Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2023

Die Interzonenkonferenzen 1946-48: Das Ringen um Einheit

Wilhelm Leuschners Vermächtnis „Schafft die Einheit“ bestimmte in den frühen Nachkriegsjahren den Aufbau der Gewerkschaften in allen vier Besatzungszonen. Gunter Lange fasst die Geschichte der Interzonenkonferenzen zusammen.

Mainelke Arbeiter

DGB/Simone M. Neumann

Wilhelm Leuschners Vermächtnis „Schafft die Einheit“ bestimmte in den frühen Nachkriegsjahren den Aufbau der Gewerkschaften in allen vier Besatzungszonen. Politische Gräben aus der Weimarer Republik sollten überwunden werden. Ein Leitmotiv der gewerkschaftlichen Interzonenkonferenzen zwischen 1946 und 1948. Aber die politisch-ideologischen Dissonanzen wuchsen. Mit dem Abbruch der 9. Interzonenkonferenz im August 1948 war der Graben zwischen den Gewerkschaften in West und Ost unüberwindbar. Warum wurde vor 75 Jahren die Einheit einer gesamtdeutschen Gewerkschaft verfehlt?

„Ein großer Tag für deutsche Arbeiter“, so titelte die Aachener Zeitung im März 1945 über die erste gewerkschaftliche Neugründung nach zwölfjähriger Nazi-Diktatur. In den folgenden Monaten, teils noch vor der Kapitulation des Deutschen Reichs, gründeten sich in mehr als 100 Orten Gewerkschaften, vorausgesetzt die Militärbehörden, die nunmehr das Sagen hatten, stimmten zu. Richtlinien dazu hatte der Alliierte Kontrollrat fixiert, verbunden mit der Hoffnung, dass die Gewerkschaften zur Demokratisierung Deutschlands beitragen. Das hehre Motiv zeigte sich in der Realität eher eingeschränkt. So vollzog sich der Neuaufbau der Gewerkschaften, zuerst begrenzt auf örtliche Ebenen, in den jeweiligen Besatzungszonen unterschiedlich. Durch Restriktionen der Militärbehörden in den Westzonen eher zögerlich, wie der Vorsitzende des Zonenvorstandes der Gewerkschaften in der britischen Besatzungszone, Hans Böckler, beklagte. In der sowjetischen Zone und in der Viermächtestadt Berlin geschah dies zügig; ein „Vorbereitender Ausschuss“ gründete sich am 17. Juni 1945, der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) dort im Februar 1946.

In der Gründungsphase der örtlichen Gewerkschaftsorganisationen spielten parteipolitische Orientierungen keine Rolle, man wollte die Einheit Deutschlands und die Einheit der Gewerkschaftsbewegung. Unter schweren infrastrukturellen Bedingungen knüpften die Akteure ihre früheren Kontakte – auch über die jeweiligen Zonengrenzen hinweg. Auf Initiative von Willi Richter, Vorsitzender des Freien Gewerkschaftsbundes Hessen (FGBH), trafen sich erstmals am 13./14. Juli 1946 in Frankfurt/Main Gewerkschafter*innen aus allen vier Besatzungszonen sowie Berlin und berichteten über ihre gewerkschaftliche Aufbauarbeit. Willi Richters Fazit: „Ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung.“

Interzonenkonferenzen: Einheit Deutschlands und der Gewerkschaftsbewegung

Der im Oktober 1945 in Paris gegründete Weltgewerkschaftsbund (WGB) empfahl mit Rückendeckung des Alliierten Kontrollrats die offizielle Institutionalisierung eines gewerkschaftlichen Meinungsaustauschs über alle Besatzungszonen hinweg. So kam die erste offizielle Interzonenkonferenz am 7./8. November 1946 in Mainz zustande. Man verabredete regelmäßige Treffen und beschloss paritätisch besetzte Kommissionen für künftige Beratungen. Die weiteren Interzonenkonferenzen, abgehalten in den verschiedenen Besatzungszonen, beschworen die Einheit Deutschlands wie auch der Gewerkschaftsbewegung als oberstes Ziel. Auf der Tagesordnung standen unter anderem die Entnazifizierung in Wirtschaft und Verwaltung, der Wiederaufbau der Sozialversicherung, das gewerkschaftliche Bildungswesen, das Tarifrecht und das Arbeitsrecht.

Anfangs waren Grundsätze der Mitbestimmung konsensfähig: „Das Wohl der Werktätigen, die Sicherung des Friedens, die Freiheit der Persönlichkeit und die Demokratie kann nur dann gesichert werden, wenn der Neuaufbau der deutschen Wirtschaft auf demokratischer Basis durch wirksamen, unmittelbaren Einfluss der Gewerkschaften und Betriebsräte erfolgt. (…) Die Gewerkschaften fordern daher das paritätische Mitbestimmungsrecht in allen Zweigen der Wirtschaft. (…) Dazu gehört insbesondere die Mitwirkung der Betriebsräte bei der Produktion, der Kalkulation, Kontrolle und Warenverteilung. Die Überführung der Schlüsselindustrien, Bergbau, Großchemie und Banken in öffentliches Eigentum war ohnehin Konsens der Gründungsphase der Gewerkschaften in allen Zonen.

