Deutscher Gewerkschaftsbund

26.04.2022
Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz

People Analytics: Zwischen Autonomie und Überwachung

Neues Forschungsprojekt zur automatisierten Analyse von Personaldaten

People Analytics-Anwendungen sind zunehmend Thema öffentlicher Debatten. Zahlreiche Fragen zu Privatsphäre, Diskriminierung und Machtverhältnissen am Arbeitsplatz bleiben dabei offen. Miriam Klöpper vom FZI Forschungszentrum Informatik und Sonja Köhne vom Alexander von Humboldt Institut für Internet & Gesellschaft stellen ihr neues Projekt vor.

Frau am Laptop im Homeoffice

Ambivalentes Verhältnis zum Homeoffice: Mehr Flexibilität bei gleichzeitig gestiegender Überwachung von Beschäftigten durch Künstliche Intelligenz. DGB/langstrup/123RF.com

Zahlreiche Arbeitnehmer*innen in Deutschland arbeiten, zumindest teilweise, von Zuhause. Was als notwendige Sicherheitsmaßnahme zur Kontaktreduzierung während der COVID-19-Pandemie begann, erscheint vielen jetzt als Arbeitsmodell der Zukunft: In der großen Mannheimer Corona-Studie gab die Mehrheit der Beschäftigten an, auch nach der Pandemie mindestens einige Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten zu wollen.

Flexibilität und Überwachung: Ambivalenz des Homeoffice

Die Vorteile scheinen auf der Hand zu liegen, vor allem für diejenigen Arbeitnehmer*innen, die sich lange Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz sparen können. Durch die Arbeit aus dem eigenen Zuhause bleibt häufig mehr Zeit für Familie, Freunde und Freizeit. Darüber hinaus entstehen völlig neue Formen der Flexibilität für Arbeitnehmer*innen, wenn plötzlich jeder Ort zum Büro umfunktioniert werden kann. In der Forschung betrachtet man mobile Arbeit jedoch ambivalent. Mit der vermeintlichen neuen Autonomie der Arbeitnehmer*innen entstehen häufig verstärkte Überwachungsmechanismen in Unternehmen.

Künstliche Intelligenz: Chancen und Risiken von People Analytics

Um den Herausforderungen in der Personalführung – ausgelöst durch die Pandemie und zunehmende mobile Arbeit – zu begegnen setzen einige Arbeitgeber*innen auf die Einführung von automatisierten und teilweise auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Anwendungen. Sogenannte People Analytics-Anwendungen sammeln kontinuierlich von Arbeitnehmer*innen generierte Daten, wie beispielsweise die Anzahl der geführten Telefonate oder gesendeten Mails. In USA nehmen die Anwendungen zum Beispiel regelmäßige Bildschirmaufzeichnungen vor, zählen Tastenanschläge oder verfolgen Mausbewegungen. Diese Daten können deskriptiv und prädiktiv ausgewertet werden. Sie können als Grundlage für Entscheidungen über (zukünftige) Arbeitnehmer*innen verwendet werden.

Algorithmen vermessen die Arbeit

Deskriptive Auswertungen beschreiben lediglich den Ist-Zustand beispielsweise durch die Berechnung eines Produktivitätsscores. Prädiktive Auswertungen erstellen Prognosen mittels komplexer statistischer Modelle. Dadurch können zum Beispiel zukünftige Leistung einer Bewerber*in vorhergesagt werden. Unternehmen verwenden dafür historisch gewachsene Datensätze als Grundlage: Algorithmen werden mit den vorhandenen Daten trainiert, um Muster in neuen Datensätzen zu erkennen. Dies ist mit hohen Risiken verbunden, denn auch wenn Algorithmen von Anwender*innen häufig als neutral wahrgenommen werden, können sie bestehende Vorurteile und soziale Ungleichheiten aus den sogenannten Trainingsdaten übernehmen, und diese teilweise sogar verstärken. Oft werden Diskriminierungen nicht oder zu spät erkannt.

