Deutscher Gewerkschaftsbund

03.05.2019

Ein Leben für die Solidarität

In Polen geht eine Ära zu Ende. Der bekannte polnische Historiker und Aktivist Karol Modzelewski ist gestorben. Er war ein Mitbegründer der Gewerkschaftsbewegung Solidarność und kämpfte zeitlebens für soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe.

 

Von Irena Grudzinska Gross

Polizeifotos von Karol Modzelewski aus dem Jahr 1964.

Nach seiner Kritik an Polens kommunistischem Regime wurde Karol Modzelewski 1964 erstmals festgenommen und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. DGB/Institute of National Remembrance

Es gibt wenige Menschen, deren Tod das Ende einer Ära bedeutet. Karol Modzelewski ist so ein Mensch. Der Historiker hat die polnische Gewerkschaft Solidarność mitbegründet, ja sogar ihren Namen erfunden. Am 28. April starb er in Warschau und lässt ein Land zurück, dass von einer populistischen Partei regiert wird, deren Aufstieg zur Macht hätte verhindert werden können, wenn wir früher auf seine Warnungen gehört hätten.

Um es in den Worten der Philosophin Hannah Arendt zu sagen: Modzelewski war in entscheidenden politischen Momenten der vergangenen 80 Jahre ein Akteur – und zwar als Handelnder und als Leidender. Sein Leben könnte in jedem europäischen Geschichtsbuch zumindest ein Kapitel füllen.

Sein Vater und seiner Großmutter fielen Stalins Terror zum Opfer

Er wurde 1937 als Kirill Budniewicz in Moskau geboren, als Stalins "Säuberungen" ihren Höhepunkt erreichten. Seine Großmutter und sein Vater fielen ihnen zum Opfer. Seine jüdische Mutter heiratete später den polnischen Kommunisten Zygmunt Modzelewski, mit dem sie im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpfte, während der kleine Kirill mit anderen Kindern in einem Unterschlupf lebte. 1945 ging die Familie nach Polen, wo Kirill seinen neuen Namen erhielt und eine neue Sprache und Kultur. Wie so viele Menschen in dieser Zeit musste er also eine neue Heimat für sich entdecken. Doch das gelang ihm außerordentlich gut und schnell.

Keine zehn Jahre später, in der Zeit der Entstalinisierung, engagierte er sich immer stärker als politischer Aktivist. Charismatisch, höchst intelligent und noch dazu gutaussehend trat er bei vielen Kundgebungen auf und erwies sich als mitreißender Redner. Doch nachdem die Massenproteste gegen Polens kommunistische Regierung 1956 niedergeschlagen wurden, war Modzelewski schwer enttäuscht. Er hatte auf grundlegende Reformen im Zuge von Chruschtschows Politik gehofft.

Die Solidarność-Aktivisten Karol Modzelewski, Henryk Wujec, Andrzej Gwiazda, Adam Michnik nach ihrer Verhaftung 1981.

Die Solidarność-Aktivisten Karol Modzelewski, Henryk Wujec, Andrzej Gwiazda und Adam Michnik (von links nach rechts) nach ihrer Verhaftung 1981. DGB/Institute of National Remembrance Polen

Zur gleichen Zeit studierte er jedoch weiter an der Universität Warschau Geschichte und wurde später Professor an den Universitäten Breslau und Warschau. Natürlich war er auch Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, jedenfalls bis 1964. In jenem Jahr tat er sich mit dem Aktivisten und Bürgerrechtler Jacek Kuroń zusammen, um einen "Offenen Brief an die Partei" zu schicken. Darin beschrieben sie einen Konflikt zwischen der Arbeiterklasse und der zentralen Politbürokratie und entwarfen die Vision einer Gesellschaft, in der die Herrschaft von Arbeiterräten ausgeübt werden würde. Die Reaktion kam prompt. Die Verfasser wurden aus der Partei ausgeschlossen und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Modzelewski und Kuroń wurden 1967 gerade rechtzeitig entlassen, um die studentischen Massenproteste in Polen anzuführen. Das führte schon bald zur erneuten Verhaftung der beiden Aktivisten. Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Władysław Gomułka, attackierte sie Anfang 1968 öffentlich und machte sie für die Proteste verantwortlich. In der Folge wurden Modzelewski und Kuroń wieder inhaftiert und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Für Daniel Cohn-Bendit war er ein Vorbild

Mittlerweile war ihr "Offener Brief" nicht nur in Polen, sondern international viel gelesen worden. Als der französisch-deutsche Studentenführer Daniel Cohn-Bendit von einem Richter in Paris gefragt wurden, wer er denn sei, antwortete er trocken: "Kuroń-Modzelewski". Während seiner erneuten Haft wandte sich Modzelewski wieder verstärkt seinen historischen Studien zu und konzentrierte sich auch nach seiner Entlassung 1971 auf seine Forschungstätigkeit. Er wurde zu einer der anerkannten Autoritäten der Mittelaltergeschichte. Kollegen aus ganz Europa bezeichnen einige seiner Bücher als Klassiker.

