Deutscher Gewerkschaftsbund

13.07.2010

Klassenkampf, Klassenherrschaft und Klassenstruktur

Zur Wiederkehr einer Problematik. Zum Sammelband von Hans-Günter Thien „Klassen im Postfordismus“, Münster 2010, Westfälisches Dampfboot

von Prof. Dr. Frieder Otto Wolf
Protest

koosinger/Photocase.com

Wissenschaftliche Arbeitsteilung ist unverzichtbar – ohne sie wären wirkliche Erkenntnisfortschritte einfach nicht zu erzielen: So wie die Schriftlichkeit die engen begrifflichen Schranken des mündlichen Diskurses sprengt und ein systematisches und explizit reflektiertes Argumentieren möglich werden lässt, überwindet eine stabile wissenschaftliche Arbeitsteilung die Schranken des bloßen Dilettantismus – in der Ermittlung der relevanten Tatsachen nicht weniger als in der Formulierung und Prüfung von Theorien über die in ihnen wirksamen Strukturen und Prozesse.

Allerdings hat wissenschaftliche Arbeitsteilung auch immer einen Preis: Sie macht es mehr oder minder schwierig, gelegentlich sogar unmöglich, aus dem einmal eingeschlagenen Untersuchungspfad herauszutreten und ganz andere Fragen zu stellen – etwa die Ausgangsannahmen zu hinterfragen. Deswegen bleibt immer ein Rest, den auch äußerst professionell arbeitsteilig vorgehende WissenschaftlerInnen noch dem Dilettantismus überlassen müssen – um sich mit den nicht-spezialisierten Publikum verständigen zu können, zu dem unvermeidlicherweise immer auch der größte Teil der eigenen FachkollegInnen gehört, aber auch um selber zu begreifen, was sie untersuchen und herausfinden. Louis Althusser hat vorgeschlagen, diesen Rest als ‚spontane Philosophie der WissenschaftlerInnen’ zu begreifen und die Tätigkeit der PhilosophInnen als eine ihrerseits professionell betriebene Praxis der Überwindung des darin liegenden Dilettantismus zu betreiben.

Analyse ohne Kritik

Dieser Vorschlag ist in Bezug auf die Naturwissenschaften, sowie auf die Mathematik und vergleichbare Formalwissenschaften, in einer gewissen, durchaus eindrucksvollen Breite umgesetzt worden, etwa in den Arbeiten von Dominique Lecourt und Pierre Raymond. In Bezug auf diejenigen Wissenschaften, die sich mit der Geschichte der Menschen und ihren Gesellschaften befassen, ist die Lage komplexer. Gerade im deutschen Sprachraum, wo die Etablierung der Soziologie als eigenständiger wissenschaftlicher Disziplin auf ganz besondere Schwierigkeiten gestoßen ist, ist immer noch die Frage unerledigt, wie sich eine Soziologie als kritische Theorie der Gesellschaft endlich von der toten Hand der affirmativen Philosophie befreien kann. Angesichts der seit den 1990er Jahren wieder in breiter Front betriebenen Liquidierung einer derart kritisch angelegten wissenschaftlichen Disziplin und angesichts der weitgehenden Zerstörung der Zusammenhänge, in denen sich Ansätze zu einer produktiven Neubestimmung des Verhältnisses von ‚Philosophie und Sozialwissenschaften’ entwickelt hatten, liegt sicherlich hier und heute das zentrale Problem: Jeder Beitrag zur Entwicklung und Stabilisierung einer produktiven disziplinären Arbeitsteilung in diesem Bereich ist als solcher zu würdigen und aktiv zu unterstützen. Aber das sollte nicht dazu führen, dass die Aufgabe verdrängt wird, nicht nur die professionell arbeitsteilige wissenschaftliche Forschung auf bestimmten Untersuchungspfaden voranzutreiben, sondern sich auch einen Raum des freien Nachdenkens und der offenen Beratschlagung darüber offenzuhalten. Dieser Aufgabe verschreibt sich radikale Philosophie. Das Folgende soll ein Beispiel eines radikalen Philosophierens geben.

