Deutscher Gewerkschaftsbund

16.09.2010

Die Glut von Eisen und Stahl.

von Natalie Förster

Glühende Hitze, gleißendes Licht, gigantisches Getöse. Fast meint man, den Ruß auf der Zunge schmecken zu können und die Glut auf der Haut zu spüren.

Klaus Ritterbusch, der Meister der Gelb- und Rottöne schuf mit seinem Werk „Flowing Steel“ ein lebendiges Abbild der Stahlindustrie. Bei Ritterbuschs Werken fällt das übernatürlich wirkende Leuchten der Farben auf, das seine Industriebilder so besonders macht. So steht auch hier das Feuer, der glühende Stahl als Protagonist im Vordergrund. Heiße Funken verteilen sich über den ganzen Raum und die Umgebung, die schmutzige und kalte Industriehalle, tritt in den Hintergrund.

Damit passt das Werk hervorragend in den Kontext der Sonderausstellung „Feuerländer – Regions of Vulcan“ im LVR – Industriemuseum in Oberhausen. Hier geht es nämlich um genau das: Um Hitze, um Arbeit, um Feuer: um Stahl und um Kohle. Und vor allem um deren künstlerische Umsetzung. Es handelt sich um die bisher größte internationale Ausstellung des LVR – Industriemuseums und damit um einen Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahres 2010.


Gezeigt werden Gemälde der Industriemalerei aus den letzten zwei Jahrhunderten, die mal lobend, mal tadelnd, mal überschwänglich, mal kritisch die Welt der Montanindustrie in Szene setzen.

Den Leitfaden bilden dabei zehn „Regions of Vulcan“, das heißt Orte, an denen Bergbau und Eisenverhüttung die Region geprägt haben. Dazu zählen u.a. Ironbridge in England, die Wallonie, Sardinien, Oberschlesien, Pittsburgh in den USA und natürlich das Ruhrgebiet. Dementsprechend stammen auch die ausgestellten Werke aus Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Polen und den USA.


Die Werke aus und über diese Regionen vermitteln, dass besonders die Montanindustrie nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in der ganzen Welt, landschaftsprägend wirkte. Historische Stadtbilder mussten den Schloten und Fördertürmen weichen, aber auch die Bevölkerung veränderte sich. Stetige Migration sowie die harten Arbeitsbedingungen schufen eine neue Identität.


So zeigen die Bilder der Ausstellung eben auch das Leben um und mit der Industrie. Darstellungen der Produktion kommen genauso vor wie Bilder der Arbeit und der Arbeiter. Einerseits drücken romantische Industrieidyllen die Vereinfachung des Lebens der Menschen durch den rasanten industriellen Fortschritt aus, andererseits zeigen die dunklen und melancholischen Bilder auch die Zerstörung, die Technik, Gestank und Lärm der Schwerindustrie mit sich brachten.


Henry Luytens Tryptichon zeigt wütende Arbeiter mit roter Fahne, eine frierende Mutter mit ihrem Kind und Soldaten vor einer Reihe exekutierter aufständischer Arbeiter. In diesem Bild kommen somit alle Facetten der dunklen Seite der politischen Auseinandersetzung um die industrialisierte Arbeitswelt zum Ausdruck.


Doch auch positive Bilder der Industrie spielen eine Rolle. Ernst Ludwig Kirchner schuf 1926 mit seinem Werk „Chemnitzer Fabriken“ das Bild einer knallbunten Industrieanlage, die unter den eher düsteren Darstellungen vieler anderer Künstler deutlich hervorsticht.

Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner, Chemnitzer Fabriken LVR

Zu den weiteren Stars der Ausstellung zählen Bonhommé, Calvelli, Corinth, Felixmüller, Gessner, Gorson, Rethel und Schneider.

