Deutscher Gewerkschaftsbund

01.10.2019

China bestimmt die Regeln

Die Volksrepublik China feiert mit Pomp und Militärparade ihr 70-jähriges Bestehen. In dieser Zeit ist das Land nicht demokratischer geworden. Es ist aber zur Wirtschaftsmacht Nummer zwei in der Welt aufgestiegen. Das hat Konsequenzen, die China-Kenner Frank Sieren in seinem Buch „Zukunft? China!“ beleuchtet. Ein Auszug.

 

Von Frank Sieren

Skyline des Geschäftsviertels von Peking im Smog.

Die großen Erfolge hat Chinas Wirtschaft lange Jahre nur erreicht, indem sie wenig Rücksicht auf die Umwelt und die Menschen genommen hat. Smog belastet Großstädte, wie hier in Peking, oft. DGB/Yao Zhen Jia/123rf.com

Wir reden wir viel über die Frage, wie wir mit chinesischen Investitionen in Europa, zumal in Deutschland umgehen. Besonders hoch schlugen die Wellen, als der Augsburger Roboterhersteller Kuka für 4,5 Milliarden Euro im Herbst 2016 an den chinesischen Konzern Midea verkauft wurde. Die FAZ klagte, dass die Chinesen sich »die Perlen der deutschen Industrie sichern«. Und die Zeit titelte gar: "Aufkaufen und ausschlachten – China kauft uns auf".

Kuka ist der viertgrößte Roboterhersteller der Welt, geschluckt ausgerechnet von Chinas führendem Hersteller von Klimaanlagen und Haushaltsgeräten, der keine Expertise in der Automatisierung hat. Selten waren sich das Kanzleramt und das vom damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel geführte Wirtschaftsministerium so einig. Hand in Hand wollen sie verhindern, dass Kuka in chinesische Hände fällt. Nur: Am Ende haben weder die Bundesregierung noch die EU eine rechtliche Handhabe, den Verkauf zu stoppen. Das Unternehmen geht Ende 2016 an die Chinesen.

Oft findet sich nur ein chinesischer Investor für deutsche Mittelständler

2016 ist überhaupt das große Jahr der Übernahmen. Deutsche Unternehmen im Wert von elf Milliarden Euro werden verkauft. Ein Jahr später ist die Gesamtsumme noch höher, die Zahl der Einzeltransaktionen jedoch geringer. 2018 nehmen chinesische Investitionen bei Mehrheitsbeteiligungen oder Übernahmen wieder ab. Die erste große Welle ist vorüber. Dennoch ist den Deutschen nicht wohl dabei, wenn die Investoren Chinesen sind. Wenn wir einfach alles verkaufen, ist zwar die Chance groß, am Wachstum des chinesischen Marktes teilzuhaben, aber gleichzeitig ist das Risiko hoch, dass wir unser Know-how ganz verlieren und damit für die Chinesen uninteressant werden.

Wenn wir uns abschotten, behalten wir zwar unser Know-how, aber wir verkaufen zu wenig, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Am besten wäre ein Mittelweg, also zum Beispiel nur 49 Prozent an einem Unternehmen zu verkaufen. Doch daran sind die Chinesen nicht interessiert. Und viele der deutschen Mittelständler übrigens auch nicht. Denn zahlreiche der Hidden Champions sind nur zu haben, weil die Besitzer in der Familie keinen Nachfolger für ihr Geschäft finden. Zwar sind sie daran interessiert, an jemanden zu verkaufen, der nachhaltig mit dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern umgeht. Aber wenn sich dann kein entsprechender einheimischer oder europäischer Investor findet, nun, dann sind es eben die Chinesen – zumal die viel nachhaltiger agieren als mancher angelsächsische Finanzinvestor.

Front eines hohen grün-grauen Mietshauses in Peking.

In engen kleinen Wohnungen lebt auch die Mittelschicht Chinas, die immerhin an dem wachsenden Wohlstand teilhat. DGB/ Jonas Ginter/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Im Frühjahr 2018 fuhr den sensiblen Deutschen der Schreck noch einmal besonders in die Glieder: Der chinesische Autohersteller Geely erwarb zwar nicht die Mehrheit, aber doch einen Neun-Prozent-Anteil an Daimler, für neun Milliarden US-Dollar. Damit ist Geely der größte ausländische Anteilseigner. Geely war es auch gewesen, der den Reigen großer Investitionen in Europa eröffnet hatte – mit der Übernahme von Volvo im Jahr 2010 für 1,4 Milliarden Euro.

