Deutscher Gewerkschaftsbund

26.08.2020

Vier Tage sind eine Woche

Die IG Metall schlägt eine Vier-Tage-Woche vor - und spricht lediglich "von einem gewissen Lohnausgleich". Ist das realistisch? Arbeitsreduzierung hat schon einmal gut bei fast vollem Lohnausgleich funktioniert: bei VW. Vor 25 Jahren rettete die Vier-Tage-Woche Arbeitsplätze und verbesserte die Lebensqualität.

 

Von Thomas Gesterkamp

Ausschnitt von der Front eines Volkswagens mit Kühlergrillemblem von VW, der Wagen ist blau.

Bevor die Zeiten bei Volkswagen so richtig frostig wurden, hat der damalige Arbeitsdirektor Peter Hartz einst das innovative Arbeitszeitmodell der Vier-Tage-Woche vorgeschlagen - und mit Hilfe der Betriebsräte erfolgreich eingeführt. DGB/Nico Nic/Flickr

Mitte August hat der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann mit einem Interview Furore gemacht. Der Süddeutschen Zeitung sagte er, weitere Arbeitszeitverkürzungen seien der beste Weg, um dem Strukturwandel vor allem in der Autoindustrie zu begegnen. Aufsehen erregte er vor allem deshalb, weil er die Idee der Vier-Tage-Woche wieder ins Gespräch brachte. Mit diesem innovativen Arbeitszeitmodell hatte der VW-Konzern schon vor über zwei Jahrzehnten gute Erfahren gemacht – und Massenentlassungen verhindert.

Das Vier-Tage-Modell bringt mehr Lebensqualität

"Zwischen Volks- und Kinderwagen": Unter diesem griffigen Titel erschien 1998 eine soziologische Studie, die die "Auswirkungen der 28,8-Stunden-Woche auf die familiale Lebensführung von Industriearbeitern" untersuchte. Kerstin Jürgens und Karsten Reinecke befragten die Belegschaften mehrerer VW-Werke – mit einem Schwerpunkt auf der Passat-Fabrik im ostfriesischen Emden, die das Konzept am konsequentesten umsetzte. Entgegen der in Boulevardmedien verbreiteten Klischees, die über einen (nie empirisch belegten) Anstieg der Schwarzarbeit am VW-Stammsitz in Wolfsburg spekulierten, betonten Jürgens und Reinecke die positiven Effekte reduzierter Wochenarbeitszeiten für die Gesundheit der Beschäftigten und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Gerade für die im ländlichen Niedersachsen von oft von weither anreisenden Pendler machte es zum Beispiel einen großen Unterschied, wenn sie nicht mehr um vier Uhr morgens aufstehen mussten, um rechtzeitig zum Beginn der Frühschicht an ihrem Arbeitsplatz zu sein. Umgekehrt ergaben sich auch an den Nachmittagen neue Spielräume, die manche dazu nutzten, mehr mit ihren Kindern zu unternehmen oder mehr Sport zu treiben. Voraussetzung für solche positiven Effekte ist allerdings die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung auf täglicher Basis in Richtung eines 6-Stunden-Tages. Wegen der langen Anfahrtswege bevorzugten bei Volkswagen viele eher Blocklösungen mit zusätzlichen freien Tagen. Doch auch das Modell vier Tage Schicht, drei Tage Freizeit, wie etwa in Emden lange praktiziert, werteten die Befragten als einen Gewinn an Lebensqualität.

Plakat mit einer symbolisch aufgehenden Sonne, in der eine 35 steht, auf rotem Grund.

„Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“ lautete der Slogan, mit dem die IG Metall in den Achtzigerjahren für die Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 35 Stunden in der Woche warb. Jetzt bringt ihr Chef die Vier-Tage-Woche wieder ins Gespräch. DGB/IG Metall

Entwickelt hatte das Arbeitszeitmodell der einstige VW-Manager Peter Hartz. Der spätere Architekt der Agenda 2010 hatte zu jener Zeit in Gewerkschaftskreisen noch einen guten Ruf. Vor dem Hintergrund schon damals drastischer Absatzeinbrüche setzte sich Hartz mit den mächtigen VW-Betriebsräten zusammen und einigte sich auf die flächendeckende Einführung einer befristeten 28,8-Stunden-Woche. Zur Akzeptanz des gefundenen Kompromisses trug erheblich bei, dass die monatlichen Bruttolöhne der Beschäftigten trotz geringerer Stundenzahl nicht sanken. Für das Unternehmen rechnete sich die Lösung dennoch, weil der Wegfall üppiger Jahressonderzahlungen den Personalkostenetat spürbar entlastete.