Neue Kritik

Der von Hans-Günter Thien herausgegebene Sammelband „Klassen im Postfordismus“ (Münster 2010, 381 S.) knüpft ausdrücklich an den von Veit-Michael Bader, Albert Benschop, Michael Krätke und Werner van Treeck vor etwa 10 Jahren herausgegebenen Sammelband „Wiederentdeckung der Klassen“ an, der als Aufarbeitung der vor allem in den 1970er Jahren in Westdeutschland und Westberlin geführten Debatte zur Klassenstruktur der Bundesrepublik „so etwas wie deren Quintessenz“ formuliert habe, nämlich eine „transformationelle Klassentheorie“, die „eine ‚Strukturierung des Klassenhandelns’ [Benschop u.a. 1998, 23] ins Zentrum der Klassentheorie gestellt“ habe (7). Schon damals sei beispielhaft und an Beispielen vorgeführt worden, „wie und in welche Richtung solcherart Klassentheorie, die sich weder in der Falle des Objektivismus noch des Subjektivismus verfängt, vorgehen kann“ (ebd.): „Unter Berücksichtigung der spezifischen Form der Vergesellschaftung durch den kapitalistischen Warenmarkt sind 1) die objektiven Lebenspositionen in der Produktion dieser Waren und der Reproduktion dieses Produktionsverhältnisses zu erfassen, die 2) eine Stellung innerhalb der Konkurrenz der ‚Warenhüter’ bewirken (soziale Mobilität) und 3) mit Lebensweisen und –stilen verbunden sind, die wiederum 4) Bewusstseinsformen und normative Orientierungen beinhalten und sich 5) in Praktiken politischen Handelns und Organisierens niederschlagen.“ (7 [vgl. Benschop u.a. 1998, ebd.])

Klasse reloaded

Zehn Jahre später kann Thien zwar weltweit in neun relevanten Bereichen signifikante Untersuchungen und theoretische Debatten feststellen (8f.), in denen „vielfältige Anstrengungen und bedenkenswerte Überlegungen“ (10) zu finden sind: „Aber gleichzeitig und insgesamt entsteht doch der Eindruck des Vagen, von Anläufen, die nicht selten im Spekulativen bleiben, von Versuchen, die sich an einzelnen Punkten festmachen, ohne den/einen Zusammenhang erschließen zu können[,] oder von Prognosen, die häufig mit der Realität verwechselt werden;“ (ebd.). D.h. die Forschung ist dem formulierten Ziel einer „transformationellen Klassentheorie“ in einem ganzen Jahrzehnt nicht näher gekommen (ebd.). Von Wissenschaftsfortschritt aufgrund professioneller Arbeitsteiligkeit kann hier also keine Rede sein.

Ideologie und Kritik

Woran lag das? Ist es nur ein weiterer Fall eines aufgrund der neoliberalen Hegemonie ‚verlorenen Jahrzehnts’? Sind die verfolgten Forschungsmethoden unzureichend? Oder muss gar die Zielformulierung revidiert werden. Ich denke, hier ist es schon längst an der Zeit, eine politisch-philosophische Überforderung der Klassen-Theorie und -Forschung zu korrigieren.

Thien beantwortet diese Fragen nur implizit, indem er zweierlei Remedur für die konstatierte Misere vorschlägt: Zum einen könne nicht weiterhin „einfach von der Kerngestalt kapitalistischer Gesellschaften ausgegangen werden, wie sie Marx im Kapital bestimmt hat“ (ebd.), sondern „eine zeitgenössische Klassentheorie“ müsse „auf einer Analyse des heutigen Kapitalismus“ fußen (ebd.); zum anderen „sollen hier die Begriffe von Fordismus und Postfordismus dazu dienen, eine Art Klammer zu bieten für diese Analyse der Veränderungen des zeitgenössischen Kapitalismus und seiner klassenmäßigen Implikationen“ (10f.). Aus diesem Therapievorschlag lässt sich durchaus die zugrundeliegende Diagnose rekonstruieren: Die marxistische Tradition der Klassentheorie weist zwei gravierende Mängel auf: Zum einen neigt sie dazu, über die Rückbeziehung auf die ‚Kerngestalt des Kapitalismus’ die zeitgenössische historische Wirklichkeit zu vernachlässigen, zum anderen bietet sie – nachdem die marxistisch-leninistische Stadientheorie, wie sie bis in die Tradition der autonomia operaria (und ihre post-autonomen Nachfolger) hineingewirkt hat, mit Recht verabschiedet worden ist – keine „historische Strukturierung von Phasen kapitalistischer Entwicklung“ (11). Es leuchtet ein, dass auch Thien (wie auch der Verf.) dafür Abhilfe in der Rezeption der Regulationsschule sucht – und zwar in klarem Bewusstsein sowohl ihres unklaren Verhältnisses zu marxistischen Untersuchungen (ebd.), als auch der in ihren Theoriebildungen angelegten Tendenz zu „Überdehnung des Geltungsbereichs dieser Systematisierung [d.h. ihres „Versuch[s] einer systematischen Charakterisierung einer Phase kapitalistischer Entwicklung“ (ebd.)]“ (ebd.).

