Deutscher Gewerkschaftsbund

20.06.2019

Chancen und Gefahren für die digitale Medizin

Digitale Neuerungen versprechen viel und sind gleichzeitig oft riskant. Das gilt für die Arbeitswelt - und noch mehr für das Gesundheitswesen. Neue Technologien müssen daher genau auf Sicherheitsrisiken untersucht werden. Helfen sie vor allem den Menschen oder den Konzernen?

 

Von Asha George, Amnesty LeFevre und Rajani Ved

Stetoskop, Spritze, Pinzette, Tabletten, kleine Ampullen und ein iPad liegen auf einem Tisch

Doktor iPad ist heute schon im Einsatz. Ein Fortschritt, gewiss, aber mit Vorsicht zu genießen. DGB/Archiv

Die Digitalisierung revolutioniert unser tägliches Leben. Mobilgeräte überwachen unsere Bewegungen, Marketing-Algorithmen bestimmen unseren Konsum und Soziale Medien unser Weltbild und oft genug auch die Politik. Solche Innovationen bieten zwar Vorteile, aber auch erhebliche Risiken. So können sie bestehende Ungleichheiten in unserer Gesellschaft noch vergrößern. Diese Aussicht ist durchaus beängstigend – mit Blick auf die Arbeitswelt, aber auch wenn es um die weltweite Gesundheit geht.

Digitale Hilfsmittel werden in Gesundheitssystemen immer wichtiger

Die Verbreitung und Ausweitung digitaler Gesundheitsinnovationen ist kein leichter Prozess. Von den über 600 Pilotinitiativen zu mobilen Gesundheitsdiensten der letzten zehn Jahre erreichten nur sehr wenige eine gewisse Verbreitung, und noch weniger wurden tatsächlich beibehalten. Trotzdem schafften einige bemerkenswerte Initiativen im digitalen Gesundheitsbereich – wie MomConnect in Südafrika sowie Mobile Academy, TeCHO+ und ANMOL in Indien – teilweise den Sprung von der Finanzierung durch Entwicklungshilfe hin zu staatlicher Förderung. Dieser Wandel ist Teil einer anhaltenden Welle der Begeisterung für das Potenzial der neuen Technologien, die Gesundheitssysteme und damit auch die Gesundheit zu verbessern. Er spiegelt wichtige Möglichkeiten wider, den Sektor der digitalen Gesundheitsförderung so zu prägen, dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert.

Tatsächlich werden bereits Schritte unternommen, um die gesundheitsbezogenen Digitaltechnologien für gute Zwecke einzusetzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündigte neulich an, eine Abteilung für digitale Gesundheitsmaßnahmen zu gründen und Richtlinien für digitale Gesundheitsinterventionen zu erstellen.

Darüber hinaus sind einige Initiativen, die bereits weltweit verbreitet wurden, sehr vielversprechend: So nutzen die Regierungen von Ghana, Südafrika und Tansania die Vorteile der fast universellen Verbreitung von Mobiltelefonen, um die begrenzte Versorgung mit medizinischen Fachkräften durch wichtige Gesundheitsinformationen zu ergänzen.

Patienten warten vor einem Transporter, der eine kleine Klinik enthält.

In einigen Ländern, wie hier in Tansania, werden Patienten schon seit einer Weile mobil medizinisch versorgt, heute auch mit neuestem Gerät. DGB/Archiv/dah

Und es gibt Initiativen, die sich – beispielsweise in Indien – darauf spezialisieren, Gesundheitsdienstleister mit digitalen Werkzeugen auszurüsten. Sie ermöglichen es, umständliche Berichte auf Papierbasis überflüssig zu machen und die klinische Relevanz der Dienstleistungen zu steigern – durch entscheidungsunterstützende Algorithmen, Videos und andere Inhalte, die das Arzt-Patienten-Verhältnis verbessern können. Es gibt auch Initiativen, mit Blockchain-Technik Finanzierungsflüsse zu verfolgen und die rechtzeitige Bezahlung medizinischer Helfer vor Ort zu sichern.

Aber es gibt keine Garantie dafür, dass digitale Innovationen im Gesundheitsbereich auch allen zugutekommen. Deshalb muss, bevor neue digitale Werkzeuge entstehen, berücksichtigt werden, wen sie eigentlich erreichen. Auch die Motivationen der verschiedenen Akteure, die an ihrer Entwicklung und Verbreitung beteiligt sind, sind entscheidend – ebenso wie die Folgen und die Opportunitätskosten für Nutzer und Gesundheitssysteme.

Heute drängen oft schwer zu kontrollierende Konzerne in die Gesundheitsversorgung

Beginnen wir mit der Reichweite: Benötigt ein Produkt eine hohe Alphabetisierung, könnte es für Menschen, denen es bereits jetzt an Ausbildung und Gesundheitsversorgung mangelt, unzugänglich sein. Wird es dann trotzdem eingeführt, kann es bestehende Ungleichheiten noch vergrößern und fixieren. Um das Design, die Reichweite und die Effektivität digitaler Gesundheitsprogramme zu optimieren, müssen die Fähigkeiten der Benutzer und die technologischen Anforderungen also aufeinander abgestimmt werden. Wollen wir Innovationen willkommen heißen, müssen wir bescheiden sein. Wir müssen die technologischen Grenzen erkennen und die Gesundheitssysteme stärken, um zu gewährleisten, dass sie allen Mitgliedern der Gesellschaft dienen.

Und dann stellt sich die Frage, wer die Gesundheitsinnovationen entwickelt und bereitstellt – und wer für sie verantwortlich ist. Früher bedeuteten Innovationen eine Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Geldgebern, Nichtregierungsorganisationen und Forschungsorganisationen. Im digitalen Zeitalter hingegen wird dieser Prozess von neuen Akteuren – wie Mobilfunkbetreibern und Technologieunternehmen – begleitet, die über eigene Ausdrucksweisen, Ziele und Anreize verfügen. Ohne Vermittlung kann dies zu einer verzerrten Machtdynamik führen: Einige dieser Initiativen könnten "zu groß zum Scheitern" werden, und die Regierungen könnten Mühe haben, den Überblick zu behalten.

Blick in einen Gang mit großen Servern rechts und links. Schwarzweißbild.

Die Daten für mobile medizinische Anwendungen müssen auf Servern in Clouds gespeichert werden. Der Schutz dieser sensiblen Daten wird ein großes Thema der Zukunft sein. DGB/scanrail/123rf.com

Auch die möglichen Folgen für die Nutzer müssen berücksichtigt werden. Nehmen wir die Frage des Datenschutzes. Im Rahmen digitaler Gesundheitsprogramme können enorme Mengen persönlicher Daten gesammelt werden. Im Zuge dieser Sammlung gelangen sie durch eine Vielzahl von Kanälen, was es immer schwieriger macht, sie zu depersonalisieren. Dies kann zu großen Datenschutzproblemen führen, die noch durch die Versuchung verstärkt werden, Patientendaten zu kommerzialisieren und zu verkaufen. Dies mag zwar als eine einfache Möglichkeit erscheinen, mehr Einnahmen dafür zu erzielen, die Gesundheitsprogramme zu betreiben und auszuweiten, aber der Verkauf privater Daten läuft dem Versuch, Vertrauen in die Gesundheitsprogramme aufzubauen, diametral entgegen.

Die Datenschutzgrundverordnung der EU sollte Vorbild sein

Glücklicherweise wird dies von einigen Regierungen erkannt, die sich darum bemühen, die Datenschutzprobleme zu verringern. An dieser Front spielt die Europäische Union mit ihrer kürzlich verabschiedeten Datenschutzgrundverordnung eine führende Rolle. Ihrem Beispiel folgen nun einige Länder geringen und mittleren Einkommens mit ihren eigenen Datenschutzstandards. Aber die bestehenden Aktivitäten zu regulieren ist nur der erste Schritt. Alle Möglichkeiten vorherzusagen, wie Daten zukünftig genutzt werden könnten, ist unmöglich. Also müssen robuste Verwaltungsstrukturen entwickelt werden, die Transparenz und Verlässlichkeit gewährleisten. Andernfalls könnten digitale Innovationen leicht zu einer Art "Wilder Westen" führen – einem gesetzlosen Umfeld, in dem die Menschen mächtigen neuen Innovatoren hilflos ausgeliefert sind.

Das Sechste Globale Symposium über die Erforschung von Gesundheitssystemen wird sich auf die Verknüpfung von effektiver Verwaltung, Innovationen und Verantwortlichkeit konzentrieren. Nur wenn neuen Technologien klar eingeschätzt und bewertet werden – und auch geklärt wird, wer dafür verantwortlich ist und wer im Zuge ihrer Umsetzung benachteiligt werden könnte – können wir gewährleisten, dass die digitale Revolution ihr Versprechen erfüllt, die Gesundheit der Menschen in aller Welt tatsächlich zu verbessern.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Asha George
Asha George ist Vorsitzende von Health Systems Global und Professorin an der Schule für Öffentliche Gesundheit der University of the Western Cape in Südafrika.
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Amnesty LeFevre
Amnesty LeFevre ist außerordentliche Professorin an der Schule für Öffentliche Gesundheit und Familienmedizin an der Universität von Kapstadt.
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Rajani Ved
Rajani Ved ist Direktorin beim Ressourcenzentrum des indischen Nationalen Gesundheitssystems.
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