Deutscher Gewerkschaftsbund

12.01.2021

Trumps weißer Mob

In der US-amerikanischen Geschichte kam die Gewalt des Mobs meist nicht als spontane Explosion des Protests von unten, sondern vielmehr als strukturelle Gewalt von oben daher. Die Anstifter waren weiße Politiker, die Ängste, Hass und Ignoranz der weißen Unterschicht ausnutzten.

 

Von Jeffrey Sachs

Schwarzweißbild von Männern mit weißen Gewändern und Kapuzen, die vom Kapitol, das im Hintergrund zu sehen ist. in einer Parade weg marschieren.

1926 marschierten die weißen Rassisten des Ku Klux Klan noch offen durch Washington und paradierten sogar auf der Straße zum Kapitol. DGB/Library of Congress

Der Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar lässt sich leicht missverstehen. Viele von der Nervenprobe erschütterte Mitglieder des Kongresses haben Erklärungen abgegeben, dass Amerika eine Nation der Gesetze und nicht des Mobs sei. Das soll heißen: die von Präsident Donald Trump angeheizten Unruhen sind etwas Neues. Das sind sie nicht. Die USA haben eine lange Geschichte der Gewalt durch den Mob, die von weißen Politikern im Dienste reicher weißer Amerikaner befeuert wurde. Ungewöhnlich ist dieses Mal nur, dass der weiße Mob sich gegen die weißen Politiker richtete und nicht gegen Schwarze, die sonst gewöhnlich die Opfer sind.

In der Vergangenheit richtete sich die Gewalt des Mobs gegen Schwarze

Natürlich sind die Umstände der Ausschreitungen in Washington äußerst wichtig. Ihr Ziel war, den Kongress einzuschüchtern, damit dieser die friedliche Übergabe der Macht stoppt. Es ist der Versuch eines Umsturzes gewesen. Indem Trump dazu aufgewiegelte, hat er ein Kapitalverbrechen begangen.

In der Vergangenheit richtete sich die Gewalt des Mobs auf traditionelle Ziele weißen Hasses: Er richtete sich gegen Afroamerikaner, die wählen wollten und die Rassentrennung in Bussen ablehnten, gegen Schwarze, die friedlich gegen die Diskriminierung im Wohnungswesen, an Essenstheken oder in Schulen protestierten. Der Hass richtete sich auch gegen amerikanische Ureinwohner, die ihre Jagdgründe und natürlichen Ressourcen zu schützen suchten, gegen mexikanische Farmarbeiter, die ein sicheres Arbeitsumfeld verlangten, und gegen chinesische Einwanderer, die zuvor die Eisenbahnen gebaut und in den Bergwerken gearbeitet hatten. All diese Gruppen waren Ziele der Gewalt des weißen Mobs – angeheizt von Amerikanern wie US-Präsident Andrew Jackson (1829 to 1837). Er veranlasste die gewaltsame Vertreibung der fünf großen Indiandernationen mit ungezählten Todesopfern. Angeheizt von Kit Carson, der mit seiner Einheit im 19. Jahrhundert einen brutalen Krieg gegen Indianer führte und angeheizt von Alabamas rassistischem Gouverneur George Wallace in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

In diesem historischen Licht betrachtet hatte der das Kapitol stürmende Mob aus rechtschaffen entrüsteten "Good Old Boys" etwas Vertrautes. Wie Trump es in seiner den Aufruhr schürenden Rede formuliert hat: Sie wollten Amerika "retten". "Lasst die Schwachen [Politiker] abhauen. Dies ist eine Zeit für Stärke", erklärte der Präsident unter Einsatz vertrauter Motive. "Sie wollen außerdem eure Kinder in der Schule indoktrinieren, indem sie ihnen Dinge beibringen, die nicht stimmen. Sie wollen eure Kinder indoktrinieren. Es ist alles Teil eines umfassenden Anschlags auf unsere Demokratie."

Männer in weißen Gewändern und Kapuzen stehen neben Anzugträgern und gehen die Stufen zum Kapitol hinauf.

Die Mitglieder des Klans ließen es sich auch nicht nehmen, 1926 das Kapitol zu besuchen. Im Unterschied zu heute mussten sie es nicht einmal stürmen. Ihre rassistische Agenda war ohnehin mehrheitlich die des Landes und der Politik. DGB/Library of Congress

In der gesamten US-amerikanischen Geschichte kam die Gewalt des Mobs meist nicht als spontane Explosion des Protests von unten, sondern vielmehr als strukturelle Gewalt von oben daher. Die Anstifter waren weiße Politiker, die Ängste, Hass und Ignoranz der weißen Unterschicht ausnutzten. Wie die Historikerin Heather Cox Richardson in ihrem brillanten neuen Buch "How the South Won the Civil War" dokumentiert, ist diese Version der Mobgewalt seit mehr als 150 Jahren ein entscheidender Bestandteil der Verteidigung einer hierarchischen Gesellschaft durch die weiße Oberschicht der USA.

Reiche Weiße hetzen gegen Schwarze, um arme Weiße von ihren wahren Problemen abzulenken

Amerikas Kultur weißer Jobgewalt geht Hand in Hand mit seiner Schusswaffenkultur. Die hunderte von Millionen Schusswaffen in Privatbesitz in den USA gehören überproportional Weißen, und wie die Historikerin Roxanne Dunbar-Ortiz in "Loaded: A Disarming History of the Second Amendment" überzeugend darlegt, berufen sich Selbstjustiz verübende weiße Mobs traditionell auf die "Rechte auf Schusswaffenbesitz", um Schwarze und amerikanische Ureinwohner zu unterdrücken.

Vor allem reiche Weiße hetzen gern den Mob zur Gewalt gegen Schwarze auf. Das ist eine typische Methode, um die armen Weißen von den wahren Problemen ablenken. Diese Taktik hat Trump nicht erfunden, sie ist der älteste Trick im Taktikhandbuch der amerikanischen Politik. Will man eine regressive Steuersenkung für die Reichen verabschieden, erzählt man den wirtschaftlich kämpfenden Weißen einfach, dass Schwarze, Muslime und Einwanderer unterwegs seien, um den Sozialismus einzuführen.

Im gesamten Verlauf seiner Präsidentschaft hat Trump genau dies getan und gewarnt, die Amerikaner würden ohne ihn im Weißen Haus "Chinesisch lernen müssen". Auf seinen Kundgebungen tritt er routinemäßig als Verfechter des 2. Verfassungszusatzes auf, der das Recht garantiert, Waffen zu besitzen – und schimpft gegen Nichtweiße. So hat er etwa weibliche Kongressabgeordnete aus Einwandererfamilien aufgefordert, sie sollten in die "total kaputten und vom Verbrechen verseuchten Orte zurückgehen, aus denen sie herkommen sind". Trump hat seine Anhänger zu physischer Gewalt gegenüber oppositionellen Demonstranten aufgerufen; sie sollten diese hinauswerfen – und zwar nicht nur aus seinen Kundgebungen, sondern aus dem Land selbst. Er hat weiße Rassisten als "sehr anständige Leute" bezeichnet. Nachdem sein die Flaggen der Konföderierten schwenkender Mob das Kapitol gestürmt hatte, erklärte er: "Wir lieben euch, ihr seid etwas ganz Besonderes."

Demonstranten von hinten, die auf das Kapitol zu laufen mit US- und Trump-Flaggen.

So sah es am 6. Januar aus, kurz bevor der weiße Mob das Kapitol stürmte, einen Polizisten tötete und versuchte den Vize-Präsidenten und andere Poltiker entführen. Der Mob wollte verhindern, dass Joe Biden endgültig als künftiger Präsident bestätigt wird.l DGB/dah

Die republikanische Partei hat Trump und seine hetzerische Politik uneingeschränkt unterstützt – bis zum Nachmittag des 6. Januar, als der Mob das Kapitol überschwemmte. Doch die Treue der republikanischen Führung zu Trump war nicht bloß durch seinen starken Rückhalt bei der republikanischen Basis bedingt. Trump repräsentiert die Quintessenz der amerikanischen Rechten. Die ihm zufallende Rolle war immer klar: die Justiz mit strammen Republikanern zu besetzen, die Steuern für die Konzerne und die Reichen zu senken und Forderungen nach Erhöhung der Sozialausgaben und Umweltvorschriften abzuwehren, und dabei zugleich den jaulenden Mob zur Bekämpfung des "Sozialismus" anzustiften.

Trump hat die Wahlen verloren, nicht weil er rassistisch war, sondern weil er bei Corona versagte

Am 6. Januar liefen die Dinge aus dem Ruder, weil sich der weiße Mob gegen die weißen Politiker selbst wandte. Dies war nicht nicht unvorhersehbar – und nicht mehr hinnehmbar für die Republikaner. Trump hat seinen Anhängern immer wieder erzählt, dass sie Amerika verlören, und der Verlust der beiden Senatssitze in Georgia an einen Afroamerikaner und einen Juden hat die Wut zweifellos noch verstärkt.

Trump mag bei seiner Rassenhetze ungewöhnlich plump gewesen sein. Doch passt sein Ansatz perfekt zu dem der Partei, den sie spätestens seit der "Southern Strategy" der Republikaner bei der Wahl 1968 im Gefolge der Bürgerrechtsgesetze verfolgt. Bis letztes Jahr hat Trump die Arbeit für die plutokratischen Geldgeber, Bosse und wirtschaftlichen Verbündeten seiner Partei in vorgesehener Weise erledigt. Die Wahl in 2020 konnte er nur selbst verlieren – und das tat er. Doch war der Grund nicht, dass er zu rassistisch war, sondern dass er angesichts einer tödlichen Pandemie in überwältigender Weise böswillig und inkompetent war.

Im großen geschichtlichen Rahmen betrachtet ist Amerika tatsächlich dabei, seine Vergangenheit des Rassismus und der Gewalt weißer Mobs hinter sich zu lassen. Barack Obama wurde zweimal zum Präsidenten gewählt, und als Trump 2016 gewann, erhielt er weniger Stimmen als seine Gegenkandidatin. Angesichts der Wahl von Kamala Harris zur Vizepräsidentin und der Senatswahlen in Georgia in dieser Woche deutet viel darauf hin, dass Amerika sich allmählich von der weißen oligarchischen Herrschaft abwendet. Im Jahr 2045 werden die nicht-hispanischen Weißen nur noch rund die Hälfte der Bevölkerung stellen, während es 1970 noch rund 83 Prozent waren. In den Folgejahren werden in den USA die Minderheiten zusammen die Mehrheit bilden, und 2060 werden die nicht-hispanischen Weißen nur noch rund 44 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Aus gutem Grund sind die jüngeren US-Amerikaner sich des Rassismus stärker bewusst als frühere Generationen. Die im Kapitol erkennbare Trumpsche Virulenz mag verstörend sein. Sie ist allerdings nicht mehr als der verzweifelte, armselige letzte Atemzug der Rechten. Zum Glück wird das Amerika der rassistischen weißen Herrschaft zunehmend Geschichte, wenn auch immer noch viel zu langsam.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
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