Deutscher Gewerkschaftsbund

11.05.2022
Politik des Algorithmus

Mitbestimmung und Widerstand in der digitalen Arbeitswelt

Wie Beschäftigte ihre Interessen durchsetzen können

Menschliche Arbeit wird zunehmend durch Algorithmen gesteuert und kontrolliert. Simon Schaupp zeigt, wie Beschäftigte diesen zentralen Bestandteil der Digitalisierungswelle aktiv mitgestalten und ihre Interessen durchsetzen können.

Essenslieferant auf dem Fahrrad

Nicht nur im Lieferdienst: digitale Systeme steuern zunehmend Arbeitnehmer*innen. Wie Technologien in Arbeitsprozessen ausgestaltet werden, bietet Raum für Mitbestimmung der Beschäftigten. pixabay/Kai Pilger

Nicht nur Fahrradkurier*innen und Amazon-Picker*innen werden durch digitale Systeme gesteuert, auch in der Industrie kommen immer mehr Arbeitsleitsysteme zum Einsatz. Sogar Bürotätigkeiten werden zunehmend durch digitale Eingabemasken vorgegeben. Diese algorithmische Arbeitssteuerung, also die Direktion und Kontrolle menschlicher Arbeit durch Computer, ist zentraler Bestandteil der gegenwärtigen Digitalisierungswelle.

Digitale Systeme können die Arbeit einerseits erleichtern, andererseits sind sie zu einem Treiber der Polarisierung des Arbeitsmarktes geworden: Die Arbeitssteuerung durch Algorithmen stellt eine Art Trennwand zwischen gutbezahlten, hochqualifizierten Manager*innen und Ingenieur*innen auf der einen und schlechtbezahlten, dequalifizierten, oft migrantischen Arbeiter*innen auf der anderen Seite dar.

Technopolitik: Aushandlung des Einsatzes von Technologien in Arbeitsprozessen

Wie Technologien und Algorithmen innerhalb von Arbeitsprozessen ausgestaltet werden, stellt ein immer wichtiger werdendes politisches Konfliktfeld dar, das als Technopolitik bezeichnet werden kann. Technopolitik findet in drei, bislang weitgehend getrennten, Arenen statt, in denen Beschäftigte ihre Interessen auf je unterschiedliche Weise vertreten.

In der Regulationsarena werden die institutionellen Rahmenbedingungen der Digitalisierung ausgehandelt. Hier haben sich Gewerkschaften in den letzten Jahren für eine Gestaltung der Digitalisierung eingesetzt, die keine Arbeitsplätze gefährdet, Mitbestimmungsrechte aufrechterhält und den Datenschutz respektiert. Eines von vielen Gremien ist die vom Wirtschaftsministerium geführte Plattform Industrie 4.0, in der Gewerkschaften gemeinsam mit der Arbeitgeberseite kontinuierlich an einem Digitalisierungskonsens arbeiten. Auch wenn Verhandlungen scheitern, können Gewerkschaften in der digitalisierten Arbeitswelt den Interessen der Beschäftigten durchaus Nachdruck verleihen. Das zeigt ein Streik in einem Audi-Motorenwerk in Györ. Aufgrund der digitalen Rationalisierung waren Lieferketten dort so eng getaktet, dass der einwöchige Ausstand große Teile der deutschen Automobilindustrie lahmlegte. Den Beschäftigten brachte der Streik eine Lohnerhöhung um 18 Prozent ein.

Betriebsverfassungsgesetz regelt die Mitbestimmung von Technologien

In der Implementierungsarena handeln Management und (idealerweise) Betriebsräte die konkrete Gestaltung der Technologie im Unternehmen aus. Das Betriebsverfassungsgesetz bietet hier einige effektive Hebel, um die Interessen der Beschäftigten zur Geltung zu bringen. Zunächst ist der Arbeitgeber verpflichtet, den Betriebsrat über alle Planungen von technischen Einrichtungen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsprozess zu informieren (§87, Abs. 4 und §90 Abs. 1, Nr. 2 BetrVG). Wenn die neuen Technologien die Organisation und die Abläufe des Betriebs verändern, was meist der Zweck algorithmischer Organisationstechnologien ist, ist die Einführung mitbestimmungspflichtig.

Das heißt, nur wenn der Betriebsrat zustimmt, können die Technologien eingeführt werden (§111 Nr. 4 BetrVG). Da derartige Betriebsänderungen jedoch oft in einer Art „Salamitaktik“ Stück für Stück eingebracht werden, sollten auch andere Paragraphen in Betracht gezogen werden. Auch „alle Einführung und Anwendung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen“ mitbestimmungspflichtig (§87, Abs. 1, Nr, 6). Da fast alle digitalen Technologien auf irgendeine Art Daten erheben, trifft dies auf sehr viele Arten von System zu. Je stärker digitalisiert ein Betrieb ist, desto mehr Macht verleihen diese Paragraphen einem Betriebsrat.