Einige Jahre später jedoch kehrte er als politischer Aktivist zurück. Als Massenstreiks Polen im Jahr 1980 erschütterten, war Modzelewski wieder als Handelnder und Leidender mitten im Geschehen – und gab der neu entstehenden Gewerkschaftsbewegung ihren Namen: Solidarität – Solidarność. Am 9. November wurde er vom Landeskoordinierungsausschuss der Solidarność zum Pressesprecher ernannt. Recht bald aber überwarf er sich mit dem Vorsitzenden Lech Wałęsa, dem er einen monarchischen Führungsstil vorwarf. Er blieb in der Folge zwar aktiv, gab allerdings sein Amt als Pressesprecher auf. Als die polnische Regierung im Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängte, wurde Modzelewski wieder verhaftet und in ein Internierungslager gebracht. Obwohl es nie zu einem Prozess kam, saß er bis 1984 in Haft und kam erst aufgrund einer Amnestie frei.

Karol Modzelewski

Der Historiker und politische Aktivist Karol Modzelewski im Jahr 2017. DGB/Tomasz Leśniowski/Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Im Jahr 1989 markierten die ersten, zumindest teilweise freien Wahlen das Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen – und letztlich in Osteuropa. Modzelewski war damals wieder intensiv mit seiner Forschungsarbeit befasst, doch in solch aufregenden Zeiten konnte und wollte er sich wieder politisch engagieren. Er wurde als Senator in das neue Parlament gewählt, wo er die linken Parteien unterstützte. Das machte ihn zu einem Relikt einer vergangenen Zeit für die post-kommunistischen Politiker, die kein Verständnis hatten für humanistische Intellektuelle wie ihn. Sie suchten in einer rasch sich verändernden politischen Landschaft nach Vorbildern im Westen Europas. Privatbesitz sollte der Garant für Freiheit sein, und die soziale Ungleichheit war eben der Preis, den man dafür zahlen musste.

Er warnte früh vor der unsozialen Politik nach 1990

Modzelewski wurde als hoffnungslos romantisch angesehen, weil er gegen die Entlassungen von Industrie-Arbeitern, Kürzungen von Sozialleistungen und die Missachtung der Armen kämpfte. Er spürte früh, dass diese Politik der neuen kapitalistischen Klasse noch schlimme Folgen haben würde. Im Rückblick wirken seine Warnungen sehr vorrausschauend – vor allem mit Blick auf die Debatten der jüngsten Vergangenheit. Der übersteigerte Nationalismus in Polen, aber auch in den USA und anderen westlichen Staaten, ist das Ergebnis einer Politik, die freie Märkte für wichtiger hält als freie Menschen.

Als altmodischer Intellektueller setzte sich Modzelewski trotz alledem immer weiter für soziale Gerechtigkeit ein und blieb obendrein ein Mann des Geistes. Wenn es so klingt, als ob ich mit dieser Haltung sympathisiere, liegt das daran, dass ich sie von Modzelewski selbst gelernt habe. Ich gehörte zu jenen Studenten, die 1967 sehnsüchtig auf seine und Kurońs Entlassung aus dem Gefängnis gewartet hatten. Wir waren bereit zur Rebellion, aber wir brauchten Anführer – nicht Politiker, aber prominente, öffentlich bekannte Personen. Kuroń und Modzelewski waren perfekte Mentoren für uns.

Letztlich haben beide durch die langen Phasen ihrer politischen Haft gesundheitlich gelitten. Kuroń ist bereits 2004 gestorben, und nun hat die Welt auch Modzelewski verloren. Ich hatte das Glück, im letzten Frühjahr mit ihm und seiner Frau einige Tage in Turin zu verbringen. Wir haben dort das fünfzigjährige Jubiläum der 1968er-Revolte gefeiert. Wir haben auch über seine 2013 erschienene Autobiographie gesprochen und sein Art zu Denken erörtert. In seinem Leben hat es nichts gegeben, für das er sich schämen müsste. Es war ein ehrenhaftes Leben. Als er gestorben ist, muss er gelassen gewesen sein.

 


Mitarbeit und Übersetzung: Daniel Haufler / © Project Syndicate


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Kurzprofil

Irena Grudzinska Gross
ist aus Polen nach den Studentenunruhen 1968 emigriert. Sie hat in Polen, Italien und den USA studiert; ihren PHD erwarb sie 1982 an der Columbia Universität in New York. Sie lehrte ost- und zentraleuropäische Geschichte und Literatur in New York, Boston und Princeton.
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