Deutscher Gewerkschaftsbund

25.08.2020

Chinas Wachstumsproblem

Die Wirtschaft Chinas erholt sich allmählich von der Corona-Krise. Doch so viel wie zuvor kann das Land nicht exportieren, weil die westlichen Industrienationen noch schwächeln. China muss auf nachhaltiges Wachstum im Land setzen und darf nicht die Fehler wiederholen, die es nach der Finanzkrise gemacht hat.

 

Von Adair Turner

Container so weit das Auge reicht in einem Hafen mit Kränen.

China hängt stark vom Export ab. Da vor allem die westlichen Staaten sich aber längst noch nicht von der Corona-Krise erholt haben, muss das Land auf inländisches Wachstum setzen. Viele Container bleiben in den heimischen Häfen derzeit. DGB/Anek Suwannaphoom/123rf.com

Als 2008 die globale Finanzkrise ausbrach, brachen Chinas Exporte ein, und es drohten enorme Arbeitsplatzverluste. In Reaktion darauf löste China den weltweit größten Bauboom aller Zeiten aus. In den Jahren 2011-2013 wurde im Lande mehr Beton gegossen als im gesamten 20. Jahrhundert in den USA.

Ein neuer Bauboom schadete China mehr als er nutzte

Die Gesamtinvestitionen stiegen während dieses Zeitraums von 43 auf 48 Prozent vom BIP, und die Gesamtverschuldung wuchs von 140 Prozent im Jahr 2008 auf über 200 Prozent in 2013. Im Jahr 2017 erreichte sie 250 Prozent, da die Banken freigiebig Kredite an die Kommunen, die staatseigene Schwerindustrie und an Bauträger vergaben. Die Zahl der Arbeitsplätze im Baugewerbe erhöhte sich von 39 auf 53 Millionen, und die städtische Gesamtbeschäftigung stieg wie bisher um zwölf Millionen jährlich – durch die Zuwanderung aus den ländlichen Gegenden. Das jährliche BIP-Wachstum sank nur geringfügig von 9,6 im Jahr 2008 auf 9,2 Prozent in 2009.

Heute steht China vor einer ähnlichen Herausforderung. Wie andere asiatische Volkswirtschaften hat es die Bedrohung durch Covid-19 wirksamer eingedämmt als Westeuropa oder die USA. Fast alle seine Fabriken sind wieder geöffnet, und die Exportzahlen vom April zeigen einen lebhaften Handel mit seinen asiatischen Nachbarn. Doch da die entwickelten Volkswirtschaften des Westens sich nur langsam erholen, sieht sich China beim Wachstum enorm gebremst. Die Versuchung wird sein, erneut ein baugestütztes Konjunkturpaket aufzulegen.

Doch hatte der Bauboom im Gefolge von 2008 auch negative Auswirkungen. So erklärte Präsident Xi Jinping 2017: "Häuser werden gebaut, um sie zu bewohnen, nicht als Spekulationsobjekte." Doch bisher werden rund 15 Prozent aller Wohnungen als Investitionen gehalten und sind oft noch nicht mal an das Stromnetz angeschlossen.

Schwarzweißbild von einer Landschaft mit einem mändernden Fluss und einer Stadt auf der rechten Seite und auf einer Halbinsel im unteren Teil des Bildes..

DGB/Archiv

Eine moderne Großstadt mit Hochhäusern bis zum Horizont.

Chinas Städte, hier Shenzhen (oberes Bild von Ende der 80er-Jahre, unteres von 2018), sind in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen. Besonders nach der Finanzkrise 2008 investierte der Staat in zahllose Bauprojekte, um die Konjunktur wiederzubeleben. DGB/dah/Archiv

In vielen der Städte im Inland, in denen für die Zukunft ein Bevölkerungsrückgang droht, wird ein Teil dieser Gebäude nie bewohnt werden und irgendwann abgerissen werden. Andere abgeschlossene Infrastrukturprojekte – Autobahnen und Abwassersysteme, U-Bahnen und Kongresszentren – wurden ebenfalls am künftigen Bedarf vorbei gebaut. Die schuldenfinanzierte übermäßige Bautätigkeit ihrerseits bedroht die Stabilität des Banken- und Schattenbankensystems – ein Problem, dass die Chinesische Volksbank (die Notenbank) und die Bankenaufsicht seit fünf Jahren zu lösen versuchen.

Schließlich hat der Bauboom, gestützt auf die kohlenstoffintensive Stahl- und Zementproduktion, Chinas CO2-Emissionen von 7,4 Gigatonnen im Jahr 2008 auf 9,8 Gigatonnen im Jahr 2017 in die Höhe getrieben. Dies macht das Land zur weltgrößten Emissionsquelle und untergräbt die Vision von Chinas Regierung als einer sauberen Volkswirtschaft und "ökologischen Zivilisation".

Die Urbanisierung Chinas stößt an ihre Grenzen

Kurz gefasst: Die Konjunkturmaßnahmen von 2009 waren damals zwar notwendig, sind jedoch finanziell und ökologisch nicht nachhaltig. China braucht eine bessere Erholung von der heutigen Wirtschaftskrise. Im Idealfall würde eine derartige Erholung ein starkes Konsumwachstum umfassen und Chinas übertrieben hohe Investitionsrate senken. Doch das ist im Gefolge von Covid-19 kurzfristig schwierig. Es ist deutlich einfacher, Abstandsregeln auf einer Baustelle aufrechtzuerhalten als im Restaurant. Zudem bleiben die Verbraucher möglicherweise misstrauisch gegenüber dichtgedrängten geselligen Umgebungen, selbst wenn die gesundheitsbedingten Beschränkungen gelockert werden.

