Deutscher Gewerkschaftsbund

25.07.2022
Atlas der digitalen Arbeit 2022

Schule: Vom Virus getrieben

Keinen Bereich der Gesellschaft hat die Pandemie so sehr verändert wie das Bildungssystem – und nirgends sind die Mängel der Digitalisierung so deutlich erkennbar. Immerhin: Jetzt ist die Größe der Aufgabe klar.

Lehrerin erklärt Schülern etwas an einen PC Bildschirm

DGB/Colourbox

Manchmal kann es richtig schnell gehen. Als mit der Coronapandemie klar wurde, dass viele Kinder zu Hause gar nicht die Möglichkeit haben, an einem digitalen Unterricht teilzunehmen, stellte die damalige Große Koalition 500 Millionen Euro zur Verfügung. Vorgesehen waren sie für Endgeräte, die die Schulen an Kinder ausleihen konnten. Das Geld floss schnell ab, der Topf war in kurzer Zeit fast leer und die Kinder hatten ihre Lernmittel.

Allerdings ist dieses Beispiel eine Ausnahme. Wie an vielen anderen Stellen hat die Pandemie schonungslos offengelegt, wie schlecht es um die Digitalisierung an Schulen bestellt ist. Die nun einsetzende Dynamik war längst überfällig, stellte und stellt die Lehrkräfte aber vor enorme Herausforderungen.

Digitale Bildungsoffensive

Dabei hatten sich Bund und Länder schon vor der Pandemie auf den langen Weg gemacht, die Bildungswelt zu digitalisieren. Bereits Ende 2016 wurde die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ beschlossen. Parallel entschied die Kultusministerkonferenz (KMK) über die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. Beides sollte die Digitalisierung und Medienbildung an Schulen voranbringen. Es folgte 2019 der mit fünf Milliarden Euro ausgestattete „DigitalPakt Schule“ des Bundes, der der digitalen Bildungsinfrastruktur und der technischen Ausstattung bis 2024 einen kräftigen Schub geben sollte. Im Gegenzug erging an die Länder die Aufgabe, ihre Aus- und Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte auszubauen.

Doch der Kraftakt zeigt bisher nur wenig Wirkung. Denn das Geld wird nur schleppend abgerufen. Bis Mitte 2021 waren es gerade einmal 852 Millionen Euro. Die Schulen sind bundesweit immer noch sehr unterschiedlich ausgestattet, und es mangelt an Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte. Von analogen auf digitale Medien und Materialien umzustellen verlangt aber ein hohes Maß an neuem Wissen, an Mehrarbeit und Improvisation.

Digitalisierung im Schulsystem

Was das heißt, dokumentiert die Studie „Digitalisierung im Schulsystem 2021“ der Kooperationsstelle
Hochschulen und Gewerkschaften an der Universität Göttingen. Danach ist die Arbeitszeit der Lehrkräfte durch die Pandemie und die Digitalisierung um rund 30 bis 60 Minuten pro Woche gestiegen. Denn digitales Lehren ist nicht das Gleiche wie analoges Lehren. Die pädagogischen Konzepte müssen überdacht und erneuert werden. Dabei waren die Lehrkräfte schon vorher weit über die Normarbeitszeit hinaus tätig. Ein Viertel der sehr stark belasteten Lehrkräfte hat die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche deutlich überschritten.

Auch die Anforderungen sind stark gestiegen. Für 60 bis 90 Prozent der Lehrkräfte sind neue und zusätzliche Aufgaben hinzugekommen. Ungenügende Rahmenbedingungen belasten ihre Arbeit teilweise stark. Über die Hälfte aller Lehrkräfte klagt über fehlende digitale Infrastruktur und ungeeignete Räume. Die zeitliche Mehrbelastung, fehlende technische Ausstattung und fachliche Unterstützung fördern Stress und Frustration und führen nicht selten zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin zu Arbeitsausfällen.

Grafik: Probleme von Familien beim digitalen Schulbesuch

Mehr als die Hälfte aller Haushalte mit schulpflichtigen Kindern hatte 2021 Probleme mit einer hinreichenden Internetverbindung, sogar mehr als im Jahr davor. Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Dabei verschließen sich die meisten Lehrer*innen der Digitalisierung nicht. Diese einzuführen und auf neue Lehrmethoden umzustellen braucht jedoch Zeit und eine passende digitale Grundausstattung. Über beides verfügen bisher nur wenige Schulen. Auch deswegen klagten rund 37 Prozent der Familien über fehlende Digitalkompetenz bei den Lehrkräften. 76 Prozent der Schüler*innen wollen Lehrende, die dafür besser geschult sind. Die Situation ist allerdings nicht überall gleich. 12 Prozent der Schulen gelten als digitale Vorreiter, 26 Prozent immerhin als digital orientiert, durchschnittlich digitalisiert sind 29 Prozent. Doch jede dritte Schule ist ein digitaler Nachzügler.

Neue Medien im Unterricht: weniger Stress für Lehrkräfte

Insbesondere in den Nachzüglerschulen fehlt es an digitalen Endgeräten für Lehrende und Lernende. Der Anteil der Lehrkräfte mit geringer oder sehr geringer digitaler Kompetenz liegt hier bei 53 Prozent – was an diesen Schulen den Technikstress für sie besonders erhöht. Vorreiterschulen hingegen stellen knapp 90 Prozent ihrer Lernenden verschiedene digitale Endgeräte bereit und verfügen über eine digitale Schulstrategie, um einen zeitgemäßen Unterricht mit neuen Medien und Techniken umzusetzen. An diesen Schulen leiden die Lehrkräfte deutlich weniger unter Stress und sind mit ihrer Arbeit zufriedener.

Diese große Kluft führt zu ungleichen Chancen der Schüler*innen. Dabei sind Digitalkenntnisse substanziell für die Entwicklung von Kompetenzen und für eine gleichberechtigte Teilhabe. Ebenso verhält es sich mit den Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte. Wenn Lehren und Lernen in der digitalen Welt an allen Schulen gelingen soll, sind mehr Anstrengungen erforderlich. Geschieht dies nicht, wird sich die digitale und soziale Schieflage an den Schulen weiter vergrößern.


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Kurzprofil

Jeanette Klauza
Jeanette Klauza leitet das Referat "frühkindliche Bildung
Schulpolitik, Weiterbildung, Integration/Inklusion" bei der Bundesvorstandsverwaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

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