Deutscher Gewerkschaftsbund

01.03.2010

Hauptsache Arbeit: Das Bonner Haus der Geschichte geht in einer Ausstellung dem Wandel der Arbeitswelt seit 1945 nach

von Dr. Rainer Fattmann

Noch bis zum 5. April 2010 zeigt „Hauptsache Arbeit“ die tief greifenden Veränderungen, denen die Arbeitswelten in beiden deutschen Staaten und im wiedervereinigten Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterworfen waren.

Zur Debatte steht so der Stellenwert der Arbeit im Leben des einzelnen Menschen, ihre konkrete Ausgestaltung und der Umgang der Beschäftigten mit den kontinuierlichen und sich beschleunigenden Umwandlungsprozessen, denen zahlreiche Arbeitsbereiche im Zeitverlauf unterworfen waren und sind. „Die Ausstellung will“, so das Vorwort des Begleitbandes, „dazu beitragen aus zeitgenössischer Perspektive das Bewusstsein für Bedingungen und Erfordernisse einer sich permanent wandelnden Arbeitswelt zu vertiefen und zu schärfen“ (S. 9).

Das Gerüst der Bonner Schau bilden neun aneinander anschließende, chronologisch angeordnete Fallbeispiele aus unterschiedlichen Unternehmen und Branchen. Sie sollen veranschaulichen, wie sich der Arbeitsalltag der Beschäftigten in Ost- und Westdeutschland im Laufe der Nachkriegszeit verändert hat. Exemplarisch wurden dabei solche Arbeitsbereiche ausgewählt, in denen der Wandel der Arbeitswelt innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeitabschnitte die Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse fundamental veränderte oder in denen, wie insbesondere in der Landwirtschaft, aber auch in der Textil- und der Druckindustrie, zahlreiche Arbeitsplätze binnen kürzester Frist dem technologischen und wirtschaftlichen Wandel zum Opfer fielen.

Im Einzelnen nimmt die Ausstellung, in der Qualität der Präsentation nicht immer ganz homogen, folgende Sektoren der Arbeitswelt in der Nachkriegszeit in den Blick: Eingangs des Ausstellungsparcours steht das Wolfsburger Volkswagenwerk, das in der Tat wie kaum ein anderes Unternehmen den Weg der Bundesrepublik zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand versinnbildlicht. Grundlage für den Aufstieg der ehemals nationalsozialistischen Rüstungsschmiede zum größten deutschen Autobauer war die fordistische Modernisierung des Unternehmens im Verlauf der 1950er Jahre, die durch zahlreiche Objekte und Fotos dokumentiert wird. Grundlage des Unternehmenserfolgs war aber auch eine über Jahre praktizierte Konsenspolitik zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat, die analog zum Ausbau des westdeutschen Staates ein in der jüngeren deutschen Geschichte wohl beispielloses betriebliches Fürsorgesystem entstehen ließ.

Dass Technisierungs- und Rationalisierungsprozesse einerseits die Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs auch der Arbeitnehmer darstellen können, zugleich aber den millionenfachen Wegfall von Arbeitsplätzen zur Folge haben können, zeigt sich daran anschließend im Bereich der Landwirtschaft. Während hier bei Gründung der Bundesrepublik noch fast ein Viertel der Erwerbstätigen beschäftigt war, hat diese Quote heute die 2%-Marke unterschritten. Die Ausstellung dokumentiert den Strukturwandel im Agrarbereich durch markante Exponate. Nicht geschadet hätte hierbei ein Blick auf die Landwirtschaft in der DDR, waren doch selbst in der Endphase des „Arbeiter- und Bauernstaats“ noch rund zehn Prozent der Werktätigen im Grünen Bereich beschäftigt.

