Deutscher Gewerkschaftsbund

15.08.2014

Berufswahl als Metapher

Zukunft ist das, was ganz zwangsläufig endet: Ute Wielands Jugendfilm „Besser als nix“ zeigt dies auf beinahe perfekte Art und ist in diesem Sommer vielleicht das Schönste, was das Kino bietet. Kinostart ist am Donnerstag, den 21. August.

Unfallstelle

nfp

Der Übergang von der Schule in das Berufsleben und die damit verbundenen Probleme sind für das populäre Kino selten der klassische Filmstoff. Sicher bilden Zeiten jugendlicher Unsicherheit, wie Sitzenbleiben, erste Liebe, Ende der Schule, Beginn des Studiums, öfter die Rahmenhandlung für herzerweichende Filmplots („Transformers“, „Godzilla“, „Titanic“, „Starship Troopers“). Aber, dass der Berufseinstieg mal dezidiert mit Arbeitsamt, Maßnahmensystem und allem "Pipapo" im Mittelpunkt steht, ist nicht die Regel. Denn es ist unschön, weshalb sich das Kino so etwas nur in Ausnahmen antut.

Trotzdem ist es guter Stoff für eine Tragikomödie. Die Regisseurin Ute Wieland („Freche Mädchen“, D 2008) hat sich mit dem Film „Besser als nix“ dieses Thema vorgenommen. Dieses kleine Werk, das auf dem gleichnamigen Roman von Nina Pourlak basiert, konzentriert sich auf den Lebensabschnitt Ausbildung. Tom (François Goeske), der Grufti seiner Klasse in einer Schule der ostdeutschen Kleinstadt Grieben, steht kurz vor dem Schulabschluss. Wie so oft gibt es auch hier einen Anteil von Schülern, die sich eher vom "Dunklen" angezogen fühlen. Bei Tom hat die depressive Seite einen familiären Hintergrund: „Mutter hat uns verlassen“, antwortet er auf die Frage nach seinen Eltern gewohnt routiniert. Anders gesagt: Sie hat Selbstmord begangen. Oma Wally (Hannelore Elsner), die im Seniorenstift wohnt, ist von derselben Baustelle. Die alte Dame kann aber die dunklen Gedanken mit ihrem recht exaltierten Kleidungsstil überdecken - noch. Toms Vater Carsten (Wotan Wilke Möhring) kommt über den Tod seiner Frau nicht hinweg. Er kompensiert die katastrophale Lage sehr männertypisch.

Die Clique

Der arbeitslose Fußballtrainer des SV Grieben, bei dem Tom Torwart ist, lässt sich regelmäßig volllaufen. Um die Fußballer herum gruppiert sich die Clique. Die Jugendlichen treffen sich am Flussufer zu Dosenbier und Rumhängen. Zentralgestirn von Verein und Gruppe ist der Mittelstürmer Mike (Jannis Niewöhner), bei dem vordergründig alles blendend läuft und der natürlich die Klassenschönste Maren (Emilia Schüle) zur Freundin hat. Mike wird sein Leben in der Autowerkstatt verbringen. Der Ausbildungsplatz ist schon fest eingeplant. Das hätte er jedenfalls gern.

Eines Tages werden die, die noch nichts haben, ins Arbeitsamt bestellt, denn die Lage auf dem Stellenmarkt ist alles andere als rosig („Ick wer‘ Germany’s next Topmodel“). Als Tom, der mit seinen schwarzen Klamotten rein optisch den dunklen Seiten des Lebens schon sehr zugetan ist, beim Berater dann dran ist, gibt es nur einen Vorschlag: Du wirst Leichenbestatter. „Besser als Schlachter“, kommentieren die Kumpels. Und eine sichere Bank, denn „Gestorben wird immer.“ Hier wird die Berufswahl zur Metapher aufs Leben - für irgendwen ist es eigentlich immer schon zu Ende. Und das Bild hält: Denn der einzige große Arbeitgeber in der Region ist der Schlachthof. Tom denkt sich: der Tod ist schon okay und hier eh unausweichlich. Aber Töten muss nicht sein.

