Deutscher Gewerkschaftsbund

09.09.2013

Für das Recht auf einen Ganztagsschulplatz

Kinderbild

.marqs / photocase.com

Auf den ersten Blick ist es eine bildungspolitische Erfolgsgeschichte: Nach dem großen PISA-Schock stellte die rot-grüne Bundesregierung ab dem Jahr 2003 vier Milliarden Euro für den Ausbau der Ganztagsschulen bereit. Jungen Müttern und Vätern sollte es ermöglicht werden, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Zudem sollte die soziale Spaltung im Bildungswesen bekämpft werden. Ganztagsangebote könnten vor allem helfen, Jugendliche aus armen Wohnvierteln besser zu fördern, so die Hoffnung. Deutschland dürfe nicht als eines der letzten Industrieländer seine Schülerinnen und Schüler schon mittags vor die Tür setzen.

Die Länder ließen sich mehr oder minder freiwillig auf das Programm des Bundes ein, verbaten der Bundesregierung aber ihre Fördermilliarden mit irgendwelchen qualitativen Anforderungen zu verknüpfen. Die Bilanz des Ganztagsschulprogramms kann sich dennoch sehen lassen. Die Zahl der Ganztagsschulen hat sich in dem vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Mittlerweile unterbreitet gut jede zweite Schule ein Ganztagsangebot.

Was ist eine Ganztagsschule?

Doch hinter diesen Erfolgszahlen verbergen sich noch immer große Probleme. So ist nach Definition der Kultusministerkonferenz (KMK) eine Schule bereits dann eine Ganztagsschule, wenn sie an drei Tagen in der Woche mindestens sieben Stunden Unterricht und an diesen Tagen ein Mittagessen anbietet. Für Mütter und Väter die Vollzeit arbeiten, lässt sich mit einem solchen Angebot Arbeit und Familie kaum vereinbaren.

Mehr noch: Eine wirklich pädagogische Leitidee für das Reformprojekt Ganztagsschule fehlt.  Lediglich die Vorgabe gilt, dass Ganztagsangebote unter Aufsicht und Einbindung der Schulleitung etabliert werden müssen und in einem „konzeptionellen Zusammenhang zum Unterricht“ zu stehen haben. Mehr nicht.

Die Folge ist ein Wildwuchs bei den Ganztagsschulen: Den Ganztag kann es an drei, vier oder fünf Tagen geben. An einigen Schulen ist die Teilnahme am Ganztag für alle Schülerinnen und Schüler Pflicht – das nennt sich gebundene Ganztagsschule. Knapp 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchen solche Schulen. Weit häufiger sind die so genannten offenen Ganztagsschulen. Hier können die Eltern freiwillig entscheiden, ob ihre Kinder am Nachmittag bleiben sollen oder nicht. Allerdings fehlt vielen offenen Ganztagsschulen schon heute das nötige Geld, um alle Schülerinnen und Schüler aufzunehmen, deren Eltern einen Ganztagsplatz wünschen. So bietet zwar die Hälfte der Schulen ein Ganztagsangebot an, doch nur jeder dritte Schüler oder jede dritte Schülerin kann dieses Angebot wahrnehmen.  

Halbtagsbildung in der Ganztagsschule

Zudem haben gerade offene Ganztagsschulen nur ein dürftiges pädagogisches Konzept. Fast lässt sich von einem geteilten Schultag sprechen. Am Vormittag findet der klassische Unterricht statt –  vermeintlich der „Ernst des Lebens“. Nachmittags folgen dann Freizeit und Erholung, Spiel, Spaß und Spannung. Unterricht und Nachmittagsangebot sind an solchen Schulen nahezu komplett entkoppelt. Die großen pädagogischen Chancen der Ganztagsschulen  - den Schultag neu zu strukturieren - bleiben ungenutzt. So ist es kaum verwunderlich, dass bei den PISA-Studien zunächst kein Unterschied zwischen Halb- und Ganztagsschülern zu verzeichnen sind.

Kurzum: Der Ausbau von Ganztagsschulen ist in allen Ländern zwar gut vorangekommen. Doch wegen des pädagogischen Wildwuchses mangelt es an Qualität. Einen nennenswerten Beitrag zum Abbau der sozialen Spaltung konnten Ganztagsschulen bisher nicht leisten. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in der deutschen Variante der „Ganztagsschule light“ nur unzureichend gesichert.

Es ist höchste Zeit für einen Neustart des „Reformprojekts Ganztagsschule“. Notwendig ist ein gesellschaftlicher Konsens über die Frage: Was sollen Ganztagsschulen leisten? Aus Sicht der Gewerkschaften lässt sich dies einfach beantworten: Mit Ganztagsschulen, wollen wir es jungen Eltern ermöglichen Familie und Beruf zu vereinbaren und wir wollen mit guten Ganztagsschulen einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem leisten. Deshalb fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund, ab dem Jahr 2020 einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz einzuführen.

Qualität geht nur mit Rechtsanspruch

Schon bei dem Ausbau der frühkindlichen Bildung in Deutschland haben wir festgestellt: Erst als der Rechtsanspruch per Gesetz verankert wurde, kam Dynamik in den Ausbau der Kindertagesstätten. Jetzt droht die Situation, dass wir bald eine ausgebaute frühkindliche Bildung haben, mit dem Wechsel in die Grundschule aber für die Eltern das ganze Betreuungssystem wieder zusammenbricht. Eltern brauchen einfach die Sicherheit, dass sie bei Bedarf und auf Wunsch einen verlässlichen Ganztagsplatz für ihr Kind bekommen. Mit einem Rechtsanspruch auf einen Ganztagschulplatz ab dem Jahr 2020 könnte es hier eine neue Dynamik geben.

