Deutscher Gewerkschaftsbund

05.05.2010

Schattenseiten

von Jürgen Kiontke

Wenn im Sommer 2010 in Südafrika die Fußballweltmeisterschaft steigt, steht das Weltereignis im Flutlicht. Der Film „Im Schatten des Tafelberges“ erzählt von den Lebensbedingungen derer, die im Dunkeln bleiben sollen.

Es ist das dicke Ding dieses Sommers: die Fußballweltmeisterschaft. Sie findet in Südafrika statt, und damit das erste Mal überhaupt in einem afrikanischen Land.

Das Ereignis ist also eminent wichtig, denn die ganze Welt wird darauf schauen, wie Südafrika die Aufgabe stemmen wird. Derzeit sieht es so aus, als würden sämtliche Planungen übererfüllt - und alle Stadien, Quartiere und Straßen vorzeitig fertig.

Dennoch darf die soziale Wirklichkeit hinter dem Großereignis nicht vergessen werden, sagen die Kölner Dokumentarfilmer Alexander Kleider und Daniela Michel.

Unter dem Titel „Im Schatten des Tafelberges“ haben sie ein mitreißendes Porträt des Landes gedreht - ganz aus der Sicht der Menschen, die von dem Projekt direkt betroffen sind.

Denn für den Sport muss irgendwer bezahlen. Und so erzählen Kleider und Michel die Geschichten der schwarzen Südafrikaner Ashraf, Mne, Zoliswa und Arnold, die in den Armenvierteln Kapstadts auf unterschiedliche Weise um ihre Existenz kämpfen.

Ihre Stadtgebiete sind von der baulichen Umgestaltung betroffen. Ganze Areale müssen geräumt werden, an der Zufahrtsstraße zum Flughafen ist dies schon geschehen: Dort wurden die Anwohner deswegen vertrieben, damit, wie sie meinen, die „WM-Touristen das Elend nicht sehen müssen“.

Auch Ashraf und Mne wissen, wovon sie reden. Sie engagieren sich in der Anti-Eviction-Campaign (eviction = Zwangsräumung), einer Organisation, die sich für eben jene zwangsgeräumte Kapstädter einsetzt.

Ein beliebtes Mittel der Schikane und Vertreibung: Wassersperren. In die Wasserleitung werden Blockaden eingebaut; sollen die renitenten Anwohner doch sehen, wie sie kochen und waschen.

Die Anti-Eviction-Campaigner wissen, wie man in einem solchen Fall Abhilfe schafft - und veranstalten Workshops, in denen sie das notwendige Know-how vermitteln und gleichzeitig daran erinnern, wie die Schwarzafrikaner schon einmal kollektiv Interessen organisiert hatten, bis die weiße Regierung zurücktrat.

Droht eine neue, diesmal eine soziale Apartheid? Nein, sagen die Protagonisten. Denn die ist schon da: „Hier in den Häusern am Fuße des Berges lebt die Mittel- und Oberklasse. Früher war das hier ,Nur für Weiße’. Heute ist es ,Nur für Reiche’”, heißt es einmal im Film. Ist das die Zukunft des „Regenbogen“-Staates, in dem es Gleichheit, aber keine Armut mehr geben sollte?

Dass es Wassersperren gibt, scheint für die neuen Klassenverhältnisse ein verlässliches Zeichen.

Die Regisseure belassen es aber nicht bei den Themen der wasserfreundlichen NGO. Sie sind auch noch drei Blocks weiter und gegangen und haben bei der alleinerziehenden Mutter Zoliswa vorbeigesehen. Die versucht um jeden Preis, eine neue Arbeit zu bekommen.

Die Kamera begleitet sie bei der Arbeitssuche, nimmt den rüden Alltag im Township ebenso auf wie den ersten Tag im neuen Job - als Putzfrau bei einer reichen Weißen.

Ja, der Swimming Pool ist echt schön, da kann Soliswa nur zustimmen. Wie Tafelsilber geputzt wird, ohne dass man es auch klaut, weiß sie auch - danke der Nachfrage. Die neue Arbeitgeberin nimmt es erfreut zur Kenntnis.

