Deutscher Gewerkschaftsbund

05.01.2022

“Schule muss solidarisch sein”

Kinder aus benachteiligten Familien hatten es in der Corona-Pandemie besonders schwer. Wie können Schulen in städtischen Brennpunkten dazu beitragen, Bildungsrückstände aufzuholen und die Stärken der Lernenden zu aktivieren? Ein Gespräch mit Reinhard Stähling und Barbara Wenders, die dazu ein neues Buch veröffentlicht haben.

Kind schaut bedrückt zu Boden

Colourbox.de

Wie sieht das Umfeld der Schule aus, an der Sie unterrichten?

Barbara Wenders: Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt, wir verwenden diesen umstrittenen Begriff bewusst. Sie ist die einzige Schule in dem von Hochhäusern geprägten Ortsteil Berg Fidel im Süden von Münster, einer ansonsten sehr bürgerlich geprägten Stadt. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die hier wohnen, sind vom Leben nicht verwöhnt. Sie sind unsicher im Gebrauch der deutschen Sprache. Ihre Eltern haben Geldprobleme, sind arbeitslos oder alleinerziehend. Viele Familien sind zudem durch Fluchterfahrungen traumatisiert. Aber alle haben ihre persönliche Geschichte und Kultur, und diese Stärken wollen wir nutzen.

Die Schule ist ein Modellversuch des Landes Nordrhein-Westfalen. Ursprünglich war sie eine reine Grundschule für die ersten vier Jahrgangsstufen. Wie haben Sie es geschafft durchzusetzen, dass die Schülerinnen und Schüler dort nun zehn Jahre lang zusammen unterrichtet werden können?

Reinhard Stähling: 2010 hat unsere Schulkonferenz einen Antrag gestellt, die Grundschule bis zum Schulabschluss zu verlängern. Der Bruch nach Klasse vier war immer eine Barriere, die wir endlich überwinden wollten. Eine aktive Elterninitiative hat dann richtig Druck gemacht, zudem kam 2012 ein Film über unser inklusives Konzept in die Kinos. Im gleichen Jahr haben wir einen Kongress veranstaltet, 300 Interessierte kamen nach Münster und unterstützten uns, es gab eine Aufbruchstimmung. Die Landesregierung hat sich daraufhin bereit erklärt, eine komplett neue Schulform zu etablieren. PRIMUS heißt Primar- und Sekundarstufen in einer Schule unter einer Leitung, seither unterrichten wir bis Klasse 10.

Welche Bildungserfolge haben Sie durch das längere gemeinsame Lernen erreicht?

Stähling: Dass wir die Kinder über so viele Jahre zusammen in einem solidarischen Geiste unterstützen und ihre eigenen Potenziale wecken, statt sie in verschiedenen Schulformen getrennt zu unterrichten, zeigt Wirkung. Unsere Zehntklässler übertrafen bisher fast alle die ihnen gestellten Bildungsprognosen, sie erreichten höhere Abschlüsse, als man ihnen zugetraut hatte.

Die Corona-Krise hatte und hat drastische Auswirkungen auf die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen. Schulschließungen und Distanzunterricht führten dazu, dass ohnehin Benachteiligte weiter abgehängt wurden. Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrende in der Pandemie gemacht?

Stähling: Brennpunktstadtteile haben überall eine mehrfach höhere Inzidenz als die bürgerlichen Viertel. Wer in engen Wohnverhältnissen lebt, steckt sich einfach schneller an. Einige unserer Kinder mussten mehrmals hintereinander in Quarantäne, weil Verwandte infiziert wurden.

Wenders: Die Folgen der Corona-Maßnahmen waren gravierend. Wir haben nicht nur digitale Angebote gemacht, sondern uns mit Telefonaten und Hausbesuchen bemüht, wirklich alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Der größte Teil hat sich nicht vergessen gefühlt.

Die immer wieder verlängerten Lockdowns machten die “feinen Unterschiede”, wie sie der französische Soziologe Pierre Bordieu genannt hat, zwischen verschiedenen Milieus sichtbar. Was können Sie gegen die sich verstärkende soziale Ungleichheit an den Schulen tun?

Wenders: Wir können diese Unterschiede nicht wegzaubern. Genau deshalb finde ich, Schule muss solidarisch sein. Es bringt nichts, als Lehrerin Vergleiche anzustellen oder zu jammern, dass die Kinder immer schwieriger werden. Das stimmt ja auch gar nicht. Jedes Kind ist, wie es ist und hat das Recht an der Stelle weiter zu lernen, wo es steht.

Stähling: Wir haben versucht, die Ausbreitung des Virus zu reduzieren. Das gelang, indem wir die Kinder nur in ihren Klassengruppen ließen und nicht mit anderen Klassen mischten. Übergreifende Angebote haben wir ersetzt durch die Arbeit nur in der Klasse. Wenn sich dann dort eine Infektion zeigte, waren die anderen Klassen kaum betroffen. Die Schule musste nicht geschlossen werden, als Nebeneffekt wuchs die Klassengemeinschaft stärker zusammen und unterstützte sich.

