Deutscher Gewerkschaftsbund

11.11.2020
Podcast

Leipzig gegen Philadelphia

Kolumne ABC mit Renée

Podcast-Dauer: 6 Minuten
---
Am Wochenende feierten viele Menschen auf den Straßen. Die einen jubelten über Donald Trumps Niederlage und die Rückkehr zu Anstand und Vernunft, die anderen jubelten über sich selbst als Kämpfer gegen die vermeintliche Corona-Unterdrückung. Unsere Kolumnistin Renée Zucker hat sich daher dieses Mal für ihre Kolumne ABC mit Renée den Buchstaben F vorgenommen, F wie Feiern – oder auch F wie falsche Innenminister. Und sie empfiehlt einen heiteren Krimi aus den USA.

Kolumnentext:

---

Der CSU-Innenminister hatte zuerst gerügt und der Generalsekretär der Schwesterpartei, ja, selbst deren Gesundheitsminister beteten ihm nach: eine Ferndiagnose bezüglich polizeilichen Versagens in Leipzig verbiete sich, wenn man die Einzelheiten der lokalen Ordnungs-Strategie nicht kenne. Abgesehen davon, dass bei der vorgeblichen Coronaleugnungsdemo genügend Journalisten vor Ort waren, die das berichteten, was sie gesehen haben, könnte man Zweifel an einer Strategie haben, die das Überranntwerden der eigenen Kräfte beinhaltet. So wie in Leipzig geschehen.
Es ist bestimmt nett, wenn der Bundesinnenminister die Polizei seiner Zuneigung versichert, und sich der lokale Innenminister empört, ob man etwa gegen Senioren vorgehen solle, allerdings müssten beide allmählich zur Kenntnis nehmen, dass wir ein zunehmendes Problem mit Rechtsextremismus von jung bis alt in diesem Land haben. Und dass alte Straftäter aus staatlicher Güte nicht belangt werden, wäre neu.

Rechtsextreme und Ruheständler aufsässig sich infizierend

Dass mehrere Zehntausende Aufzugsteilnehmer in Leipzig weder Masken trugen noch Abstand hielten ist eine Sache; dass eine Menge von angeblich bunten und harmlosen Teilnehmern mehr und mehr aus organisierten Rechten besteht, ist etwas, dass mehr Sorgen macht, als die gegenseitige Infizierung aufsässiger Ruheständler.

Auf jeden Fall erscheint es folgerichtig, dass sich Rechtsextreme erfolgreich an eine unausrottbare Seuche hängen können.

Freude über Vielfalt und Gerechtigkeit, Demokratie und Wissenschaft

Die Bilder des Wochenendes hätten nicht unterschiedlicher sein können und machten einiges schmerzhaft klar: während auf Washingtons und Philadelphias Straßen junge Frauen und Männer aller Hautfarben ihrer Erleichterung und Freude über die Ausrufung Joe Bidens als 46. US-Präsident Ausdruck gaben, in dem sie lachten, tanzten und sangen, hielten sich auf einer Leipziger Fußgängerzone mehr oder weniger ansehnliche, weiße Menschen Coronaleugnungstrunken an den Schultern fest, stolperten hintereinander zwischen geschlossenen Kettenfilialen und riefen dummes Zeug. Eine Polonaise nicht mal nach Blankenese, sondern nur im Kreis.

Feierten die einen Hoffnung auf Vielfalt, Glaubwürdigkeit, Gerechtigkeit, Demokratie und Wissenschaft, jubelten die anderen, also unsere, über ihren Sieg, - also das Überrennen der Polizei bis in die Fußgängerzone hinein - gegen die Meinungsdiktatur ihrer selbstgebastelten Unterdrückungsrealität.
Das anzuschauen tut weh. Was in den USA passiert, kommt mit Verzögerung auch bei uns an, so eine alte These.

Einerseits eine schreckliche Vorstellung. Andererseits: jetzt wissen wir, dass es gut ausgeht - oder zumindest nach 4 Jahren Nachtmeerfahrt so aussieht, als ob es gut ausgeht.

Zwei kleine Einwände: 1. Wer sollte denn hier den vom Schicksal geschlagenen, empathischen Daddy geben? 2. Haben wir nicht schon im letzten Jahrtausend unser faschistisches Soll für alle Zukunft gegeben? Oder wie es Steve Alter, Sprecher des Innenministeriums bei der Bundespressekonferenz fast träumerisch ausdrückte: Man kann den Eindruck bekommen, dass wir das besser machen sollten.

Lektüretipp: der Krimi "Dunkle Wolken über Alberta"

Lesen sollten wir jetzt unbedingt etwas Heiteres, etwas angenehm Leichtes, trotz aller schicksalhaften Lebensschwere. Aus einem Land, das uns in letzter Zeit nicht unangenehm auffiel. "Dunkle Wolken über Alberta" heißt der Roman von Thomas King, halber Cherokee, Professor für Native Studies und Schriftsteller, der einen herrlichen Protagonisten namens Thumps DreadfulWater erschaffen hat - ehemaliger Reservats-Polizist, jetzt Fotograf in der Tradition berühmter Indianerfotografen wie Edward Curtis - aber immer wieder muss er bei irgendwelchen Fällen aushelfen.

Kings Erzählton ist so lässig und auf hinterlistige Weise verpeilt wie seine wunderbaren Figuren, die sich gegenseitig scheinbar das Leben schwer machen und doch nur aufeinander aufpassen. Wie bei den meisten guten Krimis spielt hier der eigentliche Fall nicht die Hauptrolle, sondern die Atmosphäre einer ganz besonderen Welt, die vor Thomas King Tony Hillerman mit seinen Hopi und Diné-Krimis aus den Stammesgebieten von New Mexico und Arizona einzigartig beschrieben hat.

 


Nach oben

Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten