Deutscher Gewerkschaftsbund

07.03.2011

Das Verschwinden der Arbeitswelt

Das neoliberale Gotteshaus leert sich. Die Hauruck-Propaganda für Steuersenkungen, Deregulierung, für die „Entstaatlichung“ - folglich die Privatisierung des Daseins, den „Abbau“ der Sozialsysteme, sie schwächelt. Die götzengleiche Anbetung des Kapitals scheint zu schwinden. Nach über einem Jahrzehnt macht sich Zweifel breit am wunderbaren Wirken der Marktmächte. Allzu unübersehbar sind die Folgen: Immer mehr prekäre Existenzen in Deutschland, ein Millionenheer von Ein-Euro- und Minijobbern, von Leih- und Billigarbeitern.  

Ganz allmählich bricht sich wieder die Erkenntnis Bahn, dass eine Gesellschaft Regeln braucht. Dass man das Gemeinwesen nicht der Spekulation überantworten darf. Dass eine Öffentlichkeit nur funktioniert, wenn nicht alle ins gleiche Horn stoßen. Wie aber konnte es dazu kommen? Wie konnte solch ein medialer Mainstream derart anschwellen? Wie konnte eine Publizistik Platz greifen, die Lohnarbeit nur noch als Beschäftigung für Loser sah und den Lebenswelten großer Teile der Bevölkerung keinerlei Beachtung mehr schenkte? „Die Erfindung und Dramatisierung des Reformstaus als einer der wesentlichen Ursachen für die wirtschaftliche Misere in Deutschland“, notierte Albrecht Müller schon 2003, „ist eine strategische Meisterleistung konservativer Zirkel.“

Nein, die Zeit der Dürre ist nicht vorbei. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich zusehends. Das deutsche Bildungssystem sorgt noch immer dafür, dass der Nachwuchs der besseren Kreise schneller und höher aufsteigt. In dieser Hinsicht bleiben wir führend in der OECD. Der Journalismus schmort weiterhin gern im eigenen Saft, sucht die Nähe der „Movers und Shakers“, der „Wichtigen“ in Politik und Wirtschaft. Auch eine zunehmend privatisierte, „drittmittelfinanzierte“ Wissenschaft, die sich zeitweise als Lobbygroup der Finanzindustrie verdingte, hat ihren Totalausfall noch nicht überwunden. In den Talkshows bleibt sie sehr präsent. Nur zögerlich schwinden die alten Mythen.

Über die Verengung des journalistischen Blicks auf die Welt wurde viel geredet in den letzten Jahren. Da spielen einige Faktoren hinein: Die Rationalisierungen und Entlassungswellen in den Medien, das rasante Tempo des Nachrichtenumschlags, die lausige Bezahlung des journalistischen Fußvolks (während zum Beispiel Rundfunk-Intendanten mehr kassieren als die Bundeskanzlerin), die Kommerzialisierung und der zunehmende Warencharakter der Information, der Druck der Werbewirtschaft, die wachsende Emotionalisierung und Personalisierung der Medien – man könnte auch sagen: der Siegeszug der Promis auf dem Boulevard, der anschwellende Lärm potenter Interessenvertreter, ihrer PR-Leute und Agenda-Setter und die fröhliche Kumpanei vieler Verlage und Medienmacher mit diesen Leuten.

Hinzu aber tritt der Faktor Herkunft und Haltung. „Sozialkritiker“ – Journalisten etwa, die von einem gesellschaftlichen Veränderungswunsch getrieben sind – gelten seit langem als Exoten, als unhip und antiquiert. Seit den 50er Jahren, sagt die Forschung, wandele sich das Berufsbild des Journalisten von wertrationalen zu „zweckrationalen“ Orientierungen. Leitbild ist eher der pragmatische Zyniker, der mit dem Zeitgeist geht, orientiert an einem guten Einkommen, an Moden und privater Selbstverwirklichung. „Networking“ ist sein Trumpf. Weil die Erfolgswege von Netzwerken gehütet werden, die sich gegenseitig fördern, etwa die der führenden Journalistenschulen. So wirbt der „KS-Club“, der Ehemaligen-Verein der Kölner Journalistenschule e.V.: „Für Vertreter der Medienbranche, die auf der Suche nach exzellenten Autoren sind sowie Unternehmen, Agenturen und Institutionen, die hervorragende PR-Beratung oder Berater benötigen, steht ein qualifizierter Pool an Journalisten und Kommunikationsspezialisten zur Verfügung.“ Gefördert wird die Schule unter anderen vom Versicherungskonzern AXA, von Bayer, der Deutschen Bank, der Metro AG und der PR-Firma Ergo, die auch den „Ergo-Preis des KS-Club für Nachwuchsjournalisten“ sponsert. Ergo arbeitet für Banken und lenkt die „Kampagnen“ diverser Ministerien.

Das Elternhaus spielt auch im Journalismus eine tragende Rolle. Schon 1993 hatte der Journalistikprofessor Siegfried Weischenberg gezeigt, dass fast alle Journalisten aus dem Milieu der Angestellten und Beamten, der Selbständigen und der Oberschicht stammten, nur zehn Prozent aus dem Arbeitermilieu. Eine Neuauflage der Studie 2005 zeigte, dass nur acht Prozent der Journalisten-Väter und drei Prozent der Mütter den Unterschichten angehörten. Deutschland ist nicht durchlässig, auch seine Medien nicht. Eine andere Studie von Peter Ziegler im Auftrag der Ebert-Stiftung kam 2008 zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Dort findet sich auch ein interessanter Satz zum Elitebewusstsein der Branche: Ulrich Brenner, DJS-Schulleiter, spricht von einer ,charakterlichen Typbegabung‘, die man als zukünftiger Journalist haben müsse. Hier liegt sehr nahe, dass etwas, was Michael Hartmann für die deutsche Wirtschaftselite feststellte, auch auf den Journalismus übertragbar ist. Die Angehörigen der gleichen Schicht erkennen einander: Ausstrahlung, die sich in souveränem Auftreten, einer entsprechenden Neugierde, ähnlichen biografischen Hintergründen widerspiegelt, und schliesslich zur ,gleichen Chemie‘ zwischen Mitglied der Auswahlkommission und Prüfling führt.“

Seiteneinsteiger aus andern Welten sind rar geworden. Zudem demonstrieren die Studien, dass die übergroße Mehrheit der Journaille nur mit ihresgleichen verkehrt – mit Journalisten. Die Folge: Eine Art von geistigem Inzest. „Die Ko-Orientierung der medialen Elite“, heißt es in einer 2009 erschienen Analyse des Instituts für Kommunikation und Medien der Hochschule Darmstadt, „führt zu einer von den gesellschaftlichen Bedürfnissen abgehobenen Berichterstattung - und zur Vernachlässigung relevanter Themen oder Themenzugänge.“ 

Nichts gegen die gehobene Mittelschicht. Sie bringt viele hervorragende Journalisten hervor. Doch der Mangel an Medienmenschen mit anderen Lebenserfahrungen, an Kindern von Arbeitern, Arbeitslosen, Minderheiten, Migranten und Flüchtlingen, reduziert die thematische Bandbreite sichtlich. Und scheint ein wichtiger Grund dafür zu sein, dass etwa die Arbeitswelt ein Schattendasein führt, dass soziales Elend, wenn überhaupt, oft nur aus fremdelnder Perspektive beschrieben wird. Auch dafür, dass Gewerkschaften in der öffentlichen Wahrnehmung seit Jahren ein Schattendasein führen.

Die Neigung, sich als Teil der Elite zu fühlen und aneinander und an den Mächtigen zu orientieren, führt zu einem oft unreflektierten, zuweilen fast devoten Verhältnis des Journalisten zu den gesellschaftlichen Tonangebern. „Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert“, schreibt der langjährige Spiegel-Autor Jürgen Leinemann, „wie er sich zur Macht und gegenüber Mächtigen verhält, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen.“


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Kurzprofil

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck, 51, Mitgründer der taz, ehemals Redakteur von taz, Tempo, Spiegel, profil und Woche, Autor von FR, Zeit, Süddeutsche, Geo u.v.a.m., ist freier Autor im Bereich Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, produziert derzeit vor allem Hörfunk-Feature. Sein Buch "Am besten nichts Neues" erschien 2010.
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