Deutscher Gewerkschaftsbund

16.09.2020
Podcast

Positives gegen die heilige Wut

Podcast-Dauer: 6 min.
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Renée Zucker nimmt sich in ihrer Kolumne dieses Mal den Buchstaben D vor, D wie Donald, wie doof oder wie Don. Der Zusammenhang erschließt sich jedem, der ein wenig bei Twitter unterwegs ist und dort verfolgt, wie der legendäre Krimi-Autor Don Winslow den US-Präsidenten mit beißender Kritik verfolgt. Das ist schön für die Leser und gewiss ein Plage für Autor, der viel lieber sein nächstes Buch schreiben würde als Tweets. Frau Zucker ist aber noch mehr eingefallen. Hören Sie rein.

Kolumnentext:

Der amerikanische Kriminalschriftsteller Don Winslow schläft vermutlich nicht besonders gut und nicht besonders viel in diesen Tagen. Seine ganze Kraft und Kreativität, seine Zeit und beträchtliche Summen seines Geldes widmet er dem Kampf gegen den amerikanischen Präsidenten. Kein Tag vergeht ohne wutschäumende Attacken des Bestseller-Autors auf Twitter; keine Woche ohne ein neues, produziertes Video, das die Lügen, mentalen Ausfälle und Vetternwirtschaftliche Betrügereien der republikanischen Partei und ihres Albtraum-Chefs benennt und bebildert.

Man möchte Winslow fast in allem recht geben und fürchtet gleichzeitig um sein Herz. Schon aus ganz egoistischen Gründen. Möchte man doch unbedingt seinen nächsten, jetzt schon Preisverdächtigen Thriller über all die Verbrechen zwischen Päderastie und Staatsgeldhinterziehung der Trump-Familie lesen.

Aber wie lange kann man diesen heiligen Zorn durchhalten? Ich muss schon nach Anhören eines Radio-Interviews mit Verkehrsminister Scheuer Atemübungen machen, um den Blutdruck zu senken. Männer sind da wohl besser gestählt und gepanzert durch Jahrzehnte samstäglicher Sportschau-Erregungen. Außer denen, die im Winter zu lokalen Pegida-Veranstaltungen gehen und Sommers Anti-Corona-Spaziergänge praktizieren.

Mehr Angst vor Flüchtlingen als vor Corona

Sonnenschein und Wochenend begünstigen ihre Freizeitaktivitätswünsche und so lernen sie allmählich viele deutsche Orte kennen, ohne sich in der Gemeinschaft Gleichgesinnter allzu fremd in der Großstadt fühlen zu müssen. Trotz schönstem Altweiberwetter äußern jedoch immer noch viele Angst und Zorn. Vor einer neuen Corona-Welle fürchtet sich keiner - vor 13.000 entkräfteten Geflüchteten jedoch umso mehr. Diesmal nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern außer Linken und Grünen der ganze, überfüllte Bundestag.

Auf der alljährlichen Pressekonferenz der Kanzlerin, sagte jene Ende August auf die Frage, wie sich das Nein der Bundesregierung zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Moria mit den christlichen Grundsätzen ihrer Partei vereinbaren lasse: Wenn sich in Europa herumspricht, dass Deutschland “alle Flüchtlinge, die hier zur Debatte stehen” aufnimmt, wird es nie eine europäische Lösung geben. Dank Abgeordnetenwatch.de wissen wir, dass bei einer Abstimmung darüber im März lediglich drei Abgeordnete von CDU/CSU dafür waren, "besonders schutzbedürftige" Lagerinsassen aufzunehmen - immerhin einer mehr als bei den Sozialdemokraten.

Den jetzige Kompromiss nach Eskens vollmundiger Forderung nach einer hohen vierstelligen Zahl Aufzunehmenden kann man weder für die SPD noch für die Obdachlosen in Moria eine glückliche Lösung nennen. Deutschland hat mal eben ein freundliches Gesicht gezeigt - aber nicht für alle. Es gilt immer noch die spöttische Twitterantwort an Esken: Doof, daß ihr aus der Groko raus seid, sonst hättet ihr was machen können.

So sieht's aus.

Zur Beruhigung in politisch aufregender Zeit hilft am besten - ein Kochbuch

Wenn wir also bald einen neuen Don Winslow lesen wollen, müssen wir dafür beten, dass die USA einen neuen Präsidenten bekommen, damit der Schriftsteller nicht weiter wuttwittern oder kleine, böse Videos drehen muss. Wie Winslow manchmal andeutet, macht er das zusammen mit einer  bekannten Hollywoodgröße -  ("It's not every day you get to work with one of your heroes" twittert er launig vor sich hin, wenn sein Erzfeind im Weißen Haus mal gerade nichts Entgegnungswürdiges von sich gibt). Ich tippe auf Robert de Niro oder Martin Scorsese. Die Videos sind zwar nicht gerade, was man bahnbrechend nennen würde, erinnern hier und dort aber durchaus an die Ausbrüche in Scorseses erstem Mafiafilm "Meanstreets".

Aus gesundheitlichen Gründen habe ich jetzt beschlossen, meine persönliche Wut in etwas Positives zu drehen. Wollte ich früher den Fernseher eintreten, wenn Volker Herres den Presseclub moderiert, höre ich heute begeistert zu - zumindest 5 Minuten  - solange braucht es, bis ich mich bei Herres‘ manieriertem Alt-Herren-Moderatoren-Stakkato aus den 70ern so wild wie in der Jugend fühle.

Deshalb gilt mein heutiger Buchtipp der Neuauflage von Marcella Hazans 1973 erschienenem Standardwerk  "Marcella Cucina", hier als "Die klassische, italienische Küche" zu bekommen. Nichts ist tröstlicher in schwierigen Zeiten, selbst wenn man nur die Rezepte liest - und Marcellas herzerwärmende Hausmannskostkultur setzt sogar so etwas Simplem wie Spaghetti aglio e olio ein würdiges Denkmal: Spaghettini mit Knoblauch, Olivenöl, Petersilie und Chili verkörpern für sie die kulinarisch einfache und zugleich komplexe Natur der italienischen Küche. Don Winslow hat das Buch bestimmt schon ganz lange. Vielleicht sollte er es mal wieder hervorkramen und was Leckeres kochen statt auf jeden Präsidententweetschiss zu reagieren.


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