Deutscher Gewerkschaftsbund

28.09.2022

Quiet Quitting: stiller Protest

Auf Tiktok machen junge Menschen mit Quiet Quitting auf Überlastung am Arbeitsplatz aufmerksam. Das ist gut, findet Oliver Suchy. Damit sich stiller Protest aber in bessere Arbeitsbedingungen übersetzt, braucht es die Gewerkschaften. 

Mann liegt auf Schreibtisch

Quiet Quitting: Arbeit nach Vorschrift als Protest gegen Überlastung. pexels / Andrea Piacquadio

In diesen Tagen schwappt über die sozialen Medien eine Debatte aus den USA nach Europa. Mit einem Video des Tiktok-Nutzers @zaidlepplin geht ein Aufschrei viral: #QuietQuitting – also stille Kündigung. Junge Menschen filmen sich auf der Video-Plattform dabei, wie sie auf ihrer Arbeitsstelle nur noch die notwendigsten Tätigkeiten ausüben.

Aber weshalb? Manche Medien sehen darin eine „neue Form der Faulheit“ der Generation Z. Andere versuchen es als ein neues Anspruchsverhalten einer Jugend abzutun, die nicht mehr bereit sei, mehr zu arbeiten als unbedingt nötig. Tatsächlich geht es aber um etwas ganz anderes: Quiet Quitting ist Protest, gegen Arbeitsstress, unbezahlte Überstunden und permanente Erreichbarkeit. Dahinter verbirgt sich die berechtigte Forderung, dass Arbeit zum Leben passen solle – und nicht umgekehrt. Gewerkschaften könnten helfen, dass es nicht nur bei einem Tiktok-Trend bleibt. 

Quiet Quitting: Gegen Stress und Mehrarbeit

Viele Beschäftigte sehen sich zunehmenden Belastungen in der Arbeitswelt ausgesetzt. Der Takt ist schneller geworden. Digitalisierung und Arbeitsverdichtung prägen den Alltag. Vielen Arbeitnehmer*innen fällt es schwer abzuschalten. Die Folgen von Arbeitsstress sind bekannt. Wissenschaftliche Befunde weisen seit Langem darauf hin, dass er sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit von Menschen auswirkt. Indem sich Menschen in den stillen Protest des Quiet Quitting zurückziehen, fordern sie letztlich einen schonenden Umgang mit der Ressource „Mensch“.

Neben dem individuellen Leid, das der Stress verursacht, zieht auch die Volkswirtschaft Schäden daraus. Wenn Arbeiter*innen aufgrund von Krankheit ausfallen, geht auch die Produktion zurück. Krankenkassen haben errechnet, dass Stress sozialpolitische Kosten im zweistelligen Milliardenbereich verursacht. Die OECD spricht sogar von vier Prozent des Bruttoinlandprodukts. Und aus Statistiken der Rentenversicherung geht hervor, dass wir jedes Jahr rund 175.000 Fachkräfte aufgrund arbeitsbedingter Erkrankungen in die Erwerbsminderungsrente verlieren – im Schnitt schon im Alter von 52 Jahren.

Quiet Quitting ist ein hartnäckiges Problem

Quiet Quitting ist kein Tiktok-Phänomen, das so schnell verschwindet, wie es aufgetaucht ist. Denn dahinter verbirgt sich, dass Arbeiter*innen zunehmend belastet werden. Das ist ein hartnäckiges Problem, für das wir dringend Lösungen brauchen: Damit Arbeit nicht länger krank macht. Übrigens auch, um das Fachkräfteproblem „von oben“ einzugrenzen, indem Menschen länger gesund im Job bleiben können – und nicht frühzeitig krank ausscheiden müssen. 

Gewerkschaften: Nur gebündelte Kräfte wirken

Nun ist es gut, wenn die junge Generation moderne Medien und Formate nutzt, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Doch hilft es auch? Der Hilferuf von Einzelnen kann Wirkung zeigen, wenn daraus eine Bewegung für bessere Arbeitsbedingungen wird. Und die hat einen Namen: sei heißt Gewerkschaft. Und die Instrumente heißen Tarifvertrag und Mitbestimmung. Denn am Ende wirken die Kräfte nur, wenn sie gebündelt werden, der Protest kollektiv organisiert und in konkrete Lösungen umgesetzt wird.

Am aktuellen Beispiel im deutschen Gesundheitswesen lässt sich das gut erkennen: Der "Tarifvertrag Entlastung" in der Pflege – in Berlin und NRW hart erstritten, in Hessen aktuell im Streik. Den Beschäftigten in den Krankenhäusern geht vor allem um eine bessere Arbeitsorganisation und Personalbemessung. Gemeinsam haben sie durch organisierten Protest höhere Löhne und weniger Belastung am Arbeitsplatz durchsetzen können.

Gewerkschaftliche Solidarität statt stiller Kündigung

Anders als bei der stillen Kündigung ging es den Krankenhausbeschäftigten zwar um individuelle Lösungen, aber nie um das Individuum allein. Das ist gewerkschaftliche Solidarität. Es geht immer um das Team. Auch für die Arbeitgeber gilt: Wer in Unterzahl antritt, wird nicht Champions League spielen können. Ein Ansatz in der Fachkräftedebatte ist also Fachkräftesicherung, die Stärkung des aktuellen Kaders. In anderen Bereichen geht es um mehr Wahlfreiheit bei der Arbeitszeit – auch dafür sind tarifvertragliche Regelungen erreicht worden. Anders als beim „Quiet Quitting“ zielt gewerkschaftliche Arbeit darauf, die Ansprüche nicht nur zu formulieren, sondern in Tarifverträgen auch verbindlich festgeschriebene Lösungen zu erbringen.

Rauf mit der Tarifbindung

Es ist allerdings noch viel zu tun, um Arbeitsstress im Allgemeinen zu reduzieren, entgrenzte Arbeitszeiten zu stoppen und den hohen Berg an – vor allem unbezahlten – Überstunden abzubauen. Dafür gibt es gewerkschaftliche Konzepte im Arbeitsschutz oder für einen Rechtsrahmen zum mobilen Arbeiten. Es geht aber nicht nur einzelne, wenn auch wichtige Puzzleteile. Letztlich geht es ums große Ganze: Im Angesicht der sich überlagernden Krisen und der absehbar schwierigen Perspektive für Wirtschaft und Arbeitsmarkt sollte eine Priorität von Politik und Sozialpartnern sein, die Sozialpartnerschaft nachhaltig zu stärken. Das betrifft die Tarifbindung wie auch die Mitsprache in den Betrieben. Für Arbeitgeber, die stets über vermeintliche Bürokratie durch den Gesetzgeber klagen, bietet dies große Vorteile: Passgenaue Lösungen, faire Wettbewerbsbedingungen und Innovation. Je stärker die Sozialpartnerschaft wirkt, in der Breite und Tiefe, desto weniger gesetzliche Regelungen sind im Zweifel auch nötig. Solange die Tarifbindung aber auf Talfahrt bleibt und Mitbestimmung in den Betrieben als Bremsklotz behandelt wird, kommen wir nur schwerlich voran. Deshalb ist dies ein zentraler Fokus unserer Arbeit.


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Kurzprofil

Oliver Suchy
Oliver Suchy ist Leiter der Abteliung für Digitalisierung der Arbeitswelt und Arbeitsweltberichtserstattung bei der DGB-Bundesvorstandsverwaltung.
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