Doch im Detail zeigten sich erste Differenzen. Auf der zweiten Interzonenkonferenz plädierte Willi Richter hinsichtlich der Mitbestimmung für die Umgestaltung der Wirtschaftskammern und ging von einer gemeinsamen Lenkung der Wirtschaft durch Betriebsräte und Unternehmer aus. Hermann Schlimme (FDGB) hingegen verteidigte die Abschaffung der Kammern in der sowjetischen Zone. In der Folgezeit kristallisierte sich ein deutlicher Dissens über das Wirtschaftssystem in den Zonen heraus: kapitalistische Marktwirtschaft einerseits und sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft andererseits. Während die Gewerkschafter*innen aus den Westzonen die Gewerkschaften und Betriebsräte als gleichberechtigte Mitgestalter*innen einordneten und zwar überparteilich, sahen die FDGB-Vertreter die Gewerkschaften als Massenorganisation in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung als politische Vertretung der Werktätigen.

Als unfreundliche Haltung betrachtete der FDGB die zunächst beabsichtigte, später realisierte Zusammenführung der Gewerkschaftsbünde der amerikanischen und britischen Besatzungszone. Dagegen setzte der FDGB, mit Unterstützung des WGB, in den Interzonenkonferenzen auf eine konstituierende Reichskonferenz zur Etablierung einer gesamtdeutschen Gewerkschaftsorganisation. Bereits am 20. Juli 1947 legte der FDGB einen Richtlinienentwurf mit Delegiertenschlüssel vor, der auf der fünften Interzonenkonferenz im August 1947 in Badenweiler behandelt wurde; ein Arbeitsausschuss wurde eingerichtet. Nun drängte der FDGB zur sofortigen Terminierung dieser Reichskonferenz. Die Vertreter aus den Westzonen hielten dagegen die Aufgabenbeschreibung der neuen Gewerkschaftsorganisation für vorrangig. Im Hintergrund stand der unterschiedliche Organisationsgrad in den jeweiligen Besatzungszonen. Der schleppende Organisationsaufbau in den Westzonen hätte auf einer Reichskonferenz eine deutliche Mehrheit des FDGB bedeutet. Ein unerwünschter Effekt für die Gewerkschafter aus dem Westen – und natürlich auch für Militärregierungen in den Westzonen.

Streitpunkt zwischen den Gewerkschafter*innen aus West und Ost

Die 7. Interzonenkonferenz im Februar 1948 in Dresden offenbarte einen neuen Streitpunkt zwischen den Gewerkschafter*innen aus West und Ost: Der Marshallplan – ein Hilfsprogramm der Amerikaner zum Wiederaufbau in Europa. Der FDGB lehnte es ab. Der englische Gewerkschaftsbund hatte deutsche Gewerkschafter*innen aus allen vier Zonen zu einer Konferenz über den Marshallplan eingeladen; die Westdeutschen kamen, die Ostdeutschen nicht. Der FDGB hielt nun den westdeutschen Gewerkschafter*innen Spaltungsabsichten vor, obwohl diese sich unverändert zur Einheit der deutschen Gewerkschaftsbewegung bekannt hatten. Der Konflikt beherrschte die 8. Interzonenkonferenz im Mai 1948 in Heidelberg, herauskam ein banaler Kompromiss: „Unbeschadet der gegenwärtigen Verhältnisse halten die Vertreter der Interzonenkonferenz an dem Ziel der zukünftigen Schaffung einer einheitlichen, wirtschaftlichen und politischen Gestaltung für ganz Deutschland fest.“

Die 9. Interzonenkonferenz 17./18. August 1948 in Enzisweiler bei Lindau endete mit Abbruch. Der FDGB lehnte eine Beteiligung der Berliner Unabhängigen Gewerkschaftsorganisation (UGO) an Interzonenkonferenzen ab. Die UGO war nach heftigen Auseinandersetzungen über Wahlordnungen und Delegiertenwahlen innerhalb des FDGB in Berlin gegründet worden und führte zur Trennung der Gewerkschaftsbewegung in Berlin. Der FDGB beantragte die Vertagung, dem folgten die anderen Gewerkschaften, lehnten allerdings eine Fortsetzung in Berlin ab.

Zum Scheitern trug einerseits die Befürchtung der westlichen Alliierten über eine Ausdehnung des Einflusses der Sowjetunion bei. Andererseits hielten die sozialdemokratischen Gewerkschafter an der Tradition der Unabhängigkeit und Überparteilichkeit der freigewerkschaftlichen Ausrichtung fest. Gewerkschafter*innen mit KPD-Affinität hingegen ging es beim gewerkschaftlichen Aufbau um ihren Führungsanspruch, schon im Moskauer Exil 1944 in Richtlinien festgelegt. Das schwächte die Konsensbildung beim Aufbau der Gewerkschaftsbewegung und beschleunigte die Spaltung.

 


Literatur:

Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 14, bearbeitet von Werner Müller, Bonn 2007

Michael Schneider, Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn, 2000

Eberhard Schmidt, Die verhinderte Neuordnung, Frankfurt/M, 1973

Berliner Gewerkschaftsgeschichte 1945 bis 1950, Hrsg. DGB-Landesbezirk, 1971#

Detlev Brunner, Sozialdemokraten im FDGB, Essen, 2000

Stefan Paul Werum, Gewerkschaftlicher Niedergang im sozialistischen Aufbau, Göttingen, 2005


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Kurzprofil

Gunter Lange
Gunter Lange war langjähriger Redakteur von Gewerkschaftspublikationen (Deutsche Angestellten Gewerkschaft und Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) und ist jetzt als freier Autor tätig.
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