An und für sich

Damit sieht Thien mit guten Gründen die Debatte noch einmal zurückgeworfen auf „eine Problematik […], wie sie ähnlich etwa vor über 20 Jahren z.B. in der bekannten Althusser-Thompson-Kontroverse scharf diskutiert wurde“ und sieht sich letztlich sogar dazu veranlasst, „für die zeitgenössische Klassentheorie […] das deprimierende Fazit“ von Bader u.a. zu wiederholen: „Und das war und ist zugleich auch die Achillesferse der marxistischen Tradition in der Klassentheorie: Wie der Zusammenhang zwischen ‚objektiven’ Klassenlagen und ‚subjektivem’ Klassenbewusstsein und Klassenhandeln, zwischen der berühmten ‚Klasse an sich’ und der nicht weniger berühmten ‚Klasse für sich’, aussieht, das ist bis heute nicht zureichend geklärt. Warum Menschen sehr oft anders handeln, als es ‚eigentlich’ ihrer objektiven (Klassen)Lage entsprechen würde, warum sie anders sind, als sie selbst von sich meinen, bzw. anders handeln, als sie von sich erwarten, dafür haben wir in der Tradition der Klassentheorie keine systematische Erklärung.“ (Bader u.a. 1998, 21).

Struktur und Gesellschaft

Thien prüft anschließend, wie weit sich aufgrund des inzwischen vorherrschend gewordenen „poststrukturalistischen Vorgehens“ (12) neue Gesichtspunkte ergeben. Er kann mit guten Gründen die kulturalistische und identitätspolitische Anmaßung zurückweisen, die „das, was bisher als Struktur verstanden wird, schlicht als überflüssig erachtet“ (ebd.). Im poststrukturalistischen Verständnis von „’Gesellschaft’“ als „’kein Name für eine statische, stratifizierte Struktur, sondern die metonymische Bezeichnung für ein kontingentes, dynamisches Geschehen, in dem sich politische Einheiten unaufhörlich etablieren, auflösen und neue bilden’ (Saar 2008, 199)“.

Kapitalismus ohne Klassen?