Wichtige Betriebsräte: Schutz vor Risiken der KI-Systeme

Die Wirkmechanismen automatisierter Systeme – insbesondere solcher, die KI-Elemente enthalten – sind für Nutzer*innen meist schwer nachvollziehbar. Häufig wird daher auch der Begriff “Black-Box-Systeme” genutzt. Um Arbeitnehmer*innen vor potenziellen Risiken zu schützen, können Betriebsräte vor der Einführung KI-basierter Systeme externe Expert*innen hinzuziehen – und so die möglichen Folgen einer Inbetriebnahme abwägen. Der Anspruch auf externen Sachverstand wurde durch das im vergangenen Jahr in Kraft getretene Betriebsrätemodernisierungsgesetz noch einmal bestätigt. Zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass vorab bereits ein Risikobewusstsein im Umgang mit den Systemen unter Betriebsräten besteht. Insbesondere wenn Systeme von namhaften Herstellern vertrieben werden, werden Nutzen und Risiken in der Praxis häufig nicht kritisch abgewogen.

Trotz der zunehmenden gesellschaftspolitischen Debatten um People Analytics und die Zukunft der Arbeit mangelt es an empirischen Studien, die den praktischen Umgang mit den Systemen untersuchen – und hierbei auch die Besonderheiten des Homeoffice als Anwendungskontext beleuchten. Auch kommt in der bestehenden Forschung vorrangig die Perspektive der Entwickler*innen und Arbeitgeber*innen zur Geltung, während die der Beschäftigten und ihren Vertretungen im Hintergrund stehen.

Forschungsprojekt nimmt Perspektive der Arbeitnehmer*innen ein

Das 30-monatige Forschungsprojekt "Zwischen Autonomie und Überwachung" verfolgt daher zwei zentrale Ziele. Erstens untersucht es, inwieweit Beschäftigte im Homeoffice People Analytics-Anwendungen anders wahrnehmen als ihre Kolleg*innen vor Ort. Zweitens erforscht es, unter welchen Bedingungen eine beschäftigtenzentrierte Anwendung von People Analytics – falls überhaupt – möglich ist. Hierzu werden Interviews mit Interessenvertreter*innen, betriebliche Fallstudien, eine quantitative Befragung und eine experimentelle Untersuchung durchgeführt. Das Projekt entwirft auf dieser Basis einen Leitfaden mit bewerteten Einsatzszenarien für Betriebsräte sowie einen Ratgeber für Beschäftigte und Führungskräfte. Sie sollen dabei unterstützt werden, Chancen und Risiken von People Analytics zu erkennen – und so informierte Gestaltungsentscheidungen zu treffen.

Das Projekt sucht den engen Kontakt zur Praxis. Zu Projektbeginn findet ein Workshop statt, um mit Betriebsrät*innen, Gewerkschafter*innen und anderen Stakeholdern aktuelle Erfahrungen, Herausforderungen, Bedürfnisse und Bedenken zu diskutieren. Zu Projektende findet ein weiterer praxisorientierter Workshop statt, um unsere Studienerkenntnisse mit Hilfe technischer Expert*innen zu vermitteln und mögliche Einsatzszenarien von People Analytics gemeinsam zu erarbeiten.

Beteiligen Sie sich!

Sie möchten sich durch Ihre Teilnahme an Befragungen aktiv an unserem Forschungsprojekt beteiligen, möchten informiert werden, sobald kostenlose Workshops stattfinden oder interessieren sich für die (Zwischen-)ergebnisse? Dann melden Sie sich gerne unter kloepper@fzi.de oder sonja.koehne@hiig.de. Weitere Informationen zum Angebot finden Sie auf der Projektseite bei der Hans-Böckler-Stiftung. Mehr zum Projekt und zum Thema Arbeit der Zukunft finden Sie zudem im Dossier Arbeit im digitalen Zeitalter.

Der Artikel gibt die persönliche Meinung der Autor*innen wieder und nicht eine Haltung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.


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Kurzprofil

Miriam Klöpper
Miriam Klöpper ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am FZI Forschungszentrum Informatik. Der Fokus ihrer Forschung sind soziale und ethische Aspekte beim Einsatz von automatisierten Systemen in der Personalführung, insbesondere Chancengerechtigkeit, Machtverhältnisse und Mitbestimmung.
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Sonja Köhne
Sonja Köhne ist assoziierte Doktorandin am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und Research Fellow in der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Sie untersucht Risiken und Potenziale von KI in der Personalführung untersucht.
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