Aneignung digitaler Systeme als Form von Widerstand

Die letzte und oft unsichtbare aber gleichwohl bedeutende Arena der Technopolitik ist die Aneignungsarena. Hier sind die zentralen Akteure die Beschäftigten selbst und ihr Umgang mit den Technologien am Arbeitsplatz. In vielen Unternehmen verwenden Beschäftigte die eingeführten Anwendungen tatsächlich anders, als dies bei ihrer Einführung vorgesehen war. Das Ersetzen menschlicher Vorgesetzter durch Computersysteme eröffnet den Beschäftigten neue Räume, in denen sie unter sich kommunizieren und ihren Frust offener kundtun können als in Anwesenheit ihrer Chef*innen. Teilweise werden die Systeme umgenutzt oder Fahrradkuriere vereinbaren kollektiv eine Maximalgeschwindigkeit, um ihre Gesundheit zu schonen. In der Plattformökonomie gibt es eine große Bandbreite informeller Arbeitskampfformen, wie etwa Logout-Aktionen, bei denen Kuriere kollektiv die Annahme von Aufträgen verweigern. Mitunter kommt es gar zu wilden Streiks wie zuletzt beim Lieferdienst Gorillas.

Buchcover Technopolitik von unten

Simon Schaupp: Technopolitik von unten - Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 352 Seiten, 20,00 Euro Matthes & Seitz

Bislang sind die drei Arenen weitgehend getrennt. In der Regulationsarena geht es vor allem um den Erhalt von Arbeitsplätzen und um Löhne. In der Implementierungsarena spielen gesetzliche Vorgaben, etwa zum Datenschutz, eine zentrale Rolle. In der Aneignungsarena geht es meist um Themen wie Stress und Gesundheit. Für erfolgreiche gewerkschaftliche Technopolitik gilt es die drei Arenen zusammenzudenken.

Digitalisierung berührt Beschäftigungssicherung, Löhne und Arbeitsbedingungen

Das lässt sich anhand eines Beispiels veranschaulichen. Gewerkschaftsarbeit in der Regulationsarena hat dazu beigetragen, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt Arbeitsplätze nicht durch Roboter ersetzt hat oder zu klassischer Überwachung führte. Stattdessen haben sich aber digitale Systeme durchgesetzt, die Arbeit rationalisieren oder unterstützen sollen. Diese geben oft unmittelbare Feedbacks zur Arbeit. In einem Betrieb, den ich untersucht habe, wurde zum Beispiel ein digitaler Handschuh eingeführt, der bei unerwünschten Bewegungen vibrierte. Der Betriebsrat untersuchte den Handschuh mit Blick auf den Datenschutz und gab seine Zustimmung. Wie der Handschuh in der Praxis bei den Beschäftigten ankam, nahm er dabei nicht in Betracht. Bei diesen löste das permanente Feedback des vibrierenden Handschuhs enormen Stress aus. Als Reaktion wehrten sie sich gegen das digitale System, wobei wohl auch einige Handschuhe zu Bruch gingen. Am Ende wurde die Implementierung des Arbeitsmittels abgebrochen.

Der Fall zeigt, dass Digitalisierung alle Bereiche der Arbeitspolitik berührt. Beschäftigungssicherung, Löhne und Arbeitsbedingungen sind gleichermaßen wichtig und miteinander verwoben. Nur auf eine Problematik zu fokussieren – wie im Fall des digitalen Handschuhs auf Datenschutz – führt schnell zu ungewollten Folgeproblemen. Die verschiedenen Arenen der Technopolitik zusammenzudenken ist auch taktisch sinnvoll: Wenn die Machtpotenziale der Beschäftigten in den drei Arenen kombiniert eingesetzt werden, lässt sich wesentlich mehr erreichen. Mit Fingerspitzgefühl für tägliche Arbeitskämpfe und Konflikte von Beschäftigten um neue Technologien können Gewerkschaften hier viel erreichen.


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Kurzprofil

Simon Schaupp
ist promovierter Soziologe und arbeitet an der Universität Basel. Für sein Buch „Technopolitik von unten“, das 2021 bei Matthes & Seitz erschienen ist, hat er sich eingehend mit algorithmischer Arbeitssteuerung beschäftigt und unter anderem selbst als Fahrradkurier und an einer Montagelinie gearbeitet.
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