M.E. unterstellt diese Beschreibung von Klassenstrukturen die Existenz einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der es keinerlei herrschaftliche Strukturen gibt, die zwar immer wieder aus den Auseinandersetzungen und Kämpfen der an der Gesellschaft teilnehmenden Menschen hervorgehen, sich aber zur Festlegung von Machtpositionen verselbständigen, die nicht mehr von allen Seiten gleichgewichtig wieder verändert werden können. Dies ist in unseren modernen, auch zeitgenössischen Gesellschaften aber ganz offensichtlich durchaus kontrafaktisch: Im Gegenteil spricht vieles für die Annahme, dass wir es in ihnen nicht nur mit derart verselbständigten Strukturen der Klassenherrschaft, sondern auch noch mit einer Reihe von weiteren Herrschaftsstrukturen zu tun haben, die sich überdeterminieren. Es überrascht daher doch, wenn Thien zugesteht, dies sei nicht nur „auf den ersten Blick einleuchtend“ (13) und werde „grundsätzlich auch von Theoretikern einer zeitgenössischen Kapitalismustheorie anerkannt“ (ebd.). Er bleibt allzu defensiv, indem er sich auf die Kritik beschränkt, diese These sei „arg allgemein“ (ebd.) und „zudem bleibt schon die Frage“ nach „Kerne[n] der Prozesse“ bzw. „einer Struktur“ (ebd.), sowie die Frage aufwirft, „wodurch wird das Ganze denn zusammen gehalten?“ Anstatt die von Saar, den er hier durchaus exemplarisch zitiert, gemachte Voraussetzung – der Nichtexistenz von Herrschaftsstrukturen in den zeitgenössischen ‚Gesellschaften’ – als solche zu kritisieren, wechselt er auf das Nebengleis des Substanzialismusvorwurfs über, den Saar gegenüber dem Klassenbegriff erhebt, um dann das scheinbar eher unverfängliche Postulat einer „’Kartographierung des Sozialen’“ einzugehen: „mit dieser Forderung trifft sich Saar mit den hier vorgetragenen Überlegungen: eine ‚Kartographierung des Sozialen’ scheint mir sehr sinnvoll“ – allerdings wirft Thien wiederum die rhetorische Frage auf, „wie die genannten Verwerfungen und Frontlinien sozialer Gruppierungen, genauer Klassen, erfasst werden können, ohne die Formspezifik kapitalistischer Gesellschaftlichkeit in ihrer heutigen Ausprägung zu bestimmen und auch die materielle Geprägtheit der Produktion im Raum zu berücksichtigen“ (14). Er kann zeigen, dass die von ihm kritisierten AutorInnen gegenüber der besonderen historischen Form der kapitalistischen Lohnarbeit blind sind und nur die älteren Formen etwa der Sklavenarbeit in ihrer Herrschaftlichkeit thematisieren (ebd.) oder umgekehrt die Seite der freien Entfaltung des „’unternehmerischen Selbst’ klassenübergreifend“ verselbständigen (ebd.), die immer schon die eine Seite der ‚doppelt freien Lohnarbeit’ ausgemacht hat.

Klasse und Herrschaft

Thien kann anschließend deutlich machen, dass gerade in dem eigentümlichen „Verlauf poststrukturalistischen Argumentierens“ (15) insofern die Klassenthematik eine zentrale Bedeutung habe, als sich darin die historische Spezifik des Kapitalverhältnisses als Herrschaftsform äußert: „das Besondere an Klassenverhältnissen im Kapitalismus besteht ja gerade darin, dass die sozialen Gruppierungen, die man als Klassen bezeichnen könnte, sich nicht einfach als solche Gruppierungen darstellen, die man einfach an statistischen Kriterien katalogisieren könnte,“ – d.h. das Kapitalverhältnis ist kein direkt personales Herrschaftsverhältnis – „sondern dass Individuen in spezifischer Weise [- nämlich in der Verbindung von Freiheit und Abhängigkeit, wie sie für die Lage der ‚doppelt freien Lohnarbeit’ ganz allgemein konstitutiv ist ] in den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess einbezogen werden [- was allerdings keineswegs nur in den Formen der kapitalistischen Produktionsweise geschieht; auch in den modernsten Gesellschaften werden 60-70% der gesellschaftlich notwendigen Arbeiten außerhalb dieser Form geleistet] und eben durch diese Art der Einbezogenheit Voraussetzungen für ihr Handeln geschaffen werden, die von ihnen in allerdings unterschiedlicher Weise genutzt werden können“ (ebd.).

