Deutscher Gewerkschaftsbund

03.01.2020

Eine Welt ohne Kapitalismus?

Die Kapitalismusgegner hatten ein miserables Jahr. Aber der Kapitalismus auch. Wer weitere Krisen wirklich vermeiden und die liberale Demokratie retten will, muss auf neue Formen der Umverteilung setzen. Denn ein Leben nach dem Kapitalismus wäre möglich. Und nötig.

 

Von Yanis Varoufakis

Warren Buffett und Barack Obama sitzen auf Sesseln im Oval Office und unterhalten sich.

Der Milliardär Warren Buffett war sich schon vor einigen Jahren mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama einig, dass Reiche mehr Steuern zahlen müssten - auch im Dienste der Demokratie. Auf Spekulationsgewinne wollte er aber nicht ganz verzichten. DGB/Pete Souza/Weißes Haus/Gemeinfrei

Die Niederlage von Jeremy Corbyns Labour Party in Großbritannien in diesem Monat bremste den Schwung der radikalen Linken. Dagegen kam in den Vereinigten Staaten der Kapitalismus im Vorfeld der Präsidentschaftsvorwahlen aus unerwarteter Richtung unter Beschuss: Milliardäre, Unternehmensvorstände und sogar die konservative Finanzpresse schlossen sich Intellektuellen und Kommunalpolitikern in zahlreichen Beschwerden an, die Brutalität, Grobheit und mangelnde Nachhaltigkeit des Renditekapitalismus anprangerten. Das Gefühl, die Unternehmen könnten „nicht so weiter machen wie bisher“, scheint jetzt sogar in die Vorstandsetagen der mächtigsten Konzerne eingezogen zu sein.

Die Ultrareichen – zumindest jene mit etwas Verstand – stehen tatsächlich immer stärker unter Druck und leiden verständlicherweise unter Schuldgefühlen. Sie fühlen sich durch die bedrückende Unsicherheit bedroht, in der die Mehrheit der Menschen versinkt. Wie Karl Marx einst vorhersagte, bilden sie heute eine überaus mächtige Minderheit, die sich aber als unfähig erweist, eine polarisierte Gesellschaft anzuführen. Denn sie kann den Besitzlosen keine ausreichende Existenz garantieren.

Ein "Stakeholder-Kapitalismus"

Die Klügeren der Superreichen setzen sich aus ihren bewachten Wohnanlagen heraus für einen neuen "Stakeholder-Kapitalismus" ein und fordern sogar höhere Steuern für ihre eigene Klasse. Sie erkennen, dass die Demokratie und der Umverteilungsstaat ihre bestmögliche Versicherungspolice sind. Aber gleichzeitig fürchten sie, es läge vielleicht in der Natur dieser obersten Klasse, dass sie an der Versicherungsprämie sparen will.

Die Bandbreite der vorgeschlagenen Lösungen reicht von schwach bis lächerlich. Die Forderung, die Vorstände sollten nicht nur die Interessen der Aktionäre im Auge haben, klingt wunderbar. Doch sind die Aktionäre eben diejenigen, die über die Bezahlung und Amtszeit der Vorstände entscheiden. Auch die Appelle zur Begrenzung der enormen Macht der Finanzwelt sind großartig. Doch die meisten Konzerne sind von Finanzinstituten abhängig, die den Großteil ihrer Aktien besitzen.

Historisches Gemälde aus dem 18. Jahrhundert. Es stellt einen Briten in zeitgenössischer Kleidung, der auf dem Boden sitzt und Wasserpfeife raucht, während drei indische Diener um ihn herumstehen.

Ein Vertreter der englischen East India Company genießt eine Wasserpfeife. Seine Gesellschaft war ein Vorläufer der modernen Aktiengesellschaften und des Renditekapitalismus. DGB/Dip Chand/Gemeinfrei

Kurzum: Es muss nicht weniger geschehen, als das Konzernrecht neu zu schreiben. Nur so können wir uns dem Renditekapitalismus widersetzen und Unternehmen schaffen, für die soziale Verantwortung mehr ist als ein Marketing-Trick. Wollen wird das Ausmaß dieser Aufgabe erkennen, hilft es, in den Moment der Geschichte zurückzukehren, als sich der Kapitalismus mit handelbaren Aktien bewaffnete. Die Frage ist: Sind wir bereit, diesen "Fehler" zu korrigieren?

Jener Fehler wurde fand am 24. September 1599 gemacht. In einem Holzhaus bei Moorgate Fields – nicht weit von dem Ort, wo Shakespeare sich mit seinem Hamlet abmühte – wurde eine neue Art von Unternehmen gegründet: Das Eigentum an der neuen Firma mit dem Namen Ostindien-Kompanie wurde in kleine Stücke zerteilt, die frei gekauft und verkauft werden konnten. Gut ein Jahr später erhielt die Gesellschaft eine "Royal Charter" von Königin Elisabeth I. für den Indienhandel.

Megafinanzen, Megakapital, Megakrisen sind unvermeidlich im Neoliberalismus

Handelbare Aktien ermöglichen es Privatunternehmen, größer und mächtiger als Staaten zu werden. Die fatale Heuchelei des Liberalismus bestand darin, die rechtschaffenen Metzger, Bäcker und Brauer in der Nachbarschaft zu feiern, um die schlimmsten Feinde freier Märkte zu verteidigen: all jene Ostindien-Kompanien, die kein Gemeinschaftsgefühl kennen, keine moralischen Standards respektieren, Preise fixieren, Wettbewerber verschlingen, Regierungen korrumpieren und die Freiheit verhöhnen.

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten vernetzten Megakonzerne gegründet wurden – wie Edison, General Electric und Bell –, schritt der Renditekapitalismus noch weiter voran. Da weder Banken noch Investoren genug Geld hatten, um in die vernetzten Megakonzerne eindringen zu können, entstanden die Großbanken. Sie organisierten ihr Geschäft in Form eines globalen Kartells von Banken und undurchsichtigen Fonds mit ihren jeweils eigenen Aktionären.

So wurden beispiellose Schulden gemacht, um Werte in die Gegenwart zu überführen. Das geschah in der Hoffnung auf genug Gewinne, um die Schulden in der Zukunft zurückzahlen zu können. Das logische Ergebnis waren Megafinanzen, Megakapital, Megapensionsfonds und Megafinanzkrisen. Die Zusammenbrüche von 1929 und 2008, der unaufhaltsame Aufstieg der großen Technologiekonzerne und all die anderen Zutaten der heutigen Unzufriedenheit über den Kapitalismus waren letztlich die Konsequenz.

Wandgemälde von einem Plakatierer, der die Worte "follow your dreams" mit einem roten Plakatsreifen überklebt, auf dem "canceled" steht.

Besonders nach der Finanzkrise 2008 wäre es Zeit für ein postkapitalistische Utopie. Banksy allerdings hat so seine Zweifel. DGB/Chris Devers/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

In diesem System sind Forderungen nach einem sanfteren Kapitalismus reine Makulatur. Insbesondere in der Welt nach 2008, in der die totale Kontrolle der Megaunternehmen und Megabanken über die Gesellschaft nicht mehr zu übersehen ist. Erst wenn wir bereit sind, die 1599 eingeführten handelbaren Aktien und Gesellschaftsanteile zu verbieten, können wir die heutige Verteilung von Reichtum und Macht entscheidend ändern. Und um zu verstehen, was es in der Praxis bedeuten würde, den Kapitalismus zu überwinden, müssen wir über die Eigentümerstruktur von Konzernen nachdenken.

Stellen wir uns vor, Aktien ähnelten Wählerstimmen, die weder gekauft noch verkauft werden dürfen. Wie Studenten, die bei ihrer Einschreibung eine Karte für die Bibliothek bekommen, erhalten neue Arbeitnehmer eine einzelne Stimme, die bei allen Aktionärsabstimmungen über alle Angelegenheiten des Konzerns eingesetzt werden kann – von Management- und Planungsthemen bis hin zur Verteilung der Nettoeinkünfte und Boni.

Die wundersamen Möglichkeiten einer postkapitalistischen Gesellschaft

Plötzlich ergibt die Unterscheidung zwischen Gewinnen und Löhnen keinen Sinn mehr, und die Konzerne werden zurechtgestutzt, was den Marktwettbewerb vergrößert. Wird ein Baby geboren, erhält es automatisch von der Zentralbank einen Treuhandfonds (oder ein persönliches Kapitalkonto), das von Zeit zu Zeit mit einer universellen Grunddividende aufgestockt wird. Wird das Kind zum Jugendlichen, spendiert die Zentralbank ein kostenloses Girokonto.

Arbeitnehmer bewegen sich frei von Unternehmen zu Unternehmen und nehmen dabei ihr Treuhandfondskapital mit, das sie ihrem Arbeitgeber oder anderen Firmen leihen können. Da es keine Wertpapiere gibt, um durch massives fiktionales Kapital den Turbolader einschalten zu können, wird die Finanzierung wunderbar langweilig – und stabil. Die Staaten schaffen alle Einkommens- und Verkaufssteuern ab und besteuern nur noch Unternehmenseinkünfte, Land und Aktivitäten, die sich gegen das Gemeinwesen richten.

Okay, genug Tagträumerei für heute. Mir ging es nur darum, zu Beginn des neuen Jahres, des neuen Jahrzehnts die wundersamen Möglichkeiten einer wahrhaft liberalen, postkapitalistischen, technologisch fortgeschrittenen Gesellschaft vorzustellen. Wer sich aber weigert, sich dies vorzustellen, ist eher bereit, sich das Ende der Welt vorzustellen, als ein Leben nach dem Kapitalismus. Da hat mein Freund Slavoj Žižek Recht.


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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