er zum Beispiel aus, was die Haltelinien in Zukunft den Steuerzahler kosten würden, müsse der allein dafür aufkommen. Dabei rechnet er die Kosten in eine Mehrwertsteuererhöhung um. Börsch-Supan schreibt: "Die Mehrbelastung liegt im Jahr 2030 bei etwa drei Prozentpunkten, steigt dann sehr schnell auf das Doppelte an (bis zum Jahr 2036), langfristig auf über acht Prozentpunkte." Seine Vorstellungen hat er kurz vor dem ersten Treffen der Rentenkommission, die Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Mai 2018 eingesetzt hat, bekanntgemacht und damit die öffentliche Darstellung beherrscht.

Was kritisieren Sie an Börsch-Supans Berechnung?

Jede Mehrbelastung beginnt bei null Prozent. Daher ist jede Steigerung erst einmal steil. Und man kann ganz schnell eine Verdopplung erreichen – übrigens ein oft benutztes Angst-Argument von Börsch-Supan. Aber auch das Wesentliche fehlt bei seiner Rechnung. Um wieviel steigen denn die Preise dadurch tatsächlich? Aus der bösen "Verdopplung der Belastung bis 2036" ergibt sich gerade mal ein Preisanstieg von 0,35 Prozent pro Jahr. Nicht schön, aber keinesfalls so dramatisch, wie er mit dem Begriff „Verdopplung“ suggeriert. Es geht Börsch-Supan wahrscheinlich im Kern darum, ein gutes Rentenniveau als unbezahlbar darzustellen.

Doch selbst wenn dem nicht so ist, müssen weniger Menschen mehr arbeiten, um die Haltelinien einzuhalten.

Ja, das ist so, aber auch das ist bei Weitem nicht so dramatisch wie Börsch-Supan es darstellt. Sein Trick ist: er fasst Veränderungen vieler Jahre einfach zu einer Veränderung zusammen. Gucken wir uns das mal im Detail an, etwa im Jahr 2032. In diesem Jahr mit der gravierendsten demografischen Veränderung, müsste ein Betrieb mit 112 Beschäftigten, auf einen einzigen Mitarbeitenden verzichten, um den Wandel zu bewältigen. Die wegen der Alterung der Gesellschaft nötige Produktivitätssteigerung der anderen 111 wäre mit 0,85 Prozent immer noch relativ klein und zu bewältigen. Das ist machbar, vor allem, wenn der Staat vorher mit einer guten Infrastruktur bei Verkehrswegen, Bildung, Netzen für diese Jahre vorsorgt. Ab 2036 entspannt sich die demografische Situation dann völlig. Zu dem Schluss ist Börsch-Supan übrigens auch selbst gekommen, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen.

Entwicklung des Standardrenenniveaus von 1970 bis 2016.

Weniger als jetzt (seit 2016) sollen die Rentner nicht bekommen. Doch wie teuer wird das die Gesellschaft kommen? Darüber streiten die Rentenexperten. DGB/Atlas der Arbeit/Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Die Demografie ist demnach gar kein so großes Problem?

Der demografische Wandel ist eine bekannte Entwicklung, die wir einbeziehen müssen. Aber nicht für 50 Jahre zusammengefasst, sondern so, wie uns der Wandel begegnet, in kleinen Schritten. Ich hätte mir im Alter von 15 Jahren auch nicht vorstellen können und wollen, wie der Sprung auf 65 Jahre ist. Aber Schritt für Schritt konnte ich das gut bewältigen. Zusätzlich arbeitet Börsch-Supan mit einem weiteren perfiden Trick. Er berechnet das Verhältnis Rentner zu Arbeitenden – den sogenannten Altersquotienten - auch für 2060 noch mit der Altersgrenze 65. Damit schiebt er im Jahr 2025 1,4 Millionen Menschen und 2035 sogar 2,3 Millionen Menschen bewusst in die falsche Gruppe. Statt als Versorger zählt er sie zu den zu Versorgenden. Ein Trick mit Doppelwirkung. Auf solchen Annahmen kann keine seriöse Darstellung beruhen. Deshalb meine harsche Kritik.

An anderer Stelle bezieht der Kollege die steigende Altersgrenze aber durchaus mit ein.

Das stimmt. Letztlich definiert er damit das Rentenniveau neu Derzeit wird das Niveau mit Hilfe eines (fiktiven) Standardrentners berechnet, der 45 Jahre lang durchschnittlich verdient und entsprechende Rentenbeiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat. Börsch-Supan will mit der steigenden Regel-Altersgrenze für die Rente auch die Beitragsjahre zur Standardrente anheben. Sein – neu definiertes Rentenniveau – bliebe so zwar bei 48 Prozent stabil. Das eigentliche jetzige Rentenniveau würde so aber derzeit nur noch 47,3 Prozent betragen und im Jahr 2060 gerade noch 43,6 Prozent. So kann man eine Rentenkürzung auch verstecken und den Arbeitnehmern den eigenen Vorschlag als gerecht verkaufen.

Sprechen Sie Axel Börsch-Supan die Wissenschaftlichkeit in seinen Berechnungen ab?

Das ist zu hart formuliert, aber er handelt interessengeleitet und bedient sich einiger Rechentricks, die eigentlich in den Giftschrank der Statistiker gehören. Die Vorschläge von Börsch-Supan nutzen den Arbeitgebern und belasten Rentner und Beschäftigte. Wissenschaftlich neutral sind sie jedenfalls nicht.

 

Das Gespräch führte Jörg Meyer.

 


Die Berechnungen und Vorschläge von Gerd Bosbach können Sie im Detail in der März-Ausgabe der Zeitschrift "Soziale Sicherheit", die im BUND-Verlag erscheint, nachlesen.


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Kurzprofil

Gerd Bosbach
ist Professor für Statistik sowie Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz.
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