Deutscher Gewerkschaftsbund

21.07.2022
Pflegestreik NRW

"Die Profitlogik ist ein Problem"

Interview mit der Krankenflegerin Lena Matthiessen

Im Pflegestreik der sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen haben Streikende und Arbeitgeber sich auf den ersten Flächentarifvertrag "Entlastung" geeinigt. Ein Interview mit Lena Matthiessen von Notruf NRW.

Pflegenotstand: Streikende Menschen beim Pflegestreik von Notruf NRW

Ein langer Pflegestreik liegt hinter den Beschäftigten der sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen. Nach 77 Streiktagen und zahlreichen Verhandlungen mit den Arbeitgebern hat die ver.di-Tarifkommission dem ausgehandelten Tarifvertrag "Entlastung" zugestimmt. ver.di/Anne Neier

Im Pflegestreik in NRW wurde ein Tarifvertrag "Entlastung" abgeschlossen. Damit endet euer Streik in der zwölften Woche. Was ändert sich nun?

Unsere Hauptforderung ist nun durchgesetzt worden: Es gibt Entlastung. Das heißt konkret, dass im Vertrag Mindestbesetzungen von Stationen und Belastungsausgleiche festgehalten sind. Unsere Hoffnung ist, dass der Tarifvertrag einen dauerhaften Personalaufbau in allen Bereichen auslösen wird, unsere Überbelastung gesenkt und die Zufriedenheit erhöht werden. Damit es nicht mehr so viel Fluktuation auf den Stationen gibt. Wir hoffen, dass sich damit auch die Qualität der Arbeit verbessert, weil wir wieder die Zeit haben, den Beruf so auszuüben, wie wir es gelernt haben.

Mit rund 700 Beschäftigten aus dem gesamten Krankenhausablauf der sechs Unikliniken habt ihr die Arbeit niedergelegt. Was hat euch dazu bewegt?

Wir haben ein hochgelobtes Gesundheitssystem in Deutschland, aber die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus sind nicht gut. Und sie verbessern sich nicht. Irgendwann war für uns Beschäftigte der Punkt erreicht, an dem wir nicht länger warten konnten, dass die Politik etwas verändert. Dazu werden oft die meisten Berufe im Krankenhaus übersehen, wenn es um den Pflegenotstand geht. Deswegen haben wir alle gemeinsam gestreikt.

Wer ist Teil eurer Bewegung Notruf NRW und wie sah der Streik aus?

Bei Notruf NRW haben sich diverse Beschäftigte aus allen sechs Unikliniken zusammengetan. Mit uns haben Pfleger*innen aus dem OP, aus den Notaufnahmen und den Untersuchungslaboren gestreikt. Dazu Beschäftigte aus der medizinisch-technischen Assistenz, der Physiotherapie, aus der Essensversorgung und dem Transportdienst. Wir alle halten den Krankenhausbetrieb am Laufen.

Bevor wir in den Streik getreten sind, haben wir eine Notdienstvereinbarung ausgehandelt. Das heißt, wir haben gestreikt und gleichzeitig die Versorgung der Patient*innen am Laufen gehalten. Regelmäßig haben wir zu zentralen Streiktagen mobilisiert und mit allen Streikenden im Bundesland an einem Standort demonstriert.

Allein in NRW fehlen 20.000 Fachkräfte in den Krankenhäusern, sagt Notruf NRW. Viele verlassen zudem den Beruf. Warum?

Wir sind körperlich stark belastet, weil wir viel rennen müssen. Und wir sind emotional belastet, weil wir Situationen erleben, die uns mitnehmen. Das bringt die Arbeit mit kranken und sterbenden Menschen mit sich. Und das haben wir uns auch ausgesucht. Es gibt aber keine Möglichkeiten in diesem System, unsere Erfahrungen gut zu verarbeiten.

Viele kündigen, weil diese Doppelbelastung schwer auszuhalten ist und sie das Gefühl haben, dem Beruf nicht mehr gerecht werden zu können. Wir sprechen von einer politisch erzeugten Flucht. Wenn die Arbeitsbedingungen besser wären, würden viele von ihnen zurückkehren. Wir wollen den Beruf ausüben, den wir erlernt haben und nicht bei Patient*innen Abstriche machen müssen, nur um alle Aufgaben in der Arbeitszeit erledigen zu können. 

Pflegestreik: Die Krankenpflegerin Lena Matthiessen hält einen bemalten Stein mit der Aufschrift "Mehr von uns ist besser für alle" hoch

Lena Matthiessen im Streikzelt vor der Uniklinik Köln: "Mehr ist besser für alle!" Pflegenotstand bedeutet Personalmangel - nicht nur in NRW. Während der Pandemie haben zahlreiche Beschäftigte ihre Berufe in den Krankenhäusern verlassen. Die Hoffnung besteht, dass einige durch den Entlastungstarifvertrag zurückkehren. DGB/Thomas Range

Anfang Juli habt ihr in einer Kölner Kirche das „Schwarzbuch Krankenhaus“ vorgestellt, in dem ihr eure persönliche Überlastung anonymisiert dokumentiert habt. Zum Teil waren das erschreckende Erfahrungsberichte. Kommt es durch die Belastung auch zur Unterversorgung der Patient*innen?

Das ist definitiv ein Stück weit so. Es sorgt dafür, dass Fehler passieren, die hätten verhindert werden können. Für Patient*innen kann das sogar gefährlich werden und das ist ein riesiges Problem. Mit der Veröffentlichung des „Schwarzbuchs“ haben wir genau das deutlich gemacht. Darin wurden auch Momente geschildert, in denen Patient*innen durch unsere Überlastung zu Schaden gekommen sind. Das war nicht einfach für uns.

Woran krankt das Gesundheitssystem?

Ein großes Problem liegt in der Profitlogik. Krankenhäuser müssen gewinnbringend sein. Das sollte in der Gesundheitsversorgung aber keine Rolle spielen. Gespart wird an uns Beschäftigten. Besonders die pflegefernen Berufe sind davon betroffen. Also Beschäftigte, die nicht direkt am Pflegebett arbeiten. Der erzeugte Personalmangel erhöht den Druck auf unsere Arbeit.

Auch Patient*innen sind von der Profitlogik betroffen. Patient*innen aus der Notaufnahme zum Beispiel sind oft ein Verlustgeschäft für Krankenhäuser. So werden häufig Patient*innen aufgenommen, die es gar nicht so nötig hätten, dem Krankenhaus aber mehr Geld einbringen – und dann Betten verstopfen.

Während der Coronapandemie gab es viel Zuspruch für die Menschen in den pflegenden Berufen, auch Prämien wurden gezahlt. Hat sich seitdem etwas verbessert?

Im Gegenteil! Die Personaluntergrenzenverordnung wurde eingeführt, um einen Teil der Pflege zu entlasten. Während der Pandemie, als unsere Belastung am höchsten war, wurde sie ausgesetzt. Auch der versprochene Pflegebonus war nicht zielführend. Einige haben den gar nicht oder nur teilweise erhalten.

Es geht uns aber nicht nur um mehr Geld und Anerkennung, sondern auch um unsere eigene Gesundheit. Wir sollten nicht so arbeiten müssen, dass es uns schadet und es zu noch mehr Berufsflucht kommt. Das hat Corona gezeigt: allein während der Pandemie haben ca. 7000 Pfleger*innen den Beruf verlassen. Mit der jetzigen Einigung haben wir Hoffnung, dass es sich bessert.

Warum bist du Teil von Notruf NRW geworden?

Ich möchte, dass jede Station einen guten Besetzungsschlüssel bekommt. Ich habe selbst erlebt, wie schlimm es ist, wenn man mit seiner Arbeit nicht hinterherkommt. Auf meiner jetzigen Station sind wir zwar gerade gut besetzt, aber das ist ohne eine festgeschrieben Personaluntergrenzenverordnung nicht für immer gewährleistet.

