Deutscher Gewerkschaftsbund

31.05.2022
Atlas der digitalen Arbeit 2022

Zu viel heute im Lernen für morgen

Berufsausbildung

Wie eine Generalprobe für die Digitalisierung hat die Coronakrise gezeigt, woran es in Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen hapert. Nötig sind mehr Mittel und Initiativen.

Auszubildende lernen Löten an einer Platine und benutzen digitale Hilfsmittel

„Ausbildung 4.0“ war schon vor der Pandemie ein Schlüsselbegriff: Azubi-Apps, Cloud-Learning, elektronisches Berichtsheft. Die Realität zeigte, dass digitale Berufsausbildung noch rückständig ist. DGB/Simone M. Neumann

Junge Menschen sind sehr unterschiedlich durch die Pandemie gekommen, wie zwei Beispiele deutlich machen. Die Auszubildende im Hotel wird kalt erwischt, als ihr Betrieb wegen Corona über Monate dichtmacht, denn niemand ist auf einen digitalen Berufsschulunterricht oder eine digitale Ausbildung vorbereitet. Der Auszubildende der Deutschen Bahn greift zu Hause auf sein Dienst-Tablet zurück, als die Büros wegen Corona nicht mehr besucht werden dürfen, und legt los – wie alle Auszubildenden in seinem Betriebsteil.

Mit Blick auf Digitalisierung und Ausbildung hat die Pandemie zweierlei gezeigt. Die Betriebe waren mal besser, mal schlechter auf die Anforderungen von Homeoffice und E-Learning vorbereitet. Und es wurde deutlich, wie rückständig branchen- und betriebsübergreifend fast jeder Aspekt der digitalen Berufsausbildung ist – sowohl bei der Ausrüstung, der Vorbereitung des Unterrichts als auch bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen.

"Ausbildung 4.0": eine große Aufgabe für Deutschland

So gaben 2021 bei einer Corona-Ausbildungsstudie der DGB-Jugend 60 Prozent der Befragten an, in der Pandemie Teile ihrer Ausbildung im Homeoffice absolviert zu haben. Aber nur 35 Prozent verfügten über alle dafür nötigen Materialien und Geräte. Jede*r Fünfte hatte gar keine Arbeits- und Lernmittel. Und gerade mal ein Drittel der Befragten konnte mit den Ausbilder*innen während der Homeoffice-Phasen „immer“ kommunizieren. Und das, obwohl das Berufsbildungsgesetz vorschreibt, dass Auszubildende fortlaufend betreut werden müssen. Allerdings sieht das Gesetz eine digitale Kontaktaufnahme nicht vor. Auch das Bundesinstitut für Berufsbildung konstatiert, dass der Digitalisierungsschub, ausgelöst durch die Pandemie, die duale Ausbildung nur bedingt erfasst hat.

Dabei war die „Ausbildung 4.0“ mit allen Schlagworten und Schlüsselbegriffen schon vor der Pandemie in aller Munde: Azubi-Apps, Cloud-Learning, elektronisches Berichtsheft, Laptops für alle, neue Berufsbilder und Lerninhalte, Unterricht via Skype und nicht zuletzt Tarifverträge, die die Qualität der Ausbildung für Auszubildende und dual Studierende sichern. Eine große Aufgabe: In Deutschland werden fortlaufend rund 1,3 Millionen Jugendliche in rund 330 Berufen in Industrie, Handwerk, freien Berufen und öffentlicher Verwaltung ausgebildet. Die duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule ist dabei international ein Vorbild. Aber sie ist in Wahrheit rückläufig. Gerade einmal 20 Prozent der Betriebe bilden überhaupt noch aus.

Grafik: Erwartungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an die Digitalisierung in ihrer Berufsausbildung

Die meisten Auszubildenden sind optimistisch, aber viele sehen Mängel bei ihrer Vorbereitung auf ein von Digitalisierung geprägtes Berufsleben Bartz/Stockmar, CC BY 4.0

Eine gute Ausbildung muss dabei mit der rasanten digitalen Vernetzung Schritt halten. Lern- und Ausbildungsinhalte müssen permanent angepasst, Berufe modernisiert werden. Daran wird gearbeitet, aber nicht alle Branchen kommen dabei gleich schnell voran. Der DGB-Ausbildungsreport des Jahres 2019 hat Auszubildende nach dem Stand der Digitalisierung in Zusammenhang mit ihrer Ausbildung befragt. Rund 30 Prozent fühlen sich nicht gut auf die Anforderungen ihrer künftigen Arbeitswelt vorbereitet. Das betrifft hauptsächlich die Berufsfelder, die auf den ersten Blick nicht mit der Digitalisierung in Verbindung gebracht werden – von der Malerin bis zum Lebensmittelfachverkäufer –, die aber längst auf dem Weg dorthin sind. Dazu gehört etwa auch der Friseur, der längst mehr können muss als waschen und schneiden. Er sollte seinen Kund*innen schon digital zeigen, wie sie mit dem neuen Haarschnitt aussehen, digital Termine annehmen und verwalten, Bestellungen eingeben und Arbeitspläne aufstellen.

Digitalpakt Schule: Mehr Mittel für Digitalisierung der Bildung

„Werde ich in meinem erlernten Beruf überhaupt noch arbeiten können?“, fragen sich daher nicht wenige Auszubildende. Die Gewerkschaften treiben die Debatten darüber seit Jahren voran. Auch der Bundestag blieb nicht untätig. 2021 legte eine parteiübergreifende Enquetekommission ihren Bericht „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ mit Handlungsempfehlungen vor. Die Digitalisierung werde in der Ausbildung nicht flächendeckend berücksichtigt, lautet ihr Fazit. Einige ihrer Empfehlungen: Jedem Auszubildenden einen Laptop zur Verfügung zu stellen, Schulen mehr IT-Support und dem Ausbildungspersonal in Berufsschulen und Betrieben mehr Weiterbildung zu gewähren. Die Fachleute fordern zudem einen besonderen Digitalpakt für Berufsschulen, eine Ausbildungsgarantie für alle Jugendlichen, mehr Lehrkräfte an den Berufsschulen und neue, auf den digitalen Wandel ausgerichtete Inhalte in der dualen Ausbildung.

Der „DigitalPakt Schule“, schon 2019 verabschiedet und mit Laufzeit bis 2024 geplant, sieht 5 Milliarden Euro für die digitale Ausstattung von Schulen vor – auch von Berufsschulen. Weitere 1,5 Milliarden Euro wurden nach Ausbruch der Pandemie beschlossen. Laut einer Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft würden aber allein die berufsbildenden Schulen in den nächsten fünf Jahren mindestens 5 Milliarden Euro für ihre digitale Modernisierung brauchen. Der „DigitalPakt Schule“ decke hierbei nur ein gutes Viertel des gesamten Bedarfs ab. Der Deutsche Städtetag hält nicht einmal diese Schätzung für ausreichend, weil sie die Kosten für branchenspezifische professionelle Produktions- und Arbeitsmittel wie 3-D-Drucker und Roboter sowie für das nicht pädagogische Personal nicht einrechnet. Die Enquetekommission fordert deswegen explizit einen „Digitalpakt berufsbildende Schulen“.


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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