Schulen in Brennpunktvierteln werden als “anregungsarm” bezeichnet. Was kritisieren Sie an dieser Zuschreibung?

Stähling: Wer Worte wie bildungsfern und anregungsarm benutzt, muss sich fragen lassen, ob er jemals in einem Brennpunkt ernsthaft mit den Kindern, Jugendlichen und Familien gesprochen hat. Wer kein eigenes Kinderzimmer hat, keinen Internet-Anschluss oder Computer, kein gesundes Essen kauft, nicht schwimmen kann, sich keine Busfahrkarte leisten kann oder nicht Deutsch spricht, macht das nicht, weil er zu wenig Anregungen bekommt. Die Menschen leben schlicht in Armut und können sich fast nichts leisten. Wenn die Schule keine gesunde Bio-Mahlzeit oder keine guten Buntstifte bereithält, wer soll es bezahlen? Wenn die Schule nicht das Schwimmen beibringt, wer dann?

Ihre pädagogischen Konzepte beruhen auf Ideen des brasilianischen Lehrers Paulo Freire, der für Lateinamerika eine “Pädagogik der Unterdrückten” entwickelt hat. Was ist das Besondere an diesem Ansatz?

Stähling: Freire ist vor allem bekannt für seine erfolgreichen Alphabetisierungskampagnen. Die Lösung von sozialen Problemen wurde damit verbunden, die Schriftsprache zu lernen. Freire hat sich gegen die „kulturelle Invasion“ der ehemaligen Kolonialherren gewandt. Von ihm können wir lernen, die Menschen mit ihren Fragen und Problemen wirklich ernst zu nehmen. Wer als geflüchtete Familie in Armut lebt und wessen Vorfahren vielleicht Opfer des Kolonialismus sind, kommt in unsere Schulen, um dort einen verlässlichen und sicherer Rahmen vorzufinden: keine Gewalt, kein Hunger, keine Krankheit, sondern Hilfe und Bildung für die Kinder.

Was sind die “verborgenen Stärken” von benachteiligten Kindern und Jugendlichen, die Sie wecken wollen?

Wenders: Die Kinder im Brennpunkt sind stark in der gemeinsamen Erfahrung, dass ihnen nichts geschenkt wird. Sie halten in der Regel zusammen. Sie tragen kulturelle Schätze in sich. Einige können auch wütend und verweigernd sein, wenn diese Schätze nicht geachtet und respektiert werden. Zum Beispiel die Muttersprache, die sie sprechen oder die Musik, die sie hören. Oder Rituale und Religionen, die sie mitbringen. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob man das achtet oder nur so tut als ob - und hinterher schlecht über sie spricht.

Wie kommen Ihre praxisorientierten Konzepte in wissenschaftlichen Fachkreisen an? Gibt es da Differenzen?

Stähling: Das überholte Paradigma des „anregungsarmen Lernmilieus“ wird in der Forschung inzwischen hinterfragt. Man spricht statt dessen von „erwartungswidrig guten Schulen“. Das bedeutet ja, dass man etwas überraschend Neues entdeckt hat. Indem wir dies anders bewerten, ändern sich auch die Versuche der Problemlösung.

Ihre Arbeit ist mittlerweile bundesweit bekannt. Sind Sie zum Vorbild geworden, werden die Ideen anderswo aufgegriffen?

Stähling: Wir werden viel angefragt von Schulen, die einen neuen Aufbruch wagen wollen. Unsere Besucher kommen aus ganz Deutschland und auch aus den Nachbarländern. Wir stehen im ständigen Kontakt mit anderen, von denen wir lernen können.

Wenn Sie die gesellschaftliche Utopie eines künftigen Bildungssystems entwerfen, das benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht mehr ausgrenzt, sondern fördert und integriert: Welche Vorschläge und Forderungen richten Sie an die Politik?

Stähling: In jedem sozialen Brennpunkt eine Schule von der ersten bis zur zehnten Klasse, eine durchgehende Schule vom Anfang bis zum Abschluss unter einer Leitung. Eine Schule ohne Brüche, die nicht aussondert...

Wenders: ...sondern mit allen Kindern des wohnortnahen Umfeldes solidarisch verbunden ist.


Barbara Wenders, Reinhard Stähling: Worin unsere Stärke besteht. Eine inklusive Modellschule im sozialen Brennpunkt. Psychosozial-Verlag Gießen, 520 Seiten, 54,90 Euro.

Über die AutorInnen:
Reinhard Stähling leitet die PRIMUS-Schule Berg Fidel in Münster, Barbara Wenders ist Lehrerin für Sonderpädagogik. Gemeinsam haben sie mehrere Praxisbücher verfasst, in denen sie Vorschläge für einen “inklusiven” Schulalltag entwickeln.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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