Notwendig ist aber auch eine pädagogische Grundidee für den Ausbau der Ganztagsschulen. Denn Ganztagsschulen können durchaus einen wesentlichen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Das zeigt die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Der regelmäßige und dauerhafte Besuch hat positive Effekte. Das Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler bessert sich. Zudem steigen die Lernmotivation und die Freude am Schulalltag. Der Besuch einer gebundenen Ganztagsschule senkt deutlich das Risiko ein Schuljahr wiederholen zu müssen, lautet der Befund der Forscherinnen und Forscher. Und: Auch die Familien profitierten von guten Ganztagsschulen. Mehr als die Hälfte der in der StEG-Studie befragten Eltern bewerten es positiv, dass die Hausaufgaben bereits erledigt sind und keine teuren Nachhilfestunden benötigt werden.

Deshalb brauchen gute Ganztagsschulen ein anderes Bildungskonzept: Lernen und Erholung wechseln sich im Laufe des Tages ab. Sport, Musik und Kunst sind verstärkter Teil des Lehrplans. Selbstständiges, freies Lernen ist genauso Bestandteil des Schulalltags wie  Unterricht in der Klassengemeinschaft. An guten Ganztagsschulen arbeiten verscheiden pädagogische Professionen. Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagogen und Psychologen agieren gemeinsam auf Augenhöhe. Ein solches Profil müssen die Ganztagsschulen haben, wenn sie einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem leisten sollen – das zeigen alle Studien.

Die Debatte

Noch fehlt der Konsens für solch eine neue, andere Schule. Doch es gibt erkennbare Fortschritte in der gesellschaftlichen Debatte. Längst sind es nicht nur Gewerkschaften, die einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsschule fordern. Auch Bildungsforscher/-innen plädieren für den Ausbau des gebundenen Ganztags. Mittlerweile setzt sich auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsschule ein. Und im Bundestagswahlkampf ist dieses Thema längst angekommen. SPD, Grüne und Linke favorisieren den Ausbau der Ganztagsschule. Und im Rahmen der Pressekonferenz erkläre die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsschule stehe zwar nicht im Wahlprogramm ihrer Partei, doch wie solle Eltern der Wiedereinstieg in den Job gelingen, wenn die Kinder mit dem Schulranzen „froh gelaunt um 10.45 Uhr vor der Haustür stehen?“ Lediglich die FDP zeigt sich weiterhin reserviert.

Ohne in allzu große Euphorie zu verfallen, stehen die Chancen für den Rechtsanspruch also nicht schlecht. Und dennoch prophezeit das Handelsblatt bereits den nächsten „Bildungsstreit“. Den Hintergrund bilden die Ergebnisse des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm, der berechnet hat, wie teuer der flächendeckende Betrieb von gebundenen Ganztagsschulen wäre. Bis zu zehn Milliarden Euro müsste der Staat mehr investieren – pro Jahr.

Schon diese Zahlen sorgen für wachsende Unruhe bei Ländern und Kommunen. Die Spitzenverbände der Kommunen warnen bereits davor, „übereilt“ einen weiteren Rechtsanspruch gesetzlich zu verankern. Auch die Bundesländer sind angesichts leerer Kassen und der Schuldenbremse mit der Finanzierung eines Rechtsanspruchs auf eine gute Ganztagsschule komplett überfordert. Und ausgerechnet dem Bund ist es mittlerweile per Grundgesetz verboten, Ganztagsschulen zu fördern.

Das Kooperationsverbot

Es ist schon eine besondere Ironie der Geschichte, dass die Bundesländer ihre Forderung nach einem Kooperationsverbot im Grundgesetz mit dem Ganztagsschulprogramm begründet haben. Es war vor allem der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, der das Ganztagsschulprogramm des Bundes für überflüssig befand und dafür sorgen wollte, dass ein solches Programm nie wieder aufgelegt würde. Koch hatte Erfolg. Das Kooperationsverbot wurde mit der Föderalismus-Reform 2006 im Grundgesetz verankert. Seither kann der Bund zwar im Rahmen der Entwicklungshilfe den Aufbau von Schulen in Indonesien finanzieren – in Weimar oder Hannover aber nicht.  Jeder noch so zaghafte Versuch des Bundes in die Schulen zu investieren, wird von den Ländern als Verfassungsbruch gebrandmarkt.

Dieses Kooperationsverbot zählt zu den größten bildungspolitischen Dummheiten des vergangenen Jahrzehnts und gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Nur wenn der Bund in die Finanzierung der Schulen einsteigt, wird es künftig flächendeckend gute Ganztagsschulen geben. Aber auch die Finanzkraft der Länder muss gestärkt werden. Damit das Reformprojekt Ganztagsschule gelingt, müssen Erbschaften, Vermögen und Finanztransaktionen angemessen besteuert werden. Die zusätzlichen Einnahmen sollten auch in Ganztagsschulen fließen.

Wie sehr sich die Debatte um Ganztagsschulen gedreht hat, lässt sich übrigens an Roland Koch veranschaulichen. Einige Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Ministerpräsidenten hielt er eine bemerkenswerte Rede in Berlin. Koch hob zu einem fast schon überschwänglichen Lob auf die „neue Lernkultur an Ganztagsschulen“ an. Manche Beobachter rieben sich verwundert die Augen. Vielleicht hängt der Kochsche Sinneswandel damit zusammen, dass er jetzt Stiftungsratsvorsitzender der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ist, die das Ganztagsschulprogamm – mit Bundesgeld! – organisiert. Sei Kochs Meinungsumschwung nun aus Altersweisheit oder Opportunismus erfolgt, man sollte seine Worte ernst nehmen: Der Aufbau von guten Ganztagsschulen wird ein zentrales Modernisierungsprojekt für unsere Gesellschaft!


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