Deutscher Gewerkschaftsbund

18.12.2020

Wer Trump immer noch liebt

Donald Trumps wichtigstes politisches Vermächtnis ist seine China-Politik. So sehen es jedenfalls viele in Asien, denn der US-Präsident hat als Repräsentant einer Demokratie und eines christlichen Landes dem kommunistischen Regime die Stirn geboten. Über seine Vorliebe für andere Autokraten und sein oft bizarres Verhalten sehen sie da lieber hinweg.

 

Von Ian Buruma

Gemaltetes Plakat mit Xi Jinping, der auf einem Bein steht und mit dem anderen Bein hinter sich ein kreisrundes Emblem mit Hammer und Sichel jongliert.

In Anspielung auf Charlie Chaplins Film "Der große Diktator" haben lieber ungenannt bleibende Künstler hier Xi Jinping karikiert. DGB/Archiv

Wer – abgesehen von 74 Millionen Wählern in den Vereinigten Staaten - steht noch zu Präsident Donald Trump? Die meisten Europäer sind hocherfreut, ihn aus dem Amt scheiden zu sehen. Doch er ist immer noch beliebt bei rechtsgerichteten Machthabern, Demagogen und vielen ihrer Anhänger. Trumps Bewunderung für Autokraten, seine Geringschätzung gegenüber Einwanderern, ethnischen Minderheiten und Muslimen (mit Ausnahme einiger saudischer Prinzen) sowie seine Verachtung liberal-demokratischer Normen verliehen autoritären Regierungen in Ungarn, Polen, Brasilien, Indien und auf den Philippinen Auftrieb. Zudem stand seine Wertschätzung für den russischen Präsidenten Wladimir Putin nie in Frage.

Trumps Abwahl ist ein Rückschlag für die Rechtspopulisten weltweit

Trumps Wahlniederlage ist ein Rückschlag für die weltweite populistische Rechte. Obwohl zahlreiche ihrer Anführer noch länger als er im Amt bleiben werden, wäre die aufstrebende antiliberale Bewegung mit einem triumphierenden Verfechter ihrer Sache im Weißen Haus wohl weiter erstarkt. Trump fand auch Unterstützung bei einer Mehrheit der Bevölkerung in zwei demokratischen Ländern: Israel und Taiwan. Denn er wurde als mächtigster Feind ihrer Feinde Iran beziehungsweise China betrachtet.

Israels rechter Premierminister, Benjamin Netanjahu, bekam von der Trump-Administration alles, was er wollte. Die Palästinenser gingen leer aus. Die fanatischsten Unterstützer Israels in den USA sind im Großen und Ganzen ebenfalls Trump-Anhänger. Dabei handelt es sich nicht um amerikanische Juden, von denen die meisten für Joe Biden stimmten, sondern um evangelikale Christen, die glauben, Gott hätte dem auserwählten Volk das Heilige Land gegeben, zumindest bis zu Christus‘ Wiederkehr, nach der die Juden zu Christen werden müssten.

Am interessantesten allerdings präsentiert sich Trumps Beliebtheit in Ostasien, vor allem, weil viele seiner Anhänger dort weder rechtsgerichtet noch antiliberal sind – oft ganz im Gegenteil. Zwar stimmt es, dass man in China mancherorts Trumps Angst vor Muslimen teilt, aber das ist nicht der Hauptgrund für die Pro-Trump-Stimmung.

Donald Trump und Xi Jinping stehen nebeneinander, rechts und links von sich ihre Frauen.

Trump pries gern seine "Freundschaft" mit Xi Jinping. Der Handelskrieg der USA mit China, den er begann, setzte er dennoch fort. DGB/Weißes Haus/Gemeinfrei

Ich sprach vor einigen Monaten mit Pro-Demokratie-Aktivisten und Politikern in Hongkong und Taiwan, die Trump zwar als rüpelhaften, aber mächtigen Führer der freien Welt gegen kommunistische Tyrannei sehen. Die US-Flagge fehlte nur selten bei öffentlichen Demonstrationen in Hongkong und bei Wahlkundgebungen der Demokratischen Fortschrittspartei in Taiwan.

Liberale Dissidenten in China sind wegen der Kulturkriege in den USA beunruhigt

Auch hier spielt der Einfluss des Christentums eine Rolle. Einer der mutigsten Demokratieaktivisten in Hongkong ist der Unternehmer und Zeitungsmagnat Jimmy Lai. Seit der Übergabe der ehemaligen britischen Kolonie an China im Jahr 1997 steht Lai an der Spitze des Kampfes für mehr Freiheitsrechte. Er ist außerdem glühender katholischer Konvertit, der glaubt, dass es sich bei der Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Chinas kommunistischer Diktatur um einen Kampf der Kulturen zwischen der christlichen freien Welt und einem rückständigen, despotischen China handelt.