Innovative Zeitkonzepte gerieten zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit

Als einige Jahre später die Autokonjunktur wieder ansprang und VW zum erfolgreichen Exporteur vor allem Richtung China avancierte, wurden die betrieblichen Arbeitszeiten schrittweise wieder dem Normalstandard angepasst.  Das innovative Zeitkonzept geriet weitgehend in Vergessenheit. Die IG Metall, in den 1980er-Jahren noch Pionier in Sachen 35-Stunden-Woche, konzentrierte sich in ihrer Tarifpolitik wieder auf ein Plus bei den Löhnen. Das "Pforzheimer Abkommen" von 2004 ermöglichte es den Betrieben sogar, die Arbeitszeit zu verlängern, wenn die Gewerkschaft zustimmt.

Erst nach dem Diesel-Skandal und angesichts des drohenden Personalabbaus durch die Umstellung auf Elektrofahrzeuge wandte sich die IG Metall erneut der Arbeitszeitpolitik zu. 2018 setzte sie durch, dass Beschäftigte das Recht erhalten, auf eigenen Wunsch maximal zwei Jahre lediglich 28 Stunden pro Woche zu arbeiten, der Lohn wird entsprechend gekürzt. Außerdem können seither Schichtarbeiter, Eltern und pflegende Angehörige ein sogenanntes zusätzliches Tarifentgelt umwandeln in acht freie Tage. Deutlich mehr Menschen als erwartet haben diese Regelungen in Anspruch genommen.

Blick in eine Autofabrik. Karosserien hängen von oben herunter und werden von Arbeitern überprüft.

Die Arbeit am Fließband ist immer noch körperlich hart. Vernünftige Arbeitszeitregeln können die Situation der Beschäftigten stark verbessern. DGB/Simone M. Neumann

Nun, mitten in der Corona-Pandemie und einer erneut massiven Absatzkrise in der Branche, geht der IG-Metall-Chef noch einen Schritt weiter. Mit der Vier-Tage-Woche "lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben", betont Hofmann. Details nennt er nicht, spricht lediglich "von einem gewissen Lohnausgleich, damit es sich die Mitarbeiter leisten können”. Er sei jedoch zuversichtlich, “dass wir auch diesmal eine Lösung in der Kombination von Zeit und Geld finden".

Arbeitgeber halten kürzere Arbeitszeiten in der Krise natürlich für "Gift"

Die postwendenden öffentlichen Reaktionen lassen am Optimismus des Gewerkschaftschefs zweifeln. Die Kommentare in wirtschaftsnahen Blättern wie Handelsblatt oder Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisieren den Vorstoß vehement. Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände stimmt in den Ablehnungschor ebenso ein wie die FDP-Bundestagsfraktion: Kürzere Arbeitszeiten inklusive Lohnausgleich wären "gerade in der jetzigen Krise Gift für viele Unternehmen, die ja schon heute um ihre Existenzen kämpfen müssen".

Dagegen begrüßen SPD, Linkspartei und Grüne den Vorschlag, und auch der Fachverband Gesamtmetall hält sich mit kritischen Stellungnahmen weitgehend zurück – was eine gewisse Verhandlungsbereitschaft auf der Arbeitgeberseite signalisiert. Ob es der Gewerkschaftsvorstoß in den Forderungskatalog der zum Jahreswechsel beginnenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie schafft, hängt wesentlich von der organisationsinternen Debatte ab. Denn nicht nur im Unternehmerlager oder unter neoliberal eingestellten Journalisten und Politikern stößt das Verkürzen der Arbeitszeit auf Ablehnung. Selbst ein Teil der Betriebsräte und gewerkschaftlichen Vertrauensleute setzt vornehmlich auf mehr Geld. Die lebensweltliche Perspektive, die das Soziologenteam am Beispiel des VW-Experiments untersuchte, haben längst nicht alle Interessenvertretungen auf dem Schirm.

Die IG Metall steht, wenn auch nicht mehr so stark wie früher, in der Tradition einer von männlichen Arbeitern geprägten Gewerkschaft. Das Ernährermodell auf der Grundlage der üblichen Zeitmuster und der herkömmlichen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen hat sie mit ihrer Politik lange befördert. Ideen einer allgemein reduzierten Erwerbszeit, die eine stärkere männliche Beteiligung an der privaten Sorge-Arbeit ermöglichen würde, diskutierten eher kirchliche Gruppen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen. In jüngerer Zeit aber haben sich die Gewerkschaften für diesen Ansatz geöffnet. In der IG Metall, noch stärker bei Verdi findet derzeit ein Umdenken statt. Eine geschlechtergerechte Verständigung auf rund 30 Wochenstunden als neuer Zeitstandard für alle aber scheint weiterhin Utopie.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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