Jüngste Zahlen zeigen, dass sich der Immobilienmarkt und die Bauaktivität deutlich schneller erholen als Verbraucherdienstleistungen und Einzelhandel. Die über zweckgebundene Anleihen finanzierten kommunalen Investitionen in die Infrastruktur nehmen bereits steil zu. Doch sollte die chinesische Regierung angesichts zweier wichtiger Entwicklungen seit 2009 vor traditionellen Investitionsanreizen auf der Hut sein. Die Urbanisierung ist inzwischen deutlich weiter fortgeschritten; 61 Prozent der Bevölkerung leben heute offiziell in Ballungsräumen – gegenüber 48 Prozent im Jahre 2009 –, und viele "Landbewohner" leben ebenfalls in Städten beträchtlicher Größe.

Blick durch ein Schaufenster in ein Imbissrestaurant, in dem Menschen an einem Stehtisch stehen und nach draußen blicken. Sie tragen Atemschutzmasken.

Auch in China erholen sich Einzelhandel, Hotels und Restaurants nur allmählich von der Corona-Krise. Die Menschen meiden die Enge. DGB/Gauthier Delecroix/Flickr

In den nächsten zehn Jahren wird China den Urbanisierungsgrad der entwickelten Volkswirtschaften erreichen. Wenn es seine Investitionen in den Wohnungsbau und die Infrastruktur in den Städten nicht bald mäßigt, drohen ihm enorme Fehlinvestitionen und gravierende Überkapazitäten in der Schwerindustrie. Schätzungen der Energy Transitions Commission zeigen, dass die Binnennachfrage nach Stahl und Zement im Laufe der kommenden 30 Jahre um 30 bis über 60 Prozent sinken könnte. Darüber hinaus wird Chinas Bevölkerungszahl ab Mitte der 2020er-Jahre nicht mehr wachsen und die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis 2050 um etwa 20 Prozent zurückgehen. Bedingt durch den derzeitigen zyklischen Abschwung muss China kurzfristig trotzdem ausreichend Arbeitsplätze schaffen. Mittelfristig jedoch besteht die Herausforderung für China darin, trotz schrumpfender Erwerbsbevölkerung den Wohlstand zu steigern. Hierfür muss es die Automatisierung beschleunigen und die Produktivität erhöhen.

Investitionen in 5G statt in traditionelle Infrastruktur ist nötig

Die chinesischen Zentral- und Provinzregierungen betonen daher zu Recht die Notwendigkeit neuer Formen von Infrastruktur-Investitionen mit einer Schwerpunktsetzung auf Automationstechnologie, künstliche Intelligenz und die Einführung von 5G. Doch sollten sie realistisch sein, was die dadurch hervorgebrachten unmittelbaren Konjunkturimpulse und geschaffenen Arbeitsplätze angeht. Innovationsbedingt werden die Kosten der Informations- und Kommunikationstechnologie (für Hardware und Software) im Vergleich zu anderen Waren und Dienstleistungen kontinuierlich fallen. Infolgedessen wird Chinas Plan zum Bau von fast 700.000 5G-Basisstationen im Jahr 2020 lediglich etwa 200 Milliarden Renminbi (28,2 Milliarden Dollar) an Investitionen erfordern, verglichen mit jährlichen traditionellen Infrastruktur-Investitionen von rund 20 Billionen Renminbi. Von einer einprozentigen Steigerung der traditionellen Infrastruktur-Investitionen würden daher lediglich genauso starke kurzfristige Konjunkturimpulse ausgehen wie von einer Verdoppelung der Investitionen in 5G. Die jedoch würden der chinesischen Volkswirtschaft langfristig viel mehr nutzen.

China muss die richtige Balance zwischen kurzfristigem Wachstum und den Grundlagen für künftiges Wachstum finden. Die Beschleunigung des Fortschritts in Richtung einer kohlenstoffarmen Wirtschaft wäre ein guter Weg dazu. Selbst hier ist der Investitionsbedarf im Vergleich zu potenziell verschwendeten Aufwendungen für Immobilien und traditionelle Infrastruktur gering. Eine Verdoppelung des Tempos der Investitionen in Wind- und Sonnenenergie würde weniger als 1 Prozent vom BIP kosten.

Kombiniert mit zusätzlichen Investitionen in Höchstspannungsnetze, Verteilernetze und mehrere Formen der Energiespeicherung sowie eine Lade-Infrastruktur zur Unterstützung der Elektrifizierung des Straßenverkehrs könnte die Erhöhung der Ausgaben zum Erreichen einer kohlenstoffarmen Wirtschaft den Rückgang der Exportnachfrage zu einem wesentlichen Teil ausgleichen. Was "traditionelle" Investitionen angeht, so könnten strengere Bauvorschriften sicherstellen, dass China energieeffizientere Städte baut, statt lediglich mehr Beton zu gießen. China könnte sich von Covid-19 in ebenso kraftvoller Weise erholen wie von der Krise von 2008, aber auf deutlich nachhaltigere Weise. Hierzu muss es der Versuchung widerstehen, seine traditionellen Instrumente zur Ankurbelung der Konjunktur einzusetzen, und seine eigene Vision seiner künftigen Wirtschaft umsetzen.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
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