Deutscher Gewerkschaftsbund

02.09.2020
Podcast

Glück und Hoffnung statt barbarische Banalität

Kolumne von Renée Zucker

Wir sind zurück aus der Sommerpause mit der Kolumne ABC mit Renée. Unsere Kolumnistin hat sich ein wenig umgeguckt in der Corona-Gesellschaft und sich daher für den Buchstaben B entschieden, B wie Barbaren oder Banalität des Bösen. Es ist aber nicht alles schlecht jetzt. Renée Zucker kann der Corona-Zeit durchaus Gutes abgewinnen.

Nächste Woche gibt es wieder den Debattenpodcast mit der taz-Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann.


Podcast-Text:

Die Diskussion darüber, ob sich die Welt durch, mit und nach Corona zum Besseren verändert, dauert an. In wenigstens zwei Punkten konnte ich dem Virus etwas Positives abgewinnen. Neulich bemerkte eine Frau, wie merkwürdig die jetzt gedrehten Soaps mit Mindestabstand anzuschauen seien – Liebespaare würden sich nicht mehr an Haustüren oder auf Küchentischen die Klamotten vom Leib reißen, sondern nach bedeutungsvollen Blicken schnell gen Schlafzimmertür streben – und Schnitt. Wenn das tatsächlich die neue Kultur in Pandemie-Zeiten sein soll: Filme ohne Fremdschäm-Sexszenen, – wenn nur das von Corona übrig bliebe, wäre ich persönlich dankbar.

Überfordert und müde von der Corona-Krise sind viele

Auch sehr gut gefällt mir die Regelung der öffentlichen Schwimmbadnutzung mit Abstandshaltung Nie wieder wird man auf einer 50 Meter Bahn so unbekümmert Rückenschwimmen können, ohne zu schauen, ob jemand entgegenkommt oder man selbst auf jemandem landet. Und vor lauter Dankbarkeit, dass man schon schwimmen konnte, als der gemeinschaftliche Sport in Räumen noch nicht erlaubt war, meckert auch nicht einer über kaltes Duschen im Freien und Kleidungswechsel hinter Bauplanen.

Niemand meckert. In Berlin. Unfassbar.

Die ältere Dame im Park, die  einen Mops spazieren führt, meckert selten. Sie ist stiller geworden. Früher, sagt sie, habe man immer Nachbarn im Hof getroffen und ein Schwätzchen gehalten, heute sehe sie niemanden mehr. "Alle halten nur noch Abstand. Das macht doch keinen Spaß. Da hab ich keinen Grund mehr, aus dem Haus zu gehen. " Dabei ist die 89jährige seit den neuen Hüften so gern unterwegs gewesen.

Miss Vicky11 ist, wie vermutlich auch ihre FollowerInnen, weit entfernt von 89. "Seid ihr auch so müde und überfordert?", twittert sie und hat nach kurzer Zeit schon ganz viele Herzen – ob zum Trost oder aus Leidensgenossenschaft, wer weiß. Die Stimmung ist gedämpft. Außer bei Reichsbürgern. Aber über die haben wir jetzt gelernt, dass sie narzisstisch sind – und das ist eine Krankheit. Man sollte sie allmählich behandeln. Aber auch diese Stimmungslage sorgt für neue Wortschöpfungen im Land: "Bösgläubig" sei er, gestand der brandenburgische Ministerpräsident in Bezug auf Covid-19, und es ist noch nicht ausgemacht, ob diese neue Religion zur Aufklärung oder verstärktem Extremismus im Volk beiträgt.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr benutzte die Kanzlerin, die, obwohl Pfarrerstochter, eher nicht bösgläubig ist, aber hier vielleicht eine klitzekleine Selbstverliebtheit durchschimmern ließ, für Covid-19 den Begriff "demokratische Zumutung". Eine Wortkombination, die man wohl nur als Muttersprachlerin durchgehen lassen kann; meine ausländischen Freunde mit guten Deutschkenntnissen verwirrte es eher. „Warum ist Corona demokratisch?“, fragte meine italienische Freundin, und vergeblich interpretierte ich, dass die Kanzlerin es als Zumutung FÜR die Demokratie meinte. "Aber das ist nicht, was sie gesagt hat", beharrte die Italienerin, und ich konnte es nur als Lässigkeitsangleichung zum Amerikanischen entschuldigen.

Die Grenzüberschreitung der Barbaren vor dem Reichstagsgebäude

"Cool bleiben", twitterte einer in ansteigendes Entsetzen und Empörung hinein, angesichts der Bilder von Reichsflaggen schwingenden Nazis auf der Reichstagstreppe. Er meinte vermutlich, wir sollten keine Panik haben, weil es sich ja um eine wirklich kleine Minderheit handelt. Dennoch fuhr einem doch großer Schrecken durch den Körper. Nicht nur, weil wir das Gebäude ehrlich mögen, oder weil wir glaubten, die Barbaren könnten tatsächlich Einlass finden, sondern wegen einer Grenzüberschreitung, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Warum eigentlich? Seit Jahren kündet ihre Sprache von nichts anderem als Grenzüberschreitung. Aber natürlich ist da auch Hoffnung – Auf der Irrenversammlung, eine Demo mag man es nicht nennen, verriet ein Mann der Qanon-Verschwörungssekte dem CNN-Reporter: "Wenn Trump am 3. November wiedergewählt wird, ist Covid-19 am 4. November verschwunden." Da ist Hoffnung und dann kommt auch noch Glück dazu: Der Reporter sagte vorsichtshalber, nachdem einer der Irren Merkel als Hitlers Tochter entlarvte – dass sie es nicht sei, weil sie ja geboren wurde, als Hitler schon längst tot war.

Auch nicht Hitlers Tochter, obwohl früher als Merkel geboren, ist Hannah Arendt. Über die fast unheimliche Relevanz ihres Denkens in dieser Zeit hat  Richard J. Bernstein ein kleines und  anregendes Buch geschrieben. "Denkerin der Stunde - über Hannah Arendt" heißt es, und Bernstein, der  Philosophieprofessor an der New Yorker New School for Social Research ist, wo Arendt bis zu ihrem Tod 1975 lehrte, stellt so verblüffende wie einleuchtende Bezüge zwischen ihren verschiedenen Essays und den Schrecken, die wir heute erleben, her.

Hannah Arendt beschrieb das Gefühl, keiner Gemeinschaft mehr anzugehören

Mit ihrer Erfahrung als staatenlose Jüdin dachte sie natürlich über die generelle Bedeutung von Staaten- und Rechtlosigkeit nach und Bernstein vergleicht dies mit der Situation der zahllosen Flüchtlinge, die seit Jahren und Jahrzehnten in Lagern leben, und nicht nur ihre Heimat, sondern auch jeglichen staatlichen Schutz verloren. Aber das eigentliche Unglück bestehe nicht etwa in diesen Verlusten, sondern dass sie keiner Gemeinschaft mehr angehören.

Ob es um Arendts Zionismus-Kritik, die "Banalität des Bösen" oder "Wahrheit, Politik und Lüge" geht - die Aktualität erschließt sich schon aus den Überschriften und Bernstein hat der Denkerin der Stunde ein gutes Nach-Denkbuch gewidmet.

 Glück und Hoffnung für alle.


Nach oben

Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten