Deutscher Gewerkschaftsbund

20.08.2012

Genossenschaftsleben

Drei Generationen in der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter

Das Leben in einer Wohnung der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter hat in unserer Familie Tradition. Mein Opa ist 1909 geboren und war schon früh als Klempner in der Gewerkschaft organisiert. In der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre wurde er arbeitslos. Im 2. Weltkrieg wurden meine Großeltern ausgebombt. Bei Bekannten, die noch über ausreichend Wohnraum in Langenhorn verfügten, erhielten sie mit ihrem Sohn (meinem Vater) von 1946 bis 1949 Asyl. Das konnte nur eine Zwischenlösung sein. Schließlich ergab sich die Chance: Mein Opa arbeitete inzwischen bei den Hamburger Gaswerken. „Hein Gas“, wie der Gasversorger von den Hamburgern liebevoll genannt wurde, stellte der 1922 gegründeten Baugenossenschaft freier Gewerkschafter nach dem Krieg Kapital zum Wiederaufbau der Wohnungen zur Verfügung. Hier sollten auch einige MitarbeiterInnen des Energieunternehmens einziehen dürfen. Um aber in den Genuss einer solchen Wohnung zu kommen, mussten die Beschäftigten das damals übliche Opfer bringen. Sie mussten ihren Jahresurlaub zum Steineklopfen einsetzen. Die brauchbaren Steine mussten aus den Ruinen und Trümmern gesucht und von Mörtel abgeklopft werden. Zum Leitbild der Baugenossenschaft gehören ohnehin Selbsthilfe und Ehrenamt. Und so klopften meine Großeltern mit vielen anderen Wohnungslosen wochenlang Steine.

Damit war der Wiederaufbau der Wohnsiedlung in der Alsterdorfer Straße gesichert. Als meine Großeltern im Dezember 1949 in ihre kleine 2-Zimmer Wohnung mit Kohleofen ziehen konnten, empfanden sie das als das schönste Weihnachtsgeschenk, als unendlichen Luxus. Viele junge Familien zogen in diese Anlage, und so fand mein Vater rasch Spielkameraden. Relativ zentral gelegen, bot die Wohnanlage einen großzügigen Innenhof mit Grünflächen, Teppichklopfstange, Bänken und Spielplätzen. Da neben Waschküchen und Trockenräumen auch Gemeinschaftsräume zur Wohnanlage gehören, feierten die Nachbarn viele Feste zusammen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Wohnungen Stück für Stück modernisiert und zum Teil auch zu zusammengelegt. Die Miete blieb für meine Großeltern auch mit kleiner Rente bis zum Schluss bezahlbar.

Die nächsten Generationen

Geprägt von diesen positiven Erfahrungen fragte auch mein Vater – Maschinenbauschlosser und aktiver Gewerkschafter - nach seiner Ausbildung Anfang der 60er Jahre bei der Genossenschaft nach günstigem Wohnraum für seine künftige Familie. Die Nachfrage war groß, aber nach einiger Wartezeit wurde meinen Eltern dann 1963 eine Wohnung in einem Rotklinker-Neubau in Fuhlsbüttel nahe des Flughafens angeboten. Am 1. September 1964 zogen sie dort ein. Die 3-Zimmer Wohnung war Ideal gelegen. Die Wege zur Arbeitsstelle meiner Eltern waren kurz. Die Nähe zum Flughafen sollte sich im Laufe der Jahre als nicht so vorteilhaft herausstellen, denn es wurde lauter, da halfen auch die Doppel- und Dreifachverglasungen nur begrenzt.

Da alle BewohnerInnen gleichzeitig in die neu errichtete Anlage einzogen, entwickelte sich bald eine gute Nachbarschaft. Man half sich gegenseitig, feierte zusammen Feste in den eigens dafür ausgebauten Partykellern oder in dem Gemeinschaftsraum. Und wenn in der Wohnung einmal etwas nicht funktionierte, kam der zuständige Verwalter sehr rasch, schließlich wohnte er vor Ort. Hier bin ich groß geworden und Erinnerungen an unzählige Kinderfeste, Laternenumzüge und Theaterbesuche zur Weihnachtsmärchenzeit begleiten mich. Das wurde alles von den Genossenschaftsmitgliedern organisiert und von der Genossenschaft bezuschusst. Auch Seniorenausfahrten und Infofahrten für die gewählten Wohnungsvertreter finden bis heute regelmäßig statt.

Nicht nur wegen der bis heute erschwinglichen Miete, sondern auch wegen des guten Miteinanders sind meine Eltern nie aus der 70 qm-Wohnung ausgezogen und wohnen immer noch dort. Es überrascht vielleicht nicht, dass auch ich Genossin dieser Baugenossenschaft wurde. Sehr vorausschauend mit Blick auf die am „freien Markt“ stark steigenden Mieten in Hamburg schenkten mir meine Eltern zu meinem 12. Geburtstag vier Genossenschaftsanteile à 300 DM. Nicht, dass sie mich vor die Tür setzen wollten, aber auf diese Weise kam ich frühzeitig auf die entscheidende Warteliste. Und als ich 1986 mit 19 Jahren als Studentin tatsächlich ausziehen wollte, bekam ich mit meinen Genossenschaftsanteilen bald einen Wohnungsvorschlag in meiner Wunschgegend Ohlsdorf unterbreitet – eine 2,5 Zimmer Wohnung für unter 500 DM! Ich musste meine Anteile entsprechend der Wohnungsgröße aufstocken, die Wohnung renovieren und konnte dann mit meinem Freund einziehen. Auf anderen Wegen wäre ich nie so schnell zu einer eigenen, günstigen Wohnung gekommen. Bekannte, die auf Grund meiner Berichte ebenfalls Mitglied werden wollten, hatten Pech: Mitte der 1980er Jahre gab es einen Aufnahmestopp bei der Genossenschaft – so groß war der Bedarf der geburtenstarken Jahrgänge nach einer Bleibe.

Sechs Jahre lang habe ich in der Schmuckshöhe in einer ruhigen Einbahnstraße direkt am Ohlsdorfer Friedhof gewohnt und mich wohl gefühlt. Zu dieser Zeit lebten drei Generationen unserer Familie in den Wohnungen der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter.

Konflikte und Entscheidungen in der Genossenschaft

Doch der Klinkerbau in der Schmuckshöhe, der in den 50 er Jahren mit weniger guten Nachkriegs-Materialien errichtet wurde, wies zunehmend bauliche Mängel auf. Da sich eine Sanierung nicht mehr gelohnt hätte, wurde die Anlage abgerissen und durch eine neue Wohnanlage ersetzt. Eine Entscheidung, die nicht ohne Proteste der Bewohner ablief, da diese deutliche Mietsteigerungen befürchteten. Die Baugenossenschaft ist mit ihren gewählten Gremien (Mitglieder- und Vertreterversammlung, Aufsichtrat und Vorstand) demokratisch organisiert, weshalb derartige Beschlüsse nicht ohne gründliche Diskussion, Abwägung und Prüfung gefasst wurden. Davon berichtet mir mein Vater immer wieder aus erster Hand, denn er ist für seine Wohnanlage in die Vertreterversammlung gewählt.

Man ging behutsam mit den Mietern in der Schmuckshöhe um. Sie erhielten vorübergehend in der nahe gelegenen Schiffszimmerergenossenschaft, mit der man eigens eine Kooperation eingegangen war, ihre Umsetzwohnungen. Andere wollten ganz wegziehen und erhielten Alternativangebote in anderen Stadtteilen. Die Mietsteigerung in der Schmuckshöhe war deutlich, aber verglichen mit den Durchschnittsmieten für Neubauten noch moderat. Zudem wurde mit SeniorInnen, die viele Jahre in der Schmuckshöhe gelebt hatten und nur über eine kleine Rente verfügen, ein Stufenmodell vereinbart. So müssen sie die Mieterhöhung nicht auf einmal zahlen.

Inzwischen lebe ich nicht mehr in Hamburg, und doch bleibe ich Mitglied der BgfG eG aus Überzeugung und halte meine Anteile. Nicht nur wegen der Dividende, die über alle Krisen hinweg sogar stabil bei über vier Prozent geblieben ist. Sondern weil ich den Grundgedanken überzeugend finde, dass Genossenschaften zwar wirtschaftlich und langfristig agieren müssen, sich aber nicht auf Kosten der Mieter den Marktkräften vorbehaltlos unterwerfen und nur dem kurzfristigen, maximalen Gewinn hinterher jagen. Substanz-Erhaltung, Investitionen und nachhaltiges Wirtschaften haben einen höheren Stellenwert als hohe Dividende. Gerade in der Hansestadt Hamburg mit einem derart angespannten Wohnungsmarkt muss es günstige Alternativen für die Menschen mit kleinerem Einkommen geben.

Wohnen heute

Was man dagegen auf dem privaten Wohnungsmarkt erleben kann, spüre ich gerade am eigenen Beispiel in meiner Mietwohnung in Berlin, die innerhalb von drei Jahren schon drei Eigentümer hatte. Jahrelang lebte man hier auf einer Baustelle und Mängel werden nur zögerlich behoben, die Risiken auf die Mieter abgewälzt und der Mietspiegel bis zur Obergrenze ausgereizt. Und einen Ansprechpartner vor Ort vermisst man natürlich auch.

Wohnraum wurde in einigen Ländern Europas lange Zeit als öffentliches Gut betrachtet. Er ist ein grundlegendes, existenzielles Bedürfnis, wird aber zunehmend dem Verwertungsinteresse der Finanzinvestoren unterworfen. Miethäuser und Wohnblocks sind zu reinen Anlageobjekten geworden. Deshalb waren Baugenossenschaften nie wertvoller als heute, wo der öffentliche Einfluss schwindet und der kommunale Wohnungsbau immer weiter zurückgedrängt wird.

Genossenschaften können und sollen die öffentliche Hand natürlich nicht der Verantwortung entheben, aber sie sind ein wichtiges, ausbaufähiges Gegenmodell zu privaten Immobilienspekulanten. Kein Wunder, dass die Wohnungsbaugenossenschaften nach den landwirtschaftlichen Genossenschaften mit einer Zahl von 2000 die zweitgrößte Gruppe der insgesamt 7500 Genossenschaften in Deutschland sind. Sie sind natürlich keine antikapitalistischen und mildtätigen Vereinigungen; aber die Profitgier auf Kosten der Mieter wird gebremst. Und dadurch, dass ihre Mitglieder – je nach Satzung – mehr oder weniger stark die Ausrichtung mitbestimmen können, haben sie die Entscheidungsfreiheit auch neue Projekte und Ziele, wie etwa Mehr-Generationenhäuser mit Pflegestation oder eine eigene Energieerzeugung mit Blockheizkraftwerken und Solaranlagen zu beschließen.

Im Jahr der Genossenschaften 2012 sollte viel und laut über die Zukunft dieser Form des Wohnens und Wirtschaftens nachgedacht werden.

 

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Info der BGFG: Geschichte der Baugenossenschaft

http://www.bgfg.de/genossenschaft/geschichte/

Die Baugenossenschaft freier Gewerkschafter eG wurde am 24. Februar 1922 von 16 Gewerkschaftern in Hamburg gegründet und bietet ihren Mitgliedern seitdem sicheren Wohnraum zu günstigen Preisen.

Ihren Namen verdankt sie der Tatsache, dass die Bewegung des damaligen »Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes« (ADGB) als »freie Gewerkschaft« bezeichnet wurde.

Die Umstände, die zu dieser Gründung führten, waren sehr ungünstig: Nach dem 1. Weltkrieg herrschte große Wohnungsnot und die wirtschaftliche Lage war allgemein schlecht. Der ADGB hatte damals bereits mit Wohnungsbaugesellschaften ein Unternehmen für die Wohnungsbaubetreuung der Gewerkschafter gegründet, doch den Arbeiterführern war das noch zu wenig. Ihr Ziel war die Gründung von Baugenossenschaften, die mit Hilfe staatlicher Mittel gesunde und erschwingliche Wohnungen für ihre Mitglieder bauten und selbst verwalteten.

Es sollte vor allem ein Gegengewicht zur profitorientierten privaten Bau- und Wohnungswirtschaft entstehen, indem Wohnraum zu angemessenen Preisen für breite Schichten der Bevölkerung, insbesondere für Familien, geschaffen wird.

Heute ist die BGFG mit rund 7.500 eigenen Wohnungen in allen Bezirken eine der größeren Wohnungsbaugenossenschaften in Hamburg und bietet ihren Mitgliedern attraktiven Wohnraum zu angemessenen Preisen. Rund 100 Mitarbeiter kümmern sich um die mehr als 10.500 Mitglieder.


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Kurzprofil

Claudia Falk
Geboren am 1. Mai 1966 in Hamburg, Dipl. Sozialpädagogin und Journalistin
Leiterin des Referates Makroökonomische Koordinierung und öffentliche Daseinsvorsorge beim DGB Bundesvorstand

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