Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2020
Podcast

Dylan als Weggefährte in schwierigen Zeiten

Kolumne ABC mit Renée Zucker

Podcast-Dauer: 8 Minuten
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Dieses Mal hat sich Renée Zucker den Buchstaben B vorgenommen, B wie Bob oder auch B wie Blick zurück aufs Leben. Diesen Blick wirft sie am Ende eines seltsamen und irritierenden halben Jahres mit Bob Dylan, der vor kurzem sein jüngstes Album veröffentlicht hat. Vielleicht hat auch Dylan die Melange von Trump und Corona zu einer Rückschau animiert auf sein Leben, auf Höhen und Tiefen der amerikanischen Politik, Protest- und Popkultur. Renée hat viel davon miterlebt und verabschiedet uns in die Sommerpause mit einem sehr persönlichen Blick auf ihre Zeit mit Bob Dylan.


Podcast-Text:

Wir, die wir in den 50er-, 60er-, ja auch noch in den 70er-Jahren geboren wurden, haben großes Glück erfahren. Wenn ich das sage, muss ich an Matthias Beltz denken, einen der wenigen intellektuellen, deutschen Kabarettisten. Von ihm, der 1945 geboren wurde, also nicht das ganz große Glückslos gezogen hatte, lernte ich, daß mein Leben, das 9 Jahre später als seines begann, die Ausnahme - und nicht die Regel war. Weder Kriegsschrecken, Nachkriegsdarben noch schlagende Lehrer versauten mir die Kindheit. Ich bekam jeden Tag zu essen, Sonntags sogar Fleisch, meine Mutter konnte arbeiten (obwohl sie dazu noch die Erlaubnis meines Vaters brauchte) und mit 14 sah ich Frank Zappa und die Mothers of Invention im Konzert und hinter der Bühne; ich lernte reine und gute Drogen genießen, ja, auch die gehörten dazu - oder wie Bob Dylan einst sagte: "Ich würde niemandem raten, Drogen zu nehmen. Drogen sind Medikamente. Opium oder Haschisch gehören allerdings nicht zu den Drogen. Sie sorgen nur dafür, dass sich dein Kopf etwas dehnt und streckt. Und ich denke, ab und zu sollte sich jeder seinen Kopf ein bisschen dehnen und strecken lassen."

Ich flog von zwei Schulen, bestritt mein und das Leben meines Sohnes ohne jedweden Schul- oder Berufsabschluss als Journalistin, und bin heute eine zufriedene Rentnerin. Die Ausnahme und nicht die Regel. So war - und ist noch ein bißchen vielleicht - unsere Zeit. Hierzulande. Kein Krieg, kein Tschernobyl oder Fukushima, kein TrumpXiBolsonaroOrbanPutin. Nur Wochenend und Sonnenschein. Aber das Beste: wir haben zusammen mit Bob Dylan gelebt. Wir haben ihn mit 12 Jahren zum ersten Mal singen gehört und die Erkenntnis durchfuhr uns wie ein Blitz: so wird von nun an das Leben sein. Blonde on Blonde, die erste. Ich hörte "I want you" und brach vor Glück in Tränen aus. Nicht nur, weil ich nie zuvor eine solche Stimme gehört hatte, weil ein treibender Rhythmus mich in Bewegung drängte, und weil ich ... and because I - want you so bad.

Dylan glaubt nicht, dass man seine Sprache können muss, um ihn zu verstehen

Als er den Nobelpreis bekommen hatte, sprach Dylan darüber, daß man seine Sprache nicht sprechen muss, um seine Musik zu verstehen. Ich verstand damals vielleicht nur ein paar Worte, aber die Musik war mein. Und mein Herz gehörte dem Sänger. Lebenslang.

Ich kannte eine Frau, die mal bei Dennis Hopper zu Besuch war und aus dessen Adressbuch, als er aus dem Zimmer ging, die Telefonnummer von Dylan abschrieb. Der wurde sehr sauer, als sie ihn anrief. "Er schrie nur immer die ganze Zeit: Woher hast du diese Nummer? Da hab ich einfach aufgelegt." Eine Freundin erzählte von einer Fahrt, die sie mit ihrem Airstream auf der Suche nach einem neuen Weideplatz für ihre Pferde unternahm. In einem kleinen Ort hielt sie an, weil sie aus einem kleinen Saloon Musik hörte. Als sie reinging, stand dort Dylan mit Band auf einer rumpeligen Bühne, spielte rumpelige Musik und alle hatten Freude.