Soliswa steckt in der Klemme: Sie braucht mehr Arbeit, um aus dem Ghetto zu entkommen. Aber je öfters sie außer Haus ist, desto weniger kann sie auf ihr Kind aufpassen. Und Kriminalität und Drogen warten an der nächsten Ecke.

Auch der junge Arnold steckt fest: Er arbeitet als Wachmann und patrouilliert nachts da, wo die reichen Leute wohnen.

Er weiß genau, dass er eine Taschenlampe weit über dem Kopf tragen muss. Damit die zum Ziel bewaffneter Überfälle wird. Und nicht der Träger. Der junge Wachmann weiß, er wird nicht aus der Armut rauskommen - das Gehalt wird einfach nie reichen.

Kapstadt, das ist eine geteilte Metropole: In unmittelbarer Nähe zum Tafelberg liegen die Wohnviertel der Weißen und die City. Die eigene Lebenssituation lasse sich zu einem guten Teil daran messen, wie weit man von dem Berg entfernt lebe, sagen die Filmautoren.

Denn in den entlegenen Gegenden befinden sich die so genannten Cape Flats: Auf sandigem Boden befinden sich die Armenviertel, die ehemaligen Townships.

Von ihren Bewohnern handelt der Film, ihre Lebensverhältnisse spiegeln die Politik im heutigen Südafrika: Im zweiten Jahrzehnt nach der offiziellen Abschaffung der Apartheid habe sich für viele Südafrikaner die Hoffnung auf grundlegende Verbesserungen der eigenen Lebenssituation nicht erfüllt, sagen Kleider und Michel.

Daran ändert ihren Protagonisten zufolge auch die Politik des ANC nicht, der die Interessen der schwarzafrikanischen Bevölkerung vertreten will. Sparpolitik, neoliberale Umverteilung, steigende Arbeitslosigkeit bei Privatisierung öffentlicher Güter - all dies sind Begriffe, die auch in Südafrika geläufig sind. Soziale Grundleistungen wie die Bereitstellung von Wasser, Strom und Wohnungen werden marktgängigen Mechanismen unterworfen. Das öffentliche Leben ist zum Spekulationsobjekt geworden.

Für die Aktivisten der Anti-Eviction-Campaign ist der Fehler im System gar in der Brutalisierung des antirassistischen Kampfes des ANC angelegt. Wer zu Zeiten der weißen Regierung als Verräter galt, wurde womöglich mit dem „Tod im Halsband“ bestraft: Der Kopf wurde in einen Benzin-gefüllten Autoreifen gelegt und angezündet. Ein schlimmes Kapitel in ihrer Geschichte sei dies, sagt Ashraf, der als Jugendlicher an den Kämpfen des ANC teilgenommen hat: „Wir Kinder wurden nach vorn geschickt, weil man hoffte, die Polizei sei dann weniger brutal - ein Irrtum“, sagt er. Narben haben ihm jedenfalls beide Seiten beigebracht.

Menschen, die Strafen wie die genannte verhängt hätten, seien heute Teil des Establishments, sagen die engagierten Sozialhelfer. Und nun - am Großereignis WM türmten sich die Widersprüche der südafrikanischen Gesellschaft nun auf.

Dies ist nicht die ganze Wahrheit des Alltags - die Dokumentarfilmer zeichnen ein Bild der südafrikanischen Bevölkerung, die widrigen Umständen mit viel Humor begegnet. Wie man hier mal schwerer, mal leichter durchs Leben kommt, auch dafür nimmt sich der Film Zeit - die Reichen sitzen zwar dicht dran am Tafelberg, aber er gehört ihnen noch nicht ganz.

„Im Schatten des Tafelberges“ ist ein Beitrag über die Rückseite jener Gesellschaft, die diesen Sommer im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht: ihre Art zu leben, ihre Art der Arbeitsverhältnisse, ihre Widersprüche.

Der bemerkenswerte Film befindet sich derzeit auf - sehr erfolgreicher - Deutschlandtournee, zum Teil wird er in Anwesenheit der Protagonisten gezeigt. Er wurde u.a. aus dem Solidaritätsfonds der Hans-Böckler-Stiftung finanziert.

 

„Im Schatten des Tafelberges“. D 2010. Regie: Alexander Kleider und Daniela Michel. Kinotermine: http://dok-werk.com

 


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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