Die Liste der vielen Firmen, die verkauft wurden, mag beunruhigen. Allerdings sind nicht die Chinesen die größten Investoren in Deutschland, sondern die USA mit knapp 25 Prozent, gefolgt von der Schweiz mit etwas mehr als elf Prozent und Großbritannien mit rund zehn Prozent. Dennoch wird die Debatte um chinesische Investitionen hier bei uns besonders schrill geführt. Immerhin geben inzwischen fast alle Entwarnung, die sich außerhalb der Politik und der Titelseiten der Zeitungen intensiv mit dem Thema beschäftigen. So heißt es beispielsweise in einem Positionspapier des Bundes der Deutschen Industrie, BDI: "Die bis heute vorliegenden statistischen Daten über chinesische Investitionen in Deutschland lassen nicht erkennen, dass die Sorgen vor einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Technologieabfluss gerechtfertigt sind."

Chinesische Investoren halten sich an Tarifverträge, hat die Böckler-Stiftung ermittelt

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat 42 Firmen untersucht, die von Chinesen übernommen wurden. Das Ergebnis der Studie ist ebenfalls positiv: Die Käufer halten sich an Tarifverträge, bauen keine Arbeitsplätze ab und sind langfristige Investoren. Ihnen kommt es in der Regel nicht auf den schnellen Profit an. Sie sind auch nicht daran interessiert, die Unternehmen schnell wieder zu verkaufen – anders als viele angelsächsische Beteiligungsunternehmen. Insgesamt kann man bei der Übernahme deutscher Unternehmen durch Chinesen weder von Arbeitsplatzvernichtung noch pauschal von einem Ausverkauf der deutschen Industrie sprechen. Auch wenn man nicht bestreiten kann, dass sich die Chinesen die Unternehmen, die sie kaufen, strategisch sehr genau aussuchen. Den Deutschen ist das nicht geheuer. Und so kehrte nach dem Verkauf von Kuka auch keine Ruhe ein. Wie konnten wir es zulassen, unser Tafelsilber einfach so zu verscherbeln? Zumal in Deutschlands "Wirtschaftsschubladen" das Tafelsilber so langsam ausgeht.

Dass die Lage aber komplizierter ist, als es auf den ersten Blick aussieht, auch das lässt sich am Beispiel Kuka festmachen: Das Unternehmen ist zweifellos ein Prunkstück des deutschen Maschinenbaus. Aber Kuka steht im Weltmarkt nur auf dem undankbaren vierten Platz. Die beiden japanischen Firmen Fanuc und Yaskawa führen – gemessen am Umsatz für Industrieroboter – die Rangliste an, gefolgt von ABB. Die einzige Möglichkeit für die Augsburger, aus dieser Position herauszukommen, war, sich mit einem lokalen Partner im stärksten Wachstumsmarkt zusammenzutun. China hat mit einem Plus von 58 Prozent das größte Nachfragewachstum im Robotikbereich. Es war also eine unternehmerisch sinnvolle Entscheidung, sich von einem chinesischen Unternehmen übernehmen zu lassen.

Blick auf die Verbotene Stadt mit riesigem Mao-Plakat

1976, im Todesjahr Maos, war China wirtschaftlich am Boden, die Menschen verarmt und oft Hunger leidend. An der Verehrung des großen Vorsitzenden änderte das nichts. DGB/Heinz Bunse/Flickr/CC BY-SA 2.0

Ein Argument der Kritiker lautete, dass im Fall Kuka sowohl der Standort Augsburg als auch das Know-how der Firma in Gefahr seien. Die Antwort der Befürworter war, dass gerade bei Hightech-Unternehmens-Übernahmen das Risiko vor allem beim Käufer liege. Der Verkäufer bekommt Geld, der Käufer erhält Know-how, wenn ihm die Forscher und Entwickler nicht davonlaufen. Die können nämlich nicht alle gezwungen werden, im Unternehmen zu bleiben. Deshalb müssen sich die neuen Besitzer um die Mitarbeiter kümmern. Bei Kuka lief das so: Rund ein Jahr nach der Übernahme verkündet Unternehmenschef Reuter, dass die Chinesen in Augsburg, weiterhin Hauptsitz des Unternehmens, mehr als 100 Millionen Euro investieren wollen. Bis 2025 sollen eine neue Produktionshalle und ein Ausbildungszentrum sowie ein Parkhaus entstehen. Zudem soll mehr Geld in die Forschung gesteckt werden. „Diese Ankündigung ist die beste Standortversicherung, die man sich vorstellen kann“, fasst Augsburgs IG-Metallchef Michael Leppek zusammen, der auch stellvertretender Aufsichtsratschef des Unternehmens ist.