Undeutliche Klassenverhältnisse

Diese Überlegungen kann Thien abschließend unter Rückgriff auf einen starken Text Étienne Balibars (1990) nach zwei Seiten konkretisieren: Erstens müsse der kapitalistische „Klassenantagonismus“ (16) als ein „Transformationsprozess ohne vorgegebenes Ziel“ begriffen werden (ebd.); zweitens habe sich das, „was man Arbeiterbewegung nennt“ noch nie „direkt aus der Arbeiterklasse und ihrer Lage“ ergeben, sondern diese waren von Anbeginn und immer eingebunden in die historische Ausgeprägtheit des Kapitalverhältnisses, das immer ein breites Spektrum von unterschiedlichen und widerstreitenden Lagen beinhaltete“ (ebd.). Balibar selber hat, dies (wie Thien referiert) in zwei Richtungen zusammengefasst, in einer Absage an die substanzialistische ‚Ding-Ontologie’ und in einer Unterscheidung zwischen der allgemein kapitalistischen Struktur von Klassenantagonismus und Klassenkampf und ihren veränderlichen historischen Gestalten – was es dann auch möglich macht, zwischen den „beträchtliche[n] historische[n] Auswirkungen“ (ebd.) der Krise der traditionellen „Darstellungsformen und Praktiken des Klassenkampfes“ (ebd.) und einem „Ende der antagonistischen Formen des Klassenkampfes“ zu unterscheiden (ebd.).

Klassen und Beziehungen

Damit kann Thien resümierend bestimmen, was die „Aufgabe einer Klassentheorie“ ist, „die diese Bezeichnung zu Recht verdient“ (ebd.): „die Transformationen dieser Beziehungen [ „die sozialen Beziehungen“, die sich „nicht zwischen geschlossenen Klassen entwickeln, sondern durch die Klassen hindurchgehen“ [Balibar 1990, 210] ] und ihre Implikationen für die Handlungen der beteiligten Gruppierungen und Individuen in ihrer empirischen Gestalt zur Kenntnis zu nehmen und als Momente des Prozesses kapitalistischer Produktion und Reproduktion zu entschlüsseln“ (ebd.) – zentral durch „die Aufnahme der Klassenpraxis, d.h. der gesellschaftlichen Verkehrsformen von Arbeitskulturen wie von Einzelkapitalisten und der Kapitalistenklasse, schließlich auch ihrer vermittels des Staats erfolgenden Formierung zur herrschenden Klasse.“ (ebd.)

Klasse und Subjekt

Balibars Thesen arbeiten sich an einem Kontext ab, an den zu erinnern nützlich ist, um die Frage ernsthaft zu verfolgen, ob und in welchem Sinne sich eine Klassentheorie als wissenschaftlicher Forschungszweig sinnvoll relativ verselbständigen kann: Dieser Kontext liegt in der Philosophie Louis Althussers , hier insbesondere in den beiden philosophischen Thesen, dass der historische Prozess insgesamt als ein ‚procès sans sujet et sans fin’ [wörtlich: Prozess ohne Subjekt und Ziel], also ein Prozesses ohne agierendes Gesamtsubjekt und ohne eine vorgegebene Zielsetzung, zu begreifen sei, und dass es erforderlich sei, zwischen Produktionsweisen als allgemeineren Strukturen und konkreten historischen Gesellschaftsformationen zu unterscheiden, ganz besonders im Fall der kapitalistischen Produktionsweise, wie sie als eine besondere, moderne historische Gestalt von Herrschaft und Ausbeutung in einer Vielzahl von Gesellschaften ‚herrscht’. Diese beiden Thesen sind als Korrekturen zu begreifen[1], zum einen sowohl des marxistisch-leninistischen Phantasmas der bolschewisierten Kommunistischen Partei als vereinheitlichtem Subjekt des Prozesses des ‚Übergangs zum Sozialismus’, als auch der im ‚westlichen Marxismus’ vielfach aufgegriffenen Konzeption des Proletariats als ‚Subjekt/Objekt’ des revolutionären Prozesses, zum anderen wiederum sowohl als eine der zunächst kautskyanischen, dann marxistisch-leninistischen Lehre von der ‚gesetzmäßigen Abfolge der Gesellschaftsformationen’ als auch des im westlichen Marxismus verbreiteten Historismus im Sinne eines vage bleibenden ‚Epochen-Denkens’, das die geschichtsphilosophische Operation, immer neue Konstitutionsprinzipien der historischen Wirklichkeit einfach zu unterstellen, an die Stelle ihrer konkreten Untersuchung und begrifflichen Durchdringung setzt. Im Klartext: An die Stelle der vagen Rede vom ‚heutigen Kapitalismus‘ sollten wir endlich die Frage nach den heutigen konkreten Gesellschaften in ihrer globalen Konstellation treten lassen - und an die Stelle der erneuten Konstruktion verkappter Stadien-Theorien der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise (wie in der Abfolge ‚Fordismus‘/Postfordismus‘) sollten wir endlich die konkreten Gesellschaften in ihrer globalen Konstellation betrachten (wobei wir uns selbstverständlich den Reichtum der empirischen Verallgemeinerungen zu Nutze machen können, die in Bezug auf die ‚westlichen‘ Gesellschaften der Kalten-Kriegs-Konstellation unter dem Titel des ‚Fordismus‘ zusammengetragen worden sind).

