Deutscher Gewerkschaftsbund

27.11.2023

„Die Klimakrise in der Stadt ist auch ein Gerechtigkeitsproblem“

Der Wissenschaftler Felix Creutzig forscht über Klimaschutz und Klimaanpassung in Städten. Im Interview erläutert er, warum der Klimawandel ein Gerechtigkeitsproblem darstellt und was passieren muss, damit urbanes Leben weiterhin möglich ist.

 

Glasklare Weltkugel in grünem Gras

DGB/stockwerkfotodesign/123RF.com

Wie äußert sich der Klimawandel in Städten und warum sind Städte besonders betroffen?

Felix Creutzig: Zunächst sind Städte die Orte, an denen die meisten Menschen leben und die Folgen des Klimawandels direkt spüren. Dadurch sind es auch die Orte, an denen wir viel für den Klimaschutz erreichen können. Die Erfahrungs-Seite wie auch die Lösungs-Seite ist in Städten sehr präsent.

Was bedeutet das genau?

In Deutschland geht es vor allem um Hitzewellen, und diese Hitzewellen sind tödlich. Jedes Jahr sterben schon heute, sprich innerhalb noch relativ kurzer Hitzewellen, mehrere tausend Menschen. Vor allem Ältere sind betroffen und eher Männer als Frauen. Hitzeperioden sind also ein klarer Risikofaktor. Der Grund ist, dass sich die städtische Umgebung besonders stark aufheizt. Das Gebäudematerial speichert die Hitze, wodurch vor allem die Nächte wärmer werden. 24 oder 25 Grad in der Nacht klingt jetzt erstmal nicht tödlich, aber dem menschlichen Körper fehlt es dann an Abkühlung. Das ist ein Risikofaktor und führt zu einer höheren Sterblichkeit.

Werden diese gesundheitlichen Folgen des Klimawandels ausreichend beachtet?

Das Thema der Klimaanpassung in Städten ist tatsächlich ein Thema für die öffentlichen Gesundheitsdienste. Die medizinische Perspektive, die einen gesellschaftlichen Blickwinkel hat, sollte mit der Klimaschutz- und Klimaanpassungsforschung stärker zusammenarbeiten. Da muss aus meiner Sicht mehr passieren.

Felix Creutzig

Prof. Felix Creutzig ist Physiker und Mit-Autor verschiedener Reporte des Weltklimarates. Er arbeitet beim MCC in Berlin, dem Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Dort ist er Gruppenleiter einer Arbeitsgruppe zu Landnutzung, Infrastrukturen und Transport. Einer der Forschungsschwerpunkte ist die Analyse der Möglichkeiten für Klimaschutz und Klimaanpassung in Städten. Seit 2017 ist er zudem Professor für nachhaltige Stadtökonomie an der TU Berlin. Privat

Die Stadtbevölkerung ist ja heterogen, Bewohner*innen wie auch Stadtviertel unterscheiden sich zum Beispiel sehr stark hinsichtlich ihrer Ressourcen. Was folgt daraus in der Klimakrise?

Schauen wir uns das Beispiel Berlin an. Wir beobachten, dass die Verstärkung von Hitzewellen je nach Stadtteil sehr unterschiedlich ist. Das bedeutet, dass es in einem grünen Stadtteil wie Grunewald schlichtweg kühler ist. Die Wassernähe des Bezirks spielt da auch eine Rolle. Ein sehr dicht bebauter Stadtteil wie Neukölln dagegen hat deutlich höhere Temperaturen. Und das ist natürlich auch ein Gerechtigkeitsproblem, denn das reproduziert die ungleiche Einkommensverteilung in der Stadt. Neukölln hat ein weitaus geringeres Einkommen und eine höhere Hitzebelastung.

Was kann man gegen die höhere Hitzebelastung tun?

Zentral ist die Begrünung der Städte. Begrünung bedeutet, dass wir die öffentliche Asphaltierung durch Grünflächen ersetzen. Gerade im Straßenraum braucht es mehr Sickerflächen und mehr schattenspendende Bäume. Eine klimaangepasste Stadt hat einfach viel mehr Stadtgrün zur Kühlung und als Wasserspeicher. Und die Bewässerung müssen die Grünflächenämter natürlich gewährleisten.

Und mit Blick auf soziale Gerechtigkeit müssen dann Prioritäten richtig gesetzt werden?

Genau. Bei begrenzten Mitteln muss man sich dann einfach auf Neukölln fokussieren. Im Grundwald ist es eh schon kühler. Bisher wird die Frage der sozialen Benachteiligung bei der Klimaanpassung aber aus meiner Sicht eher vernachlässigt. Es gibt in vielen Städten Projekte zur Entsiegelung, in Berlin zum Beispiel im Graefekiez in Berlin-Kreuzberg. Aber das ist kein sozial benachteiligtes Quartier. Positive Beispiele kenne ich eher aus den skandinavischen Ländern. Kopenhagen oder Rotterdam sind echte Vorreiter. Da wird im sozialen Wohnungsneubau deutlich stärker dem Leitbild der Schwammstadt gefolgt.

Eine Herausforderung ist die Klimaanpassung in der Stadt weniger beim Neubau, sondern bei den Bestandsbauten und Straßen, oder?

Das ist richtig. Die Veränderung des Straßenraums ist bürokratisch sehr aufwendig. Weil unterirdische Infrastrukturen schon vorhanden sind, braucht man Genehmigungen von verschiedenen Infrastrukturanbietern. Dadurch dauert die Veränderung des Straßenraums oft mehrere Jahre, selbst wenn es um kleine Flächen geht. Ich hoffe, dass die novellierte Straßenverkehrsordnung es den Städten hier leichter macht. Aber das wird nicht ausreichen, wir müssen Klimaschutz und Klimaanpassung für die Kommunen insgesamt einfacher machen, zum Beispiel durch digitale Kataster oder durch Bürokratieabbau. Wobei man da auch vorsichtig sein muss, denn oft gibt es ja Begründungen dafür, dass etwas reguliert ist.

Kann die öffentliche Verwaltung diese Aufgaben stemmen, so wie sie aufgestellt ist?

Das ist an verschiedenen Orten nach meiner Erfahrung sehr unterschiedlich. Wichtig ist, dass die verschiedenen administrativen Ebenen tatsächlich an einem Strang ziehen. Also Bund, Länder und Kommunen oder beim Berliner Beispiel Senat und Bezirke. Wenn die Ebenen unterschiedliche politischen Orientierungen haben, führt das nicht nur zu Friktionen. Vor allem frieren viele Prozesse dann einfach ein. Klimaanpassung wirkt auf den ersten Blick simpel, nach dem Motto: Ein paar Bäume pflanzen kann ja nicht so schwer sein. Aber so ist es nicht. Sobald es Diskussionen gibt, ob ein Parkplatz geopfert wird, fangen die Streitereien an und oft passiert erstmal gar nichts.

Das konfliktreichste Thema ist hier tatsächlich der Verkehr, oder?

Ja. Eine sinnvolle Strategie ist aus meiner Sicht, Klimaschutz im Sinne von weniger CO2-Emmissionen und Klimaanpassung im Sinne von mehr Stadtgrün zusammenzudenken. Dann geht es um Parkplätze. In den Innenstädten müssten Parkplätze aus dem öffentlichen Straßenraum raus, wodurch Flächen für Bäume freiwerden. Oder für Tiny Urban Forests. Gleichzeitig sollten wir den Radverkehr und den ÖPNV ausbauen. Gerade in den dicht bebauten Städten ist das auch realistisch, denn hier sind die Wege im Vergleich ja kurz. In ländlichen Regionen macht die Automobilität deshalb Sinn, weil es wenig Alternativen gibt. Wir brauchen die Verkehrswende also da, wo Autos am wenigsten gebraucht werden und der Gesellschaft durch Versiegelung, Stau, Luft- und Lärmverschmutzung am meisten Kosten verursachen. Das muss die Agenda sein, und manche Städte machen das auch, Paris zum Beispiel. Aber in Deutschland wird das als Kulturkampf verstanden, obwohl die wissenschaftliche Perspektive darauf ziemlich eindeutig ist. Es funktioniert genauso gut, ist gesundheitsfördernd und aus Klimaschutzsicht nützlich. In den dichteren Städten sollte das der Fokus sein.

Und gerade im Verkehrssektor besteht ja beim Klimaschutz Handlungsbedarf, oder?

Ja, und die Treibhausgasemissionen gehen im Verkehrssektor in Deutschland zu über 60 Prozent auf den PKW-Verkehr zurück, zu knapp 30 Prozent auf den LKW- und Lieferverkehr und der Rest hauptsächlich auf den innerdeutschen Flugverkehr. Der Verkehr ist entscheidend. Bei der Energiewende bin ich optimistisch durch den schnellen Ausbau von Solar- und Windenergie. Da passt auch die Zeitskala des Ausbaus, man muss also nicht alles fatalistisch sehen. Aber im Verkehrssektor hakt es. Deutschland ist in diesem Bereich alles andere als ein Vorreiter.

Wie schätzen Sie die Entwicklung bei den kommunalen Gebäuden ein?

Bei den öffentlichen Gebäuden können Städte viel für den Klimaschutz tun, es kostet allerdings sehr sehr viel. Da muss richtig viel investiert werden. Diese Investitionen rechnen sich langfristig, weil die Energiekosten ja sinken. Gesamtvolkswirtschaftlich ist das also nicht problematisch. Aber die Liquidität muss natürlich erstmal her. Und dafür ist wichtig, dass auch Schulden aufgenommen werden dürfen. Es ist wichtig, dass die Städte hier investieren können.

Der DGB fordert ja, eine neue Gemeinschaftsaufgabe im Art. 91a Abs. 1 GG für Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen einzurichten. Durch die Gemeinschaftsaufgabe können Bund und Länder den Kommunen dann ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Mit Blick auf öffentliche Investitionen fehlt in der Politik aber noch das richtige Mindset.

Ja, das ist leider so. Tatsächlich müssen die Kommunen in den nächsten zehn Jahren massiv investieren. Das wird so ähnlich sein wie vor hundert Jahren, als viele unserer öffentlichen Infrastrukturen gebaut wurden. Eine solche krasse Investitionsagenda brauchen wir jetzt wieder, da braucht es viel mehr Impetus, mehr Ressourcen, mehr planerische Ambitionen.

Zugespitzt, wie lautet ihr Fazit: Kann der öffentliche Dienst Klimakrise?

Die Antwort ist kein klares Ja oder Nein, die Wahrheit liegt wahrscheinlich im Graubereich. Es gibt unheimlich engagierte Menschen im öffentlichen Dienst, das ist eine gute Basis. Viele verstehen auch, was jetzt die nötigen Prioritäten sind. Strukturell wird es den Beschäftigten oft nicht einfach gemacht, die Gehälter müssten auch attraktiver werden. Und bestimmte Prozesse kann man ja den Beschäftigten durch die Digitalisierung auch einfacher machen, ohne dass es ein Arbeitsvernichtungsprogramm wird.

 

 


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Kurzprofil

Dr. Niels Spilker
Niels Spilker arbeitet beim DGB Bundesvorstand in der Abteilung Öffentlicher Dienst und Beamtenpolitik. Er studierte Naturschutzbiologie und Politikwissenschaften in Marburg, Potsdam und Berlin. Er promovierte am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.
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