Immerhin werden die Arbeits- und Lebensverhältnisse innerhalb der DDR durch zwei Ausstellungseinheiten dokumentiert. Das unter den Bedingungen der Zentralplanwirtschaft seit 1950 neu errichtete Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) erlaubt einen Blick in den Alltag eines am Reißbrett entwickelten sozialistischen "Musterbetriebes", der mit seinen zahlreichen Sozial- und Freizeitangeboten nicht im Mittelpunkt allein des beruflichen Lebens der hier Beschäftigten stand. Welch hohen Stellenwert der Betrieb auch für das Freizeit- und Geselligkeitsverhalten der dort Arbeitenden hatte, illustriert auch das zweite vorgestellte Unternehmen aus der DDR: Das Fritz-Heckert-Kombinat in Karl-Marx-Stadt, das 1969 aus 20 Klein- und 13 Großbetrieben gegründet worden war und über 25.000 Menschen beschäftigte, verfügte ebenfalls über eine breite Palette kultureller und sozialer Angebote für seine Mitarbeiter. Neben den obligatorischen Betriebssportgemeinschaften verfügte das Kombinat beispielsweise über zwei eigene Ferienheime mit 1975 immerhin 2.160 Ferienbetten. Allerdings lagen sowohl die Löhne und Sozialleistungen wie auch die Freizeit- und Versorgungseinrichtungen sowohl des von der SED stets geförderten „modernsten Werkzeugmaschinenbetriebs der DDR“ wie auch des EKO weit über dem ostdeutschen Durchschnitt. Insofern spiegelt die Ausstellung weniger den Arbeitsalltag des Durchschnittsbürgers der DDR wider sondern vielmehr den einer relativ privilegierten und von der Parteiführung auch materiell umworbenen Gruppe.

Dass die Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegebereich zu den privilegierten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt gehörten, sieht man einmal von den Ärzten ab, wird hingegen niemand behaupten wollen. Dabei beherrschte bereits in den 1950er und 60er Jahren ein sogenannter „Schwesternmangel“ die gesundheitspolitische Diskussion und führte in der Folgezeit zu umfassenden Reformen des Berufsbildes in den Pflegeberufen. Aus dem karitativen (und fast stets zölibatären) Dienstes der „guten“ Schwester wurde binnen kurzer Zeit ein an professionellen Standards ausgerichteter „Frauenberuf“. Zugleich wurde der Personalmangel in den Krankenhäusern durch Anwerbung ausländischer, häufig koreanischer Arbeitskräfte, aufzufangen gesucht. Dass die Ausstellung diese weithin vergessene Arbeitnehmerinnengruppe ins Gedächtnis ruft, zählt zweifellos zu ihren Verdiensten. Gerade im Wandel des Berufsbildes der Schwester spiegelten sich tief greifende Veränderungen im Selbstverständnis weiblicher Arbeitskräfte. Die bis heute nur mangelhaft gelungene Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die daraus anhaltende Doppelbelastung weiblicher Arbeitskräfte spiegelt sich in zahlreichen Zeugnissen dieser Ausstellungseinheit wider.

Während der Arbeitskräftebedarf im Pflege- und Gesundheitsbereich kräftig expandierte, erreichte der mit der Globalisierung verbundene wirtschaftliche Strukturwandel mit der Textil und Bekleidungsmittelindustrie (nach dem Bergbau) schon früh einen der beschäftigungsintensivsten Bereiche der standardisierten Massenproduktion. Allein in den 1970er Jahren gingen auf Grund von Rationalisierungen und Betriebsschließungen mehr als 300.000 Arbeitsplätze in diesem Bereich verloren. Dass es den Gewerkschaften nicht besser gelang, die Auswirkungen des Arbeitsplatzabbaus auf die zumeist weiblichen Beschäftigten sozial besser abzufedern, lag sicherlich an einem ganzen Ursachenbündel und nicht vornehmlich, wie die Ausstellung suggeriert, allein an der mangelnden Kampfbereitschaft der zuständigen Gewerkschaft.

Dass Arbeitnehmer mit Hilfe ihrer Interessenvertretungen die Auswirkungen selbst abrupter struktureller Wandlungsprozesse sozial erträglich gestalten können, belegt die der Druckindustrie gewidmete Einheit der Ausstellung. Dem zunehmenden Einsatz von Computern und Fotosatz in der Druckindustrie begegnete die IG Druck und Papier im März 1978 mit dem größten Zeitungsstreik in der Geschichte der Bundesrepublik. Der schließlich ausgehandelte Rahmentarifvertrag bremste den technischen Wandel in der Druckindustrie zwar allenfalls vorübergehend, schützte die betroffenen Arbeitnehmer aber immerhin vor betriebsbedingten Kündigungen.