Die Politik jedoch lässt sich nicht beirren. Es sei dringend nötig, entsprechende Regelungen zu schaffen, "um Übernahmefantasien sowie Technologie- und Know-how-Abfluss wirksam entgegenzutreten", sagte Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel, im Frühjahr 2018. Im August war es dann so weit. Erstmals verbietet die Bundesregierung die Übernahme eines deutschen Unternehmens: Der westfälische Spezialmaschinenhersteller Leifeld Metal Spinning darf nicht an Chinesen verkaufen.

Europa braucht den chinesischen Markt mehr als China die europäische Technologie

Deutschland und die Europäer sind in dieser Frage in einer schwierigen Lage. Selbstverständlich ist es sinnvoll zu prüfen, wenn Firmen nach China verkauft werden, ob nationale oder EU-Interessen dem entgegenstehen oder ob es nicht eine andere Lösung gibt. Aber ist es tatsächlich schlimmer, von Chinesen gekauft zu werden als von angelsächsischen Heuschrecken, die nur auf schnelles Geld aus sind? In der Regel nicht. Die Bundesregierung täte gut daran, mehr Energie in die Innovationskraft von Deutschland zu stecken. Denn: Wenn man genug zu bieten hat, ist es nicht so schlimm, wenn etwas verkauft wird.

Die raue Wirklichkeit sieht heute so aus: Europa braucht den chinesischen Markt mehr als China die europäische Technologie. Und jeden Tag verschiebt sich dieses Verhältnis ein kleines Stück zugunsten Chinas, wenn wir glauben, uns nicht anstrengen zu müssen. Dass uns die Chinesen davonziehen, kann übrigens auch ein Grund für einen deutschen Unternehmer sein, zügig zu verkaufen. Deutschland und Europa müssen ihre Prioritäten richtig setzen. Wir müssen endlich anfangen, uns wieder auf Innovation zu konzentrieren. Wenn wir das nicht tun, werden wir weiter an Macht verlieren und dann auch entsprechend behandelt werden. Da können wir so laut, wie wir wollen, nach Gleichbehandlung rufen.

 


 

Buchumschlag von "Zukunft? China!" von Frank Sieren

Penguin Verlag

Wenn es einen China-Experten gibt, der über viele Jahre mit Empathie und Sachverstand den Aufstieg des Landes begleitet, dann ist es Frank Sieren. Schon in seinem Buch "Der China Code - Wie das boomende Reich der Mitte Deutschland verändert" beschrieb er 2005 akribisch die Veränderungen in China und deren Auswirkungen auf Deutschland. Diese Beobachtungen setzte er fort in "Der China-Schock - wie Peking sich die Welt gefügig macht" (2008) und "Angst vor China" (2011) sowie einigen anderen Publikationen. Sieren brilliert in diesen Büchern und einmal mehr in "Zukunft? China!" mit umfassenden Analysen, die auf genauen Recherchen beruhen. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge weiß er wie wenige andere darzustellen. Manchmal allerdings scheint er zu fasziniert von der Dynamik des chinesischen Aufstiegs. So spricht er von den "sogenannten universellen Menschenrechten", was sich eher wie eine regierungsamtliche Erklärung aus Peking anhört, wo man ja Menschenrechte gern als Erfindung des Westens darstellt. Sieht man über diese eigenartige Parteilichkeit hinweg, kann man viel über Chinas Weg lernen - und obendrein verstehen, warum der Buchtitel zu Recht so plakativ ist. Sieren versteht seine Schrift eindeutig als Weckruf für die Europäer, vor allem aber für die Deutschen. Möge er gehört werden.


Frank Sieren: Zukunft? China! Wie die neue Supermacht unser Leben, unsere Politik, unsere Wirtschaft verändert. Penguin Verlag, München 2019, 368 Seiten, 22 Euro.


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Kurzprofil

Frank Sieren
ist Journalist, Kolumnist des Handelsblattes und hat mehrere China-Bestseller geschrieben.
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