Manche haben ihre unvergesslichen Momente in der Dylan-Beziehung. Zwei Bilder überleben alle meine Ausmistattacken - ein Foto aus Kashmir von Cartier Bresson und eins, das eine Freundin meines Sohnes in einer amerikanischen Kneipe aufgenommen hatte, auf deren Türbogen geschrieben stand: "She has everything she needs, she's an artist, she don't look back". Ein Mantra, das immer galt und immer hilfreich war. She belongs to me. Verneige dich vor ihr am Sonntag, salutiere an ihrem Geburtstag und zu Weihnachten kauf ihr 'ne Trommel.

Einmal hat er mich gerettet. Aus deepest despair. Rausgezogen und in Bewegung gesetzt wie in der Kindheit mit "I want you". Jetzt war es "Dignity". Wann immer ich es höre, sehe ich mich, eingehüllt in stumpfes, betäubendes Grau im Auto sitzen, das Radio läuft. Und bei den ersten Takten von "Dignity" wird mit einem Ruck nach Monaten der Vorhang zur Seite gerissen. Alle Trauer und Schwere weggefegt. Es gibt kaum Phasen in meinem Leben, in denen er nicht dabei war. Ausser in Indien. Da passt er einfach überhaupt nicht hin. Obwohl er doch neben Arabisch auch ein bißchen Sanskrit gelernt hat. Und obwohl er einer der spirituellsten westlichen Musiker ist. Sein letztes, neues Album spricht davon. Ununterbrochen. Aber sein steter Wechsel von ehrlicher Weisheitssuche zu scharfschneidender Ironie, von sehnsüchtiger Frömmigkeit zu hartem Sarkasmus - das funktioniert nicht in Indien. Da muss ich Glöckchen, Sitar, Tabla und ungeniertes Schmachten hören.

Die neuen Lieder von Dylan sind wie die alten Lieder von Dylan. Man fühlt sie nur anders. Ich denke nicht mehr, daß er aus einer anderen Welt erzählt. Ich höre ihm zu wie einem Weggefährten. Vom Leben und vom Tod, mit denen er das Bett teilte. Er hat sich jetzt zur Hingabe entschlossen. I've made up my mind to give myself to you. Ich lege mich neben dich, wenn alle gegangen sind. Da ist einer im großen Frieden. My heart is at rest, I'd like to keep it that way. Und dann erzählt er uns noch einmal wie es war - an dem Tag, als Kennedy starb. Jeder, der damals schon denken konnte, erinnert sich. Ich war neun Jahre alt, lag im Bett und lauschte mit dem Transistorradio unter der Decke dem Freitagabend-Krimi im WDR, als die Nachricht kam. Und ich weinte bitterlich, weil ich ihn hatte heiraten wollen. Auch vom Tod Matthias Beltz' erfuhr ich aus dem Radio. Ich konnte nicht schlafen und begann, nachts um zwei Uhr mein Bad zu putzen. Da sagte die Nachrichtensprecherin, er sei gestorben.

Das Corporate America hat seinen Dylans Way of Life zu Grabe getragen

Auch Dylan ist ein Rundfunkkind. Seine Radio-Shows "Theme Time Radio Hour", in denen er drei Jahre lang eine Art amerikanische Mundorgel vorstellte, den reichen Schatz des Volksmusikkanons, diese kulturhistorische Arbeit kann nicht genug gewürdigt werden. Und auch sie entstand aus persönlicher Erfahrung, diese Musik hatte ihn zu dem gemacht, was er war - sie bildete sein Lebenslexikon und Gebetbuch - das sollte nicht vergessen werden. In einem Interview sagte er 2012:

"Ich glaube, die Fünfziger endeten erst um 1965 herum. Und an diese Ära habe ich nicht gerade angenehme Erinnerungen. Warum auch? Das war eine schreckliche Zeit. Das Cooperate America begann alles an sich zu reißen. Das hätte mich nicht nicht tangiert, aber es betraf auch die Musik. Und Musik liebte ich nunmal von ganzem Herzen. Ich erlebte das Ende eines way of life, den ich für selbstverständlich gehalten hatte."

In dem nicht enden wollenden und trotzdem nie zu langen "Murder most foul" geht er von Kennedys Tod, der alle Hoffnungen zu zerstören schien, zu all den Filmen, Musikern, Theaterstücken und Songs in seinem bald 80-jährigen Leben und wir entdecken so freudig wie schmerzlich: ja, das sind auch die Filme, Musiker, Theaterstücke und Songs unseres Lebens - in der Ausnahme.

 


Bob Dylans "Rough And Rowdy Ways" ist als Doppel-CD, Doppel-LP oder Download  bei Sony-Music erschienen.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

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