Zukunft und Tod

Ein schöner Nebeneffekt des Besuchs beim Arbeitsamt ist, dass Tom die Referendarin Sarah kennenlernt. Auch sie trägt eher dunkle Klamotten, ist dabei aber ungemein schön und lebhaft. Man ahnt es schon: hier entsteht was Ernsteres.

Eine wunderbare Verbindung ist in diesem Film aber vor allem die Berufswahl mit dem Tod, denn letzterer scheint im Teenie-Alter ebenso allgegenwärtig zu sein. Oft sieht man die Clique am Fluss rumhängen und darüber diskutieren, was die Zukunft bringe - Glück oder Tod? Tom nimmt hier eine zentrale Position ein, denn der Suizid der Mutter hat ihn schon früh auf das Thema gelenkt. Leben ist für ihn immer das, was schnell vorbei sein kann.

Der Rumhänger hat aber auch einen Riesenrespekt vor dem neuen Job, und gleichzeitig Versagens- und Zukunftsangst. Sollte er nicht abhauen aus Grieben? Sarah lebte schon mehrere Jahre in Berlin. Die anderen Jugendlichen können nicht verstehen, warum sie wieder aus der Großstadt zurückkehrte[1]. Sie hat ein Geheimnis - ohne Zweifel. Auch in ihrem Leben ist der Tod präsent.

Der Weg in die Branche und ins Leben

Toms erste Schritte im Business sind holprig: da landet die Asche von Ingenieur Schmidt als Zuckerersatz im Kaffee und da wird der trauernden Kundschaft die Urnenkollektion präsentiert: „Die Bunten sind vor allem bei jüngeren Leuten beliebt.“ Mit der verdammten Führerscheinprüfung will es auch nicht klappen. Nachhilfestunden bei Mike enden regelmäßig im Kreisverkehr. Für seinen Job ist der Lappen unabdingbar, schließlich muss er den riesigen Leichenwagen fahren. Das bleibt erst mal dem Leichenwäscher Hans (Clemens Schick) überlassen. Hans weiß beim Aufstehen schon, dass heute einer stirbt. „Ich weiß auch nicht, warum das bei mir so ist“, sagt der bizarre, stille Typ. In der Dämmerung wartet er schon vor Toms Haustür. Unterwegs kommt dann der Anruf von der Polizei, es sei jemand abzuholen. Hans ist der Geselle des Todes, der Toms künftige Arbeit darstellt. Als das Telefon das nächste Mal klingelt, kann Tom seinem Arbeitgeber entscheidend helfen. In Omis Seniorenstift ist jemand tot umgefallen. „Nicht unser Gebiet“, sagt Hans. Das gehört dem Sarg-Discounter. Aber mit Toms Verbindungen, schließlich kennt ihn jeder in dem Haus, gelingt es dem Edelbestatter, ein Bein in die Tür zu kriegen. Gleichzeitig ist dies die Wende für Tom: Das Geschäft ist nun seines. Er sieht, dass er hier erfolgreich sein kann. Nun eignet er sich die Arbeit an. Bisher ist er nur mitgelaufen, ab sofort wird er zum Kollegen.

„Besser als nix“ ist voller solcher Momente und Beobachtungen aus dem Berufsalltag. Zuerst wurde Tom von den Kumpels verlacht, doch dann erscheint er kompetent auf seinem Gebiet. Den viel zu kleinen schwarzen Anzug, den man ihm zur Verfügung gestellt hat und der eigentlich für eine Leiche bestimmt war, trägt er zusehends mit Selbstbewusstsein.

Es ist jetzt der Zeitpunkt für die erste große Liebe, den Eintritt ins Geschäftsleben und die größere Verantwortung. Und auch die extremen Auseinandersetzungen mit dem alkoholkranken Vater spitzen sich nun zu. Er gibt Tom indirekt die Schuld an seinem Suff, weil er ihn an seine verrückte Ehefrau erinnert. Es stimmt: Tom trägt Züge seiner Mutter: extreme Gefühlsschwankungen bis hin zum Borderline-Syndrom mit dem "Arme schlitzen" einerseits und der Fähigkeit zu besonderer Aufmerksamkeit und Sorge andererseits. Irgendwer muss den betrunkenen Alten ja ins Bett bringen. Mit der Toten hat er so viel mehr gemein als mit dem Vater, den er bedauert.