Nicht wenige christlich-chinesische Dissidenten teilen Lais Ansichten. Sie sind der Meinung, die liberale Demokratie sei ein Produkt der westlichen Zivilisation, was auch stimmt. Fragwürdiger ist allerdings ihre Ansicht, wonach Demokratie ohne christlichen Glauben nicht möglich gewesen wäre – das antike Griechenland lässt man geflissentlich unter den Tisch fallen. Die Vorstellung, dass Asiaten keine echten Demokraten sein können, wenn sie keine Christen sind, ist nachweislich falsch.

Aber es steckt mehr hinter der chinesischen Begeisterung für Trump. Wie Ian Johnson kürzlich in der New York Times schrieb, sind manche liberale Dissidenten in China aufgrund der Kulturkriege in den USA beunruhigt. Sie betrachten den Fanatismus der amerikanischen Linken durch die Linse ihrer eigenen, noch viel gewaltvolleren Geschichte. Sehen sie Menschen, die wegen ideologischer Unreinheit gejagt werden, dann erkennen sie die Gespenster von Maos Rotgardisten. Für sie ist Trumps rüpelhafte politische Inkorrektheit ein erfrischender Gegenentwurf.

Doch der Hauptgrund, warum die Menschen in Hongkong, Taiwan, Japan, Südkorea und auch in China Trump bewundern, ist die Angst vor dem chinesischen Regime. Trotz seiner sporadischen Schmeicheleien gegenüber dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping gilt Trump als Mann, der China die Stirn geboten hat. Das ist sein bedeutendstes Vermächtnis in den Augen derjenigen, die meinen, die Welt sei zwischen zwei Großmächten aufgeteilt, von denen eine demokratisch und die andere nominell kommunistisch ist.

Joe Biden steht neben einem Rednerpult, dem links leicht hinter ihm stehen Xi Jinping zu gewandt. Die beiden prosten sich mit Sektgläsern zu.

Mit Joe Biden dürfte der Ton in der China-Politik der USA diplomatischer werden. In der Sache wird sich wenig ändern: die beiden aktuellen Supermächte stehen sich feindlich gegenüber. DGB/US State Department/Gemeinfrei

Freilich fürchtete man die chinesische Macht in gewissen Ländern viele Jahrhunderte lang, unabhängig davon, ob in China Kaiser oder Kommunisten an der Macht waren. Viele Vietnamesen loben Trump zwar, aber nicht, weil sie selbst von autokratischen Kommunisten regiert werden. Obwohl die USA im vergangenen Jahrhundert große Teile Vietnams verwüsteten, bleibt China der traditionelle Feind.

Biden wird von Japan und Südkorea mit offenen Armen empfangen

Die Haltung Südkoreas und Japans gegenüber den USA präsentiert sich ambivalenter. Trump hat in diesen Ländern zwar seine Anhänger, aber – anders als in Taiwan – nicht bei der Mehrheit der Menschen. Obwohl die chinesische Macht in beiden Ländern oft als Bedrohung empfunden wird, ist die Abhängigkeit von den USA in Sicherheitsfragen sowohl eine Notwendigkeit als auch ein Ärgernis. Ein großspuriger Rüpel im Weißen Haus erhöht den Grad der Irritation. Der designierte Präsident Joe Biden wird mit ziemlicher Sicherheit ein beliebterer Träger der amerikanischen Last in Ostasien sein.

Die Beziehungen zu China werden sich unter Biden wohl auch weniger sprunghaft und diplomatischer gestalten. Die grundlegenden Spannungen zwischen einer demokratischen und einer autokratischen Supermacht werden jedoch bestehen bleiben – und sich verschärfen, wenn sich Chinas wirtschaftlicher Erfolg fortsetzt. In einer Zeit zunehmender Desillusionierung hinsichtlich der demokratischen Regierungsform bildet China für viele Menschen ein verlockendes Modell. Man vergleiche nur einmal chinesische Züge, Flughäfen und andere moderne Einrichtungen mit der heruntergekommenen Infrastruktur Amerikas.

Ob die Züge pünktlich fahren, ist natürlich nicht der einzige und wahrlich nicht der beste Maßstab für gute Regierungsführung. Bekanntlich sollen auch Mussolinis Züge immer pünktlich gewesen sein. Zumindest haben die USA der Welt bewiesen, dass der Schurke an der Macht immer noch abgewählt werden kann. Doch wenn Amerika als Modell gegen das chinesische System dienen soll, dann hat sein letzter Präsident alles getan, um es als das weniger attraktive System erscheinen zu lassen.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2020


Nach oben

Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten