Deutscher Gewerkschaftsbund

29.07.2010

Wo bleibt die Arbeit?

Eine Ausstellung rund um die Fabrik. Das Stadt- und Industriemuseum in Rüsselsheim beschäftigt sich mit dem Wandel der Arbeitswelt in der Opel-Stadt – und darüber hinaus.

von Dr. Rainer Fattmann

Unter dem Motto „Erlebnis Geschichte. Vom Faustkeil zum Industrieroboter - von der Steinzeit zur Moderne“ informiert das Industriemuseum der Stadt Rüsselsheim seit 1976 über die Entwicklung von Arbeitstechniken und Arbeitsverhältnissen von der Vorgeschichte bis in die Gegenwart.

Drei Jahre nach seiner Eröffnung wurde es aufgrund einer Ausstellungskonzeption, die erstmals Technik-, Industrie- und Sozialgeschichte verband und zugleich auch die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der 'einfachen' Menschen in den Blick rückte, mit dem Museumspreis des Europarates als Modell-Museum ausgezeichnet.

Diesem Anspruch bleibt das Museumsteam auch in seiner neuen Sonderausstellung „Wo bleibt die Arbeit?“ treu. Sie veranschaulicht in gekonnter Manier den Wandel der Arbeitswelten (nicht nur) in Rüsselsheim etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und damit den rapiden Strukturwandel eines zunächst noch fast ausschließlich agrarisch geprägten Landstrichs zur Industriestadt. So thematisiert sie die Veränderungen der Arbeitswelt von Beginn der Industrialisierung bis hin zur global vernetzten „Schlanken Fabrik“ der Gegenwart. Wie unter einem Vergrößerungsglas lassen sich knapp 200 Jahre Industriegeschichte am Beispiel Rüsselsheims beobachten. Im Brennpunkt steht das Opelwerk.

Die Ausstellung beginnt jedoch mit Exponaten über das Rüsselsheimer Gebiet noch vor der Industrialisierung. Dass die Arbeits- und Lebenswelt in den protoindustriellen Handwerksbetrieben noch nicht voneinander getrennt war, wird durch eine Reihe von Exponaten verdeutlicht. Die ersten Anzeichen der Industrialisierung erreichten Rüsselsheim dann Mitte des 19. Jahrhunderts - allerdings zunächst nicht in Gestalt der Firma Opel. Zum wichtigsten Unternehmen am Platz entwickelte sich vielmehr zunächst die bereits 1819 gegründete Zichorienfabrik. Der Betrieb stellte Kaffeesurrogat aus der Wurzel der Zichorie her und arbeitete bis 1925. Zu diesem Zeitpunkt allerdings war die 1862 gegründete Adam Opel AG nicht nur zum mit Abstand größten Arbeitgeber der Region, sondern auch zum führenden deutschen Autohersteller aufgestiegen.

Dabei hatte die Geschichte der späteren Adam Opel AG 1862 ganz bescheiden mit einer Werkstatt zum Nähmaschinenbau in einem ehemaligen Kuhstall begonnen. Der Firmengründer Adam Opel, Sohn eines Schlossermeisters, hatte das für die Herstellung der Geräte notwendige Knowhow im Verlauf einer mehrjährigen Gesellenwanderschaft gewonnen, die ihn über Lüttich und England schließlich in die Pariser Nähmaschinenfabrik von Journaux & Leblond geführt hatte. Die 1868 geschlossene Ehe mit Sophie Scheller erwies sich für Opel nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht als Glücksfall. Es gehört zu den Kuriositäten der Firmengeschichte dieses Unternehmens, dass der erste Fabrikbau nur mit Sophies üppiger Mitgift, die aus einem Lotteriegewinn stammte, dem Unternehmer-Ehepaar der Bau einer ersten Fabrik (und die Anschaffung einer ersten Dampfmaschine) möglich wurde. Wenig später kam die Produktion von Fahrrädern, zunächst von Hochrädern hinzu. 1898 stellten rund 1.200 Beschäftigte fast 25.000 Nähmaschinen und 15.000 Fahrräder her, die handwerkliche Produktion von Einzelstücken war nun bereits der industriellen Serienproduktion gewichen.

Der Einstieg ins Automobilgeschäft erfolgte ebenfalls 1898, drei Jahre nach dem Tod des Firmengründers, unter der Ägide seiner Witwe und der fünf Söhne. In den folgenden Jahren brachte das Unternehmen zahlreiche Personen-, dann auch Lastkraftwagen auf den Markt. Mit der Ausstattung des Rüsselsheimer Opelwerks mit Fließbändern begann in Deutschland das Zeitalter der 'fordistischen' Massenproduktion. Das Erfolgsmodell 'Opel Laubfrosch' ließ das Unternehmen zeitweilig zum größten deutsche Automobilhersteller aufsteigen. Die Anzahl der Mitarbeiter wuchs von 2.400 im Jahr 1924 auf 9.400 im Jahr 1928, als Opel mit 42.771 hergestellten Automobilen im Deutschen Reich einen Marktanteil von 27,5 Prozent erreichte. Doch schon in der Weltwirtschaftskrise, nach der Umwandlung des bisherigen Familienbetriebs von einer Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft und dem Verkauf von 80 Prozent der Anteile an General Motors im Jahr 1929, wurde ein Großteil der Unternehmensgewinne im Exportgeschäft erzielt: Opel avancierte zum zeitweise größten Autohersteller Europas (mit einem Anteil von 46,6 Prozent am deutschen Gesamtexport im Jahr 1939) – und zum wichtigsten Devisenbeschaffer für das NS-Regime. Während des Zweiten Weltkriegs stellte die Firma mit dem 3-Tonnen-LKW „Blitz-'S'“ dann den meistbenutzten Lastkraftwagen der Wehrmacht her.

Der Aufstieg der Firma Opel und die Wandlung ihrer Beschäftigten von zunächst noch handwerklich hochqualifizierten, standesstolzen Arbeitskräften zu einem Heer weitgehend uniformer Lohnarbeitskräfte, die den Überblick über die Fertigung ihrer Produkte weitgehend verloren und deren Arbeitsleistung mehr und mehr an die Taktvorgaben der Maschinen gebunden waren, wird im Verlauf des Ausstellungsparcours anhand verschiedener Exponate sichtbar gemacht. Im Mittelpunkt der Schau steht jedoch ein riesiges Modell des immer weiteren Raum greifenden Opel-Werks, das das Bild der Stadt bis heute prägt; seine brachliegenden Werksflächen für produktives und urbanes Leben nutzbar zu machen stellt heute die dringlichste Aufgabe der Rüsselsheimer Stadtplanung dar: Die Besucher der Ausstellung haben Gelegenheit, sich hieran mit Vorschlägen zu beteiligen.

Die Geschichte des Opel-Werks in Rüsselsheim macht die Veränderung der Produktionsabläufe in der Automobilindustrie auf frappierende Weise deutlich. Wurden in der Vorkriegszeit noch nahezu sämtliche Komponenten der produzierten Modelle – von Karosserie und Motor bis hin zu den Sitzen und Scheibenwischern – im Werk selbst hergestellt, verlagerte sich in der Nachkriegszeit die Produktion der einzelnen Komponenten sukzessive auf eine Vielzahl externer, sich heute über den gesamten Globus verteilender Zulieferbetriebe. Sinnbild dieser auf die Spitze getriebenen „lean production“ ist die 2002 errichtete neue Halle für Fertig- und Endmontage „K 170“, mit der nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Werksgeländes genutzt wird und die mit ihren zahllosen Anlieferungsschleusen eher an einen Flughafenterminal als an eine Automobilfabrik erinnert.

Insgesamt macht die Ausstellung in der Rüsselsheimer Festung den Wandel der Arbeits- und Lebensverhältnisse, die der technologische Fortschritt und die Veränderung der Produktionsbedingungen seit dem Beginn der Industrialisierung mit sich gebracht hat, in exemplarischer Weise anschaulich und erfahrbar. Besucher und Besucherinnen erhalten eine Fülle von Informationen über kulturelle, soziale, wirtschaftliche, technische und politische Entwicklungen der vergangenen knapp zwei Jahrhunderte. Sie ist für all jene, die sich für den Wandel der Arbeitswelt interessieren, eine erste Adresse – und bietet reichlich Diskussionsstoff, wie diese in Zukunft gestaltet werden kann.

 

„Wo bleibt die Arbeit? Eine Ausstellung rund um die Fabrik“

Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim

Hauptmann-Scheuermann-Weg 4 (in der Festung Rüsselsheim)

Dienstag bis Freitag von 9 - 13 Uhr und 14 - 17 Uhr; Samstag, Sonntag
von 10 - 17 Uhr

Eintritt: Erwachsene: 1,50 Euro; Schüler und Jugendliche: 1 Euro


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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