Durch all diese Facetten hindurch muss der Film auf seinen Höhepunkt hinsteuern: Mike, der die Ausbildung als Autoschrauber doch nicht bekommen hat, fährt sich mit der getunten Kiste an den Alleebaum. Vor Jahren gab es mal eine ver.di-Jugendkampagne, mit jenem Film, in dem Jugendliche davon erzählten, sich umzubringen, weil sie ohne Ausbildungsplatz keine Zukunft sähen. Hier feiert sie ihre Wiedergeburt.

Natürlich muss Tom den Freund "von der Straße kratzen". Fast hätte dies seinen eigenen Selbstmord zur Folge, doch die Freunde fangen ihn auf. Stattdessen gibt es eine große Party im Leichenzimmer des Beerdigungsinstituts. Es wird gesoffen, geraucht, gekifft und getanzt. Mikes Leiche wird mit Emoticons verziert, getaggt mit Grüßen verabschiedet. Am nächsten Morgen kann Hans sehen, wie er das alles wieder abkriegt. Kein Wunder, dass sich erstmal einer der verkaterten Jugendlichen im Fußball-Sarg auf dem Friedhof wiederfindet.

Reiner Blödsinn ist das hier aber ganz und gar nicht. Schon weil „Besser als nix“ eine ganze Riege sehr guter Schauspieler und Schauspielerinnen mit großer Leinwandpräsenz präsentiert. Schüle, Fischer und Goeske zuzuschauen ist eine Freude, man ist traurig, dass der Film nicht drei Stunden dauert. Auch Niewöhner in der Rolle des prolligen und vermeintlichen Supercheckers Mike ist eine Besonderheit. Obendrauf kommen langjährige Profis wie Hannelore Elsner und Nicolette Krebitz, die die HIV-positive Bestatterin Olga gibt („Die Stimmung war so romantisch, die wollte ich nicht mit einem Kondom zerstören“). In diesem Film knallen fast zu viele skurrile Diskurse aufeinander.

Dass hier manche Sachen leider recht schlecht funktionieren, macht den Film eigentlich noch sympathischer: So ist der Einsatz der Musik oft etwas eindimensional. Wenn einer weint, gibt’s traurige Gitarrenmusik, haben alle gute Laune, läuft irgendein Feel-Good-Kram. Am besten hätte man sie weggelassen - außer in der Szene rund um Mikes Leiche im Beerdigungsinstitut, die dann wieder zu den besten Disko-Szenen im deutschen Kino gehört. Wo Licht ist, da klappt es eben auch mit dem Schatten. Eine seltsam aussehende Bierwampe, wie man sie Wotan Wilke Möhring unters T-Shirt getackert hat, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, wer mag bloß auf diese Idee gekommen sein...

An einigen Stellen scheint die Geschichte in die fürs deutsche Kino typische Lachhaftigkeit zu verfallen, droht manchmal wie Rosamunde-Pilcher zu trivialisieren. Aber in den meisten Fällen kriegt „Besser als nix“ die Kurve.

Schließlich wird man lange nach einem Spielfilm suchen müssen, in dem die Darstellung eines Ausbildungsgangs, der sich ganz gewöhnlich in der Datenbank des Bundesinstituts für Berufsbildung befindet, mit solcher Aufmerksamkeit für die Fragen nach beruflicher Orientierung gelungen ist. Die Jugend träumt vom schönen Leben - sie muss es. Auch wenn regelmäßig die Erdung kommt: „Besser als nix“

„Besser als nix“. D 2013. Regie: Ute Wieland, Darsteller: François Goeske, Anna Fischer u.a. Kinostart: 21. August 2014


[1] Filme über junge Menschen in Deutschland sind in der Regel Berlinfilme. „Besser als nix“ ist in dieser Logik vielleicht der beste Berlinfilm seit Jahren: Weil Berlin im Weiteren so gut wie garnicht vorkommt.


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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