Obwohl im LVR – Industriemuseum in Oberhausen derzeit über 200 Werke präsentiert werden, widmeten sich insgesamt nur wenige Künstler diesem bis heute aktuellen Thema. Die Industriemalerei blieb somit eine Exotin. Umso beeindruckender ist der Umfang der Ausstellung, die derzeit in Oberhausen zu sehen ist.

Zu finden sind die „Feuerländer“ an zwei Standorten in Oberhausen:

Das Peter-Behrens-Gebäude, das Depot des Industriemuseums an der Essener Straße, zeigt den Ausstellungsteil „Feuerkult“ mit ca. 140 historischen Malereien und Grafiken. Die Werke stammen aus der Zeit von 1780 bis 1980. 13 Themenbereiche zeigen die Entwicklung des Industriebildes unter verschiedensten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflüssen sowie unter den wechselnden Stilrichtungen der Kunst. Das thematische Spektrum reicht von Landschaftsmalerei über Darstellungen von Arbeit und Protest bis zu fast abstrakten Werken, die die Farbigkeit des Feuers in den Prozessen der Schwerindustrie darstellen. In späterer Zeit wurde auch eine andere Art des Feuers, der Krieg nämlich, dargestellt. Auch er ist ein Faktor der industriellen Welt. Auf diese Weise wird in diesem Ausstellungsteil ein Überblick über die Geschichte der Industriemalerei vermittelt.


Im Kesselhaus der historischen Zinkfabrik Altenberg werden die zeitgenössischen Werke unter dem Titel „Brandherde“ präsentiert. Hier stellen rund sechzig zeitgenössische Werke die neue Welt der „Feuerländer“ dar. Sie entstanden zwischen dem Jahr 1980 und der Gegenwart. Wie wird die Auseinandersetzung um die sich wandelnde Arbeitsgesellschaft, um die
Richtung der Industriegesellschaft, ihre kapitalistische Wirtschaftsordnung und um ihre überwiegend rasanten Strukturwandelprozesse heute geführt? Was ist anders als früher, was bleibt?


Dies sind die zentralen Fragen, die in den „Brandherden“ thematisiert werden.
Anhand der zeitgenössischen Werke lässt sich der Strukturwandel der Montanindustrie in Europa mit der Entwicklung in den USA vergleichen. Dabei eröffnen sich große Unterschiede im Umgang der Künstler unterschiedlicher Herkunft mit diesem Thema. Großformatige Themen wie Trauerarbeit, politischer Protest gegen Entlassungen, aber auch die anhaltende Begeisterung für Flammen, Funken und Rauch werden von den Künstlern aufgegriffen.


Die europäischen Bilder spiegeln ein großes Traditionsbewusstsein im Umgang mit der eigenen Industriekultur. In den amerikanischen Werken liegt dagegen ein Fokus auf dem Abschließen mit der industriellen Vergangenheit und sie wirken wie eine Art Nachruf auf diese Epoche.
Die osteuropäischen Bilder stellen eine Besonderheit dar: Das früher stark vertretene Motiv des Helden der Arbeit verschwindet durch den Strukturwandel nahezu vollständig. Auch die Thematisierung der Frauenarbeit ist einzigartig in diesen Bildern.
Speziell die polnischen Künstler bedienen sich außerdem stark mit kunsthistorischen Motiven aus der Ikonenmalerei. So erinnert eines der Bilder beispielsweise an eine Abendmahldarstellung.


Die Werke im Kesselhaus greifen somit aktuelle Debatten über den Wert der Arbeit in der digitalisierten Industriegesellschaft auf und diskutieren den Umgang mit den Überbleibseln der ausgemusterten Industriewelt.


Beide Ausstellungsteile sind noch bis zum 28. November 2010 geöffnet.
Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse für 32 Euro, im Handel für 36 Euro erworben werden kann.

Anschrift:
LVR – Industriemuseum Oberhausen
Zinkfabrik Altenberg
Hansastraße 20
46049 Oberhausen


Peter-Behrens-Bau
Essener Str. 80
46047 Oberhausen


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