Alle Menschen können krank werden. Warum gab es dennoch so wenig Aufmerksamkeit für den Pflegenotstand und euren Streik?

Das fragen wir uns auch. Das Thema ist unbequem, denn Menschen müssen sich dabei mit Tod und Krankheit auseinandersetzen. Das wird lieber verdrängt, weil es nicht schön ist. Ein anderes Problem ist, dass unser Streik falsch gebrandmarkt wurde. Wir mussten uns oft anhören, dass wir Patient*innen vernachlässigen würden, weil wir streiken.

Portraitfoto der streikenden Pflegerin Lena Matthiessen

Tarifrebell*in: Lena Henrike Matthiessen ist seit sechs Jahren examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Derzeit ist sie im Uniklinikum Köln beschäftigt. Als ver.di-Mitglied engagiert sie sich seit vier Jahren aktiv in der Tarifrunde der Länder. Am Pflegestreik hat sie sich von Beginn an beteiligt. DGB/Thomas Range

Habt ihr auch Zuspruch erfahren?

Es gab viel Unterstützung. Besonders von Menschen, die selbst verstehen, dass keine Profite mit kranken Menschen gemacht werden sollten. Sogar Angehörige von Patient*innen haben uns zugesprochen. Die mediale Aufmerksamkeit haben wir uns selbst erkämpft. Es ist schon spannend, weil es immer einen großen Aufschrei gibt, wenn die Bahn oder die Flughäfen bestreikt werden. Bei uns blieb es still. Wir haben die Medien dann selbst auf uns aufmerksam gemacht.

Wie steht es um die Solidarität aus der Ärzt*innenschaft – gab es streikende Ärzt*innen?

Mitstreikende Ärzt*innen gab es nicht. Allerdings gibt es eine Unterstützungspetition, die vom ärztlichen Personal der Uniklinik in Aachen aufgesetzt wurde. Insbesondere Assistenzärzt*innen haben uns viel Zuspruch gegeben. Es gab immer mal wieder Solidaritätsbesuche. Ein Traum wäre es, wenn wir wieder zusammen streiken würden. Dazu wäre es hilfreich, wenn mehr Ärzt*innen gemeinsam mit uns Mitglied bei ver.di würden, wozu sie ja die Möglichkeit hätten. Das würde der Bewegung, den Pflegenotstand zu bekämpfen deutlich mehr Schlagkraft verleihen. Denn auch ohne Ärzt*innen funktioniert das System Krankenhaus nicht. Wenn Pflegepersonal und Ärzt*innen in einer Gewerkschaft organisiert wären, würden beide Seiten davon profitieren.

Wie hat ver.di euch im Streik geholfen?

Die Bewegung ist von den ver.di Mitgliedern losgetreten worden. Das ging nur, weil wir viele Mitglieder aus den pflegerischen Berufen sind und so in einer großen und diversen Gewerkschaft wie ver.di etwas bewegen können. Wir sind eine Bewegung und ver.di unterstützt uns. Hauptamtliche Gewerkschafter*innen helfen uns in den Verhandlungen. Denn darin sind sie geschult.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Entlastungstarifvertrag tritt am 1. Januar 2023 in Kraft. Das ist aber nur der erste Schritt. Es ist Zeit, das Gesundheitssystem wirklich zu verändern. Durch die alternde Gesellschaft und mehr pflegebedürftige Menschen kann es nur schlechter werden bei gleichzeitig weniger Personal in den Krankenhäusern. Das kann auch ein Entlastungstarifvertrag nicht auffangen. Die Politik weiß schon lange, dass sie handeln muss. Jetzt ist es Zeit, das auch zu tun. Und wir werden weiter dranbleiben.


Nach oben

Kurzprofil

Micha Steinwachs
Micha Steinwachs ist verantwortlicher Redakteur der DGB-Gebenblende. Er studierte Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Politische Theorie und schreibt über Soziales und zivilgesellschaftliches Engagement.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

Zuletzt besuchte Seiten