Historische Klassen

Damit können wir Thiens Anregungen noch einmal konkretisieren, indem wir sie leicht korrigieren: Klassentheorie- und Klassenforschung wäre damit als derjenige Zweig einer Kritik der in den empirisch gegebenen Gesellschaften bestehenden Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise zu begreifen, in dem spezifisch untersucht würde, in welchen historischen Gestalten sich das Kapitalverhältnis als ein modernes, nicht mehr personengebundenes Herrschaftsverhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital reproduziert - und d.h. immer auch, wie es sich dabei über andere, außerhalb der Metamorphosen des Kapitals liegende Momente (Ökologie, Geschlechterverhältnisse, internationale Abhängigkeit) vermittelt. Und die Frage nach dem ‚historischen Subjekt‘ einer anti-kapitalistischen Politik innerhalb der historischen Wirklichkeit wäre damit ein für alle Mal aus der Sphäre der philosophisch-politischen Spekulation isolierter Intellektueller, die sich mit der Lektüre der marxistischen ‘Klassiker‘ begnügen können, in die Sphäre der praktischen Projekte und der empirischen Untersuchungen wirklicher Subjekte innerhalb historischer Prozesse zurückverlagert, die sich zusammenfinden - „ihre Köpfe zusammenstecken“, wie Marx das noch thematisiert hat - und gemeinsame Interessen und Zielsetzungen artikulieren, sowie Bündnisse mit denen schließen, die dazu bereit sind.

Wo bleibt die Emanzipation?

In modernen, unvermeidlich komplexen Gesellschaften bedarf auch eine politische Praxis der Beherrschten der Expertise spezialisierter Forschung. Eine derart in ihren Erkenntnisansprüchen korrigierte Klassentheorie und -Forschung könnte dies leisten - und zwar endlich, ohne permanent an der Überforderung zu leiden, den ‚eigentlichen Generalschlüssel‘ für eine emanzipatorische Praxis liefern zu sollen.

 

Literatur

Veit-Michael Bader, Albert Benschop, Michael Krätke und Werner van Treeck, hg.: (1998): Die Wiederentdeckung der Klassen, Hamburg.

Balibar, Etienne (1990): Vom Klassenkampf zum Kampf ohne Klassen, in: Balibar/Wallerstein 1990, 190-226.

Ders. / Wallerstein, Immanuel (1990): Rasse, Klasse, Nation, Hamburg.

Benschop, Albert / Krätke, Michael / Bader, Veit (1998): Eine unbequeme Erbschaft. Klassenanalyse als Problem und als wissenschaftliches Arbeitsprogramm, in: Bader u.a. 1998, 5-26.

Moebius, Stephan / Reckwitz, Andreas (2008): Poststrukturalistische Sozialwissenschaft, Frankfurt a. M.

Saar, Martin (2008): Klasse/Ungleichheit. Von den Schichten der Einheit zu den Achsen der Differenz, in: Moebius/Reckwitz 2008, 194-207.

Thien, Hans-Günter (2010): Klassen im Postfordismus, Münster.

Wolf, F. O. (2002): Radikale Philosphie. Aufklärung und Befreiung in der neuen Zeit, Münster ²2009.

 


[1]   D.h. sie entfalten ihren Sinn als ‚Eingriffe‘ nur, wenn sie auf das bezogen werden, um dessen Korrektur es in ihnen geht; als aus diesem Kontext heraus gelöste Allgemeinplätze ohne spezifischen ‚Einsatz‘ funktionieren sie einfach nicht.


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Kurzprofil

Prof. Dr. Frieder Otto Wolf
Geboren 1943 in Kiel
Honorarprofessor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.
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