Abschließend widmet sich die Ausstellung zunächst mit dem Bank- und daran anschließend mit dem Postbereich noch einmal zentralen Sektoren des Dienstleistungsbereichs. Insbesondere an Hand der Transformation der Deutschen Post zu einem globalen Logistikkonzern und der damit verbundenen Prekarisierung ehemals stabiler Beschäftigungsverhältnisse werden die verschiedenen Probleme der heutigen Arbeitswelt – bis hin zur Mindestlohndebatte – nicht zuletzt auch aus der Sicht der betroffenen Arbeitnehmer, thematisiert.

Weiterführende Orientierung über den Wandel der Arbeitswelt bietet dem Besucher der parallel zur Ausstellung erschienene Begleitband. Vor allem Klaus Tenfeldes Überblick über den Strukturwandel der Arbeit im 20. Jahrhundert und daran anschließend Jörg Neuheisers und Andreas Rödders Beitrag über die gewandelten Einstellungen und Haltungen innerhalb und gegenüber der Arbeitswelt geben Gelegenheit, die vielfältigen in der Ausstellung thematisierten Aspekte des Arbeitslebens kritisch einzuordnen. Darüber hinaus werden die verschiedenen Schwerpunkte der Ausstellung von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen beleuchtet.

Eine der wesentlichen Stärken der Bonner Präsentation liegt sicherlich darin, dass in sämtlichen Stationen auch die vom Wandel der Arbeitswelt selbst betroffenen Arbeitnehmer ausführlich zu Wort kommen. Insgesamt rund 50 Zeitzeugen geben Auskunft über ihre Berufsbiografien und berichten über den Wert der Arbeit in ihrem Leben. Dass Arbeit allen Veränderungen zum Trotz einen existentiellen Stellenwert im Leben der Menschen beibehielt, der weit über ihre Rolle als „Broterwerb“ hinausgeht und nach wie vor als zentrales sinnstiftendes Element im Dasein des Einzelnen angesehen wird, wird hier eindrücklich belegt. Insgesamt bietet die Ausstellung einen gelungenen Einblick in den Wandel der Arbeitswelt in den vergangenen fünf Jahrzehnten.

Die Auswahl der Exponate erscheint im Ganzen schlüssig, ihre Interpretation durch weiterführende Erläuterungen, statistische Informationen, aber auch audiovisuelle Ausstellungsmittel und künstlerische Installationen, gelungen und interessant.

Insgesamt illustriert die Ausstellung den fundamentalen Wandel, den die Arbeitswelt in den vergangenen gut sechzig Jahren unterworfen war, auf facettenreiche Weise. Über die Auswahl der Ausstellungsschwerpunkte mag man, wie allerdings stets bei derartigen Projekten, streiten, abwegig ist sie sicherlich nicht. Aus gewerkschaftlicher Sicht kritisch anzumerken ist, dass die Rolle der Gewerkschaften bei der konkreten Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse nur recht punktuell thematisiert wird.

Dennoch: Der Besuch der Ausstellung bietet zweifellos Anlass, die heutige Arbeitswelt kritisch zu reflektieren und sich, angesichts der in den vergangenen Jahrzehnten zu verzeichnenden Wandlungsprozesse, Gedanken darüber zu machen, wie diese künftig gestaltet werden kann.

Die Ausstellung „Hauptsache Arbeit – Wandel der Arbeitswelt nach 1945“ findet vom 1.12.2009 bis zum 5. April 2010 im Haus der Geschichte in Bonn statt und ist von Anfang Oktober 2010 bis April 2011 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 

Begleitbuch:

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Hauptsache Arbeit. Wandel der Arbeitswelt nach 1945, 160. S., zahlreiche Abbildungen, 19,90 €, Bonn 2009.


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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